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Darstellung von Juden auf dem europäischen Sprech- und Musiktheater (1830-1940)

Eine Rezension von Dr. Agata Rothermel

Bayerdörfer, Hans-Peter; Fischer, Jens Malte (Hg.): Judenrollen. Darstellungsformen im europäischen Theater von der Restauration bis zur Zwischenkriegszeit. Tübingen: Niemeyer, 2008.

Die am Institut für Theaterwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität tätigen Bayerdörfer, Fischer und Halbach versammeln in ihrem Band Judenrollen 21 Untersuchungen zu der Darstellung von Juden auf dem europäischen Theater von der Restauration bis zur Zwischenkriegszeit. Analysiert werden hier nicht nur Stücke des Schauspieltheaters, wie z.B. Albert Dulks Drama Lea oder Arthur Schnitzlers Komödie Professor Bernhardi, sondern auch Werke des Musiktheaters, wie z.B. Opern von Hans Pfitzner oder Vincent d’Indy. Die Frage, wie jüdische Gestalten auftreten, steht dabei im Zusammenhang der Epoche, die sich vom Beginn der Emanzipation der Juden in Deutschland bis zu deren nationalsozialistischem Widerruf erstreckt. Bei den Studien ist von Bedeutung, welche Möglichkeiten den jüdischen Gestalten im Zeichen der Emanzipation zur Verfügung stehen, von welchen Positionen sie ferngehalten werden und welche Änderungen im Rollenprofil ihnen auferlegt werden. Im Ergebnis zeigt die vorliegende Herausgeberschrift, wie vielfältig und facettenreich sich die Karriere von jüdischen Figuren in der Oper und im Theater des 19. und 20. Jahrhunderts gestaltete.  


Vom Klischee des geldgierigen Verräters zur differenzierten Darstellung gesamtgesellschaftlicher Interessengeflechte – diese Spannbreite weisen die im vorliegenden Sammelband besprochenen Sprech- und Musiktheaterstücke auf. In den von Bayerdörfer, Fischer und Halbach zusammengestellten Untersuchungen geht es dabei primär um eine dramaturgisch akzentuierte Rollengeschichte. Die Herausgeber skizzieren eingangs die Geschichte der Darstellung von Juden im europäischen Theater von der Restauration bis zur Zwischenkriegszeit und verweisen auf eine bis weit in das 19. Jahrhundert hineinreichende inhaltliche Vergleichbarkeit zwischen Schauspiel- und Musiktheater.

Wie sich die "Judenrolle" bei gewandelter historischer Konstellation ändert, zeigt die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Theaterwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München Sabrina Cherubini in ihrem Beitrag anhand von drei musikalischen Adaptionen des Romans Leila or The Siege of Granada (1838) des englischen Schriftstellers Edward Bulwer-Lytton: Giuseppe Apollonis L'ebreo (Der Jude), Giuseppe Lambertis Leila di Granata. Melodramma tragico in tre atti di Felice Osasco und Karel Bendls Lejla. Die Autorin stellt fest, dass entsprechend der verschärften Problematik jüdischer Emanzipation die Darstellung der Judenfigur in Apollonis L´ebreo besonders prägnante Züge annimmt. Die starke Hervorhebung des Jüdischen geht mit einer negativen Charakterisierung einher, denn dem Judentum werden Fanatismus und Rachsucht bis zur Andeutung des angeblichen Menschenopfer-Brauches zugeschoben. Cherubini zeigt, dass die nähere Betrachtung allerdings eine gewisse Ambivalenz sichtbar macht. Der Kampf um Emanzipation wird durchaus ernsthaft thematisiert und verbindet sich mit der Darstellung des Mitleid erregenden Verfolgungsschicksals des Juden. 1868 ist die Emanzipationsfrage in Europa nicht mehr so brisant wie 1855, dem Jahr von Apollonis L'ebreo. Die Autorin schlussfolgert, dass Bulwer-Lyttons Vorlage in Bendls Oper der veränderten historischen Konstellation entsprechend zur reinen Kulisse für eine orientalisch angehauchte Liebesgeschichte wird. Die Reflexion über das Schicksal der Juden, das in Apollonis Werk noch Thema ist, tritt bei Bendl hinter exotische Szenerien und verführerische Frauenfiguren zurück, die mit dem Judentum in Verbindung gebracht werden.

