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Für eine Ästhetik der Nähe? – Theaterquerelen um 1700

Eine Rezension von Philipp Schulte

Mayer, Ewa: Théâtre de la proximité. Wandel der Ästhetik im französischen Theater an der Schwelle zum 18. Jahrhundert (Voltaire, Crébillon (père) und Houdar de La Motte). Berlin: LIT, 2009.

Die aus einer Dissertation hervorgegangene Veröffentlichung
Théâtre de la proximité widmet sich einer oft vernachlässigten Schwellenzeit französischer und somit europäischer Theatergeschichte: dem Übergang zwischen Klassik und Aufklärung im späten 17. sowie beginnenden 18. Jahrhundert, als Dramatiker wie Voltaire, Crébillon (père) und Houdar de La Motte in ihren poetologischen, aber auch in ihren dramatischen Texten Reformideen zu etablieren versuchten, welche die Autorin Ewa Mayer mit dem titelgebenden Schlagwort Théâtre de la proximité belegt. Mayer stellt die These auf, dass einige Theaterschaffende dieser Zeit allmählich eine Ästhetik der Nähe entwickelten, die die klassizistischen Ideale der Objektivität und Universalität durch eine Fokussierung auf die Subjektivität der dramatischen Figuren wie auch der Zuschauer zu überwinden suchte – mit dem Ziel einer möglichst vollkommenen, in der Regel emotionalen Identifikation zwischen Bühne und Publikum. 


Manchmal lassen sich Veränderungen des ästhetischen Empfindens an einem Datum festmachen. Der 26. Januar 1687 ist so ein Tag, an dem, wenn man so will, Kunstgeschichte geschrieben wurde. An jenem Sonntag fand eine Sondersitzung der Académie française statt, mit dem wichtigsten Tagesordnungspunkt: Maßnahmen zur Huldigung des Königs. Die Sitzung nahm der Dichter Charles Perrault zum Anlass, sein umstrittenes Gedicht Poème sur le Siècle de Louis le Grand erstmals öffentlich vorzutragen. Umstritten war das Poem nicht, weil er darin den König, sein Reich und seine Zeit lobte; umstritten war es, weil er darin so weit ging, die Überlegenheit seiner Zeit über die Antike, bis dahin allgemein als Höhepunkt der menschlichen Kultur betrachtet, zu postulieren. Die sich anschließenden heftigen Auseinandersetzungen unter Frankreichs Intellektuellen bereiteten einen Paradigmenwechsel vor, den Ewa Mayer in ihrer aus einer Dissertation hervorgegangenen Veröffentlichung über das Théâtre de la proximité unter die Lupe nimmt. Anders als die Humanisten jener Zeit verstanden Perrault und seine Geistesgenossen Geschichte als fast unumkehrbare Fortschrittsbewegung und richteten sich ausdrücklich gegen die in der französischen Klassik übliche Verehrung des Altertums.

Auch im Theater setzte sich im Zuge dieser Reformbewegungen allmählich eine neue Ästhetik durch, die sich bemühte, mit der starren Regelhaftigkeit der Klassik und ihren Idealen der Objektivität und Universalität zu brechen. Diese Jahrzehnte des Übergangs von einem klassischen Theaterverständnis zu jenem der Aufklärung untersucht Mayer unter der Prämisse, "dass, entgegen der vorherrschenden Meinung, das Theater der Schwellenzeit eine spezifische Ästhetik entwickelt hat, die hier als théâtre de la proximité bezeichnet wird" (S. 8). Zunehmend wurden die Doktrinen des Grand Siècle von Bühnenautoren für ungeeignet gehalten, dem sich neu etablierenden bürgerlichen Publikum zu gefallen. Ziel wurde es allmählich, eine emotionale Identifizierung zwischen Zuschauern und Bühnengeschehen herzustellen.

Mayer vollzieht ihre Untersuchung in vier Schritten. Zunächst nimmt sie eine sozialwissenschaftliche Perspektive ein, um die sozio-kulturelle Situierung der Phase um 1715 einleitend zu umreißen. In einem zweiten Schritt stellt Mayer umfassend das Regelsystem der klassizistischen Ästhetik vor, gegen welches sich die Theaterreformer um 1700 richteten. Anschließend wendet sie sich den Schriften dreier wichtiger Bühnenautoren jener Schwellenzeit zu, den Dichtern Voltaire, Crébillon (père) und Houdar de La Motte, um erst in ihren poetologischen, im Schlusskapitel dann ihren dramatischen Texten nach Spuren jenes 'Theaters der Nähe' zu suchen. Die Abschnitte unterscheiden sich in ihren Ergebnissen, ihrem Umfang – und ihrer Qualität:

