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Das europäische Imaginäre

Eine Rezension von Dr. Kai Marcel Sicks

Bluche, Lorraine; Veronika Lipphardt und Kiran Klaus Patel (Hg.): Der Europäer - ein Konstrukt. Wissensbestände, Diskurse, Praktiken. Göttingen: Wallstein, 2009.

Der von Lorraine Bluche, Veronika Lipphardt und Kiran Klaus Patel herausgegebene Sammelband untersucht an 13 Fallbeispielen Entwürfe einer europäischen Identität aus den letzten hundert Jahren. Auch wenn der Band nur einen kleinen Ausschnitt aus den je nach nationalem Ursprung, Wissensfeld und politischem Kontext unterschiedlichen Konstruktionen von europeanness präsentiert, bietet er doch spannende Studien, die einen guten Einblick in die Komplexität und Weite des Forschungsfeldes vermitteln. 


Seit einigen Jahren ist Europa als Forschungsgegenstand nicht mehr ausschließlich den Politik- und Rechtswissenschaften überlassen, die sich mit der ökonomischen, politischen und juridischen Integration der Europäischen Staatengemeinschaft auseinandersetzen. Zunehmend interessieren sich auch die geisteswissenschaftlichen Fächer für Fragen des Europäischen; in der Regel fühlen sie sich dabei für das Problem der kulturellen Grundlagen Europas zuständig. So thematisiert der nun von Lorraine Bluche, Veronika Lipphardt und Kiran Klaus Patel herausgegebene Sammelband Der Europäer – ein Konstrukt diskursive wie praktische Hervorbringungen einer europäischen Identität seit dem Ende des Ersten Weltkriegs. Er fokussiert dieses Problem, indem er sich auf den zentralen Protagonisten und Träger der europäischen Identität konzentriert: den Europäer. Welche Vorstellungen vom Europäer, so die grundlegenden Fragen des Bandes, kursieren seit dem Ersten Weltkrieg, in welchen Registern wird seine europeanness konstruiert, welche Folgen haben diese Konstruktionen für die soziale Praxis?

Die Wissensfelder, innerhalb derer die Figur des Europäers hergestellt wird ('Schauplätze' in der Terminologie der Einleitung von Kiran Klaus Patel und Veronika Lipphardt), sind ebenso heterogen wie ihre nationalen Kontexte und die politisch-rhetorischen Strategien, die hinter den Hervorbringungen des Europäertums stehen. Daraus ergibt sich notwendig, dass der Sammelband im Rahmen des projektierten Forschungsanliegens nur schlaglichtartige Einblicke gewähren kann. Den Herausgeber/innen ist es allerdings gelungen, ein breites Spektrum an Konstruktionen von europeanness aufzurufen und so eine Vorstellung von der Komplexität und Weite ihres Forschungsfelds zu vermitteln. Als zentrale Gemeinsamkeit der von ihnen untersuchten Konstruktionen halten sie fest, dass der Europäer zumeist als historisches Subjekt gezeichnet wird, das aktiv und individualisiert handelt. Dabei schafft sich – so der Entwurf – der europäische Mensch eine Gesellschaft, die seine freie Entfaltung gewährt, ohne seine Auslieferung an das entindividualisierende Spiel der Märkte zuzulassen. Dieser Konstruktion wohnt schließlich eine Herrschaftsdimension inne, da das Verhältnis zwischen dem 'aktiven' Europäer und dem 'passiven' Nicht-Europäer als "asymmetrische Machtbeziehung" (27) konzipiert bzw. gelebt wird.

Die konkreten Diskurse und Praktiken, die den Europäer erzeugen, untersucht der Band in 13 Beiträgen, die chronologisch angeordnet sind und den Zeitraum von der Zwischenkriegszeit bis in die Gegenwart abdecken. Das vertretene Fächerspektrum erstreckt sich dabei in einer der Thematik angemessenen Weise von historischen über musikwissenschaftliche und politikwissenschaftliche bis hin zu ethnologischen Studien. Die Beiträge orientieren sich sämtlich eng an den skizzierten Leitfragen, so dass der Band insgesamt eine kohärente und vieldimensionale Bearbeitung seines Forschungsanliegens bietet.

Als zentrales Wissensfeld, innerhalb dessen der Europäer insbesondere vor (teils aber auch noch nach) 1945 konstruiert wird, erscheint die Anthropologie. So beschäftigt sich der Beitrag von Myriam Spörri mit der Seroanthropologie, die in den 1920er Jahren den Zusammenhang von Blutgruppe und 'Rassen'-Zugehörigkeit zu belegen sucht. Der Europäer wird dabei vom Asiaten und Afrikaner abgegrenzt, indem ihm die höherwertige, weil angeblich reinere Blutgruppe A zugeordnet wird. Wie einige andere Autor/innen zeigt Spörri zugleich, dass die Differenzierung von Europäern und Nicht-Europäern von einer Differenzierung innerhalb Europas überlagert wird, der zufolge Nordwesteuropäer für höherwertig gehalten werden als Südosteuropäer. Der Diskurs über den Europäer ist demnach häufig in nationale bzw. nationalistische Diskurse eingebettet, in deren Kontext Europäersein entweder als Äquivalent zu Deutschsein, Englischsein etc. dient oder als Gegenentwurf zur nationalen Identität eingesetzt wird.

