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Erinnerung und Fotografien

Eine Rezension von Anne Hillenbach

Horstkotte, Silke: Nachbilder. Fotografie und Gedächtnis in der deutschen Gegenwartsliteratur. Köln: Böhlau, 2009.

Silke Horstkotte analysiert in ihrer Habilitationsschrift die Rolle der Fotografie für die Repräsentation und Problematisierung von Gedächtnis und Erinnerung in literarischen Texten. Sie beschäftigt sich in diesem Rahmen mit Prosatexten, die die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust thematisieren und die Fotografien materiell reproduzieren oder auf diese rekurrieren, folglich sowohl mit manifesten als auch mit verdeckten Formen von Intermedialität.
Silke Horstkottes literaturwissenschaftliche Studie löst den Anspruch der Autorin ein, die Funktionen der Fotografie für den Gedächtnisprozess systematisch zu untersuchen; ihre Überlegungen gehen sogar über diesen Anspruch hinaus: Durch fundierte Einzelanalysen von Fotografien und relevanten Textabschnitten wird auch ein grundsätzlicher Beitrag für das tiefergehende Verständnis der Werke von W.G. Sebald, Ulla Hahn, Monika Maron und anderen Autoren geleistet.  


Fotografien sind in vielfältiger Weise mit Erinnerung verknüpft. Diese Verknüpfungen schlagen sich auch in zahlreichen Texten der Gegenwartsliteratur nieder, die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg thematisieren und problematisieren.
Die Leipziger Privatdozentin Silke Horstkotte möchte in ihrer Monographie die Funktionen von Fotografien für Gedächtnisprozesse untersuchen und so der auffälligen Präsenz von Fotografien in Texten der deutschen Erinnerungsliteratur gerecht werden. In den Mittelpunkt ihrer Untersuchungen stellt die Autorin die Funktion der Fotografie als Quelle mentaler Nachbilder, "imaginative[n], mentale[n] Vorstellungen auf der Basis von visuellen Eindrücken." (S. 15) Es wird hier deutlich, dass es Silke Horstkotte weniger um die Ontologie des fotografischen Bildes geht, sondern vielmehr um "die Wahrnehmungsperformanz des Betrachters" (S. 37) und die individuelle Rezeption eines intermedialen Kunstwerks.

Die Studie beschäftigt sich nach den einleitenden Kapiteln zunächst mit W.G. Sebalds Roman Die Ringe des Saturn und mit seinem Erzählungsband Die Ausgewanderten. Während Horstkotte bei dem Roman zunächst nach der Rolle des Rezipienten für die Interpretation von Fototexten fragt, so beschäftigt sie sich in den Ausgewanderten mit den selbstreflexiven Aussagen der Erzählungen zu ihrer eigenen Medialität.
Darauf folgend diskutiert die Autorin drei so genannte 'Väterromane' (Ulla Hahn, Unscharfe Bilder; Uwe Timm, Am Beispiel meines Bruders; Peter Henisch, Die kleine Figur meines Vaters) und geht in diesem Rahmen auch auf den für Gedächtnisromane so wichtigen Generationendiskurs ein. Das folgende Analysekapitel geht "der Problematik eines (aneignenden) Blicks nach und fragt […] nach der Rolle von Fotografien als Zeugen eines 'anderen' Gedächtnisses." (S. 39). Hier stehen Monika Marons Pawels Briefe und noch einmal Sebalds Ausgewanderte im Mittelpunkt. Nach der Analyse von Marcel Beyers Spione und Kurt Drawerts Spiegelland widmet sich die Autorin der Gegenüberstellung von Sebalds Austerlitz und Stephan Wackwitz’ Ein unsichtbares Land.
In ihrem Resümee nimmt sich die Autorin nicht nur der Zusammenfassung der Ergebnisse an, sondern versucht auch die unterschiedlichen Verwendungsweisen von Fotografien in literarischen Texten zu systematisieren. Sie fragt nicht nur, ob im literarischen Werk verdeckte oder manifeste Intermedialität zu beobachten ist, sondern auch nach Techniken der Einbettung von Fotografien und danach "welche Fotografien jeweils gezeigt und beschrieben werden." (S. 272)

