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Text im Kontext

Eine Rezension von Melina Gehring

Gymnich, Marion; Nünning, Ansgar; Neumann, Birgit (Hg.): Kulturelles Wissen und Intertextualität. Theoriekonzeptionen und Fallstudien zur Kontextualisierung von Literatur. Trier: WVT, 2006.

Der vorliegende Sammelband will eine kulturwissenschaftlich informierte Kontextualisierung von Literatur ermöglichen und gibt dafür hilfreiche Konzepte an die Hand, darunter neben den titelgebenden Begriffen 'kulturelles Wissen' und 'Intertexualität' vor allem die der 'Performanz', und des 'writing back'. Indem diese Schlüsselkonzepte der kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft umfassend definiert und diskutiert und ihre Anwendungsmöglichkeiten in Beispielanalysen veranschaulicht werden, hat der Band Handbuchcharakter sowohl für Studenten als auch für Wissenschaftler, die nicht einer rein textzentrierten Hermeneutik verhaftet sind. 


"Fiktionale Texte entstehen im Kontext von Kulturen, in deren symbolischen Ordnungen bereits kulturelles Wissen zirkuliert", so die Ausgangserkenntnis des vorliegenden Bandes (S. vii). Die Verwurzelung von Literatur in ihrem soziohistorischen Kontext macht es nach Aussage der Herausgeber notwendig, dass eine kulturwissenschaftlich orientierte Literaturwissenschaft mit Text-Kontext-Modellen operiert. Hervorgegangen ist der Band, der eine solche Kontextualisierung von Literatur anstrebt, aus dem Internationalen Promotionsprogramm (IPP) "Literatur- und Kulturwissenschaft" der Justus-Liebig-Universität Gießen. Das Buch ist aufgeteilt in einen Theorieteil mit Aufsätzen von (zur Zeit seiner Entstehung) Postdocs und Professoren der Universität Gießen und einen zweiten Teil mit exemplarischen Analysen von Doktoranden der Anglistik, Germanistik und Theaterwissenschaft.

Im umfangreichen Einleitungskapitel definieren Birgit Neumann und Ansgar Nünning, das Kernkonzept des Bands, kulturelles Wissen, als "die Gesamtheit kollektiv geteilter und symbolisch vermittelter Annahmen über die Wirklichkeit, d.h. über gesellschaftlich prävalente Themen, Werte, Normen, Selbst- und Fremdbilder." (S. 6) Dabei sind literarische Texte sowohl an der Repräsentation als auch an der Konstruktion von kulturellem Wissen beteiligt. Das aus kulturwissenschaftlicher Perspektive Spannende an der Untersuchung von Literatur ist Neumann und Nünning zufolge, dass sie einen Interdiskurs mit kulturell disparaten Elementen herstellen kann, die in anderen Diskursen interaktionsfrei koexistieren – so kann Literatur beispielsweise medizinische, juristische und religiöse Diskurse verbinden.

In der literaturwissenschaftlichen Praxis bedeutet für Birgit Neumann der kulturwissenschaftliche Ansatz, dass ein close reading um ein wide reading ergänzt werden muss, das den extratextuellen Kontext berücksichtigt. Sie betont, dass Texte das kulturelle Wissen ihres Entstehungskontexts nicht lediglich mimetisch abbilden, sondern dieses auch hinterfragen, transformieren und sogar selbst produzieren können. Das System Literatur will Neumann nicht mit der statischen 'Kultur als Text'-Metapher erfassen. Stattdessen operiert sie mit dem Konzept der Performativität und betont damit das Prozessuale in kulturellen Vorgängen. Das Textuelle soll dabei jedoch nicht negiert werden – Neumann will vielmehr Literatur sowohl als Symbol- als auch als Sozialsystem untersuchen und dabei einen besonderen Fokus auf deren Wirkungspotential richten.

Wolfgang Hallet sieht in dem literaturwissenschaftlich etablierten Konzept der Intertextualität ein methodisches Paradigma kulturwissenschaftlicher Literaturwissenschaft. Wenn sich literaturwissenschaftliche Kulturwissenschaftler bei der Kontextualisierung von Literatur lediglich auf ihr mehr oder minder ausgeprägtes Hintergrundwissen zum soziohistorischen Kontext eines Texts berufen, ist ihr methodisches Vorgehen jedoch unreflektiert, kontingent und nicht objektivierbar, bemängelt Hallet. Daher stellt er diesem "Wissensmodell" ein "Text-Text-Modell" gegenüber, das den zu untersuchenden Text in einem textuellen Netzwerk verortet. Indem Hallet den literarischen Text in ein Geflecht aus literarischen Werken, Photographien, Lexikonartikeln, Zeitungsartikeln etc. setzt, definiert er "die Arbeit von kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaftler/innen als making connections between texts." (S. 65)

