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Das Plagiat als Narrativ der Öffentlichkeit – Eine Literaturgeschichte des geistigen Diebstahls

Eine Rezension von Mirjam Horn

Theisohn, Philipp: Plagiat. Eine unoriginelle Literaturgeschichte. Stuttgart: Kröner, 2009.

Der vorliegende Band des Germanisten Philipp Theisohn erörtert das sowohl skandalisierte als auch tabuisierte Phänomen des Plagiats. Als pointiert "unoriginelle Literaturgeschichte", so der Untertitel, untersucht Theisohn in 14 Kapiteln Ursachen, Rahmenbedingungen und konkrete Fälle des Diebstahls (literarischen) geistigen Eigentums in ideengeschichtlicher Reihenfolge von der Antike bis zur Copy/Paste-Mentalität im digitalen Zeitalter. Neben einer detektivischen Erkundung des Tatortes Plagiat erhält der Leser nicht nur Einblicke in Funktions- und Wirkungsweisen ‚unethischer’ Literaturproduktion, sondern auch in die grundlegende Verfasstheit des kulturellen Betriebs, die Signifikanz medialer Umbrüche und das Selbstbild aller beteiligten Agenten.  


Bereits im Vorwort seines knapp 600-seitigen Kompendiums erläutert Philipp Theisohn die Motive seiner Auseinandersetzung mit dem oft als Krankheit oder, substantieller, als Virus bezeichneten Plagiat. So legitimiert er seine Diskussion im Rahmen einer Mentalitätshistorie als geistesgeschichtliche Notwendigkeit, da gerade der Diebstahl textlichen Eigentums essentielle Fragen nach der Verfasstheit der Literatur selbst aufwirft und diese zu beantworten sucht.

Konsequenterweise stellt der Autor deshalb dem chronologischen Abarbeiten an der tatsächlichen Geschichte des 'Menschenraubs' (lat. plagium) eine Funktionsanalyse des Phänomens selbst voran. So sei der Tatbestand des Plagiats nicht allein durch sein bloßes Auftreten erfüllt, sondern immer als "Plagiatserzählung" (S. 14) zu verstehen, die über die Triade von Plagiiertem, Plagiator und der (medialisierten) Öffentlichkeit funktioniere: "Ein Plagiat, das niemand bemerkt, ist keines" (S. 3). Da dabei zudem ein immanentes Verhältnis von Text und Autor erörtert werde, also "der Umstand, dass Plagiatsdenken dem Schreiben eine Physiognomie unterstellt, die als Signatur des Verfassers gewertet und wiedererkannt werden kann" (S. 18), überschreite der geistige Diebstahl zwar Grenzen des Rechtsbewusstseins, sei aber vor allem eine Konfrontation zweier (oder mehrerer) Personen, die durch die Aneignung des einen eine konkrete Persönlichkeitsverletzung des anderen hervorrufe.

Während im ersten Kapitel die Entstehungs- und Funktionsweise des Plagiats durch genaue historische Dekodierung und Interpretation seziert wird und damit eingespielte Definitionen überzeugend relativiert werden, stellt Theisohn in den folgenden Abschnitten die geistesgeschichtlichen Phasen der Antike, des Mittelalters, der Frühen Neuzeit, der Aufklärung, der Romantik, der (Post-)Moderne und der Jetztzeit im Hinblick auf Agenten, Fälle und jeweils dominierende Konzepte 'unethischer' Literaturproduktion vor. Die Häufigkeit der angeführten Fälle wie auch die Prominenz der überführten Plagiatoren – nach Theisohn mehr oder minder das gesamte Personal der Literaturgeschichte – lassen hierbei den Schluss zu, dass es sich beim Plagiat nicht um die Erscheinung skandalträchtiger Einzelfälle handelt, sondern dass es den eigentlichen Regelfall der Literatur darstellt.

Diesen Eindruck untermauert der Autor unter anderem durch die Einbindung philosophischer Denktraditionen. So gelte das platonische Höhlengleichnis als Legitimation der mímesis, der Nachahmung der Wahrheit, wie sie in Autorschaftskonzepten der Antike und des Mittelalters vorherrscht. Theisohn stellt hier sowohl für den philosophischen wie auch den literarischen Diskurs eine Unterscheidung zwischen seriöser und unseriöser Nachahmung heraus, die, eben bezogen auf die Verpflichtung zur Wahrheit, über den Fortgang (und die Bewertung) der Plagiatserzählung entscheidet. So reihe sich die seriöse Kopie vorangegangener Motive oder stilistischer Merkmale hauptsächlich aus zwei Gründen in die akzeptierten Methoden der Literaturproduktion ein: zum einen sei sie im Kontext der Dichterwettkämpfe (mit Neid als Motor) durch "systematische Textkonfrontation" (S. 53) als künstliche Eigentumsidee erst konstruiert worden und, zum anderen, als Teil einer "Bibliothek monumentaler Unbeweisbarkeit" (S. 63 f.) nachhaltig bestehen geblieben.

