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Kann man über den Kosovo nur eine kurze Geschichte schreiben?

Eine Rezension von Claudia Lichnofsky

Schmitt, Jens Oliver: Kosovo. Kurze Geschichte einer zentralbalkanischen Landschaft. Wien: Böhlau, 2008.

Oliver Jens Schmitt hat die erste deutschsprachige Geschichte des Kosovos publiziert, die einen großartigen Überblick über den Kosovo im römischen, byzantinischen, serbischen und osmanischen Reich, als Teil Serbiens und der verschiedenen Jugoslawien bis zu seiner Existenz als UN-Protektorat und anschließender Unabhängigkeit 2008 gibt. In sehr detailliert gegliederten Kapiteln vermittelt er die Lebenswelten, Religionen, Sprachen und Wanderungsbewegungen in diesem Teil Europas und die Strukturen, die von verschiedenen Imperien und den südslawischen Jugoslawien geprägt wurden. Sein Buch möchte er als Antwort auf die serbischen und albanischen Mythen vom Kosovo verstanden wissen; es entstand in Auseinandersetzung mit seinen albanischen und serbischen Studierenden.  


Eine kurze Geschichte will Oliver Jens Schmitt, wie Noel Malcolm schon vor ihm, über den (bei Schmitt "das") Kosovo geschrieben haben und füllt damit doch 371 Seiten. Der Professor für Südosteuropäische Geschichte an der Universität Wien legt damit die erste umfassende deutschsprachige Geschichte des Kosovos vor. Ausgehend vom serbischen und albanischen Geschichtsbild von dieser Region (die er "Landschaft" nennt), das die jeweils eigene Gruppe als Opfer der anderen wahrnimmt, stellt er dar, wie das römische, byzantinische, serbische und osmanische Reich den Kosovo geprägt haben, bevor er 1912 an Serbien fiel, dem ersten und zweiten (und dritten) Jugoslawien angehörte und bis zu seiner Semi-Unabhängigkeit 2008 UN-Protektorat war.

Aufgrund der besseren Quellenlage fällt das Kapitel über das Osmanische Reich umfangreicher aus als über andere Reiche und informiert auch LeserInnen, die sich bisher nicht mit dem Kosovo beschäftigt haben, darüber, wie die soziale und rechtliche Stellung von Muslimen und Christen organisiert war und welche Schwierigkeiten sich daraus vor allem in der Reformphase ergaben. Beschrieben wird auch, welche Rolle das Militär dabei spielte und warum das Gewohnheitsrecht und eine Staatsferne im Kosovo aufrecht erhalten wurde. Dass es schließlich zerfiel und Kosovo durch serbische und montenegrinische Truppen erobert und Serbien angeschlossen werden konnte, lag laut Schmitt nicht nur an serbischem Expansionismus – wie in albanischer Erinnerungskultur meist wahrgenommen – sondern auch an der Schwäche des Osmanischen Reiches. Mit ihm identifizierte sich nur ein geringer Teil der Bevölkerung; außerdem waren einige Muslime reformfeindlich und innerhalb der muslimischen Aufständigen herrschte Uneinigkeit (S. 81). Die Außen- und Bündnispolitik der Großmächte führte letztlich dazu, dass die Grenzen Albaniens so festgelegt wurden, wie sie auch heute sind und wirtschaftliche und gesellschaftliche Bindungen zerschnitten wurden (S. 179-181). Darin sieht Schmitt (wie auch viele Albaner im Kosovo, die von einer "Teilung Albaniens" sprechen) den Schlüssel für den Konflikt um den Kosovo im 20. Jahrhundert.

