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Gelungene Geschichte eines leidenschaftlichen Scheiterns

Eine Rezension von Kolja Lichy

Greengrass, Mark: Governing Passions: Peace and Reform in the French Kingdom, 1576 – 1585. Oxford u.a.: Oxford University Press, 2007.

Nach etlichen Publikationen zur französischen Geschichte des 16. Jahrhunderts und zur Reformationsgeschichte thematisiert Mark Greengrass in seiner 2007 erschienen Monografie die relative Ruheperiode zwischen der ersten Welle der französischen Religionskriege und deren Fortsetzung im Kontext der katholischen Liga. Im Mittelpunkt stehen dabei die (gescheiterten) Reformversuche in der Regierungszeit Henris III. Neben den zentralen Projekten des Hofes werden ebenso deren Konfrontation mit den Eliten und mit der Situation in der Provinz berücksichtigt. Methodisch geht es Greengrass in seiner konzisen und überzeugenden Studie um die Zusammenführung von Ereignis- und Ideengeschichte. 


Mit seinem Buch über die Bartholomäusnacht als "rêve perdu de la Renaissance" hatte Denis Crouzet vor einigen Jahren lebhafte Diskussionen ausgelöst, als er das Massaker aus dem Kontext der letztlich gescheiterten neoplatonischen Ideen des französischen Hofes unter Charles IX. heraus erklärte. Mit Mark Greengrass’ Monografie über die Reformanstrengungen Henris III. liegt nun in gewissem Sinne eine – nicht nur chronologische – Anknüpfung an die suggestive Studie Crouzets mit gewissermaßen nüchterneren angelsächsischen Mitteln vor. Als Interpretationsrahmen dient auch Greengrass das zeitgenössische moralphilosophische Programm des Hofes, in einem neostoizistisch basierten Amalgam aus klassisch antikem und scholastischem Gedankengut.
Die im Buchtitel Governing Passions benannte Idee, die Leidenschaften zu beherrschen, bezeichnete mithin den Versuch, nach dem Ende einer ersten Periode der Religionskriege, die durch enorme Gewaltexzesse gekennzeichnet war, eine Herrschaft der Tugend zu etablieren. Dass das hierauf basierende politische Reformprogramm des Königs zum Scheitern verurteilt war, wird zwar schon in der Einleitung postuliert; warum dies allerdings der Fall war, vermag Greengrass dann in seiner klaren und eleganten Darstellung überzeugend zu klären.
Dabei ist es ein nicht zu vernachlässigender Verdienst, die gescheiterten Bemühungen von Henri III. und seinem Hof überhaupt zum Thema einer eigenen Monographie gemacht zu haben. Hier wird also explizit keine Erfolgsgeschichte geschrieben. Den Reformansätzen aber wird – trotz des ihnen inhärenten Scheiterns – durch die narrative Konzentration auf das enge Zeitfenster zwischen den Generalständen von Blois 1576 und der Notablenversammlung von 1584 ein Eigenrecht verliehen. Schon hierdurch stellt die vorliegende Studie sowohl eine instruktive Ergänzung zur Geschichte der französischen Religionskriege als auch zur Regierung Henris III. dar.

Zu Beginn seiner Darstellung klärt Greengrass die Ausgangsbedingungen für die Reformanstrengungen. Er skizziert die Krise der Valois-Monarchie in der Mitte der 1570er Jahre, wobei insbesondere der gescheiterte Belagerungsversuch von La Rochelle 1573 unter Charles IX. als Ausgangspunkt dient. Der Fokus richtet sich hier auf die Wahrnehmung der militärischen Niederlage in Flugschriften und Manifesten wie etwa dem testament politique Henris, zu dem Zeitpunkt noch Duc d’Anjou. Die Reflexionen über das militärische Scheitern stehen dabei nicht nur bei Anjou in engstem Zusammenhang mit tiefgreifenden Reformüberlegungen, die die Armee ebenso wie das Ämtersystem, die Kirche, das Finanz- oder Steuerwesen betreffen. Schon in diesem ersten Abschnitt demonstriert Greengrass überzeugend seinen Ansatz, close reading zeitgenössischer Schriften mit der Erörterung des personalen, militärischen und finanziellen Kontexts zu verflechten.
Hieran anknüpfend beschäftigt sich der zweite Teil der Darstellung mit dem theoretisch-philosophischen Rahmen der Reformbemühungen am Beispiel der Palast-Akademie Henris. Greengrass stellt diesen Ausführungen knappe allgemeine Bemerkungen zur Bedeutung der Rhetorik als Scharnierpunkt zwischen Theorie und Praxis sowie zur zeitgenössischen Moralphilosophie voran. Entsprechend untersucht er im Anschluss die Vorträge der Palast-Akademie für den König. Dabei konzentriert er sich auf deren Umgang mit der Beherrschung der Leidenschaften als zentralem ethischem Problem, das zugleich als zentrale politisch-gesellschaftliche Herausforderung der Zeit erscheint: "The re-establishment of the moral authority of the monarchy was a key political problem for the Valois in these years [...]. If peace with the protestants could be achieved, it would be on the basis of an amnesty for past events, a just peace, and the creation of a new moral order under royal authority that they would accept." (S. 63 f.) In diesem Zusammenhang nahm die Rhetorik einen wichtigen Platz in der Akademie ein – stellte sie doch für den König Instrumente bereit, um die moralische Autorität der Monarchie wiederherzustellen.

