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"Formen statt Formeln" oder wie man Lyrik gerecht wird

Eine Rezension von Juliane Schöneich (Osnabrück)

Leeder, Karen (Hg.): Schaltstelle. Neue deutsche Lyrik im Dialog. Amsterdam/New York: Rodopi, 2007.

Dieser Band zur "neuen Lyrik" beeindruckt nicht nur durch kundige und fundierte Analysen, sondern auch durch eine gelungene Kombination von wissenschaftlichen Beiträgen und umfassender Bibliographie auf der einen sowie einem Interview mit Heinz Czechowski und aktuellen Gedichten zeitgenössischer LyrikerInnen auf der anderen Seite. Zeitgenossenschaft und "neue Lyrik" werden dabei nicht mit den kontrovers diskutierten "LyrikerInnen von Jetzt" (Björn Kuhligk und Jan Wagner: Lyrik von Jetzt. Köln 2003 sowie Lyrik von Jetzt 2. Berlin 2008) gleichgesetzt, sondern umfassen AutorInnen verschiedener Generationen und verschiedener deutschsprachiger Gebiete. So werden die seit den neunziger Jahren entstandenen Werke nicht mit dem Ziel eines "comprehensive overview" (S. 3) untersucht, sondern durch differenzierte Sichtweisen auf unterschiedliche Themen und Schreibweisen, Facetten eines irisierenden Ganzen beleuchtet. 


Karen Leeder, die an der University of Oxford neuere deutsche Literatur lehrt, beschreibt den Titel "Schaltstelle" in ihrer umfassenden Einführung zur gegenwärtigen Situation der Lyrik nicht nur als eine den Paradigmenwechsel zu naturwissenschaftlichen und medientechnologischen Fragestellungen charakterisierende Metapher, sondern als Verknüpfungspunkt verschiedenster vor allem kommunikativer Aspekte. Vernetzungskriterien, in der Literaturwissenschaft bislang in erster Linie unter dem Gesichtspunkt des Einflusses digitaler Medien auf narrative Strategien untersucht, können auch für die Poesie eine "idea of a central place of exchange" (S. 1) kreieren. Dieser Gedanke des "Ortes" stellt einen wichtigen Pol gegenwärtige Gedichte dar - sei es als Heimat, Niemandsland oder Transitbereich, als Nahtstelle zwischen Vergangenem und Zukünftigem, als Schnittpunkt zwischen außen und innen, als Ort des Aufeinandertreffens kommunikativer Energien, aber auch als Tummelplatz realer, duplizierter und imaginierter Welten.

Bei der Betrachtung der gegenwärtigen deutschen Lyrik-Landschaft springen Leeder die folgenden vier Punkte besonders in Auge: die Dominanz der inzwischen mittleren Generation der zwischen den 50er und 60er Jahren geborenen LyrikerInnen, die starke Präsenz ostdeutscher DichterInnen, die Rückläufigkeit der Auseinandersetzung mit nationalsozialistischer Vergangenheit (S. 19) und die starke Sprachreflexivität, die jedoch eher "Sprachkritik" denn "Sprachskepsis" beinhaltet (S. 23). Bezüglich der stark sprachreflexiven Färbung einer bestimmten lyrischen Richtung bemerkt Leeder, und dies mag das Vorrecht und die Möglichkeit der Auslandsgermanistik sein, auch einige Tendenzen in den Wertungen deutscher LiteraturtheoretikerInnen. So fällt ihr auf, wie Lyrik, die sich weniger auto- und sprachreflexiv, sondern verstärkt form-traditionell und kaum intellektuell überfrachtet gibt, im besten Falle als naiv oder "innerlich" bagatellisiert oder schlichtweg als "Verschenk-Poesie" abklassifiziert wird. Eine ähnliche Einstellung fiel bereits bei der von Theo Elm vorgenommenen Einteilung der Lyrik der neunziger Jahre in "Erlebnis- und Transitdichtung" (vgl. Lyrik der neunziger Jahre, Reclam 2000) auf und scheint sich innerhalb der deutschen Literaturkritik weiter fortzusetzen. Die weniger hierarchisierende Sichtweise dieses Bandes zeugt nicht nur von einem differenzierenden und objektiven Blick, sondern auch von einem respektvollen Umgang mit AutorInnen und RezipientInnen verschiedenster Stilrichtungen.

Den "Orten der Lyrik" und ihren Ausformungen, die von Vergangenheitsbezügen bis zu Körpermetaphern reichen, ist speziell Kapitel 6 gewidmet, das Sujet zieht sich jedoch wie ein roter Faden durch den ganzen Band. Hierdurch und durch den umfangreichen Korpus der untersuchten Werke werden auch lyrische Auseinandersetzungen mit der "Wende" 1989 und deren Auswirkungen auf Poesie und Poetik angesprochen. Die bereits nach der Biermann-Ausbürgerung 1976 immer schwieriger werdende Definition einer DDR-Lyrik, wurde in der letzten Dekade der DDR (auch durch die umstrittene Fokussierung westlicher Kritiker auf die Lyrik des Prenzlauer Bergs) und nach ihrem Ende immer ungenauer. Die Frage, ob sich die politisch-gesellschaftliche Zäsur von 1989/90 auch in der Lyrik spiegelt, ist dementsprechend noch immer nicht abschließend beantwortet. Dieser Band bietet jedoch zumindest Ansatzpunkte dafür, bisherige Klassifikationen zu überdenken – durch generationenübergreifende Analysen einerseits und andererseits durch die Positionierung jüngerer Lyrik in einem Rahmen, der dieselbe nicht länger ausschließlich Ost/West-Schemata unterwirft. So werden im Kapitel "Vorletzte Worte: Lyrik nach 1990" bewusst Schreibweisen älterer Autoren (Czechowski, Braun, Endler) untersucht und mit Gedichten von Bert Papenfuß ergänzt, um die bislang strikte Trennung der etablierten von den ehemals scheinbar autonomen DichterInnen endlich zu unterlaufen. In anderen Beiträgen stehen Erb, Mayröcker, Jandl, Schrott oder Draesner nebeneinander und relativieren so die nationale Nabelschau. Den jüngsten AutorInnen und der kritischen Auseinandersetzung mit der kontroversen Diskussion um den Versuch, eine "neue Generation von Lyrikern aus dem Boden zu stampfen", ist das gesamte letzte Kapitel gewidmet. Es schließt, wie passend, mit Gedichten von Volker Braun.