Am Aufbau der Studie wird deutlich, dass Silke Horstkotte sehr heterogene Werke untersucht, die als gemeinsamen Nenner die Integration von (oder den Verweis auf) Fotografien besitzen und die das Erinnern der Protagonisten an die Zeit des Zweiten Weltkrieges thematisieren. Die Heterogenität der Primärwerke ist für die Studie ein Gewinn, da nur so die vielfältigen Funktionen der Fotografie für das kollektive, individuelle und kommunikative Gedächtnis deutlich gemacht werden können. Die Argumentationen der Autorin sind zu jedem Zeitpunkt nachvollziehbar und kompetent.
Besonders hervorzuheben, da sich Horstkotte hier positiv von anderen LiteraturwissenschaftlerInnen abgrenzt, ist die Tatsache, dass sie den in den fiktionalen Text eingebetteten Fotografien sehr viel Raum zugesteht und diese sorgsam analysiert. So kommt sie insbesondere bei der Analyse der Werke W.G. Sebalds zu spannenden und innovativen Ansichten: Sie widmet nicht nur den Fotografien selbst eine große Aufmerksamkeit, sondern analysiert auch die sie umgebenden Zitate und entdeckt hier intertextuelle Verweise, die die Bedeutung der Fotografien und des gesamten Werkes erhellen. So weist sie beispielsweise nach, dass der Beginn der Erzählung Paul Bereyter an ein Zitat aus Jean Pauls 'Vorschule der Ästhetik' angelehnt ist. Während die erwähnten "Nebelflecken" bei Jean Paul eindeutig in einem astronomischen Zusammenhang stehen, wird in Sebalds verkürzter Version der Begriff doppeldeutig, da er hier auch auf eine Augenkrankheit verweist, die nicht nur mit dem schlecht sehenden Protagonisten, sondern auch mit der Unschärfe der einleitenden Fotografie in Verbindung steht.
Weiterhin legt Horstkotte dar, wie wichtig für Sebald das Arrangement von Bild und Text war und dass dieser Autor die Schrift als konstitutiv für die ästhetische Wirkung des Fototextes begriff.
Zwar sind die Studien zu Sebald besonders herausragend, doch zeichnen sich auch die Überlegungen zu den anderen Autorinnen und Autoren durch ein tiefgreifendes Verständnis für die Erinnerungsliteratur aus. Dabei verliert Horstkotte ihr wesentliches Erkenntnisinteresse, nämlich die Funktionen der enthaltenen Fotografien für den Gedächtnisprozess, nie aus dem Auge.

Obwohl ihre Monographie nur einen knappen Einblick in die wissenschaftlichen Diskussionen zur Erinnerungs- und Gedächntniskultur und zur Ontologie des fotografischen Bildes liefert, lassen sich die Analysen der Autorin sehr gut nachvollziehen. Dies liegt auch darin begründet, dass Horstkotte meist werkimmanent arbeitet und nur in kurzen, aber sehr prägnanten Abschnitten auf Theorien der Holocaust- und Gedächtnisforschung verweist. Aus diesem Grund eignet sich Horstkottes Habilitationsschrift weniger als Einstieg für Interessierte an Intermedialitäts-, Gedächtnis-, Holocaust- und Fototheorien, sondern vielmehr für die fortgeschrittene Analyse der von ihr behandelten Primärwerke. Hier steht die Verknüpfung von Fotografie und Gedächtnis im Mittelpunkt, doch auch zum allgemeinen Verständnis der Werke trägt die Autorin viel wertvolles Material zusammen.
An einigen Stellen, wie zum Beispiel im Resümee, wären noch ausführlichere grundsätzliche Überlegungen zum Verhältnis 'Literatur und Fotografie' und 'Fotografie und Gedächtnis' ein zusätzlicher Gewinn gewesen.
Silke Horstkotte löst ihren Anspruch, eine Forschungslücke zu schließen, ein: Sie legt eine fundierte, gut zu lesende und stilistisch ansprechende Studie vor, die die zentralen Funktionen von Fotografie für den Gedächtnisprozess in einem großen Textkorpus kompetent erläutert. Darüber hinaus leistet die Autorin herausragende Analysen der von ihr ausgewählten Primärwerke, vor allem, aber nicht nur, unter dem Gesichtspunkt ihrer intermedialen Potentiale.


Silke Horstkotte: Nachbilder. Fotografie und Gedächtnis in der deutschen Gegenwartsliteratur. Köln: Böhlau, 2009. 325 S., gebunden, 42,90 Euro. ISBN: 978-3-412-20321-4



Inhaltsverzeichnis


Danksagung 7

Einleitung 9

Prozessionen und Trauerzüge
Intermedialität und Intertextualität in W.G. Sebalds Die Ringe des Saturn 43

Zitate, Embleme
W.G. Sebald, Die Ausgewanderten 77

Unscharfe Fotos
Uwe Timm, Am Beispiel meines Bruders; Ulla Hahn, Unscharfe Bilder; Peter Henisch, Die kleine Figur meines Vaters 115

Den Anderen vergegenwärtigen
Monika Maron, Pawels Briefe; W.G. Sebald, Die Ausgewanderten 147

Zwischen Fokalisierung und Fiktionalisierung
Kurt Drawert, Spiegelland; Marcel Beyer, Spione 185

Die Geister von Auschwitz
W.G. Sebald, Austerlitz; Stephan Wackwitz, Ein unsichtbares Land 215

Schluß 269

Literaturverzeichnis 283
Abbildungsverzeichnis 321
Personenregister 323

Memory and Photographs

In her postdoctoral lecture qualification, Silke Horstkotte explores the importance of photography for the representation and problematisation of memory in literature, particularly memories of the Second World War and the Holocaust. Horstkotte systematically analyses individual photographs in conjunction with literary excerpts which reproduce or refer back to them, thereby revealing levels of intermediality. By this means, Horstkotte exceeds her original research goal and contributes to a deeper understanding of the works of W.G. Sebald, Ulla Hahn, Monika Maron and other writers.



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