Neben den biologisch-anthropologischen Versuchen zur Konstruktion des Europäischen finden sich durch das gesamte 20. Jahrhundert hindurch Bemühungen um eine Bestimmung der kulturellen Eigenarten des Europäers. Immer wieder lässt sich in diesem Zusammenhang der Rückbezug auf die griechisch-römische Antike als Ursprung europäischer Kultur und gemeinsames geistiges Erbe Europas erkennen. Wolfgang Schmales Beitrag führt aus, wie nach 1945 eine vor allem in Frankreich und Deutschland geführte Debatte um den "europäistischen" Menschen die biologischen Argumentationen der Anthropologie ebenso wie den hypertrophen Nationalismus des Zweiten Weltkriegs hinter sich lassen will. Zu diesem Zweck bemühen die an der Debatte beteiligten Intellektuellen (u.a. Carlo Schmid und André François-Poncet) den Mythenschatz des klassischen Altertums, um aus ihm nicht nur die Utopie eines geeinten Europas, sondern auch die Grundlage eines gemeinsamen europäischen Charakters abzuleiten.

Im tatsächlich geeinten Europa der Gegenwart nimmt die Vielfalt der Entwürfe von europeanness weiter zu. Sie erscheinen dabei immer wieder in eine gouvernementale Strategie eingebunden, die der Stabilisierung der EU und ihrer Formung zu einem homogenen Wirtschafts- und Kulturraum dient. So wird der Europäer als ein aktiver und lernbegieriger Bürger konzipiert, der sein Schicksal in die eigene Hand nimmt und als "unternehmerisches Selbst" (so Erika von Rautenfeld in ihrem ausgezeichneten Aufsatz) bzw. "Biographiestratege" (Kerstin Poehls) persönliche wie berufliche Flexibilität sowie Mobilität groß schreibt. Europa wäre allerdings nicht Europa, wenn solche Konstruktionen vollständig widerspruchsfrei angenommen würden. Vielmehr erscheint die Auslagerung sozialer Verantwortung vom Staat auf den Einzelnen noch immer umstritten; 'der Europäer' wird indes zur Projektionsfläche, auf der sich solche Streitigkeiten austragen lassen.


Lorraine Bluche; Veronika Lipphardt; Kiran Klaus Patel (Hg.): Der Europäer – ein Konstrukt. Wissensbestände, Diskurse, Praktiken. Göttingen: Wallstein, 2009. 332 S., broschiert, 34,90 Euro. ISBN: 0 978-3835304444 Zur Verlagshomepage ...


Inhaltsverzeichnis

Kiran Klaus Patel/Veronika Lipphardt:
Einleitung 7

Hansjakob Ziemer:
Homo Europaeus Musicus. Musikwissenschaftler, Musik und kulturelle Identität im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts 33

Sandra Maß:
Weißer Mann was nun? Ethnische Selbstverortung zwischen kontinentaler Solidarität und nationaler Identifikation nach dem Ersten Weltkrieg 57

Myriam Spörri:
Das Blut in den Adern des Homo Europaeus. Zur sprachlichen und visuellen Konstruktion der Blutgruppe A als europäisch, 1919-1933 73

Jessica Wardhaugh:
Europäer erschaffen. Die Rolle der Zeitschrift Europe Revue Mensuelle, 1923-1939 97

Wolfgang Schmale:
Vom Homo Europaeus zum Homo Europeanus. Zur Debatte um "den europäischen Menschen" in den 1940er und 1950er Jahren 118

Lorraine Bluche und Kiran Klaus Patel:
Der Europäer als Bauer. Das Motiv des bäuerlichen Familienbetriebs in Westeuropa nach 1945 135

Veronika Lipphardt:
Von der "europäischen Rasse" zu den "Europiden". Wissen um die biologische Beschaffenheit des Europäers in Sach- und Lehrbüchern, 1950-1989 158

José M. Faraldo:
Das Europa der Gentlemen. Eine polnische Konstruktion des Europäers in den 1950er Jahren 187

Martin Rempe:
Crashkurs zum europäischen Entwicklungsexperten? Das Praktikantenprogramm der EWG-Kommission für afrikanische Beamte in den 1960er Jahren 207

Eva Kudraß:
Kultur-Körper. Der ausgestellte Europäer 229

Erika von Rautenfeld:
Die Anrufung zum "lernenden Europäer" in der EU-Bildungspolitik 255

Kerstin Poehls:

Performing EUropeanness. Kategorien und Praxen sozialer Differenzierung am Europakolleg 273

Kornelia Konczal:
Vom Schreckensbild zum Dressman. Le plombier polonais und die Macht der Imagination 299

The European Imagined

The anthology Der Europäer – ein Konstrukt. Wissensbestände, Diskurse, Praktiken (The European as Construct. Fields of Knowledge, Discourses, Practices) edited by Lorraine Bluche, Veronika Lipphardt and Kiran Klaus Patel presents thirteen case studies of European identity concepts within the last hundred years. Although the volume can only deliver selected insights into the inexhaustible construct of Europeanness, varying in their national origin, background discourse and political context, the papers are intriguing and show the breadth and complexity of the research field.


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