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Filmanalyse als kulturwissenschaftliche Gesellschaftsanalyse?

Eine Rezension von Thies W. Böttcher

Mai, Manfred; Rainer Winter (Hg.): Das Kino der Gesellschaft – die Gesellschaft des Kinos: Interdisziplinäre Positionen, Analysen und Zugänge. Köln: Halem, 2006.

Der Sammelband Das Kino der Gesellschaft – die Gesellschaft des Kinos eröffnet interdisziplinäre Perspektiven zur Filmanalyse als Gesellschaftsanalyse. Vor allem Cultural Studies, Psychoanalyse und Genretheorie werden als Garant für eine soziologisch geprägte, kulturwissenschaftliche Vorgehensweise in der Filmanalyse eingeführt und anhand von Fallstudien zu einzelnen Filmen und Genres untermauert. Die versammelten Beiträge liefern kontroverse, spannende Argumentationen für aktuelle filmtheoretische bzw. filmsoziologische Debatten in kulturtheoretischer Rahmung, obwohl die Räumlichkeit des Kinos, mögliche Rezeptionssituationen und die soziale Differenzierung der Zuschauer insgesamt zu wenig beachtet werden. Der Band bietet gerade durch die Heterogenität der Beiträge gelungene Anregungen für weiterführende Arbeiten in der Filmtheorie. 


Publikationen zu soziologischen Aspekten des Spielfilms sind dünn gesäht, obgleich sich die Forderung, dem Film in der Analyse nicht nur als Text zu begegnen, sondern auch die Einbettung in soziale Zusammenhänge zu berücksichtigen, quer durch die Kulturwissenschaften zieht. In der Soziologie selbst fristet die Filmsoziologie noch ein Schattendasein, zumal Experten für den Gegenstand selbstverständlich in größerer Zahl in den Film- und Medienwissenschaften zu finden sind. Soziologische Beiträge zur Filmtheorie liefern jedoch eine Erweiterung des Blicks auf das, was mit Filmen in der Alltagskultur geschieht und wie sich das Verhältnis zwischen Film und Gesellschaft beschreiben und modellieren lässt. Das Interesse an (Spiel-)Filmen als (populär-)kulturellen Gegenständen zieht sich weiter gefasst durch sämtliche Sozial- und Kulturwissenschaften, so dass Interdisziplinarität in der Filmanalyse ein zwar randständiges aber dennoch unvermeidliches Desiderat ist.

Im vorliegenden Sammelband wird ein Perspektivenspektrum mit besonderem Schwerpunkt auf den Cultural Studies, der Psychoanalyse und der Genreanalyse in einer übergreifenden soziologischen Rahmung präsentiert. In der Einleitung durch die beiden Herausgeber Manfred Mai und Rainer Winter wird zunächst der Zusammenhang von Filmanalyse und Gesellschaftsanalyse über eine theoriegeschichtliche Betrachtung hergeleitet und die Bedeutung der Filmanalyse für das Verständnis der sozialen Wirklichkeit betont. Die weiteren Beiträge des Sammelbandes sind in drei Abschnitte gegliedert – I. Positionen, II. Zugänge und III. Analysen und Fallstudien. Die ersten beiden Abschnitte könnten zusammengefasst als Theorieteil des Bandes gelten, da die Trennung in zwei Abschnitte kaum nachvollziebar ist, während der dritte Abschnitt hauptsächlich konkrete Fallstudien zu einzelnen Filmen und Genres enthält.

Als "Positionen" werden zunächst drei Artikel präsentiert, die sehr unterschiedliche Perspektiven auf Film, Gesellschaft und Filmanalyse richten. Manfred Mai betrachtet in seinem Beitrag das Spannungsfeld zwischen künstlerischen Ansprüchen des Films und ökonomischen Zielsetzungen von Filmförderung und Filmproduktion. Nach diesem Einwurf zur Filmpolitik modelliert Lorenz Engell in seinem Artikel die Filmgeschichte anhand der Form/Medium-Unterscheidung nach Luhmann. So zirkuliere sozialer Sinn in der Phase des frühen Films als Form, während der Zeit des klassischen Hollywoodkinos als Medium und schliesslich spätestens seit "New Hollywood" als "Einheit der Differenz von Form und Medium" (S. 49). Angela Keppler wendet sich in ihrem Abschnitt der Methodologie der Filmanalyse zu, indem sie zunächst das bewegte Bild vom statischen Bild abhebt und dann die an der Filmerfahrung beteiligten akustischen Sinneseindrücke betont: Neben der Ästhetik der Bilder seien Ton, Geräusche und Sprache ebenso zu berücksichtigen. Zum Ziel einer wissenschaftlichen Filminterpretation plädiert Keppler aufgrund der Flüchtigkeit des Materials für ein Innehalten in Form von detaillierten Filmtranskripten.

