Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Artikelaktionen

Neue Lesart: Die Wiederentdeckung des Mythos in der existentiellen Fantasy schürt einen Krieg der Weltbilder

Eine Rezension von Melanie Knaup

Kölzer, Christian: 'Fairy tales are more than true'. Das mythische und neomythische Weltdeutungspotential der Fantasy am Beispiel von J. R. R. Tolkiens 'Lord of the Rings' und Philip Pullmans 'His Dark Materials'. Trier: WVT, 2008.

Christian Kölzers Dissertation
Fairy tales are more than true gibt am Beispiel von zwei populären Romantrilogien grundlegende Einblicke in das mythische und neomythische Weltdeutungspotential der Fantasyliteratur. Durch eine textimmanente Erschließung von J. R. R. Tolkiens The Lord of the Rings und Philip Pullmans His Dark Materials etabliert Kölzer den Gattungsbegriff der 'Existentiellen Fantasy' und will diese in einer angemessenen Rezeptionsweise als "Erbin des klassischen Mythos" (S. 7) verstanden wissen. Auch ohne eine detaillierte Kenntnis der behandelten Primärtexte ist es dem Leser möglich, die erarbeiteten wissenschaftlichen Theorien sowie die religionswissenschaftlichen und literaturgeschichtlichen Zusammenhänge nachzuvollziehen. Kölzers Studie ist im Forschungskontext der phantastischen Literatur hinsichtlich dieser neuen Lesart als sehr vielversprechend und besonders gelungen zu bewerten.


In der wissenschaftlichen Analyse der Fantasyliteratur taucht immer wieder der Vorwurf auf, die Werke seien aufgrund eines wenig intellektuellen Niveaus lediglich als triviale Unterhaltungsliteratur zu werten. In diese kontrovers geführte Diskussion um eine derartige Engführung der Rezeption von Fantasyliteratur reiht sich Christian Kölzer mit seiner im Jahre 2008 als Dissertation vorgelegten Studie Fairy tales are more than true ein. Er ist der Meinung, der Fantasyliteratur müsse eine über den Rahmen einer oberflächlichen Erzählhandlung hinausweisende Bedeutungsebene zugetraut werden, die das eigentliche Ziel der Darstellung ist und von der allein aus die Darstellungsweise der Erzählung verstanden werden kann.

Gemäß diesem Anspruch eröffnet Kölzer einen religionswissenschaftlichen Zugang zur Fantasyliteratur. Dazu verortet er J. R. R. Tolkiens The Lord of the Rings und Philip Pullmans His Dark Materials im Theoriediskurs der Phantastik als "existentielle Fantasy" (S. 52 f.). Für eine klare Definition und Abgrenzung des Genres benutzt Kölzer das terminologische Instrumentarium, welches Uwe Durst (2001) in seiner strukturalistischen Untersuchung Theorie der phantastischen Literatur entwickelte. Kölzers gewählte Perspektive auf die Fantasyliteratur, insbesondere sein religionsphilosophischer Ansatz von 'mythisch-religiösen' und 'neo-mythischen' Weltbildern innerhalb der Phantastik, ist als durchaus innovativ zu bewerten. Kölzer sieht in dem von ihm so betitelten 'Weltdeutungspotential' die entscheidende theoretische Figur für eine Neubestimmung der Texte innerhalb der Fantasyliteratur.

In einer "Standortbestimmung" (S. 1) setzt Kölzer sich einleitend mit dem nicht nachlassenden Leseinteresse an der Fantasyliteratur auseinander, welches er in einer immer komplexer werdenden Wirklichkeit einer "entzauberten und rationalisierten Welt" (S. 2) begründet sieht (Kapitel 1). Daran schließt sich eine kritische Auseinandersetzung mit der Rezeptionsproblematik der Fantasyliteratur an (Kapitel 2), bevor Kölzer im dritten Kapitel seiner Studie das Thema in einen literaturtheoretischen und kulturhistorischen Kontext setzt. Darauf folgend analysiert er die beiden Primärtexttrilogien unter narratologischen und semantischen Gesichtspunkten in Einzelkapiteln (Kapitel 4 und 5) und arbeitet dabei die typischen Charakteristika und Kriterien der Texte heraus. So entwirft er für die Romantrilogie The Lord of the Rings unter anderem das Grundprinzip von der "Rückkehr zur Natur" (S. 180 ff.) und eines zum "Primat des Guten" (S. 192 ff.). In Pullmans His Dark Materials untersucht er das "kreative Grundprinzip der Parallel- und Alternativwelten" (S. 250 ff.), das "philosophische Grundprinzip des naturwissenschaftlichen Materialismus" (S. 281 ff.) und das "ideologische Grundprinzip des 'Sündenfalls' als Selbsterlösung des Menschen" (S. 328 ff.).
Die philosophische Grundausrichtung des Weltdeutungspotentials unterscheidet Kölzer in seinen Primärtexten dichotomisch in die beiden Kategorien 'mythisch-religiös' und 'neomythisch'. Dabei bezieht er sich auf den Religionsphilosophen Linus Hauser und dessen Grundlagenwerk Kritik der neomythischen Vernunft (2004). Beide Weltgestaltungskompositionen gründen sich auf fundamental-philosophische Grundprinzipien, welche die traditionell christliche Weltsicht entweder bestätigen (mythisch-religiös) oder verwerfen (neomythisch). Kölzer wertet sowohl J. R. R. Tolkiens The Lord of the Rings als auch Philip Pullmans His Dark Materials als repräsentative Vertreter dieser beiden Grundhaltungen und damit als "herausragende Vertreter der weltdeuterisch bedeutsamen existentiellen Fantasy" (S. 347). Beide Romanzyklen legen gemäß Kölzers Analyse ein besonderes Augenmerk auf die weltanschauliche Tiefe in der Ausgestaltung der Anderswelt.