Eine besonders augenfällige Verbindung zwischen Texten zeigt jene Literatur selbst auf, die sich kritisch mit anderen Texten auseinandersetzt und ihr Alternativen entgegenstellt. In diesem Sinne führt Marion Gymnich aus der Perspektive der postkolonialen Literaturwissenschaft in die Konzepte writing back und rewriting ein und setzt sie zu Intertextualität und kulturellem Wissen, den Leitkonzepten des Bandes, in Bezug. Gymnich betont, dass die gegendiskursive Um-Schreibung kanonisierter Texte nicht nur eine subversive Funktion aufweist, sondern im Hinterfragen einer hegemonialen Kultur auch identitätsstiftende Prozesse stattfinden können. Abschließend weist Gymnich zu Recht darauf hin, dass theoretische Konzepte zu gegendiskursivem Schreiben nicht allein in der Beschäftigung mit postkolonialer Literatur eine wichtige Rolle spielen, sondern auch für die Analyse von Texten gewinnbringend sein können, die beispielsweise gender-Themen stark machen, oder auch bei Texten, Filmen und Fernsehserien aus dem Bereich der Popkultur, in denen das "spielerische Potential von 'rewritings'" aufzufinden ist (S. 84).

Aus den 13 Fallstudien zur Kontextualisierung von Literatur sind zwei anglistisch-amerikanistische Beiträge besonders lohnenswert, die beispielhaft respektive die postkoloniale Perspektive und die narratologische Arbeitsweise der kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft in ihrem analytischen Nutzen vorstellen. Alexandre Segão Costa setzt sich mit drei literarischen Transformationen der biblischen 'Arche Noah'-Erzählung auseinander: Green Grass, Running Water (1993) des Amerikaners Thomas King, Not Wanted on the Voyage (1984) des Kanadiers Timothy Findley und A History of the World in 10½ Chapters (1989) des Briten Julian Barnes. Costa zufolge treten diese drei Romane in einen kritischen Dialog mit unterschiedlichen kulturellen Kontexten, "ranging from postcolonial issues and gender to ecology and animal rights.” (S. 210) Die 'Arche Noah'-rewritings machen Costas Beobachtung zufolge eine Konfrontation der menschlichen mit der tierischen Sphäre möglich, die in der Wirklichkeit nicht existiert. Als Fazit schreibt Costa rewritings die Macht zu "to re-actualise contexts and modify cultural knowledge.” (S. 221)

Stefanie Hoth untersucht in ihrem Beitrag mit narratologischer sowie kulturwissenschaftlicher Methodik, wie der amerikanische Autor Jonathan Safran Foer in seinem Roman Extremely Loud & Incredibly Close (2005) den '11. September' verarbeitet. Hoth identifiziert explizite und implizite intertextuelle Bezüge zu A Brief History of Time (1988) von Stephen Hawking, Die Blechtrommel (1959) von Günther Grass, zu den Romanen von Lawrence Sterne und zu William Shakespeares Hamlet (ca. 1599-1601). Diesen Intertexten schreibt Hoth die Funktion zu, die in Foers Roman zentralen Themen der Trauer und des Verlusts geliebter Menschen dominant zu setzen. Sie bringen den '11. September' mit der Bombardierung Dresdens und der Explosion der Atombombe in Hiroshima im 2. Weltkrieg in Beziehung, wodurch Hoth zufolge das Ereignis semantisch und emotional aufgeladen wird.

Über die von Hoth genannten intertextuellen Verweise hinaus lässt sich bei Foer ein Bezug auf Kurt Vonneguts Roman Slaughterhouse 5 (1969) ausmachen, der vom Dresdner Feuersturm handelt. Hoth beschreibt, wie der neunjährige Oskar Schell, der seinen Vater bei den Anschlägen des 11. September 2001 verloren hat, in seinem Notizbuch Fotos eines vom World Trade Center springenden Mannes in umgekehrter Reihenfolge anordnet, so dass beim 'Daumenkino' der Eindruck entsteht, der Mann springe nach oben. In Slaughterhouse 5 sieht der Protagonist eine filmische Dokumentation des Bombenwurfs auf Dresden im Rücklaufmodus, so dass man meinen könnte, die Kampfbomber saugten die Bomben ein und flögen von der unbeschadeten Stadt fort. Beide Textstellen verweisen auf den Wunsch der traumatisierten Protagonisten, den erlebten Terror ungeschehen zu machen.

