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Plädoyer für einen neuen Atlas der Literatur

Eine Rezension von Jens Priwitzer

Piatti, Barbara: Die Geographie der Literatur. Schauplätze – Handlungsräume – Raumphantasien. Göttingen: Wallstein, 2008.

In ihrer Dissertation über die
Geographie der Literatur untersucht die Germanistin Barbara Piatti die Formen, Beziehungen und Bedeutungen von literarischem und realem Raum. Da die Studie interdisziplinär zwischen Literaturwissenschaft und Kartographie angelegt ist, kann die Autorin ein Verfahren entwickeln, dass die Analyse von Orten und Räumen in literarischen Texten in Bezug zur realen Topographie zu setzen vermag. Die Schweizer Region zwischen Vierwaldstättersee und Gotthard erscheint als modellhafte Landschaft für eine räumlich organisierte Literaturgeschichte. 


Den Schauplatz seiner letzten Dramen hat der Autor nie mit eigenen Augen gesehen. Der Rütli, Bürglen oder die Hohle Gasse spielen zwar eine zentrale Rolle im Wilhelm Tell (1804), doch Friedrich Schiller war darauf angewiesen, alle Orte an seinem Weimarer Schreibtisch im Kopf nachzubauen. Auch wenn er sich den einen oder anderen topographischen Fehler erlaubte – der Tell ist bis heute eines der wenigen Dramen, die sich präzise lokalisieren lassen. Nicht umsonst laufen noch immer Touristen auf Schillers Spuren, den Dramen-Text im Gepäck, um sich auf dem Rütli die Verse der Eidschwures vorzutragen oder über die Theatralik der Hohlen Gasse zu staunen. Die Romane, Erzählungen, Dramen und Gedichte, die andere prominente Autoren wie Friedrich Hölderlin, Fjedor M. Dostojewskij oder Henry James in der Folgezeit hinterließen, schufen aus dem innerschweizer Gebiet um den Vierwäldstättersee einen Brennpunkt der Welt-Literatur.

In ihrer Studie über die Geographie der Literatur, die auf ihrer Basler Dissertation beruht, nutzt die Germanistin Barbara Piatti die hohe Dichte an literarischen Dokumenten über die zentrale Region der Schweiz, um das Projekt eines neuen Atlas der Literatur an einem geeigneten Modellfall vorzuführen. Bestens ausgerüstet mit einem umfänglichen Korpus von 150 Texten, die die Zeitspanne von 1477 bis 2004 umfassen, kann sie nicht nur der Frage nachgehen, wo genau die Literatur in der Region spielt. Es lässt sich darüber hinaus die Entstehung eines literarischen Raumes beobachten, der auf vielfältige Weise mit dem realen Raum verbunden ist, aber eine eigene Topographie aufweist. Piatti gelingt es auf eine angenehm zu lesende Weise, die literarische (Über-)Formung der Innerschweiz nachzuzeichnen und für die Darstellung einer anderen, einer räumlich organisierten Art der Literaturgeschichte nutzbar zu machen.

Literary Geography statt Literaturgeographie

Mit traditionellen literaturwissenschaftlichen Methoden ist ein derartig ambitioniertes Projekt nicht umzusetzen. Deshalb bedient sich Piatti des Mittels der Kartographie, der es immer schon um die Sichtbarmachung von Räumen und räumlichen Strukturen ging. Natürlich ist diese Verbindung, auch wenn sie sich durch die Zwänge der Gegenwart als besonders interdisziplinär ausweisen muss und ausweisen kann, nicht aufregend neu. Karten zu literarischen Werken anzulegen, hat eine lange Tradition. Romane wie Jonathan Swifts Gulliver's Travels (1726) oder J. R. R. Tolkiens The Lord of the Rings (1954) wurden selbst mit einem umfangreichen, wiewohl gelegentlich fiktiven Kartenwerk ausgestattet.