Dass tiefverwurzelte antijüdische Topoi von manchen Autoren bewusst einbezogen werden, um sie zu hinterfragen und zu entlarven, veranschaulicht der Aufsatz Anat Feinbergs. Gegenstand des Beitrags der Honorarprofessorin am Lehrstuhl für Hebräische und Jüdische Literatur an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg ist das Drama Lea von Albert Dulk. Dulk betitelt sein Stück nach der fiktiven Schwester des Juden Joseph Süß Oppenheimer in Wilhelm Hauffs Novelle Jud Süß. Wie Feinberg herausstellt, werden jene Klischees, die bis dahin sowohl in Pamphleten als auch in der gehobenen Literatur den Juden zugeschrieben wurden und die von den weit verbreiteten Vorurteilen wie 'geldgierig', 'machthungrig' und 'verräterisch' zeugen, bereits im Verlauf des ersten Aufzugs in Frage gestellt. Dulk präsentiert die christlichen Kontrahenten Oppenheimers als einen moralisch und menschlich fragwürdigen Haufen. Sie sind hasserfüllt, verlogen und von eigenen Interessen getrieben. Süß, der von seinen Gegnern gemäß judenfeindlicher Tradition mehrfach als Teufel bezeichnet wird, erweist sich als scharfsinniger und wachsamer Realist, der der Gefahr ins Auge sieht. So versucht Dulk, wie Anat Feinberg deutlich macht, den Juden innerhalb des Geschehens als Opfer der Umstände darzustellen. Der Autor geht den Mechanismen von Machterhalt und Machtmissbrauch, der Feindschaft und der Ausgrenzung nach. Anhand des Schicksals seines Protagonisten setzt er sich darüber hinaus mit der Glaubensfrage auseinander, die in seinem Werk eine große Rolle spielt.

Einen sehr aufschlussreichen Beitrag stellt Ulrich Drüners kritische Auseinandersetzung mit den Judenfiguren bei Richard Wagner dar, gehört doch die Frage, ob es in Richard Wagners Musikdramen überhaupt Judenfiguren gibt, zu den heftigsten Streitpunkten der neueren Musik- (und Kultur-)geschichte. Der Musikantiquar führt aus, dass Wagner nach 1945 als Kulturobjekt gereinigt werden musste und man sich auf die 'Immanenz' des Kunstwerkes berief, der zufolge sich das Kunstwerk ausschließlich aus sich selbst zu erklären habe. Da das Wort 'Jude' in keinem einzigen Musikdrama Wagners vorkomme, gebe es dort auch keine jüdischen Figuren. Folglich existiere in Wagners Kunst kein Antisemitismus. Der Autor weist dies als oberflächliche Abwiegelung der Nachkriegzeit aus und zeigt am Beispiel Parsifals, dass das Wort 'Jude' zwar in keinem einzigen Libretto vorkomme, Kundry aber leicht als Jüdin identifizierbar ist. Wagner bezeichnete Kundry nämlich als eine 'Ahasvera', die weibliche Form des 'Ewigen Juden'. Die Forschungslage wiedergebend erläutert Drüner wie das Pingpong-Spiel zwischen den Parteien – hier diejenigen, die auf die Sichtbarkeit des Antisemitismus in Wagners Schriften verweisen und hier jene, die betonen, dass sich darin keine judenfeindlichen Kennzeichen finden lassen – in den 1990ern unterbrochen wird. Denn zunächst beschrieb Paul Lawrence Rose systematisch die verdeckten Konzepte der Judenfeindschaft in der Kulturlandschaft des 19. Jahrhunderts, anschließend untersuchte Marc A. Weiner, wie sich diese künstlerisch niederschlugen. Weiner erstellte ein Repertorium judenfeindlicher 'Kultur-Codes', mit dessen Hilfe er Wagners Partituren absuchte, mit dem Ergebnis, dass man bei Wagner den nach Optik, Stimme, Körpergeruch, Gang und Vererbung klassifizierten Codes auf Schritt und Tritt, in Wort und Klang, begegnet.

Fazit: Der vorliegende Sammelband gibt einen guten Überblick über die Darstellungsformen jüdischer Figuren im europäischen Theater von 1830 bis 1940. Im einführenden Vorwort skizzieren die Herausgeber die Geschichte der Darstellung von Juden im genannten Zeitraum, allerdings ohne konkreten Bezug zu den folgenden Beiträgen, was die Orientierung im Hinblick auf die Inhalte des Bandes erschwert. Darüber hinaus lässt der Band leider Informationen zu den beitragenden Autoren vermissen.
Die Beiträge jedoch sind kurz, prägnant und gut nachvollziehbar; die Verwendung der Fußnoten ist sparsam. Das breite Spektrum der Theater- und Musikstücke ermöglicht so insgesamt einen repräsentativen Einblick in die Thematik.


