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Ideologisch selektive Bilder serbischer Kultur?

Eine Rezension von Claudia Lichnofsky

Sundhaussen, Holm: Geschichte Serbiens. 19.-20. Jahrhundert. Wien: Böhlau u.a., 2007.

Die 2007 publizierte Monografie des Südosteuropahistorikers Holm Sundhaussen Geschichte Serbiens. 19.-20. Jahrhundert beschäftigt sich mit serbischer Geschichte ab dem ersten serbischen Aufstand 1804 bis zum Ende der Ära Milošević im Jahre 2000. Dabei beschränkt er sich auf die Region der jeweiligen serbischen Staatlichkeit bzw. dieser Region im ersten und zweiten Jugoslawien.
Neben der Behandlung des "langen 19. Jahrhunderts" (1800-1918), in der u. a. die Ziele der Aufständischen, die Entstehung des Kosovo-Mythos, serbische Aufklärung und Standardisierung der Sprache sowie der Erste Weltkrieg erklärt werden, beschäftigt sich der größte Teil mit dem "kurzen 20. Jahrhundert" von der Gründung des Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen bzw. Jugoslawiens über den Zweiten Weltkrieg und das Sozialistische Jugoslawien (immer mit Fokus auf der Region bzw. später Republik Serbien) bis selbstverständlich hin zu dem Zerfall Jugoslawiens, den Kriegen in den 1990er Jahren sowie der Verantwortung Serbiens an Zerfall und Krieg.  


Viel Wirbel löste die serbische Übersetzung von Holm Sundhaussens Geschichte Serbiens aus. Über Wochen wurde in der konservativen Tageszeitung Politika darüber debattiert, ob Sundhaussen als Deutscher überhaupt die Geschichte Serbiens verstehen könne, und sein Buch wurde als serbophob und jugophil diskreditiert. Der von Sundhaussen als "neue(r) Geschichtspriester" (S. 21) bezeichnete konservative Historiker Dušan Bataković schreibt im Nachwort der serbischen Ausgabe, der Vorteil dieser Publikation liege darin, dass die serbische Öffentlichkeit erkenne, wie andere die serbische Vergangenheit wahrnehmen und einen Einblick in diese "Denkschule" bekomme. Sie betrachte serbische Kultur in "ideologisch selektiven Bildern" und unter "vorherrschend negativen Aspekten" (serbische Ausgabe S. 568, Übersetzung C. L.).

Wie konnte er zu diesem Urteil kommen? Sundhaussen selbst, der sich seit 40 Jahren mit Südosteuropa, schwerpunktmäßig Serbien, beschäftigt und seit 1988 Professor für Südosteuropäische Geschichte an der Freien Universität Berlin ist, hatte weder ein Plädoyer für noch gegen "die Serben" geplant, da er sich nicht in der Rolle eines Verteidigers oder Anklägers sehe, sondern "als Gutachter und Ermittler, als jemand, der Spuren sichert, Befunde zusammenträgt, prüft und abwägt und mit dem Mut zur Lücke leben muss." (S. 24).

Die vorliegende Monografie stellt die erste umfangreiche Geschichte Serbiens des 19. und 20. Jahrhundert dar und beschäftigt sich mit dem Zeitraum vom ersten serbischen Aufstand 1804 bis zum Ende der Ära Milošević im Jahre 2000. Dabei geht Sundhaussen insbesondere auf die Entstehung von Nationsbildung und serbischem Nationalismus ein. Tabellen, Karten und Statistiken aus seiner Publikation Historische Statistik Serbiens 1834-1914 geben zusätzliche, übersichtliche Informationen.

Auf 166 Seiten behandelt er das "lange 19. Jahrhundert", das unter dem Zeichen der Staats- und Nationsbildung stand (was im kollektiven Gedächtnis als "nationale Wiedergeburt" gespeichert ist) und bis 1918 dauerte. Er geht auf die Ziele der bäuerlichen Aufständischen von 1804 ein, die seiner Meinung nach noch nicht als nationale Befreiungsbewegung bezeichnet werden können, sondern lediglich die "Wiederherstellung der 'guten alten Ordnung'" (S. 66) zum Ziel hatten. Erst die Rezeption Herderscher Ideen, die gerade bei kleinen Völkern ohne Staat Anklang fanden und dem Nationskonzept der französischen Revolution widersprachen, führten zum "Erwachen" des Nationalbewusstseins (S. 84), wie es Sundhaussen schon in seiner Monografie Einfluss der Herderschen Ideen auf die Nationsbildung bei den Völkern der Habsburger Monarchie beschrieben hat.

Um den seit Ende der 1980er Jahre nationalistisch aufgeladenen Kosovo-Mythos zu verstehen, erklärt Sundhaussen seine Entstehung. Er habe sich im 19. Jahrhundert aus Heiligenkult der Kirche und Volksdichtung (dem Kosovo-Zyklus von Vuk Karadžić) zusammensetzt (vgl. S. 97-115). Mit biblischen Analogien und Nationalisierung einer mittelalterlichen Schlacht zwischen Osmanen und der Nemanjiden-Dynastie habe dieser Mythos den Opferkult und die Angst vor der 'türkischen Gefahr' tief in das kollektive Gedächtnis der Serben gebrannt.