Sozio-kulturelle Umbrüche

Zuerst umreißt Mayer den politischen und den literatursoziologischen Kontext der Zeit um 1715, dem Todesjahr des Sonnenkönigs, mit einem besonderen Fokus auf die Frage der Zusammensetzung des Pariser Publikums jener Jahre, um so Rückschlüsse auf die Rezeption der Theateraufführungen zu ermöglichen. Die Auflösung des Hofes und die Verteilung der Kunstkritik auf kleine Zirkel in den Literaturcafés und Pariser Salons beschreibt Mayer als Grundbedingung für "die Entstehung einer neuartigen Ästhetik, die sowohl den Ansprüchen der Autoren als auch der Rezipienten besser Rechnung tragen konnte als das klassizistische Kunstideal" (S. 21). Zudem förderte die Schwächung des Adels ein neues, bürgerliches Bild der Familie. Mayers insgesamt passabler Überblick über die sozio-kulturelle Situation fällt leider mit lediglich zehn Seiten etwas kurz aus. Es gelingt ihr zwar, die wichtigsten Tendenzen der Zeit anzuführen, doch fehlt, wie sich im weiteren Verlauf des Buches herausstellen soll, eine engere Anbindung an die übrigen Untersuchungen ihrer Arbeit. Auf die "viel diskutierte, aber kaum gelöste Frage" (S. 19), inwiefern die Heranbildung einer bestimmten Ästhetik abhängig ist von dem gesellschaftlichen Umfeld, in dem sie entsteht, lässt sich Mayer kaum ein.

Das klassische Paradigma

Das sich anschließende, ausführlichste Kapitel ihrer Arbeit widmet Mayer einer detaillierten Beschreibung der auf Antike-Interpretationen beruhenden theaterästhetischen Normen der doctrine classique. In der Rigorosität dieses komplexen Systems aus Regeln und Richtlinien für Dichter, welche immer mit den Idealen der Vernunft und Rationalität begründet wurden, liegt das aufkeimende Reformbestreben der Künstler begründet. Umfassend und anschaulich stellt Mayer die in der Klassik verbreiteten und immer wieder verfeinerten Konventionen dar. Dabei versäumt sie es nicht, mit Konzepten wie dem des 'gewissen Etwas‘' oder des 'Genies' auch Momente dieses starren Regelsystems vorzustellen, die an die Grenzen des rational Fassbaren stoßen.
Im zweiten Teil dieses Kapitels erörtert die Autorin die wichtigsten reformatorischen Tendenzen, "von der Universalität zugunsten der Subjektivität abzurücken, [welche] neben den Bemühungen der Dichter, die Antike hinter sich zu lassen, auch das Bestreben [umfassen], die Identifikation des Zuschauers mit den Schicksalen der dargestellten Figuren zu intensivieren, um ihm auf der emotionalen Ebene zu begegnen, jedoch nicht, um die Emotionen klassisch zu dämpfen, sondern, ganz im Gegenteil, zu entfesseln" (S. 78). Mayers Zusammenfassung der Merkmale der französischen Klassik ist vorbildlich und nützt jedem, der sich einen ausführlichen Überblick darüber verschaffen möchte.

Poetologische Beispielpositionen und Dramenanalyse

Schließlich nimmt sich die Autorin in zwei umfangreichen Kapiteln Texte der Dramatiker Voltaire, Crébillon (père) und Houdar de La Motte vor, um in ihnen Spuren jener sich allmählich durchsetzenden Ästhetik der Nähe zu finden. Dabei stößt sie erwartungsgemäß auf eine große Diskrepanz. Während sich die Dichter nämlich in ihren poetologischen Schriften durchaus als wortreiche Verfechter der neuen Entwicklungen entpuppen – dass Mayer dies detailliert zeigt, ist die größte Leistung ihrer Arbeit –, fällt es mitunter schwer, diesen Reformwillen auch in ihren Tragödientexten nachzuweisen. Zwar stellt Mayer u. a. ein vermehrtes Auftreten von bürgerlichen Figuren und einen Hang zur Empfindsamkeit fest, bei La Motte gar ein Abrücken von der Versform zu Gunsten einer größeren Nähe zur Alltagssprache des Publikums, doch bringt ihre Analyse der Theaterstücke "eher nüchterne Ergebnisse zutage" (S. 246), wie sie selbst einräumt. So kommt Mayer zu dem Schluss, dass die untersuchten Dramatiker nach wie vor "die Regelästhetik ihrer Vorgänger an[wenden], doch nicht dogmatisch und nicht ohne sie zuvor kritisch beleuchtet und ihren Ansprüchen angepasst zu haben" (ebd.). Diese Ansprüche sind aber, wie sich zeigt, oft gleichzeitig die Ansprüche des Publikums, von dessen Zuspruch oder Ablehnung der Erfolg der Theaterstücke damals wie heute abhing – und um diesen Zusammenhang deutlicher zu machen, wäre eine ausführlichere sozio-kulturelle Beschreibung hilfreich gewesen.

