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Die Macht der Erzählung

Eine Rezension von Jan Rupp (Heidelberg)

Knellwolf King, Christa; Margarete Rubik (Hg.): Stories of Empire. Narrative Strategies for the Legitimation of an Imperial World Order. Trier: WVT, 2009.

Erzählungen haben maßgeblich daran mitgewirkt, das imperiale Expansionsstreben zu legitimieren. So hat Edward Said die Rolle des Narrativen, besonders die des Romans, in seiner mittlerweile klassischen Studie Culture and Imperialism (1993) beschrieben. In deutlicher Nähe zur narrativen Wende in den Literatur- und Kulturwissenschaften treibt ein kürzlich erschienener Sammelband diese Diskussion über den Zusammenhang zwischen Erzählung und Empire weiter voran. Unter Rückgriff auf kognitivistische Ansätze der Erzählforschung werden neue Erkenntnisse darüber beigesteuert, wie tiefgreifend narrative Strukturen die Wahrnehmung des Empire geprägt haben. Dabei werden nicht nur Romane in den Blick genommen, sondern auch die Fein- und Tiefenstrukturen des Narrativen, die bis in den Bereich kognitiver Schemata und Skripte hineinreichen. 


"[S]tories are at the heart of what explorers and novelists say about strange regions of the world", schreibt Said: "The main battle in imperialism is over land, of course; but when it came to who owned the land, who had the right to settle and work on it, who kept it going, who won it back, and who now plans its future – these issues were reflected, contested, and even for a time decided in narrative. […] The power to narrate, or to block other narratives from emerging, is very important to culture and imperialism, and constitutes one of the main connections between them." (Vgl. Edward Said: Culture and Imperialism (1993). London: Vintage, 1994, S. xiii) Das längere Zitat sei gestattet, weil darin einige zentrale Prämissen bezüglich der konstitutiven Rolle von Erzählungen enthalten sind, die von den Beiträgen in Stories of Empire. Narrative Strategies for the Making of an Imperial World Order geteilt werden. Allerdings erweitern die Herausgeberinnen Christa Knellwolf King und Margarete Rubik in ihrer Einleitung den Fokus in innovativer Weise: Nicht nur um den Roman und andere literarische Gattungen soll es gehen, sondern auch um die Mikroebene des Narrativen: "The concept of 'stories of empire' […] must not directly be equated with the set of narratives, or genres, that were used to describe activities performed in the interest of empire. What we call stories of empire also describes narrative elements, or conceptual carriers, which are embedded within larger narrative structures." (S. 3) Von dort aus wird der Bogen zu kognitivistischen Theorien geschlagen: So seien "stories of empire" weiterhin dadurch gekennzeichnet, dass sie bis in den Bereich häufig unbewusster kognitiver Schemata und Skripte hineinreichten.

Den Blick für die Feinstrukturen der Erzählung richten die Beiträger/innen einerseits auf klassische Gattungen und Texte kolonialer Literatur – Abenteuergeschichten über den indischen Aufstand von 1857 (Vera Nünning), den Reisebericht (Margarete Rubik, Christa Knellwolf King) und Einzeltexte wie Joseph Conrads Heart of Darkness (John Storey). Andererseits werden aber auch die verdichteten Erzählungen kollektiver Schemata für sich genommen untersucht, so z.B. Metaphern als "mini-stories of empire" (Ansgar Nünning). In beiden Fällen wird eindrucksvoll die Reichweite kognitiver Wahrnehmungsstrukturen dargelegt, die entweder selbst ein narratives Potential entfalteten – wie z.B. die Metapher des Empire als Familie – oder im Verbund mit Erzählungen die Erfahrung des Empire deuten und narrativisieren halfen, z.B. dann, wenn sich immer gleiche Sichtweisen der Inder als Bösewichte und der Briten als Helden in literarischen Charakterisierungen wiederfanden. Gerade weil Erzählungen auf kollektive Schemata wie z.B. bestimmte Annahmen über das Fremde oder die Vorstellung natürlich gewachsener Familienbande zurückgriffen und diese verfestigten, konnten sie so wirksam das imperiale Expansionsstreben plausibilisieren und legitimieren.

