Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Artikelaktionen

Transformationen des Millennialismus im afro-amerikanischen Diskurs

Eine Rezension von Dr. Agata Rothermel

Werner, Florian: Rapocalypse. Der Anfang des Rap und das Ende der Welt. Bielefeld: transcript, 2007.

In seiner Dissertation untersucht Florian Werner die Verwendung millennialistischer Topoi im afro-amerikanischen Diskurs anhand von Textbeispielen aus dem Bereich der
orature (Textformen, die einem primär mündlichen Diskurs entspringen) Ausgehend vom Rap zeichnet Werner die ästhetischen Wurzeln dieser zeitgenössischen Kunstform nach, beginnend mit den Spirituals, als frühester überlieferter Äußerung der afrikanischstämmigen Sklaven, über politische Lieder aus der Zeit der afrikanischen Kolonisationsbewegung, weltliche Blues-Stücke und so genannte chanted sermons der afro-amerikanischen Prediger. Auf 255 Seiten verdeutlicht der Autor, wie sich die Rede von der Endzeit unter je unterschiedlichen historischen Bedingungen veränderte. 


Wenn man den Texten vieler afro-amerikanischer Rapper glauben will, steht das Ende der Welt unmittelbar bevor. Dies verdeutlicht Florian Werner zu Beginn seiner aus sieben Kapiteln bestehenden Dissertation anhand eines Rap-Songs: Der Mond wird rot wie Blut, Erdbeben reißen den nordamerikanischen Kontinent in Stücke. Konzepte des Millennialismus durchziehen die gesamte afro-amerikanische orature, ein Begriff, der in Anlehnung an das Wort literature Textformen bezeichnet, die einem primär mündlichen Diskurs entspringen, z.B. Lieder, Predigttexte oder Reden. Anhand von Textbeispielen aus diesem Bereich zeichnet der Autor die wichtigsten Transformationen nach, die das Konzept des Millennialismus im afro-amerikanischen Diskurs durchlief.
Der Rap – der in der HipHop-Kultur gedeihende rhythmisierte Sprechgesang – ist die aktuellste Form der afro-amerikanischen orature. So bilden millennialistische Rap-Texte zwar den Fluchtpunkt der Studie, sind aber nicht das ausschließliche Thema. Der Autor setzt sich mit den ästhetischen Wurzeln dieser Kunstform und mit den Ursprüngen des millennialistischen Diskurses auseinander und geht dabei chronologisch vor.

Im ersten, einführenden Kapitel skizziert Werner die historischen Entstehungsbedingungen und Inhalte der wichtigsten apokalyptischen Passagen der Bibel, auf die die Spiritual-, Blues-, Predigt- und Rap-Texte immer wieder Bezug nehmen. Dabei zeigt er, dass die meisten Apokalypsen unter Bedingungen der politischen Unterdrückung und/oder der kulturellen Deprivation entstanden. Anhand eines Überblicks über die kategorial verschiedenen Phänomene des Prä-, Post- und Amillennialismus (Umformungen des millennialistischen Diskurses bis ins 18. Jahrhundert hinein) zeigt Werner, welche unterschiedlichen Ausprägungen das millennialistische Denken dabei erfahren kann.

Beschreibt der Autor im zweiten Kapitel den historischen und theologischen Boden, auf dem der Millennialismus der afro-amerikanischen Sklaven entstehen konnte und geht vornehmlich auf das millennialistische Selbstverständnis der puritanischen Pilgerväter ein, die die Christianisierung der Sklaven als Versuch verstanden, das Kommen des Millenniums zu beschleunigen, so zeigt er im dritten Kapitel die Strategien und die Konsequenzen der beschriebenen Zwangskonvertierung. Werner macht deutlich, dass das Christentum vielen Sklaven Trost gewährte, indem es die Belohnung des weltlichen Leidens "in der nächsten Welt" (S. 22) verhieß. Der Einführung in die musikalischen und formalen Eigenheiten der Spirituals, die eine der frühesten überlieferten Formen der afro-amerikanischen orature darstellen, folgt eine Diskussion ihrer Wurzeln im afrikanischen kulturellen und religiösen Diskurs sowie verschiedener Ausprägungen, die millennialistisches Denken unter den Vorzeichen der Sklaverei annehmen konnte.