Der zweite Hauptteil umfasst 160 Seiten und behandelt die Jahre 1912 bis 1999, die mit ethnischen Säuberungen und Vertreibungen von albanischen Muslimen als "Zivilisationsmission" und Rache für Jahrhunderte osmanische Herrschaft begannen und das Verhältnis zwischen serbischer und albanischer Bevölkerung im Kosovo nachhaltig geprägt haben (S. 176 f.). Die österreichisch-ungarische Besatzung des Kosovos im Ersten Weltkrieg wird von der albanischen Bevölkerung als die Macht erinnert, die albanische Schulen einrichtete und die Albaner unterstützte. Demgegenüber hält die serbische Erinnerungskultur fest, dass die albanische Bevölkerung im Ersten Weltkrieg auf der falschen Seite stand (S. 184 ff.). "Schon im Herbst 1918 zeichnete sich jene Konstellation ab, die bis zum Zusammenbruch des ersten Jugoslawien im April 1941 galt: Der serbische Staat wollte seine albanischen Bürger nicht, und diese lehnten den serbischen Staat von Beginn an ab" (S. 187). Faktoren für eine weitere Verschlechterung der serbisch-albanischen Beziehungen und eine ethnische Bewusstseinsbildung, die zum Entstehen von Parallelgesellschaften und Widerstand in der Zwischenkriegszeit führte, sieht Schmitt in der Ansiedlung und finanziellen Begünstigung serbischer Kolonisten, in Landenteignungen, die vor allem die albanische Bevölkerungsgruppe benachteiligte, in der Schließung albanischsprachiger Schulen und der Aussiedlung von Albanern in die Türkei (S. 198-206).

Diese Vorkenntnisse machen verständlich, warum die italienische, deutsche und bulgarische Besatzung des Kosovos ab 1941 von der Mehrheit der albanischen Bevölkerung begrüßt wurde (S. 210 f.). Die komplizierte Innenpolitik des Kosovos während dieser Zeit erklärt Schmitt sehr eingänglich und fern jeglicher Täter-Opfer-Dichotomie wie sie im serbischen und albanischen Erinnerungsdiskurs vorherrscht. Weder seien die Kosovo-Albaner von faschistischen Ideologien eingenommen gewesen, noch stellten jugoslawische Kommunisten eine Alternative für sie dar, weil ihr vorrangiges Ziel war, den Kosovo von serbischer Vorherrschaft zu befreien und die serbische Kolonisierung rückgängig zu machen (S. 219). Das Unterkapitel über den Zweiten Weltkrieg hätte allerdings ein wenig umfangreicher sein können als die vorliegenden sieben Seiten, von denen ein Großteil sich mit Albanien beschäftigt, weil gerade hierzu wenig publiziert wurde.

Die Machtverhältnisse im Zweiten Weltkrieg – Repression von jugoslawischer Seite, neue Aussiedlungsversuche in die Türkei und Misstrauen auf beiden Seiten – bestimmten das Verhältnis der beiden größten Bevölkerungsgruppen im Kosovo nämlich nachhaltig. Auch im sozialistischen Jugoslawien war Schmitt zufolge das interethnische Verhältnis gespannt und eine Integration und Gleichstellung der albanischen Bevölkerung in den jugoslawischen (südslawischen) Staat weder erwünscht noch erfolgreich (S. 231). Der Bruch zwischen Tito und Hoxha und die darauf folgende Wahrnehmung der Kosovo-Albaner als "Fünfte Kolonne" des albanischen Feindes so wie das Verbot nationaler Symbole und albanischsprachiger Schulen haben, wie Schmitt ausführt, bis 1968 zu einer Vertiefung des ethnonationalen Bewusstseins der Albaner beigetragen, das frühere, religiöse Identitätsstrukturen ablöste. Auch seien, so der Verfasser weiter, Möglichkeiten, sprachliche Unterschiede zwischen dem gegischen Dialekt im Kosovo und dem toskischen in Südalbanien auszubauen und damit ähnliche Erfolge zu erzielen wie mit der mazedonischen Identitätsbildung, nicht genutzt worden (S. 234).

Erst die Verfassungsänderung 1974, die durch politischen Druck von Seiten der Albaner 1968 zustande kam und Kosovo faktisch einer Republik gleichstellte (jedoch ohne Sezessionsrecht), veränderte das Verhältnis. Nationale Symbole und albanischsprachiger Unterricht wurden wieder erlaubt und nun wiederum Serben bedrängt (S. 231 ff.). Die Nationalisierung der Kosovo-Albaner, die 1981 eskalierte, war laut Schmitt eine Folge der serbischen Kosovo-Politik: staatliche Repression, Ausschluss aus den konstituierenden Völkern Jugoslawiens und Schaffung einer starken albanischen Diaspora mittels Unterstützung albanischer Auswanderung als Gastarbeiter. Die Auswanderung begünstigte, dass vor allem Albaner Zugang zu westlichen Produkten erhielten und Wohlstand vermehren konnten – im Gegensatz zu den kosovarischen Serben, die in staatlichen Institutionen und Betrieben arbeiteten. Auch die Proteste für einen Republikstatus 1981 wurden maßgeblich von der Diaspora und Kommunisten aus Albanien unterstützt, ohne deren finanzielle Unterstützung auch die Bildung der Parallelgesellschaft in den 1990er Jahren nicht denkbar gewesen wäre (S. 287).

