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Steine ins Rollen bringen: Zerstörung und Wiederaufbau als neuer Gegenstand in der Stadtforschung

Eine Rezension von Dr. Sonja Altnöder

Böhn, Andreas; Mielke, Christine (Hg.): Die zerstörte Stadt: Mediale Repräsentationen urbaner Räume von Troja bis SimCity. Bielefeld: transcript, 2007.

Der Sammelband Die zerstörte Stadt. Mediale Repräsentationen urbaner Räume von Troja bis Sim City beleuchtet ein bisher wenig beachtetes Thema der Stadtforschung, nämlich beständige De- und Rekonstruktionen des Lebensraums 'Stadt'. Aufgrund des Verzichts auf eine konzeptuelle Einordnung der Beiträge bleibt der Band hinter seinem Potenzial, Orientierungsmarken in einem breit gefächerten Diskurs zu setzen, zurück. Die weite historische Spannweite der Beiträge und die interdisziplinäre Ausrichtung der Aufsätze leisten jedoch einen innovativen Beitrag zur aktuellen Forschung und bieten einen anschaulichen Einstieg in das Thema. 


Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Stadt erfährt gegenwärtig ein gesteigertes Interesse. Nicht allein aus traditionell geographischer, sondern vermehrt auch aus sozial- und literaturwissenschaftlicher Perspektive nehmen Forschende den Lebensraum 'Stadt’ in den Blick. Wer sich mit dieser Thematik beschäftigt, stößt dabei beinahe zwangsläufig auf die Frage nach den wiederholten Zerstörungen europäischer Städte in Kriegen und durch Naturkatastrophen, welche die Stadt zu einem paradigmatischen Beispiel für beständige De- und Re-Konstruktionen machen.

Der Herausforderung, diese Prozesse zu thematisieren, stellt sich der von Andreas Böhn und Christine Mielke herausgegebene Sammelband Die zerstörte Stadt. Mediale Repräsentationen urbaner Räume von Troja bis Sim City. Seine Beiträge ordnen den Forschungsgegenstand 'Stadt’ nicht nur in seinen kulturhistorischen Zusammenhang ein, sondern zeichnen die Repräsentationen von urbaner Zerstörung durch eine große Bandbreite unterschiedlicher Medien – Literatur, Zeitung/Zeitschrift, Malerei, Fotografie, Film, Musik und Computerspiel – hindurch nach. So fügt der vorliegende Band einem rasch wachsenden akademischen Feld einen innovativen und bisher noch nicht in dieser Ausführlichkeit diskutierten Gesichtspunkt hinzu.

Die Vielzahl der im Vorwort von den HerausgeberInnen aufgeworfenen Leitfragen dreht sich vornehmlich um eine medial bedingte Ästhetik und um eine kulturgeschichtliche Verortung der Darstellungsweisen zerstörter Städte in Traditionen medienspezifischer Repräsentationsformen. Doch finden sich diese Fragen nur bedingt in den Beiträgen wieder.
Wenngleich das Vorwort einen ebenso anschaulichen wie konzisen Einstieg in die Thematik des Sammelbandes gibt, wäre doch eine Einordnung der Beiträge und Verweise auf deren Verknüpfungen wünschenswert gewesen. Gerade angesichts des Verzichts der HerausgeberInnen auf ein zusammenfassendes Schlusswort bleibt der Band so hinter seinem Potenzial, Orientierungsmarken in einen weitgehend unbeschriebenen Diskurs einzuschreiben, zurück.

Gleichwohl ermöglicht diese Offenheit einen breit gefächerten Überblick über die Darstellungsformen der zerstörten Stadt und die gut ausgewählten Beiträge geben einschlägige Einblicke in die Vielfältigkeit der umrissenen Thematik. Entstanden im Forschungsverbund "Zentrum/Grenze/Peripherie. Zerstörte Städte und Grenzgebiete der medialen Rekonstitution europäischer Identität nach 1945" an der Universität Karlsruhe, vereint der Sammelband Beiträge zu dortigen Forschungsschwerpunkten mit zentralen Themen des Karlsruher Instituts für Literaturwissenschaft, insbesondere zu Medialität und Erinnerung. Zudem schließt er einschlägige Aufsätze mehrerer nationaler und internationaler Forschender mit ein.
Die historische Spannweite der Repräsentationen reicht von der Zerstörung Trojas über mittelalterliche Städte zu einem deutlichen Schwerpunkt in der Auseinandersetzung mit Darstellungen deutscher Nachkriegsstädte und schlussendlich hin zu einer Diskussion der Stadtzerstörung in neuen Medien sowie in zeitgenössischen Kunst- und Musikprojekten. Thematische Kristallisationspunkte liegen in Auseinandersetzungen mit Repräsentationen der Zerstörungshandlung, der zurückgelassenen Ruinen und deren Bedeutung für Erinnerung sowie dem Wiederaufbau. Leider sind die Beiträge weder strikt chronologisch noch strikt thematisch geordnet, sodass sich der Leserin nicht unmittelbar eine klare Linie aufzeigt.