Auch in den folgenden Kapiteln wird eine Ansammlung von Narrativen des geistigen Diebstahls identifiziert, indem Betroffene, 'Täter' und vor allem Texte zu Wort kommen. So erfasst der Autor die mediale Umwälzung durch den Buchdruck als dialektische (lies: widersprüchliche) Entwicklung, die sowohl die Stabilisierung des Textes und – im Gegensatz zum skriptorischen Mittelalter – die beseelte Verbindung von Material und Autor als auch "Szenarien der Entfremdung und Degeneration" (S. 149) zu verantworten habe. In dieser letztgenannten Angst vor dem 'Seelenverlust' sieht Theisohn die ultimative neuzeitliche Definition des Plagiats mit ihren obsessiven Eigentumsansprüchen beheimatet, die sich durch das Nachziehen philosophischer und literarischer Manifeste in der Aufklärung und natürlich in der Geniezeit verhärtet.

Philipp Theisohns als Bindestrichgeschichte vorliegende Analyse stellt ihr Sujet, den Diebstahl geistigen Eigentums, mit Hilfe der 'Plagiatserzählung' als konzeptuellem Rahmen umfassend vor und belässt es nicht bei einer zu erwartenden "Plagiatsschnüffelei" (S. 52) und einfachen Gut-Böse-Oppositionen. Es gelingt ihm in hohem Maße, die soziokulturellen Voraussetzungen, strukturellen Eigenheiten und Machtverhältnisse zu dechiffrieren, und er vermag hiermit nicht nur eine Plagiatsgeschichte zu skizzieren, sondern auch die im Literaturverständnis und -betrieb vorherrschende Hierarchie von Original und Kopie zu relativieren. In seiner auch bibliographisch präzisen Untersuchung geraten jedoch bisweilen gerade die Beispiele zu einer stark verdichteten Beschreibung, die nicht ausreichend kontextualisiert wird. Daraus resultiert ein hoher Grad an Verkürzung, der eine genaue Kenntnis des Kanons und auch Streitfälle der angeführten Literatur (v. a. der Antike) voraussetzt. Die kurzweilige Schilderung erhöht zwar den Zugang und die Lesbarkeit, behindert als streckenweise Polemisierung jedoch Theisohns Anliegen, das Plagiat von seinem anrüchigen Beigeschmack zu befreien und zu ent-skandalisieren. Insgesamt bleibt seine "unoriginelle Literaturgeschichte" zwangsläufig fragmentiert, lädt allerdings durch die zahlreichen Querverweise und die extensive Bibliographie zu selbstständigen Recherchen und Bewertungen des Plagiats ein.


Theisohn, Philipp: Plagiat. Eine unoriginelle Literaturgeschichte. Stuttgart: Kröner, 2009. 577 Seiten, kartoniert, 26,90 €. ISBN: 9783520351012



Inhaltsverzeichnis





Vorwort ....XI

I. Eine unoriginelle Literaturgeschichte .... 1
Ein Mann von dreißig Jahren ....1
Drei Thesen .....3
Der Ozean der Literatur und seine Bewohner ..... 3
Die Plagiatserzählung .....14
Die ›Persönlichkeit‹ des Textes ....18
Zur Dynamik und Dimensionierung des Plagiarismus .... 26
Die ›unoriginelle Literaturgeschichte‹ als Widerspruch .....31

II. Wettkampf, Wolken und Wahrheit (Griechenland) .....35
Éris – die Gottheit des Plagiats .....35
Die Komödie als Geburtsort des Plagiats .....40
Klopé – das Gedächtnis des Plagiats .....49
Die philosophische Wurzel des Plagiats ......54
Die Literatur als Ursünde des Plagiats ..... 59
Die unsichtbare Bibliothek der Plagiate ..... 62