Der zweite Abschnitt – "Zugänge" – beginnt mit jeweils einem Beitrag von Rainer Winter und Lothar Mikos, die sich beide methodologisch an den Cultural Studies der Birmingham School orientieren. Winter kritisiert die Vernachlässigung sozialer Kontexte in der kognitionstheoretischen Filmtheorie von David Bordwell et al. Insbesondere würden die soziale Differenzierung der Zuschauer und die Prozesse der Rezeption und Aneignung zugunsten einer "formalistischen" und "abstrakt akademischen" (S. 85) Konstruktion eines "Idealzuschauers" (S. 83) vernachlässigt. Von den Cultural Studies könne man lernen, dass sich "perverse Zuschauer" durch ihr spezifisches Vergnügen in der abweichenden und widerständigen Aneignung auszeichnen und sich deren Reaktion nicht aus Filminhalten ableiten lasse. Mikos beschreibt in ähnlicher Perspektive den Zusammenhang von Film und Fankulturen. Besondere Schwerpunkte setzt er dabei auf Intertextualität, die einen wichtigen Teil des Vergnügens in der Rezeption und in der Bildung von (virtueller) Gemeinschaft in Fankulturen erklärt.
Der Beitrag von Karl Lenz über Paare in Spielfilmen liefert nicht nur einen eigenen methodischen Zugang, sondern auch gleich die erste Fallanalyse des Sammelbandes. In dem präsentierten Forschungsprojekt werden nicht nur Filme, sondern auch weiteres Material berücksichtigt, um eine diachrone Mikrosoziologie von Zweierbeziehungen ab den 1950er Jahren zu schreiben. Bevorzugtes Analysematerial für die "Aufbauphase von Zweierbeziehungen" (S. 120) sind hierbei "Pickup-Situationen" in Spielfilmen. Filme fungieren als Zeugnisse verschiedener Formen der Kontaktaufnahme und Beziehungsanbahnung, da sie sich notwendigerweise auf den alltagskulturellen Sinnhorizont beziehen. Dass der Autor in der Analyse nur heterosexuelle Anbahnungen von Paarbeziehungen berücksichtigt, bleibt leider unkommentiert. Brigitte Hipfl entwickelt in ihrem Beitrag die Synthese eines an der Psychoanalyse und den Cultural Studies orientierten kulturtheoretischen Zugangs der Filmanalyse. Insbesondere zur Analyse von Identifikationsprozessen in der Interaktion zwischen Film und Zuschauer leiste die Psychoanalyse ihren Beitrag, der sich in Einklang mit einer – am Vorgehen der Cultural Studies orientierten – Analyse spezifischer Zuschaueridentitäten bringen lasse.

Der dritte Teil des Sammelbandes – Fallstudien und Analysen – beinhaltet gesellschaftsdiagnostische Fallstudien zu den Filmen American Beauty, Fight Club und Dead Man, sowie Genreanalysen zu Science-Fiction-Filmen und Katastrophenfilmen. Filmanalytische Perspektivenvielfalt wird wie im Theorieteil des Bandes vor allem aus den Denkrichtungen der Psychoanalyse, der Cultural Studies und der Postmoderne geboten. Aus dieser allgemeinen, aber durchaus eingeschränkten Interdisziplinarität treten insbesondere die Beiträge von Markus Wiemker und Olaf Sanders hervor. Wiemker bietet nicht nur eine gelungene Einführung in die Genretheorie, sondern setzt diese auch gleich in der Konstruktion eines kaum kanonisierten Genres – dem "Simulationsfilm" – um. Der Artikel von Olaf Sanders bezieht sich eigentlich zu wenig auf spezifisches Filmmaterial, um in den Rahmen einer Fallstudien-Sammlung eingebunden zu werden. Allerdings wird darin die differenztheoretische, emanzipative Filmtheorie von Deleuze herausgearbeitet und nach möglichen Aufschüben (von Setzungen), Erhabenheiten und Zwischenräumen gefragt.