Durch die kontrastierende Darstellungsweise im sechsten Kapitel, welches Kölzer plakativ als "Krieg der Weltbilder" betitelt, werden die beiden Weltgestaltungskonzepte und ihre Prinzipien nochmals zusammengefasst. Im Werk Tolkiens sieht Kölzer die Endlichkeit des Menschen thematisiert. Diese sei im gesamten Textkorpus auch nicht durch innerkosmische Mittel zu überwinden. Die in der phantastischen Welt agierenden Figuren handeln im Bewusstsein ihrer Sterblichkeit und erkennen sich in ihrer Lebensweise als Geschöpfe Gottes an. Damit erfüllt das Werk Tolkiens das grundlegende Kriterium eines mythisch-religiösen Weltbildes.
Ebenso repräsentativ umgesetzt sieht Kölzer das neomythische Weltbild in Pullmans His Dark Materials. Hier werde die Endlichkeit des Menschen mit dem Verweis auf die Ewigkeit seiner Atome negiert. Der Mensch handelt bei Pullman nicht mehr nur als Geschöpf Gottes, sondern wird durch den Fortschritt der Wissenschaften selbst zum Schöpfer.

Bildhafte Beschreibungen und die klare Strukturierung dieser insgesamt sehr anregend geschriebenen Studie erleichtern die Lektüre auch für Leser, die keine detaillierte Kenntnis der behandelten Primärtexte haben. Kölzer weist sogar explizit darauf hin, dass es sich bei seiner Arbeit keinesfalls um eine Begleitlektüre für Fans oder eine Sammlung von Materialien für die Behandlung der Romane im Schulunterricht handelt. Vielmehr regt er durch seine Monographie den Leser zu einer aktiven und kritischen Auseinandersetzung mit den Werken Tolkiens und Pullmans an. Kritisch anmerken ließe sich zu dieser ansonsten sehr lesenswerten Studie einzig, dass Kölzer mit der Konzentration auf die weltanschaulichen Grundpositionen letztlich eine ebenso einseitige Lesart wie die von ihm in der Einleitung kritisierten Zugänge liefert. Darüber hinaus wirkt die Formulierung 'Krieg der Weltbilder', die der Verfasser als "Stellvertreterkrieg für die extrafiktionale Wirklichkeit" und als ein Ausdruck der menschlichen Sehnsucht nach der verlorenen "Gesamtheit des Seienden" (S. 353) fasst, im Kontext einer literaturwissenschaftlichen Untersuchung etwas zu pathetisch. Ebenso verhält es sich mit dem Anspruch, die Würde der Fantasyliteratur wiederherzustellen und sie vor der Vereinnahmung der Falschversteher und Fans in Schutz zu nehmen.

Fazit: Die Bedeutung der vorliegenden Studie liegt insbesondere in der systematischen Sichtung und der sehr gut strukturierten Wiedergabe der Romanzyklen hinsichtlich ihrer religionsphilosophischen Komponenten. Diese neue Blickrichtung auf zwei in der Phantastikforschung schon ausgiebig analysierte Werke, bietet sowohl dem Einsteiger wie auch dem erfahrenen Leser von Fantasyliteratur einen Mehrwert in der Interpretation. Durch die Einführung des Genres der existentiellen Fantasy ist die Arbeit Kölzers zudem ein Gewinn für die neuere Gattungsforschung der Phantastik.