Eine ganze Reihe von Beiträgen widmet sich allerdings auch kritischen "stories of empire" – d.h. Erzählungen, die etablierte Schemata eher in Frage stellen und ersetzen als übernehmen. Solche Operationen werden z.B. in sogenannten "invasion narratives" (Michael C. Frank) des späten 19. Jahrhunderts beobachtet sowie in verschiedenen Beispielen zeitgenössischer Literaturproduktion (Linda Lang-Peralta, Martin Löschnigg, Ursula Kluwick). Damit wird eine Tradition (post-)kolonialer Kanonrevision erschlossen, die notwendig zum Spektrum der "stories of empire" hinzugehört, durch den Titel des Bandes allerdings leider nicht gewürdigt wird.

Es gehört wohl zu den Vorrechten von Sammelbänden, nicht nur den Pfad eines gemeinsamen Oberthemas zu beschreiten, sondern abseits des Weges eigenen Forschungsschwerpunkten verpflichtet zu bleiben. Dies führt dazu, dass der avisierte Brückenschlag zwischen narrativen und kognitivistischen Theorien sich recht unterschiedlich gestaltet und eine theoretisch-methodische Diskussion nicht durchgängig erkennbar ist. Insgesamt wird jedoch sehr eindrucksvoll und innovativ der Wirkungskreis des Narrativen demonstriert und erweitert. Saids Beobachtung, dass der Machtanspruch des Empire nicht unwesentlich an die Macht der Erzählung gebunden war, ist nach der Lektüre umso einleuchtender.


Christa Knellwolf King und Margarete Rubik (Hg.): Stories of Empire. Narrative Strategies for the Legitimation of an Imperial World Order. Trier: WVT, 2009. 243 S., broschiert, 24,50 Euro. ISBN: 978-3-86821-074-3


Inhaltsverzeichnis


Introduction 1

Christa Knellwolf King and Margarete Rubik
Formulae for Imperial Story Telling: The Formation and Dissemination of Imperial Values in Victorian Narratives 13

Vera Nünning

"The spoiled adopted child of Great Britain and even of the Empire”: A Symptomatic Reading of Heart of Darkness 37

John Storey
"A Question of Literature”: The Romantic Writer and Modern Wars of Empire 49

Neil Ramsey
Reverse Imperialism: Invasion Narratives in English Turn-of-the-Century Fiction 69

Michael C. Frank
Metaphors as Mini-Stories of Empire: On the Dissemination of Imperialist Mentalities and Values through Metaphors 93

Ansgar Nünning

Making Babies in the South Seas: Captain Cook’s Problematic Properties 121

Jonathan Lamb
Adventurer, Western Observer and Female Scientist: The Conflicting Interests of Ida Pfeiffer’s Travelogues 137

Margarete Rubik
The Novara Expedition and the Imperialist Messages of Exploration Literature 157

Christa Knellwolf King
Ancient Historiography as Imperial Narrative: The Case of Macedonia and the Second British Empire 177

C. Akça Ataç

Strategies of Subversion in the Work of Lessing, Achebe, and Ngūgī 189

Linda Lang-Peralta

"[A] good disaster”: John Franklin as Imperial (Anti-)Hero in Rudy Wiebe’s A Discovery of Strangers (1994), Mordecai Richler’s Solomon Gursky Was Here (1989) and Sten Nadolny’s Die Entdeckung der Langsamkeit (1983) 203

Martin Löschnigg
Magic Realism and the Illegitimate Empire 219

Ursula Kluwick
Notes on Contributors 233

Index 237

The Power of Narrative

Stories were instrumental in legitimising imperial expansion – this is how Edward Said described the role of narrative, specifically that of the novel, in his now classic study Culture and Imperialism (1993). Closely corresponding to the narrative turn in literary and cultural studies, this discussion of the connection between story and empire is continued in a recent collection of articles, which utilises cognitive approaches to narrative and contributes new insights into how profoundly the experience of empire has been shaped by narrative structures. Thus, not only novels are taken into view, but also the fine and deep structures of narrative which extend right to the sphere of cognitive schemata and scripts.



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