Charakteristisch für die gesamte Herangehensweise des Bandes sind die von der Herausgeberin in ihrer Einführung durchgängig genutzten Vokabeln: "Nevertheless" und "However". Sie sind bezeichnend für die differenzierte Sichtweise auf den neuesten Forschungstand einerseits und den umfassende Werkkorpus andererseits. So werden hier weder neue Festschreibungen noch Gesetzmäßigkeiten aufgestellt oder strikte Einordnungen vorgenommen. Stattdessen gelingt es den Beitragenden verschiedenen Strömungen und individuellen Schreibweisen nachzuspüren und gerecht zu werden.


Leeder, Karen (Hg.): Schaltstelle. Neue deutsche Lyrik im Dialog. Amsterdam/New York: Rodopi, 2007. 541 S., gebunden, 16,60 €. ISBN 978-90-420-2282-9


Inhaltsverzeichnis

Karen Leeder:
Introduction. 'Schreiben am Schnittpunkt': The Place of Contemporary German Poetry 1

Anja Utler:
Gedichte 31

1. Vorletzte Worte: Lyrik nach 1990


Anna Chiarloni:
Zwischen den Zeiten. Zur jüngsten Lyrik von Heinz Czechowski 37

Christine Cosentino:
Volker Brauns Lyrikband Tumulus im Umfeld seiner Werke um die Jahrtausendwende 55

Gerrit-Jan Berendse:

'Dank Breton': Surrealismus und kulturelles Gedächtnis in Adolf Endlers Lyrik 73

Bert Papenfuß:
Gedichte 97

2. Lyrik im Dialog

Hermann Korte:
Säulenheilige und Portalfiguren? Benn und Celan im Poetik-Dialog mit der jüngeren deutschsprachigen Lyrik seit den 1990er Jahren 109

Georgina Paul:
Unschuld, du Licht meiner Augen: Elke Erb in the Company of Friederike Mayröcker in the Aftermath of German Unification 139

Michael Eskin:
Descartes of Metaphor: On Durs Grünbein`s Vom Schnee 163

Marcel Beyer:
Gedichte 181

3. Spielarten der Sprache

Katrin Kohl:
Es lebe das Klischee! Spielarten eines verpönten Stilmittels bei Ernst Jandl, Andreas Okopenko und Oskar Pastior 187

Iain Galbraith:
The Poet and the Pendulum: Composition and Metaphor in the Poetics of Raoul Schrott 213

Karen Leeder:
'Übungen der Zugewandtheit': Ulrike Draesner's Poetics of Correspondence 231

Lutz Seiler:
Gedichte 263

4. Text und Körper

Ruth J. Owen:
Bodies in Contemporary German Poetry 269

Maurizio Pirro:
Hermeneutik der Vergangenheit bei Kathrin Schmidt und Barbara Köhler 293

Heike Bartel:
Bypässe zu 'Herzgänge', einem Prosagedicht von Anne Duden 311

Evelyn Schlag:

Gedichte 331

5. Interview
'Die Bitterkeit auf meiner Zunge':
Anna Chiarloni
im Gespräch mit Heinz Czechowski 337

Silke Scheuermann:
Gedichte 359

6. Der Ort der Lyrik

Wolfgang Ertl:
Kindheitsbilder in der Lyrik Wulf Kirstens 365

Cheryl Dueck:
Global Cargo in the Poetry of Brigitte Oleschinski 385

Anneka Metzger & Birgit Dahlke:
Sprachräume. Barbara Köhlers Textinstallationen der 1990er Jahre 409

Peter Waterhouse:

Gedichte 431

7. Erste Worte: Lyrik von Jetzt


Peter Geist:

'halber Aufenthalt / wie auf fotokopiertem Schnee'. Wie Lyrikkritik und eine Anthologie junger Lyrik einander verfehlten 437

Michael Braun:
Schnelle Lebensläufe: Das punctuelle Zünden der Welt in der jungen Lyrik des 21. Jahrhunderts 463

Erk Grimm:
Die Neue Schlichtheit in 'Lyrik von Jetzt': Poetische Diskursverschiebungen in der deutschsprachigen Gegenwartsdichtung nach 2000 479

Volker Braun:
Gedichte 505

Auswahlbibliographie 509
Die Autoren 525
Register 533

"Forms Not Formula" or: Doing Justice to Poetry

This collection of articles on 'new poetry' is impressive for well-substantiated analyses which successfully combine secondary scientific examinations with a broad bibliography, as well as for diverse content which ranges from an interview with the influential poet Heinz Czechowski to recent work by highly contemporary authors. Contemporary or 'new' German poetry is thereby not equated with the controversially labeled 'poets of now' (referring to the title Lyrik von Jetzt, edited by Björn Kuhligk and Jan Wagner), but rather embraces authors of different generations and different German-speaking countries. The assembled contributions cover lyric works since the nineties and therefore do not aim for a comprehensive overview, but rather a highlighting of various approaches to different topics as well as forms, patterns and individual styles of contemporary German poetry.



© bei der  Autorin und bei KULT_online