Setzen die ersten beiden Abschnitte des Buches den Rahmen, verweben die folgenden sieben Kapitel eine auf den ersten Blick recht konventionell wirkende chronologische Darstellung zugleich geschickt mit einer Praxiserkundung der königlichen Reformbemühungen. Mithin lotet Greengrass hier die Versuche des Hofes zwischen 1576 und 1583/84 aus, die Erneuerung mit verschiedenen Mitteln auf unterschiedlichen Feldern durchzusetzen. Die Ständeversammlung, die Reaktion der Provinzen, der Friedensschluss von Bergerac mit den Protestanten, die Tour de France der Königinmutter Catherine de Medici, die Abschaffung des Ämterkaufs und die Reform der Kirche – alle diese Versuche der königlichen Politik, eine tiefgreifende Reform der Tugend und eine Stärkung monarchischer Autorität zu erreichen, waren massiven Widerständen ausgesetzt.
In zahlreichen Detailskizzen vermag Greengrass die lokalen und regionalen Konstellationen und Interessen, die Standpunkte von Aristokratie und Notablen, von katholischem Klerus und Protestanten in Reaktion auf Henris Politik aufzuzeigen. Dabei werden die Beobachtungen über die konkrete Umsetzung der Reformpolitik immer in einen Zusammenhang mit der politischen Publizistik und deren theoretische Argumentationen als Teil und Ausdruck der Krise gesetzt. Gerade das von Greengrass angelegte Mosaik der unterschiedlichen Interessen – einerseits jene der Graswurzelpolitik auf lokaler Ebene, andererseits der fehlende Überblick der Zentrale – vermag ein klareres Bild der Monarchie im 16. Jahrhundert zu zeichnen als eine rein auf einzelne Großakteure oder den Hof beschränkte Betrachtungsweise. Dabei macht Greengrass klar, dass sich die Reformansprüche in ihrer moralischen Dimension wie in ihren ambitionierten Umsetzungsversuchen an verschiedenen Gruppen und Ebenen brachen.

Das Scheitern Henris wird in der geerdeten Version einer history of ideas erklärt. Darüber hinaus zeigt Greengrass auf, dass Teile der Reformansätze wie die Ordonnances de Blois in der französischen Monarchie durchaus längerfristige Wirkungsmächtigkeit entfalteten.
Die vorliegende Monographie ist somit ein sehr überzeugender und weiterführender Beitrag – in Hinblick auf methodische und darstellerische Konzeption – nicht nur zur französischen Geschichte.


Greengrass, Mark: Governing Passions: Peace and Reform in the French Kingdom, 1576 – 1585. Oxford u.a.: Oxford University Press, 2007. 423 S., kartoniert, 150 Dollar. ISBN 978-0-19-921490-7


Inhaltsverzeichnis

Introduction

1 Defeat and Reformation

2 Comprehending Passions Eloquence and the Passions
Moral Philosophy in the Sixteenth Century
The ‚Palace Academy’ and the Passions
The Projet d’Éloquence Royale

3 The Estates of Blois and the Bien Public
A beneficent Myth
The Peace of Monsieur (6 May 1576) and its Aftermath
Setting an Agenda
Catholicity and the Commonwealth
Conferring for the Common Weal
A Gallican Interlude
A Project for the Common
Good ‚Advice’ for the King
A Diplomatic Offensive
The Estates, Peace, and Reformation

4 Le Chemin de la Paix, 1577-1579
Making Peace
The King’s Peace
A Ceasefire
Instruments of Peace Missionaries in Search of Peace

5 Dissent in the Country
‚Pernicious Enterprises’
‚A General Reformation of Things’
‚Trouble-Makers’

6 The Perfection of Peace, 1579-1580
‚Our Guyenne Expedition’
The Conference at Nérac
‚Que le petites choses croissent par concorde’

7 France through the Looking Glass, 1581-1582
French Calvinists and the Governance of the Passions
The Peace of Fleix
The ‚Credibility Gap’ in Guyenne, 1581-1583
The Miroir des François

8 Restoring Virtue, 1579-1582
‚Quatrains’ of Virtue ‚Beaucoup de belles et bonnes ordonnances’
The Sale of Offices
The Assembly of the Clergy and the Reform of the Church, 1579-1580
‚Nostre souveraine nourrice, la Pénitence’

9 The Assembly of Notables, 1583-1584
‚Personages of Authority and Quality to See and Visit our Subjects’
Tours of Duty
Mines of Information
The Deliberations of the Nobles

Conclusion

A Brilliant Study of a Bitter Defeat

In his 2007 monograph Mark Greengrass deals primarily with the reform effort of the French court under the reign of Henri III in the 1570s and 1580s. The attempt of Henri and his court to reorganise the central and regional administrations and to stabilise the tense situation between Catholics and Protestants was based on moral philosophy discussed at sessions of the king’s Palace Academy. Confronted with a wide range of religious, social and local interests, the ambitious royal initiatives were doomed to failure. Greengrass presents the story of a failed reform as a concise and highly convincing history of ideas in concrete political context.


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