Dies ist der Ausgangspunkt für Piattis Studie, doch es geht ihr nicht um eine Auswertung solcher literarischen Beiwerke, sie will die strukturellen Beziehungen von Raum, Text und Karte offenlegen. Neugierig und offen zeigt sich Piatti gegenüber narratologischen Methoden, der eigentliche Anstoß der Studie verdankt sich jedoch Franco Morettis Atlante del romanzo europeo (1997). Dieser wollte als erster keinen rein illustrativen Atlas zur Literaturgeschichte vorlegen. Vielmehr ging es ihm darum, textanalytische und literaturgeschichtliche Aussagen zu machen, die ohne Karten nicht möglich gewesen wären. Morettis Karten selbst waren dabei eine bunte Mischung unterschiedlicher Herangehensweisen, die ganz differente Themen und Aspekte von Räumlichkeit zeigten: die Dichte einer Gattung oder ihre Entwicklung über 200 Jahre, die Wege der Protagonisten oder die Geographie der gothic novel. Piattis Ansatz weicht an dieser Stelle ein wenig ab. Als Grundlage für die 17 Karten, die dem Buch beigefügt sind, dient eine topographische Karte, auf die dann die verschiedenen Analyseergebnisse projiziert werden. Das im Hintergrund wirkende datenbankgestützte Verfahren kann auf diese Weise seine Stärken besser ausspielen, da die Ergebnisse der statistischen und quantitativen Verfahren überhaupt erst vergleichbar werden. So können mehrere Werke gleichzeitig auf den Georaum projiziert werden, um beispielsweise die Struktur des Routen- und Wegenetzes von Luzern bis zum Gotthard zu analysieren oder die auffällige Häufung subterraner Schauplätze wie Höhlen, Gruben oder Tunnel zu verdeutlichen.

Der literarische Metaraum

Zwischen Vierwaldstättersee und Gotthard entsteht durch die Überlagerungen der unterschiedlichsten Texträume ein literarischer "Metaraum" (S. 196), der eigene Schwerpunkte und weiße Flecken hervorbringt. Verdichtet erscheint er in Luzern, an den Seeufern oder der Gotthardroute, während das Hinterland noch nicht literarisch kolonisiert wurde. Doch die Autorin muss sich fragen lassen, was das Kartieren von Raumangaben in literarischen Texten an neuen Erkenntnissen überhaupt erbringt? Die Raumstruktur des einzelnen Textes kann damit nur relativ schwer erschlossen werden. Ein anderes Verständnis für Räume in der Literatur lässt sich damit aber sehr wohl anstoßen: Topographische Punkte erscheinen nicht gleichwertig geeignet für die Literatur. Vielmehr gibt es bestimmte Orte, Schauplätze und Handlungszonen, die sich entweder besonders für eine Literarisierung eignen oder mit einer kulturellen Bedeutung besonders 'aufgeladen' sind.

Die Innerschweiz entpuppt sich dank Piattis Studie als idealer Testfall, um die Möglichkeiten und Grenzen einer neuen Literaturgeographie auszuloten. Sinnfällig ist die Kartenarbeit bei all jenen Texten, die einen hohen Referenzgrad aufweisen und sich um topographische Genauigkeit bemühen. Hier lässt sich Piattis Methode gut und vielversprechend anwenden. Weniger operabel erscheint die eingesetzte Methode aber immer dann, wenn sich die Autorin der textinternen Räumlichkeit zuwendet, beispielsweise die vertikale Struktur des Raumes oder die Aktantenfunktion des erzählten Raumes beschreibt. Darüber hinaus entziehen sich Piattis Beobachtungen der Kartierbarkeit, je größer der Anteil der fingierten Räume wird, also solcher Räume, die nur in der Imagination und Fiktion bestehen und keine lebensweltliche Grundlage haben. Das Problem der Referenz gilt es zu lösen, bevor der an sich aussichtsreiche Weg eines quantitativen Ansatzes weiterverfolgt werden kann. Denn so könnte es möglicherweise gelingen, die räumlichen Strukturen des kulturellen Archivs in den Blick geraten zu lassen.


Barbara Piatti: Die Geographie der Literatur. Schauplätze – Handlungsräume – Raumphantasien. Göttingen: Wallstein, 2008. 423 S. + 17 Karten, gebunden, 34,90 Euro. ISBN: 978-3-8353-0329-4


Inhaltsverzeichnis

Vorwort und Dank 9

1. Einleitung: Ideen zu einer Geographie der Literatur 15
"A fugitive field" 17
Begriffe 22
Fiktionale Welten, reale Geographie 23
Das Problem der Referenz 26
Kartographierte Literatur 32
Der einzelne Text (Kap. 3) 53
Die Region (Kap. 4) 54
Der Großraum (Kap. 6) 58
Im Zentrum der Schweiz: Vierwaldstättersee, Gotthard 58
Europa 62