Viel entscheidender als diese erste Phase postosmanischer Staatenbildung sei jedoch die zweite gewesen, die ab den 1870er Jahren einsetzte und von der "Großen Orientalischen Krise" geprägt war. Sie fand ihren Abschluss im Berliner Kongress von 1878 als – neben Serbien und Griechenland – auch Montenegro und Bulgarien ihre Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich von den Großmächten zugesprochen bekamen. Diese Krisen und Kriege seit Beginn der "Großen Orientalischen Krise" seien es gewesen, die in Serbien den Nationalismus zum Massenphänomen werden ließen (vgl. S. 132). Die Entstehung der albanischen Nationalbewegung (die 'Liga von Prizren') stellt Sundhaussen in engen Zusammenhang mit den Vertreibungen von (hauptsächlich albanischen) Muslimen aus den 1878 neu erworbenen Gebieten Serbiens (das heutige Südserbien mit den Städten Niš, Vranje, Pirot, Leskovac). Dieser Fokus mag national orientierten Historiografen in Serbien missfallen, da er eine serbische 'Mitschuld' am albanischen Nationalismus behauptet.

Das "kurze 20. Jahrhundert" (ab 1918) umfasst 220 Seiten und soll hier nicht näher besprochen werden, da es größtenteils auf seiner Publikation Geschichte Jugoslawiens von 1918-1980 beruht. Lediglich das Kapitel 3.4, das die Jahre 1980-2000 zum Thema hat, ist komplett neu verfasst und schon der Titel "Die Selbstzerstörung Serbiens" widerspricht dem in Serbien vorherrschenden Topos des serbischen Opfers, das von den anderen Republiken ausgebeutet wurde, wie es auch im 'Memorandum' der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste von 1986 dargestellt ist. Zu diesem viel rezipierten Werk serbischer Intellektueller gibt Sundhaussen nicht nur die, in Medien und Publikationen über Nationalismus in Serbien, üblichen Informationen wieder. Seiner Meinung nach ist kein Aufruf zur ethnischen Säuberung in dem Dokument erkennbar, wohl aber Argumente, die später zur Legitimation ethnischer Säuberungen benutzt wurden (vgl. S. 397).

Betrachtet Sundhaussen also die Geschichte Serbiens mit "ideologisch selektiven Bildern"? Sundhaussen setzt sich differenziert, aber kritisch mit der Nationsbildung in Serbien auseinander und erwähnt auch Ereignisse und historische Hintergründe des Kosovo-Konflikts, die oft verschwiegen werden. Er unterschlägt auch nicht den albanischen Nationalismus seit Ende des Ersten Weltkriegs, den Terror albanischer Kaçak-Banden oder die albanische Kollaboration und Sympathie mit und für die Nationalsozialisten im italienisch besetzten Groß-Albanien, zu dem Kosovo während des Zweiten Weltkriegs gehörte (vgl. S. 398 f.).
Schuld an den Kriegen der 1990er Jahre sieht Sundhaussen nicht nur auf serbischer Seite, da alle Konfliktparteien eine Propagandaoffensive mit ähnlichen Mythen und Feindbildern geführt haben. Allerdings stimmt er auch nicht in die "Alle-sind-schuld"-These ein, da diese nur mit Einschränkungen für die bosnisch-muslimische, kosovo-albanische und Sandžak-muslimische Seite zutreffe (S. 447 f.).
Eine einseitige Betrachtung oder "ideologisch selektive Bildern" (Bataković) können Sundhaussen schwerlich vorgeworfen werden, auch wenn er selbst sagt, dass er heute einige Details hinzufügen oder anders schreiben würde.


Sundhaussen, Holm: Geschichte Serbiens. 19.-20. Jahrhundert. Wien: Böhlau u.a., 2007. 514 S. mit einigen Abb., Tabellen und Karten, gebunden, 59 €. ISBN 978-3-205-77566-9

Zundhausen, Holm: Istorija Srbije od 19. do 21. veka. Beograd: Clio, 2009. 578 S., gebunden. 42,95 €. ISBN 978-86-7102-320-7



Inhaltsverzeichnis


1. Vorwort: Was ist eine Geschichte Serbiens und wie kann man sie schreiben? _  11

2. Arena der "Erinnerungen" _  27

3. Das "lange" 19. Jahrhundert: Staatliche und nationale Wiedergeburt   _ 65
3.1. Staatsbildung und Beginn der großen Transformation (1804-1858)
3.2. Nationsbildung und nationales Projekt
3.3. Serbien und die Balkanfrage (1858-1878)
3.4. Gesellschaft zwischen Beharrung und Aufbruch
3.5. Nationaler Irredentismus und Triumph (1878-1918)

4. Das "kurze" 20. Jahrhundert: Staatliche und nationale Krisen und Katastrophen  _ 231
4.1. Serbien/Serben im ersten Jugoslawien (1918-1941)
4.2. Serbien/Serben im Zweiten Weltkrieg (1941-1945)
4.3. Serbien/Serben im zweiten Jugoslawien (1945-1980)
4.4. Die Selbstzerstörung Serbiens (1980-2000)

5. Ausblick: "Philosophie der Palanka" oder offene Gesellschaft?  _ 451

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Ideologically Selective Pictures of Serbian Culture?

Holm Sundhaussen’s 2007 monograph Geschichte Serbiens. 19.-20. Jahrhundert (History of Serbia: 19th through 20th century) follows Serbian history from the first Serbian rebellion under the Ottoman Empire in 1804 until the end of the Milošević era in 2000. He focuses on the area of the earliest autonomous Serbian state and this region within the first and second Yugoslavia. After examining the "long 19th century" (1800-1918), with elucidations of the insurgency, the Kosovo-myth, Serbian enlightenment, language standardisation and Serbia's role in World War I, the bulk of Sundhaussen's work is on the "short 20th century", from the formation of the Kingdom of Serbs, Croats and Slovenes — later known as the Kingdom of Yugoslavia — to World War II and Serbia within the Socialist Federal Republic of Yugoslavia. Of course, the history would not be complete without discussions of Yugoslavia's fall, the civil wars of the 1990s and Serbia's ultimate accountability.


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