Der dritte Hauptteil behandelt auf 34 Seiten die neun Jahre zwischen NATO-Intervention und Unabhängigkeit und geht auf die schon in vielen Büchern dargestellten Ereignisse, die Folgen des Krieges für die serbische und albanische Bevölkerung und die Nachbarländer Serbien und Mazedonien ein und schlüsselt die Elemente einer zeitgenössischen kosovo-albanischen Identität zwischen Islam, Katholizismus und Panalbanismus auf.

Oliver Jens Schmitt hat mit diesem Buch ein umfangreiches und verständlich geschriebenes Einführungswerk mit einem übersichtlichen Inhaltsverzeichnis publiziert, mit dem Mythen und Gerüchte (z.B. über albanische Einwanderung oder die Kontinuität der albanischen Nation und des albanischen Territoriums) entschlüsselt und entmythologisiert werden. Bedauerlich ist, dass nur sehr wenige Belege angeführt sind, so dass oft vage bleibt, womit der Verfasser seine Argumentation untermauert. Das Werk eignet sich jedoch hervorragend als Literatur für einführende Lehrveranstaltungen zu Südosteuropäischer Geschichte an Universitäten. Hilfreich sind die Zeitleiste zu Beginn des Buches und Statistiken, illustrativ die zahlreichen Fotografien.


Schmitt, Jens Oliver: Kosovo. Kurze Geschichte einer zentralbalkanischen Landschaft. Wien:
Böhlau, 2008. 393 S., broschiert, 24,90 Euro. ISBN: 978-3-8252-3156-9


Inhaltsverzeichnis


Vorwort 13
Hinweise zur Aussprache 15
Zeittafel 17
Zur Schreibung der Ortsnamen 21

Einleitung 23
Konkurrierende Geschichtsbilder 27
Kosovo im serbischen Geschichtsbild 29
Das albanische Bild von Kosova 32
Kosovo als Raum 35
Ideologische Bedeutung der Raumbegriffe 38
Siedlungsstruktur 39
Pässe und Straßen 42

Erster Hauptteil
Herren und Beherrschte in der Vormoderne: die Grenzen der imperialen Macht 45

IMPERIALE HERRSCHAFT 47
Imperiale Herrschaft: Rom 47
Imperiale Herrschaft: Byzanz 49
Am Übergang zwischen zwei Imperien: Die serbische Herrschaft im Mittelalter 52
Imperiale Herrschaft: das osmanische Reich 63
Kosovo unter imperialer Herrschaft - Versuch eines Vergleichs zu Staatlichkeit und Staatsferne vor 1912 85
Kosovo als Zentrum und Peripherie 87

SOZIALE LEBENSWELTEN: GESELLSCHAFT, WIRTSCHAFT, UMWELT 89
Gesellschaft 89
Familie 91
Geschlecht 96
Mächtige und Machtlose 98
Sesshafte und Seminomaden 102
Berg und Tal – Stadt und Land 104
Wirtschaft 107
Klima 112

KULTURELLE LEBENSWELTEN: RELIGIONEN UND SPRACHEN 115
Religionen und Konfessionen 115
Religiosität und Volksreligion 126
Sprachen 128

BEVÖLKERUNGSGESCHICHTE UND WANDERUNGSBEWEGUNGEN 133
(Proto-) Albaner, Vlachen und Slawen im Frühmittelalter 133
Bevölkerungsstrukturen im Hoch- und Spätmittelalter 136
Methodische Fragen der Quelenauswertung 138
Bevölkerungsbewegungen in der Frühen Neuzeit 143
Die "Große Wanderung" der Serben (1690) in Geschichte und Mythos 146
Wanderungsbewegungen im 18. und 19. Jahrhundert (bis 1878) 148
Kleine Zuwanderungsgruppen: Roma und Tscherkessen 150
Die Muhaxhir und die Entstehung ethnoreligiöser Spannungen 153
Die religiöse und ethnische Struktur des Kosovo um 1880 157
Ethnisierte und traditionelle Identitätsmuster 159