2. Forschungsgeschichte: Literaturgeographie – Literary Geography – Géographie littéraire 65
Literaturgeographie 68
Literary Geography 89
Géographie littéraire 106
Literarische Karten, Atlanten zu einzelnen Werken und Literaturreiseführer 115
Fazit 118

3. Literaturgeographische und -topographische Lektüren (der einzelnen Text) 123
Die Organisation des Handlungsraumes 126
Referenzen zwischen Georaum und Textraum: Modelle 131
Der Leserraum oder Die geographische Enzyklopädie 147
Textbeispiele 154
Friedrich Schiller: "Wilhelm Tell" (1804) [Karte 1] 156
Friedrich Theodor Fischer: "Auch Einer. Eine Reisebekanntschaft" (1878) [Karte 2] 165
Ernst Zahn: "Albin Indergand" (1901) [Karte 3] 172
Urlandschaft, Zukunftslandschaft: Meinrad Inglins "Ursprung" / "Die Sendung" (1933) und Christina Viraghs "Pilatus" (2003) [Karte 4 / 5] 181
Schlusskommentar 189

4. "Space calls for action" - Vierwaldstättersee und Gotthard als fiktionalisierte Landschaft (die Region) 191
Zweitraum – Hyperraum – Metaraum 193
Literarisierte Landschaft 196 Stationen, projizierte Räume 198
Fiktionalisierte Landschaft 201
Grenzen des Untersuchungsraums 204
Kriterien der Textauswahl 207
Literaturgeographisches Kartenmaterial 211
Der literarische Metaraum 1477-2004 (Karte 6) 213
Endogene versus exogene Fiktionalisierung (Karten 9-12) 217
Tell-Topographie (Karte 13) Historisch vorgegebene versus frei gewählte Schauplätze und Handlungszonen (Karte 14) 224
Referenzialität: Abweichungen von Topographie und Toponymie (Karte 15) 226
Aktantenfunktion: Der Raum als Protagonist (Karte 16) 233
Schauplatz Gebirge: "Eine steile Welt" oder Die vertikale Struktur des Raumes 234
Straßen, Wege, Routen (Karte 17) 237
Aussichtspunkte, Talgründe 241
Entfesselte Naturkräfte 243
"Wie's brandet, wie es wogt und Wirbel zieht": ozeanische Dimensionen 245
Das Portal zum literarischen Metaraum im Norden: Luzern 248
Der Schwerpunkt im Süden: Gotthard 252
Subterrane Schauplätze (Karte 8) 257
Profil: Vierwaldstättersee und Gotthard im Modus eines literarischen Metaraums 261

5. Reisen zu Schauplätzen und Handlungszonen: Literaturtourismus als kulturelle Technik (Exkurs) 267
Lektüre an Originalschauplätzen 268 Lac Léman 272
Lake District, "Scott County", Brontë County" 276
Walden Pond 278
Unterwegs mit Friedrich Schillers "Wilhelm Tell" 280
Die Genese einer literaturtouristischen Landschaft 285
Funktionsweisen und Effekte literaturtouristischen Reisens 286
Resultat: Bestätigung oder Enttäuschung 289
Entlastung, Intensivierung 292
Der Schauplatz als Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart 293
Literaturtourismus heute 294

6. Ein literarischer Atlas Europas als Horizont in der Ferne (der Großraum) 299
Wege zu einer Landkarte der Literatur: Addition und Induktion 303
Kleiner Maßstab, große Räume: Die europäische Dimension 314
Maßstabwechsel 315
Vergleiche 322
Neue Themen: Städtetopographien, Grenzen, Räume der Fiktion 333
Wie kartographieren? 344

7. Schlussbemerkungen: Chancen und Grenzen der Literaturgeographie 349
Gewinne, Verluste – wechselseitige Ergänzungen 355
Schauplätze: Rezeptions- und produktionsästhetische Aspekte 357
"Alles ist lokalisierbar" 359

8. Glossar 361
9. Ausgewertete Primärliteratur als Basis für die Karten 6-17 364
10. Bibliographie 374
11. Bildnachweis 420

Toward a New Atlas of Literature

Barbara Piatti's dissertation on the Geography of Literature explicates the forms and semantics of literary and real-world spaces as well as their relation to each other. Using an approach that is part literary criticism, part cartography, the author develops a method of analysing places and spaces in literary texts and relating them to real-world topography. The Swiss region between Lake Lucerne and Mount Gotthard is her landscape of choice for a spatially organised history of literature.


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