Fazit

Die notwendige Begründung für Mayers Feststellung, bei der Analyse der künstlerischen Texte deutlich weniger Hinweise auf jene "kühnen und zukunftsweisenden Ideen" (S. 245 f.) gefunden zu haben, wird mit dem Verweis auf den Publikumsgeschmack und die Zwänge des Theaters als Institution leider nur marginal geliefert. Ebenso wenig gelingt es ihr, einen klaren Bezug zur damaligen Aufführungspraxis herzustellen, um zu überprüfen, inwieweit sich die Vorstellungen der Autoren überhaupt verwirklichen ließen.
Dennoch bietet Mayers Publikation Vorzüge, die sie empfehlenswert machen: Vor allem überzeugt Théâtre de la proximité durch die umfassende Beschreibung der klassizistischen Normästhetik sowie der Nachweise des Reformstrebens der ausgewählten Dichter in ihren poetologischen Schriften.


Ewa Mayer: Théâtre de la proximité. Wandel der Ästhetik im französischen Theater an der Schwelle zum 18. Jahrhundert (Voltaire, Crébillon (père) and Houdar de La Motte). Münster: LIT, 2009. 268 S., kartoniert, 34,90 Euro. ISBN: 978-3-8258-1935-4



Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 7

2 Politischer und literatursoziologischer Kontext 19
2.1 Das Pariser Publikum 20
2.2 Politisch-sozialer Kontext 24

3 Genese einer neuen Ästhetik 29
3.1 Kunstverständnis des Grand Siècle: die doctrine classique 33
3.1.1 Wahres gegen Wahrscheinlichkeit: vrai/vraisemblance 46
3.1.2 System gesellschaftlicher Konventionen: die bienséances 55
3.1.3 Die Regel der drei Einheiten 60
3.1.4 Das Prinzip der Nachahmung: Mimesis 66
3.1.5 Das Konzept des je ne sais quoi und des génie: Grenzen der Vernunft? 71
3.2 Wandel des klassischen Paradigmas 78
3.2.1 Überwindung des antiken Vorbilds 81
3.2.2 Von der belle nature zum beau désordre 95
3.2.3 Empfindsamkeit oder die Lust am Leiden 102
3.2.4 Ordo amoris 113

4 Poetologie zwischen Tradition und Neuerung 121
4.1 Harmonie der Form: Voltaires poetologische Bestrebungen 121
4.1.1 Funktion der Tragödie 122
4.1.2 Die Regelästhetik 128
4.1.3 Prinzip der Harmonie 133
4.2 Crébillons Ästhetisierung des Schrecklichen 138
4.2.1 sensibilité 138
4.2.2 la pitié par la terreur 139
4.2.3 Affektbetonte Handlungsstrukturen 143
4.3 Houdar de La Motte und der hedonistische Theaterentwurf 149
4.3.1 Erneuerung der Form als Ausdruck des Fortschritts 150
4.3.2 Das klassische Regelsystem und die unité d’interêt 160
4.3.3 Das pathetische System 164

5 Tragödie im Zeitalter des Wandels 170
5.1 Voltaires Tragödienentwurf: Hybridisierung des Genres 170
5.1.1 Voltaire als Librettist und Komödienautor 172
5.1.2 Philosophisches Modell
5.1.3 Auflösung des klassischen Ideals: Tragödien der Nähe 190
5.2 Crébillon und die Tragödie der verlorenen Identität 196
5.2.1 Tragik zwischen klassischem Ideal und Pathos 197
5.2.2 Familiendramen 201
5.3 Sonderfall: Transposition von Crébillons Tragödien 210
5.3.1 Oreste 214
5.3.2 Les Pélopides ou Atrée et Thyeste 220
5.3.3 Sémiramis 223
5.4 Umsetzung der Modernisierungsansätze von Houdar de La Motte 229
5.4.1 Transformationen 229
5.4.2 Pathetisches Modell 233

6 Ergebnisse 234

Literaturverzeichnis 249
Dank 268


An Aesthetics of Proximity? – Theatre Upset at the Turn of the 18th Century

Ewa Mayer’s study Théâtre de la proximité concentrates on an oft neglected period in French and, consequently, European theatre, namely the transition between classicism and Enlightenment in the late 17th and the early 18th century. At that time dramatists such as Voltaire, Crébillon (père) and Houdar de La Motte tried to establish reformatory ideas in their poetological as well as dramatic writings which Mayer collectively calls 'Théâtre de la proximité'. Certain dramatists developed this aesthetics of proximity to surmount the classicist ideals of objectivity and universality and bring the subjectivity of both the dramatis personae and the spectators to the forefront – the aim being an (ideally) complete, generally emotional identification between stage players and audience members.



Die Redaktion weist darauf hin, dass die Autorin des rezensierten Buches Mitglied des Graduiertenzentrums  war, in dessen Rahmen auch dieses Rezensionsmagazin herausgegeben wird.

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