Florian Werner verweist auf die Tatsache, dass die Spirituals stark einem individuellen Erlösungsgedanken verhaftet sind und dass ihnen das Element der kollektiven Veränderung, die die Apokalypse beinhaltet, fremd ist. Diese Seite des millennialistischen Diskurses findet erst mit der Abolitionismus-Bewegung, die sich seit Ende des 18. Jahrhunderts für die Abschaffung der Sklaverei einsetzte, in den afro-amerikanischen Diskurs. Der Autor zeigt im vierten Kapitel, wie der Gedanke an das kommende Reich Gottes in Nordamerika bereits im 18. Jahrhundert mit der Forderung nach Befreiung der Sklaven verbunden wurde. Die Umsiedlung befreiter Sklaven wurde als wichtiger Schritt in Richtung des Millenniums gedeutet. Werner macht transparent, dass den weißen Kolonisationsgesellschaften nicht zuletzt postmillennialistisch gestimmte Lieder, die den Sklaven die Auswanderung in die neu gegründete Kolonie Liberia attraktiv machen sollten, als diskursive Werkzeuge zur Popularisierung und Durchsetzung dieses Projektes dienten. Afro-Amerikaner wie der Dichter Joshua Simpson reagierten auf solche Strategien ihrerseits mit Liedern, die versuchten, die millennialistischen Verheißungen der Kolonisationslieder zu hinterfragen, um so die wahre Motivation hinter den Plänen der afrikanischen Kolonisationsbewegung transparent zu machen. Das fünfte Kapitel widmet sich dem chanted sermon des afro-amerikanischen Predigers, der in dieser Epoche, wie Werner aufzeigt, durch den apokalyptischen Ton schlechthin charakterisiert wird. So dient die Sprache der Johannes-Offenbarung in den Predigttexten des frühen 20. Jahrhunderts der Aufladung historischer Umbrüche wie der Weltwirtschaftskrise und schreibt sich in apokalyptische Bußpredigten ein.

Werner betont, dass Rap-Texte zwar Traditionslinien der schwarzen Kirchen und des Blues fortschreiben, diese Linien sich jedoch im Laufe des 20. Jahrhunderts, auf dem Weg von den Gotteshäusern der Südstaaten in die Ghettos der New Yorker Bronx, wo in den 1970ern der HipHop entstand, erheblich veränderten. Diese Veränderung vollzog sich durch die 1930 gegründete afro-amerikanische Nation of Islam, die Beziehungen zum Rastafarianismus aufweist. Im sechsten Kapitel seiner Dissertation setzt sich Werner mit der Entstehung des Rastafarianismus (Rastafari ist eine in der schwarzen Bevölkerung Jamaikas in den 30er Jahren aus dem Christentum entstandene Religion, die viele alttestamentarische Bezüge aufweist) und dessen Einfluss auf die HipHop-Kultur sowie mit der Ideologie der Nation of Islam auseinander. Der Autor zeichnet die Geschichte der Nation of Islam in Nordamerika nach und macht dabei auf den Einfluss aufmerksam, den die apokalyptische Mythologie der Black Muslims auf die Texte zeitgenössischer Rapper ausübt.

Im siebten und letzten Abschnitt der Studie kommt Florian Werner mit Rap-Texten zum Flucht- und Angelpunkt seiner Arbeit. Er untersucht je einen Text aus den 70ern, den 80ern, den 90ern und einen, der kurz vor der Jahrtausendwende entstand. Der Autor führt hier die in den vorangegangenen Kapiteln entwickelten Diskursfäden im Laufe der Textanalysen noch einmal zusammen. Bei aller Verwurzeltheit in der afro-amerikanischen Tradition reagieren der Rap und der HipHop gleichzeitig sensibel auf zeitgenössische politische und kulturelle Phänomene. Die dringlichsten Probleme vermitteln sie dabei in der Bildhaftigkeit des Millennialismus, so reagiert z. B. Africa Bambaataa und John Lydons "World Destruction" (1984) auf die Furcht vor einer nuklearen Apokalypse, wie sie zur Zeit des Kalten Krieges herrschte.