Zweiter Hauptteil
Kosovo in Serbien und den beiden Jugoslawien (1912-1999) 173


KOSOVO IN SERBIEN 173
Gewalt und Krieg als Faktoren in der neueren Geschichte des Kosovo 175
Die Frage der Grenzziehung und die Haltung der Großmächte 179
Die serbische und montenegrinische Verwaltung des Kosovo (1912-1915) 182
Der Erste Weltkrieg und das vorübergehende Ende der serbisch-montenegrinischen Verwaltung 184

KOSOVO IM ERSTEN JUGOSLAWIEN 187
Die Politik Serbiens gegenüber der Bevölkerung im Kosovo 189
Die Haltung der albanischen Mehrheitsbevölkerung gegenüber dem Königreich SHS 190
Die Rolle Albaniens 195
Kosovo als Kolonialgebiet 198
Lebensverhältnisse und Bildung 204
Serbischer Albanerdiskurs 207
Das erste Jugoslawien und Kosovo – Versuch einer Bilanz 210
Kosovo im Zweiten Weltkrieg 212

KOSOVO IM ZWEITEN JUGOSLAWIEN 221
Der albanisch-serbische Konflikt in Kosovo 1945 221
Das kommunistische Albanien und die Kosovofrage 225
Die Ranković-Ära (1945-1966) 228
Die Wende in der jugoslawischen Kosovopolitik 231
Das gescheiterte Experiment einer "šiptarischen" Nation in Jugoslawien 234

DAS SOZIALISTISCHE EXPERIMENT 237
Die Bildungsoffensive 238
Die Bildung einer albanischen Elite 243
Industrialisierung 248
Entstehung einer Arbeiterschicht 258
(R-) Urbanisierung und gesellschaftlicher Wandel 260
Veränderungen in der materiellen Kultur 265
Sozialistische Lebenswelten 269
Gesundheitswesen und Bevölkerungsentwicklung 272
Ansätze der Frauenemanzipation 276
"Kosovo im Jahr 2000" 278
Die Entstehung einer ethnonationalen albanischen Identität als Massenphänomen 280
Weitere Nationalisierungsprozesse im Kosovo 281
Massenauswanderung und die Entstehung einer kosovo-albanischen Diaspora 285

POLITISCHE GESCHICHTE: VON TITOS TOD BIS ZUR GLEICHSCHALTUNG DES KOSOVO DURCH SLOBODAN MILOŠEVIĆ 297
Der albanische Aufstand von 1981 297
Serben im Kosovo und das serbische Kosovobild 300
Die Gleichschaltung des Kosovo 309

KOSOVO IM JUGOSLAWIEN DES SLOBODAN MILOŠEVIĆ 313
Serbisierung 313
Die Bildung der albanischen "Parallelgesellschaft" und der friedliche Widerstand 316
Die Radikalisierung des albanischen Widerstands und der Aufstand von 1998/99 322
Die Internationalisierung des Konflikts und das Eingreifen der NATO 327

Dritter Hauptteil
Kosovo als Internationales Protektorat (1999-2008) 333

Erneute Flucht und Vertreibung 333
Das Herrschaftssystem der UNMIK 336
Die UÇK als politische und militärische Kraft 339
Der Export von kosovo-albanischem Extremismus 343
Die kosovo-serbische Parallelgesellschaft 347
Wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung 352
Kosovo-albanische Identitätsfragen zwischen national(istisch)em Laizismus, katholischer Tradition und islamischer Deutung 356
Gescheiterte Verhandlungen und die Unabhängigkeitserklärung des Kosovo 366
Die Unabhängigkeit des Kosovo und die Furcht vor "Groß"-Albanien 369

Bibliographie 372
Abbildungsverzeichnis 384
Verzeichnis der Orte und Personen 387

Is It Only Possible to Write a Short History of Kosovo?

Oliver Jens Schmitt published the first history of Kosovo in German, which contains an excellent overview of Kosovo within the Roman, Byzantine, Serbian and Ottoman Empires, as part of Serbia and the different Yugoslavias, up to its status as a UN protectorate and its independence in 2008. In highly detailed chapters he conveys the living environment, the impact of religion, languages and migrations in this part of Europe and the structures affected by various empires and the south Slavic Yugoslavias. His book is meant to answer Serbian and Albanian myths about Kosovo and was developed in arguments with his Albanian and Serbian students.



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