Der Titel des Sammelbandes enthält eine luhmannesque rekursive Schleife, die zweimal den Begriff "Kino" beinhaltet. Wer folglich erwartet, dass hier der Kinoraum als Rezeptionsort gemeint ist, wird leider enttäuscht. Vielmehr wird in üblicher Form der Begriff "Kino" als Synonym von "Film" verwendet. Vor der stark betonten Macht "produktiver", vergnügter Zuschauer, die in psychoanalytischen Interpretationsspielräumen Identitätsarbeit leisten, werden unterschiedliche Rezeptionsformen kaum berücksichtigt. Allen Plädoyers des Theorieteils zum Trotz liefert der Fallstudienabschnitt keine Analysen von unterschiedlichen Rezeptionskontexten, Orten oder sozial differenten Zuschauern. In altbekannter Manier wird stattdessen, teilweise zu deutlich einer einfachen Spiegelmetaphorik folgend, Gesellschaftsdiagnose anhand in der Filmanalyse beliebter Filme betrieben. Positiv hervorzuheben sind dennoch z.B. die psychoanalytisch orientierten Analysen zu American Beauty und Fight Club, die durch ihren Detailreichtum glänzen. Ökonomische und politische Aspekte scheinen für das Kino in der Soziologie kaum mehr eine Rolle zu spielen. Zwar grenzt sich der Beitrag von Manfred Mai positiv von dieser Entwicklung ab, doch trägt der Sammelband insgesamt dazu bei, dass Pionierarbeiten zur Soziologie des Kinos von Emilie Altenloh (1914), Dieter Prokop (1970) und Ian C. Jarvie (1970), in denen die Produktionsseite und die Filmwirtschaft jeweils eine große Rolle spielten, in Vergessenheit geraten.
Insgesamt enthält das Buch vielfältige Beiträge zu filmsoziologischen und – allgemeiner – filmtheoretischen Debatten, die an einigen Punkten kontrovers weitergeführt werden können. Lesevergnügen bereitet die gute Einleitung und die große Perspektivenvielfalt der Beiträge, obwohl sich diese in der Klarheit ihrer jeweiligen Zielsetzung und in ihrem jeweiligen Voraussetzungsreichtum stark unterscheiden.


Manfred Mai; Rainer Winter (Hg.): Das Kino der Gesellschaft – die Gesellschaft des Kinos: Interdisziplinäre Positionen, Analysen und Zugänge. Köln: Halem, 2006.  300 S., paperback, EUR 28. ISBN 978-3-938258-04-0


Inhaltsverzeichnis


Manfred Mai / Rainer Winter:
Kino, Gesellschaft und soziale Wirklichkeit. Zum Verhältnis von Soziologie und Film 7

I. Positionen


Manfred Mai:

Künstlerische Autonomie und soziokulturelle Einbindung. Das Verhältnis von Film und Gesellschaft 24

Lorenz Engell:
Filmgeschichte als Geschichte der Sinnzirkulation 48

Angela Keppler:
Die Einheit von Bild und Ton. Zu einige Grundlagen der Filmanalyse 60

II. Zugänge


Rainer Winter:
Die Filmtheorie und die Herausforderung durch den »perversen Zuschauer«. Kontexte, Dekonstruktionen und Interpretationen 79

Lothar Mikos:
Film und Fankulturen 95

Karl Lenz:
Paare in Spielfilmen – Paare im Alltag 117

Brigitte Hipfl:
Film und Identität. Ein psychoanalytisch-kulturtheoretischer Zugang 148

III. Analysen und Fallstudien

Dirk Blothner:
Das Kino als Spiegel der Kultur – Wirkungsanalyse von American Beauty 172

Brigitte Ziob:

Wir sind doch immer noch Männer? Eine psychoanalytische Betrachtung des Films Fight Club von David Fincher 188

Rainer B. Jogschies:
Zur Chiffrierung von Atomkriegsängsten in Science-Fiction-Filmen und ihrer De-Chiffrierung in der Politik. Erzählweisen zwischen Überlieferung und Projektion in den USA, Großbritannien und Japan – Wirklichkeitskonstruktion zwischen Fantasie und ›Nuklearismus‹ 204

Ursula Ganz-Blättler:
Schöpferische Fantasie und ›Realität‹ im Katastrophenfilm. Die De(kon)struktion als Modell und Spektakel 242

Olaf Sanders:
Cronenbergs Pädagogik, Wachowskis Pädagogik – Deleuzes ermächtigende Filmtheorie 259

Markus Wiemker:
Das Genre des Simulationsfilms 276

Sebastian Nestler:

Die Dezentrierung des Weste(r)ns. Zum Begriff fragmentierter Identitäten in Jim Jarmuschs Dead Man 289

Autorinnen und Autoren 307
Sach- und Personenregister 312

Film Analysis as Society Analysis in Cultural Studies?

The anthology Das Kino der Gesellschaft - die Gesellschaft des Kinos (The Cinema of Society - the Society of Cinema) opens up interdisciplinary perspectives on film analysis as society analysis. Most notably Cultural Studies, Psychoanalysis and Genre Theory are introduced as background for a sociological approach in the study of culture and are supported by case studies of single films and genres. The assembled contributions provide controversial, exciting lines of reasoning for current debates in film theory and the sociology of film, framed by theories of culture. Notwithstanding, the spatiality of cinema, possible situations of reception and the social differentiation of audiences is neglected at large. The collection provides fertile suggestions for continuative works in film theory by means of the heterogeneity of the contributions.

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