Fazit: Eine Lücke in der Forschung zum millennialistischen Denken schließend, setzt sich Florian Werner mit der Verwendung millennialistischer Topoi in der afro-amerikanischen orature auseinander. Der chronologische Aufbau der Arbeit und die vielen Textbeispiele erleichtern das Verständnis der Thematik und machen sie gut nachvollziehbar, zumal die sieben Kapitel in viele kurze Unterkapitel unterteilt sind, was einen flüssigen Leseprozess möglich macht. Der Autor bedient sich sehr oft der englischen Sprache, was den Lesern, die nur mäßig Englisch beherrschen, die Lektüre erschwert.
Die vorliegende Dissertation stellt die erste umfassende Studie zu apokalyptischen Motiven im US-amerikanischen HipHop dar. Dem HipHop widmet sich der Autor allerdings erst im letzten Kapitel. Aus einer enormen Fülle an Rap-Texten sucht er sich lediglich einige wenige heraus. Die Analysen fallen darüber hinaus leider etwas oberflächlich aus. Wer beim Lesen des Titels auf eine Arbeit hofft, die sich schwerpunktmäßig dem amerikanischen HipHop widmet, wer einen Einblick in die Vielfalt und die Entwicklung des amerikanischen HipHop, wer Vergleiche zwischen internationalen Künstlern erwartet, wird enttäuscht. Über die Enttäuschung mag jedoch Florian Werners abschließende Aufzählung von insgesamt sieben Funktionen des millennialistischen Diskurses hinwegtrösten, die für die Popularität endzeitlichen Sprechens im HipHop verantwortlich sein mögen. Hier stellt der Autor u. a. fest: wer vom Ende der Welt spricht, der will gehört werden, oder, wer vom Ende der Welt spricht, der unterhält.


Florian Werner: Rapocalypse. Der Anfang des Rap und das Ende der Welt. Bielefeld: transcript, 2007 (Kultur- und Medientheorie). 282 S., kartoniert, 26,80 Euro. ISBN: 978-3-89942-608-3


Inhaltsverzeichnis


Einleitung 11
'Orature' 13
'Millennium' und 'Millennialismus' 18
Forschungslage und Gliederung 20

1. Der Anfang vom Ende: Ursprünge und Formen des Millennialismus 27
Die biblischen Wurzeln des Millennialismus 28
Formen und Konjunkturen des Millennialismus 37

2. Die Amerikanisierung des Millenniums und die Christianisierung der Sklaven 47
Wurzeln und Anfänge des nordamerikanischen Millennialismus 47
Christentum und Sklaverei 54

3. Die Spirituals 61
Entstehung und Formen der Spirituals 61
Millennialistische Motive in den Spirituals 65
'Hybridität' 72

4. "Ethiopia shall soon stretch out her hands unto God": Das Neue Jerusalem in Afrika 81
Samuel Hopkins und der Beginn der afrikanischen Kolonisationsbewegung 83
Pro-Colonization Songs? 91
'Signifyin(g)' 100 Anti-Colonization Songs! 105
Ausblick 111

5. "God's gonna set this world on fire": Visionen der Endzeit im chanted sermon und im Blues 117
The chanted sermon 118
The Blues 140
Ausblick 150

6. Zwischen Prämillennialismus und Popkultur: Rastafarianismus, die Nation of Islam und die Nation of Gods and Earths 155
Blick über den Black Atlantic: Rasta, Reggae und Rap 156
"Drop the bomb on the Yacub crew": Die apokalyptische Mythologie der Nation of Islam unter Elijah Muhammad 164
Die Nation of Islam nach Elijah Muhammad: Warith ud-Deen, Louis Farrakhan und die Nation of Gods and Earths 176
"But heaven and hell exist within": Geistige Auferstehung und das Millennium finanzieller Unabhängigkeit 184

7. "Them lips foretold these apocalypse": Millennialistische Motive im Rap 193
The Last Poets 193
"Rhymes from now to doomsday": Der Anfang des Rap 206
Afrika Bambaataa und John Lydon: "World Destruction" 214
Public Enemy: "Fear of a Black Planet" 225
Busta Rhymes 234
… the end is in the beginning and lies far ahead 245

Statt eines Endes: To what end? 249

Zitierte Werke 257


Transformations of Millennialism in African American Discourse

In his dissertation on apocalyptic motifs in American hip hop, Florian Werner examines millennialistic themes in African American discourse from primarily spoken genres of orature. Werner traces the aesthetic roots of contemporary rap, beginning with the earliest documented slave spirituals and continuing on to popular songs from African colonialisation, works of blues, and the "chanted sermons" of African American preachers. Over the course of 255 pages Werner elucidates how popular references to the end of days have changed during each respective historical period.


© bei der Autorin und bei KULT_online
Aktualisiert am 21.9.2011