Kulturelles Wissen und Intertextualität wird seinem Anspruch gerecht, den Kontext von Literatur methodisch fundiert zu beschreiben und "literarische Werke theoretisch reflektiert in ihrem Entstehungs- und Rezeptionskontext zu verankern" (Klappentext). Die Strukturierung der Beiträge durch Zwischenüberschriften trägt zu einer guten Lesbarkeit bei, ebenso ist die Verwendung von Schaubildern positiv hervorzuheben, von denen man sich bei der vorliegenden Theoriedichte jedoch mehr wünschen dürfte. Ein Glossar mit den wichtigsten Termini oder ein Index hätten den Handbuchcharakter des Bands abgerundet.


Gymnich, Marion; Ansgar Nünning und Birgit Neumann (Hgg.): Kulturelles Wissen und Intertextualität. Theoriekonzeptionen und Fallstudien zur Kontextualisierung von Literatur. Unter Mitarbeit von Martin Butler, Alexandre Segão Costa, Arvi Sepp und Sara B. Young. Trier: WVT, 2006 (ELCH 22). 320 S., kart., 25,00 €. ISBN: 978-3-88476-859-4


Inhaltsverzeichnis

VORWORT UND DANKSAGUNG vii

I. THEORIEKONZEPTIONEN


BIRGIT NEUMANN & ANSGAR NÜNNING
Kulturelles Wissen und Intertextualität: Grundbegriffe und Forschungsansätze zur Kontextualisierung von Literatur 3

BIRGIT NEUMANN
Kulturelles Wissen und Literatur 29

WOLFGANG HALLET
Intertextualität als methodisches Konzept einer kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft 53

MARION GYMNICH
'Writing back' als Paradigma der postkolonialen Literatur 71

BIRGIT NEUMANN
Performanz und Literatur: Vorschläge zur Konzeptualisierung der Text-Kontext-Relationen 87

II. FALLSTUDIEN

DENIS SIMON
Die Augustäische Satire im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher Dialogizität und juristischer Transgression: Eine Fallstudie 109

GlSLIND ROHWER
Die viktorianische Obsession mit der Psyche: Zur Kontextualisierung unzuverlässigen Erzählens in Robert Brownings Dramatischem Monolog "Porphyria’s Lover" 135

ARVI SEPP
Zwischen Autographie und Historiographie: Victor Klemperers Tagebuchnotizen 1918-1920 als multidiskursives Archiv der frühen Weimarer Republik 151

MARTIN BUTLER
The Power of the Sung Word: Reconstructing the Social and Cultural Significance of Songs 167

NAGIHAN HALILOGLU
Autobiography as Intertextual Strategy: Jean Rhys’s Smile Please 183

EWELINA KROK
The Figure of La Llorona as a Central Cultural Paradigm in Contemporary Chicano/a Literature 195

ALEXANDRE SEGÃO COSTA
Rewriting the Biblical Story of Noah’s Ark 209

MICHAEL BASSELER
Intertextualität und/als kulturelles Gedächtnis in Paul Beattys The White Boy Shuffle 223

XUELING HUANG
When Sense and Sensibility Meets Martial Arts: A Study of the Aesthetic Possibilities of Crouching Tiger, Hidden Dragon 241

JAN RUPP
'Cool Britannia' meets 'Rule Britannia': Ways of Writing Back in Hari Kunzru’s The Impressionist 253

ANDRE EIERMANN
Kulturelles Wissen, Intermedialität und Para-Performativität 265

STEFANIE HOTH
From Individual Experience to Historical Event and Back Again: '9/11' in Jonathan Safran Foer's Extremely Loud & Incredibly Close 283

BRITTA FREITAG
'So who’s the Fanatic now?' Fremdsprachlicher Literaturunterricht als Ort des Dialogs und kulturellen Handelns im Spannungsfeld von Subjekt, Text und Kontext 301


Text in Context

This anthology aims to contextualise literature by using the theoretical framework of cultural studies. To this end, such key concepts as ‘cultural knowledge’ and ‘intertextuality’ (which make up the volume’s title), as well as ‘performance’ and ‘writing back’ are defined, discussed and thoroughly exemplified. The volume is much like a textbook for students as well as for established scholars who are not captive to a strictly text-oriented hermeneutics.


Die Redaktion weist darauf hin, dass die HerausgeberInnen des rezensierten Buches Mitglied des GGK/GCSC sind, in dessen Rahmen auch dieses Rezensionsmagazin herausgegeben wird.

© bei der Autorin und bei KULT_online