Hans-Peter Bayerdörfer und Jens Malte Fischer; unter Mitarbeit von Frank Halbach (Hg.): Judenrollen. Darstellungsformen im europäischen Theater von der Restauration bis zur Zwischenkriegszeit. Tübingen: Niemeyer, 2008 (Conditio Judaica - Studien und Quellen zur deutsch-jüdischen Literatur- und Kulturgeschichte 70). 359 S., 96 Euro. ISBN: 978-3-484-65170-8


Inhaltsverzeichnis

Hans-Peter Bayerdörfer/Jens Malte Fischer
Vorwort 1

Sieghart Döhring
Väterliche Liebe und Christenhass. Die Rollengestalt des Éléazar in Halévys La Juive 21

Daniel Jütte
Der jüdische Tenor als Éléazar. Heinrich Sontheim und die La Juive Rezeption im 19. Jahrhundert 41

Annemarie Fischer
Die 'Schöne Jüdin' in Oper und Schauspiel. Heinrich Marschners Der Templer und die Jüdin, Salomon Hermann Mosenthals und Josef Bohuslav Foersters Debora(h) 57

Sabrina Cherubini
Der Jude Almamen und seine Tochter Leila auf der Opernbühne. Drei Adaptionen von Bulwer-Lyttons Roman Leila or The Siege of Granada (1838) 77

Anat Feinberg
"Weil ich ein Jude bin". Albert Dulks Lea 89

Anette Spieldiener
Der Weg des 'erstbesten Narren' ins "Planschbecken des Volksgemüts". Gustav Raeders Robert und Bertram und die Entwicklung der Judenrollen im Possentheater des 19. Jahrhunderts 101

Sebastian Stauss
Bedrohte Idylle. Die Judenfrage im Elsaß als Dramensujet 113

Florian Krobb
"Bleib zurück, geh nicht in’ Garten!" Grillparzers Jüdin von Toledo als Traktat über die "Judenfrage" 125

Ulrich Drüner
Judenfiguren bei Richard Wagner 143

Sabine Busch-Frank
Worte oder Werke? Hans Pfitzners Judenbild in seinen Opern Die Rose vom Liebesgarten und Das Herz 165

Frank Halbach
Im Schatten Mimes? Jüdische Opernkarikaturen in Richars Strauss’ Salome und Ferruccio Busonis Die Brautwahl 179

Marion Linhardt

"Wer kommt heut’ in jedem Theaterstück vor? Ä Jud!" Bilder des 'Jüdischen' in der Wiener Operette des frühen 20. Jahrhunderts 191

Nikolaj Beier
Die komödienhafte Inszenierung einer antisemitischen Affäre. Arthur Schnitzlers Professor Bernhardi 207

Simone Lutz
"Du aber halte meinen Bund". Die Bibel als Paradigma jüdischer Identität in Beer-Hofmanns Jaákobs Traum 221

Andreas Englhart
Ernst Tollers Stationendrama Die Wandlung auf der expressionistischen Experimentalbühne Die Tribüne 237

Annie-Laure Drüner
Eine antisemitische Oper? Vincent d’Indys La Légende de Saint Christophe 255

Itta Shedletzky
"Mir is wat unheimlich". Dissonantes 'Versöhnungs-Theater' zwischen Ohnmacht und Selbstbehauptung. Jüdische Figuren in Else Lasker-Schülers Schauspiel Arthur Aronymus 275

Georg-Michael Schulz
Die "Zahlenmagie des Heiligen Mehrwerts". Nationalsozialismus, Inflation und der Ostjude Kaftan in Walter Mehrings Der Kaufmann von Berlin 293

Karin Kowalke

Drei unjüdisch-jüdische Künstler. Kurt Weills und Franz Werfels Bibelspiel The Eternal Road in der Inszenierung Max Reinhardts in New York 305

Ferdinand Zehentreiter
Der Gottesgedanke auf der Bühne. Schönbergs Oper Moses und Aron als Form der geistigen Synthese 325

Sigrid Bauschinger
'Das Urlicht über der Finsternis'. Nelly Sachs Eli 339

Personenregister 351

The Portrayal of Jews in European Theatre and Opera, 1830-1940

Editors Bayerdörfer, Fischer, and Halbach from the Institute for Theatre Studies of Ludwig-Maximilians-University in Munich assemble in their volume Judenrollen (Jewish Roles) 21 essays on the depiction of Jews in European theatre from the Restauration through the post-WWI era. There are not only analyses of theatre pieces like Albert Dulk's Lea or Arthur Schnitzler's comedy Professor Bernhardi, but also works of opera like those by Hans Pfitzner or Vincent d'Indy. The question how Jewish figures appear on stage is shown in its connection to the epoch which spans from the beginning of Jewish emancipation in Germany to its cancellation by the national socialists. Important questions are: which possibilities are available for Jewish figures, from which positions they are kept away, and which changes in their role profile are imposed on them. All in all, the present volume displays the various and multifaceted careers of Jewish figures in opera and theatre of the 19th and 20th centuries.



© bei der Autorin und bei KULT_online
Aktualisiert am 6.9.2011