Kölzer, Christian: 'Fairy tales are more than true'. Das mythische und neomythische Weltdeutungspotential der Fantasy am Beispiel von J. R. R. Tolkiens ‚Lord of the Rings' und Philip Pullmans ‚His Dark Materials'. Trier: WVT, 2008 (SALS – Studien zur anglistischen Literatur- und Sprachwissenschaft, Bd. 32). 364 S., broschiert, 37,50 Euro. ISBN 978-386821-033-0


Inhaltsverzeichnis


1. Einleitung: Standortbestimmung

2. Faërie, okkupiert: Das Rezeptionsproblem der Fantasy
2.1. Gegen eine Annexion der Anderswelt
2.2. Die Unschuld der Anderswelt
2.3. Offenheit der Wirklichkeit versus Geschlossenheit der literarischen Weltgestaltung
2.4. Der böse Drache muss getötet werden – dichterische Gerechtigkeit und Gewalt in der Anderswelt
2.5. Die Anderswelt und die FSK – doppelte Adressiertheit und das 'Kindgerechte'

3. Ein Befreiungsversuch
3.1. Tolkien Konzeption der Fantasy
3.2. Existentielle Fantasy
3.2.1. Fantasy: Das Genre der Weltenschöpfer
3.2.2. Das weltanschauliche (Be-)Deutungspotential der Sekundärweltgestaltung
3.2.3. Existentielle Fantasy als Erbin des klassischen Mythos
3.2.4. Die Romanhaftigkeit der Fantasy
3.2.5. Existentielle Fantasy zwischen klassischen Mythos und religionsförmigem Neomythos
3.2.6. Fantasy richtig lesen: Die angemessene Rezeptionshaltung

4. J. R. R. Tolkien – The Lord of the Rings (1954-55)
4.1. Autor und Werk
4.2. Ausgewählte narratologische Aspekte des Romans
4.2.1. Erzählerische Vermittlung
4.2.2. Historisierung und Authentisierung
4.2.3. Nostalgie und Melancholie in The Lord of the Rings
4.2.4. Primärwelt und Sekundärwelt
4.3. Grundprinzip I: die göttlich gestiftete Wohlordnung alles Seienden
4.3.1. Tolkiens Kosmoskonzept
4.3.2. Schöpfungsordnung in The Lord of the Rings
4.3.3. Rassismus versus Sehnsucht nach Ursprünglichkeit
4.3.4. Gesellschaftssysteme
4.4. Grundprinzip II: Rückkehr zur Natur
4.4.1. Die Wiedererlangung der Natur
4.4.2. Animismus in Tolkiens Weltgestaltung
4.5. Grundprinzip III: Der Primat des Guten in The Lord of the Rings
4.5.1. Götterapparat und Schicksal in The Lord of the Rings
4.5.2. Die VerORTung von Himmel und Hölle: Geographie und Gesinnung
4.5.3. Die ‚Sundering Seas’ und der himmlische Westen – Tolkiens Jenseitskonzepte
4.5.4. Magie
4.5.5. Gut und Böse
4.5.6. Der Ring
4.6. Die mythischen Grundstrukturen in Tolkiens Sekundärweltgestaltung

5. Philip Pullman – His dark Materials (1995-2000)
5.1. Autor und Werk
5.2. Ausgewählte narratologische Aspekte des Romans
5.2.1. Genre
5.2.2. Erzählverlauf und Erzählhorizont
5.3. Das kreative Grundprinzip: Parallel- und Alternativwelten
5.3.1. Das Weltengefühe in His Dark Materials
5.3.2. Literaturgeschichtliche Einordnung
5.3.3. Alternativhistorie in His Dark Materials
5.4. Das philosophische Grundprinzip: naturwissenschaftlicher Materialismus
5.4.1. Pullmans Umsetzung der naturwissenschaftlichen Materialismus
5.4.2. Die Negierung der radikalen Endlichkeit
5.5. Das ideologische Grundprinzip
5.5.1. Pullmans Darstellung des Sündenfalls und die biblische Tradition
5.5.2. Das Konzept der Grazie bei Kleist
5.5.3. Pullmans Kleist-Rezeption
5.5.4. "Sympathy for the Devil" – Pullmans Gegenentwurf zum christlichen Gottesbild
5.6. Die neomythischen Grundstrukturen in Pullmans Sekundärweltgestaltung

6. Krieg der Weltbilder: Synopse der Sekundärweltkonzepte
6.1.1. Die Stellung des Menschen
6.1.2. Die Stellung der Transzendenz
6.1.3. Die Stellung des Mythos

7. Fazit

8. Epilog

9. Biblographie
9.1. Abkürzungen
9.2. Behandelte Primärtexte
9.3. Weitere Primärtexte
9.4. Sekundärliteratur

A New Reading: The Rediscovery of Myth in Existential Fantasy Literature Foments a War of Worldviews

Christian Kölzer’s dissertation Fairy tales are more than true uses two popular trilogies to demonstrate the basic principles of mythic and neo-mythic world interpretation in modern fantasy literature. With a text-immanent approach of J. R. R. Tolkiens The Lord of the Rings and Philip Pullmans His Dark Materials Kölzer proposes a genre of "existential Fantasy Literature". In his opinion, this genre should be received as the "heiress of the classical myth" (p. 7). Even for those unfamiliar with the primary literature, Kölzer's theories and analyses of religious and literary studies are readily accessible. Referring to this new reading as a rediscovery of the myth, Kölzer’s study provides an auspicious entry into the research of fantasy literature.



© bei der Autorin und bei KULT_online