Positiv hervorzuheben ist eine für alle Beiträge geltende interdisziplinäre Ausrichtung, die sich insbesondere aus der engen Koppelung der kulturhistorischen Verortung der Untersuchungsgegenstände an die jeweiligen disziplinären Methoden speist. Das Thema der Zerstörungshandlung wird im Sammelband zunächst in Hinblick auf mittelalterliche Kriege und die Wehrhaftigkeit von Städten und Burgen aufgezeigt (Krause); seine Wiederaufnahme im Beitrag zur Stadtzerstörung in Computerspielen (Werning) spannt einen weiten kulturhistorischen und medientheoretischen Bogen, der die übrigen Themen der Ruine und der Erinnerung sowie des Wiederaufbaus im Zweiten Weltkrieg umschließt.
Die Ruine als Erinnerungsort, "der seinem Betrachter eine 'Lehre' vermittelt" (S. 89), untersucht Maria Virginia Cardi auf ihre Repräsentation im Nachkriegskino hin und schafft damit einen Bezugspunkt für die nachfolgenden Aufsätze von Götz Großklaus und Christine Mielke. Diese eröffnen zum einen Parallelen zwischen der Zerstörung des äußeren Lebensraums und der Zerstörung der kulturellen Sinnstiftung. Zum anderen stellen sie heraus, wie sich die Bedeutung der Ruine in der wiederaufgebauten Stadt in deren urbaner "Doppelexistenz" (S. 129) des Vergangenen und Gegenwärtigen zeigt, die sich durch mediale Repräsentationsformen hindurch verfolgen lässt.
Schließlich sticht insbesondere der Aufsatz von Christine Baur positiv heraus, der Paul Dessaus Vertonung von Picassos Gemälde Guernica auf seine kulturhistorische Bedeutung hin untersucht und damit dem Sammelband eine in der Stadtforschung ungewöhnliche musikwissenschaftliche Perspektive hinzufügt.

Abschließend lässt sich festhalten, dass der Sammelband innovative Perspektiven auf ein einschlägiges Thema eröffnet. Indem die Beiträge unterschiedliche mediale Repräsentationsformen in unmittelbaren Bezug zu einer Reihe von historischen und thematischen Schwerpunkten setzen, überzeugt der Band vornehmlich in seiner Vielfalt. So liegt sein größter Vorzug darin, einen wichtigen Diskurs in der Stadtforschung anzustoßen und Steine ins Rollen zu bringen.


Böhn, Andreas und Christine Mielke (Hg.): Die zerstörte Stadt. Mediale Repräsentationen urbaner Räume von Troja bis Sim City. Bielefeld: transcript, 2007. 390 S., broschiert, 32,80 Euro. ISBN: 3-89942-614-2


Inhaltsverzeichnis


Andreas Böhn und Christine Mielke: Vorwort 9

Burkhardt Krause: "Da enbleip niht stein vf steine". Stadtzerstörungen in mittelalterlichen Texten 15

Simone Finkele: Die Zerstörung und der Wiederaufbau Trojas in Konrads von Würzburg "Trojenerkrieg" 57

Maria Virginia Cardi: Für eine Ethik der Ruine 83

Götz Großklaus: Das zerstörte Gesicht der Städte. 'Konkurrierende Gedächtnisse' im Nachkriegsdeutschland (West) 1945-1960 101

Christine Mielke: Geisterstädte. Literarische Texte und Bilddokumentationen zur Städtebombardierung des Zweiten Weltkrieges und die Personifizierung des Urbanen 125

Jakub Kazecki: "The Long Gone City’s Past"? The Destruction of Danzig/Gdansk in "Death in Danzig” by Stefan Chwin 181

Claudia Pinkas: Trümmermosaike. Zerstörte Städte in den Zeitungen und Zeitschriften der Nachkriegszeit 1945-1948 199

Isabel Skórzýnska: The Staging of Memory. Mystery Plays of Absence in Lublin 221

Andreas Böhn: Zerstörte Städte im Monumentalfilm am Beispiel von Karthago 237

Silke Arnold-de Simine: Die Konstanz der Ruine. Zur Rezeption traditioneller ästhetischer Funktionen der Ruine in städtischer Baugeschichte und im Trümmerfilm nach 1945 251

Kay Kirchmann: Blicke auf Trümmer. Anmerkungen zur filmischen Wahrnehmungsorganisation der Ruinenlandschaft nach 1945 273

Dominik Schrey: "Filmen, was vorher und was nachher kommt…". Erinnerung in Roberto Rossellinis "Germania anno zero" 289

Stefan Werning: Some Ontological Considerations on the Destruction of Cities in Interactive Media and its Discursive Repercussions 311

Sebastian Baden: Modellkatastrophen und das Puzzle der Rezeption. Die Ästhetik der Zerstörung im Werk von Christoph Draeger 339

Christine Baur: "Guernica (nach Picasso)". Paul Dessaus Vertonung des Picasso-Gemäldes 367

Die Autorinnen und Autoren 387


Rolling Stones: Destruction and Reconstruction as New Topics in Urban Studies

The edited collection Die zerstörte Stadt. Mediale Repräsentationen urbaner Räume von Troja bis Sim City (Destroyed Cities. Media Representations of Urban Spaces from Troy to Sim City) approaches a hitherto neglected topic in urban studies: the perpetual processes of de- and re-constructing the city. As conceptual relationships between the essays are not outlined in the preface, the collection forfeits its potential to systematically guide the reader through this broad academic discourse. However, its wide historical range and interdisciplinary stance provide an innovative contribution and vivid introduction to a newly evolving topic in urban studies.



© bei der  Autorin und bei KULT_online