III. Sklaven und Bienen (Rom) .....66
Die ungleichen Brüder ..... 66
Die Herren, die Sklaven, die Freien .....71
Die imitatio als Beruhigung des plagiatorischen Gewissens .....79
Von Mann zu Frau zum Mann – gestohlene Libido ..... 89
Die Geschichtsschreibung als Krisengebiet der imitatio .....94

IV. In Ketten (Spätantike und Mittelalter) .....98
Nichts Neues ......98
Literatur als Kette – die Poetologie des Kommentars .....105
Wiedererzählen: Stofferoberer und Geschichtenjäger .....111
Die unauflösbare Fremdheit: Provokateure und Tönediebe .....122

V. Der Druck, die Person – und Literatur als Geschäft (Das 15. und das 16. Jahrhundert) .... 131
Ein Wort kehrt zurück .....131
Universalität und Veräußerung der Person – zur Dialektik des Drucks .....139
Meuterei .....149
Luther und das Paradoxon gestohlener Arbeit .....156
Die gestohlene Seele der Reformation .....162

VI. Die Ökonomie der literarischen Seelen. Drei Lektüren (Das 17. Jahrhundert) ..... 166
Psychagogie .....166
Die Zauberer .....172
Der Arm des Cid .....188
Das Plagiat als Kriegskind ..... 204

VII. Wem das Wissen gehört (Aufklärung) .....222
Frei und verkauft .....222
Scharlatane .....227
Zedler und die Töchter der Mnemosyne .....235

VIII. Die Eroberer (Geniezeit) .....250
Ein Schreiben .....250
Der Nachdruck als Staatsaffäre: Reich gegen Trattner .....253
Wieland oder Der Nachdrucker als Advokat des Autors .....259
Vom Grundstoff der Literatur .....264
Das Original und die Vertauschung der Zeiten ......272
Das fremde Feuer – Prometheus, der Dieb .....278
Das große Wollen und seine Opfer .....283
Plagiarismus und Melancholie ......289

IX. Schattenwirtschaft (Romantik) .....295
Kredit .....295
›Sym-‹ oder die Poesie als ökonomisches System .....304
Ausgerissenes Papier I: Jean Paul .....311
Ausgerissenes Papier II: E.T.A. Hoffmann .....319
Der höllische Eigentümer .....323

X. Die Erben (Das 19. Jahrhundert) .....333
Markt und Gesetz .....333
Verstehen und Missverstehen .....341
Ein Grenzfall .....350
Die Verspäteten ......354
Der Plagiator als Depositar .....63
Der Realismus und die Abschilderung gelesener Wirklichkeiten – vom Plagiat zum Zitat ..... 368

XI. Irregehen (Moderne) ......377
Muther: Einführung in die Logik plagiarischer Eskalation .....377
Ein Fall für den Arzt ....385
Der Recitator Reichmann ....399
Plagiatorische Paranoia ....407
Fließ und die gestohlene Bisexualität .....412

XII. Geschichten aus der Produktion (Zwischen den Kriegen) ......425
Der Superdelinquent ......425
Material.....432
Die Gründe der Reinlichkeit .....439
Die Firma .....446

XIII. Verantwortlichkeiten: Postmoderne, Opfer, Täter (Von 1945 bis heute) .... 460
Mister White ....461
Person als Text, Text ohne Person .....469
Unpersönliche Texttheorie .....475
Wilkomirski oder Die Enteignung der Opfer .....481
»meine Geschichte« .....491
Die Auslöschung der Zeugen oder die Lyrik als antiplagiarisches Sprechen ....501

XIV. Copy/Paste: Das Plagiat als digitaler Schatten (Heute und morgen) .... 518
Die Verteidigung des Körpers .....518
Das Plagiat als Effekt medialer Interferenz .....525
»Es gibt keine Software« .....529
Die Oberfläche .....532
Was uns nicht zu nehmen ist ....536

Literatur .....541
Abbildungsverzeichnis ....569
Register ....571

Plagiarism as Public Narrative – A Literary History of Intellectual Theft

In this volume German scholar Philipp Theisohn addresses the much scandalised and tabooed phenomenon of plagiarism. His "unoriginal literary history" of 14 chapters presents both general causes and conditions of intellectual property rights violation and specific examples thereof, and encompasses ideo-historical phases from antiquity to the digital age with its 'copy/paste' practices. Alongside a thorough investigation of the plagiarist crime scene, the reader is also granted rare insight into the forms and effects of 'unethical' literary production, the fundamental disposition of the cultural industry, the significance of medial transformations, and the self-perception of all parties involved.


© bei der Autorin und bei KULT_online