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"Ein willkürlicher Querschnitt durch die Welt moderner Gedichte"

Eine Rezension von Juliane Schöneich (Osnabrück)

Reifarth, Gert (Hg.): Das Innerste von außen. Zur deutschsprachigen Lyrik des 21. Jahrhunderts. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2008.

Die Beiträge dieses literaturwissenschaftlichen Bandes gehen den Formen und Ausprägungen neuester Lyrik in detailgenauen exemplarischen Analysen nach. Besonderes Augenmerk liegt hierbei auf dem Wechselspiel von Innerem und Äußerem, von Wahrnehmungen und deren Verarbeitung, von Schöpfungs- und Rezeptionsmöglichkeiten. Die Vielfalt der Beiträge, die zwischen der Konstatierung metalyrischer Selbstbespiegelung und noch immer zivilisationskritischem Weltbezug, zwischen der Herausarbeitung von Traditionslinien und scheinbarer Solitärstellung changieren, machen diesen Band zum Sammelwerk im positivem Sinn – das zwar keinen umfassenden Überblick bieten kann, aber schlaglichtartig verschiedenste Aspekte jüngster Lyrik erhellt. 


Bemerkenswert offen erscheint die vom Herausgeber bewusst gewählte teilakademische Herangehensweise des “Einstiegs in Lyrik”, welche die Wirkungsästhetik von Lyrik im rational nicht fassbaren Bereich ansiedelt und somit sowohl Beurteilungs- und Wertmaßstäbe relativiert, als auch Rezeptionsaspekte als Thema der Lyrik selbst benennt. Dementsprechend verweist der Herausgeber auf die große Eigenständigkeit der Beiträge, denn den AutorInnen wurden in Bezug auf die eigene Subjektivität “keine einschränkenden oder auf eine Systematik hinarbeitenden Regulierungen” (S. 18) auferlegt. Der gewünschte Effekt, nämlich “engagiert-interessierte Beiträger zu haben, deren Kapitel von ihrer Begeisterung für das Thema profitieren” (S. 18), tritt erfolgreich ein und mehrere Aufsätze bestechen durch ihre Mischung aus intellektueller und emotionaler Herangehensweise.

Ein wenig Lenkung wäre jedoch wünschenswert gewesen, um die Bandbreite lyrischen Schaffens im neuen Jahrtausend wenigstens anzudeuten. Ohne diese Lenkung wird nun Enzensberger mit einem Gedichtband (Die Geschichte der Wolken) zweimal besprochen, Analysen Kunert’scher Gedichte vom gleichen Rezensenten auf zwei Aufsätze verteilt, junge Lyrik durch den starken Akzent auf Rap-/Slam-Poetry in ihrer Vielfalt reduziert und jüngste Lyrik gänzlich vernachlässigt. Im Gegensatz dazu sind allein 5 von 13 autorenspezifischen Artikeln den vor 1930 Geborenen (Mayröcker, Enzensberger, Kunert) gewidmet. Ebenso auffällig ist der geringe Anteil an besprochenen Lyrikerinnen. Hier fanden nur Mayröcker und Runge (in Teilaspekten auch Gomringer und Krechel) Aufnahme. Auch wenn die beträchtliche Auswahlbibliographie im Anhang keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, ist beispielsweise das Fehlen von Barbara Köhlers 2007 erschienenem Band Niemands Frau beklagenswert.
Die genannten Einwände werden im Übrigen, zumindest teilweise, vom Herausgeber selbst antizipiert, und so versteht er den Band keineswegs als Überblickswerk, sondern sieht in ihm “einen willkürlichen Querschnitt durch die Welt moderner Gedichte” (S. 19).

Dennoch beeindruckt das Buch durch minutiöse, höchst intensive Analysen und Motivforschungen zu einzelnen Gedichten oder Autoren und kann durchaus den Anspruch auf Aktualität einlösen. Gert Reifarths Kapitel zu José F.A. Oliver integriert beispielsweise Ansätze interkultureller Lyrikbetrachtungen, Katie Suttons Beitrag zur “Queerpolitk” greift neueste gender-orientierte Herangehensweise auf und Sabine Rossbachs Artikel zur Casualcarmina erweist sich als eine, trotz des sperrigen Titels, erfrischend kritische Auseinandersetzung mit fußballorientierter Gebrauchslyrik. Schwerpunkte bilden die Betrachtungen zu Enzensberger, Kunert und Kolbe, sowie Aspekte der Metalyrik und Metaphysik. Die drei abschließenden Kapitel beschäftigen sich mit der “musikalischen Seite” moderner und junger Lyrik und umreißen Rap-Poetry und Rock-Lyrik von Bas Böttcher über Rammstein bis zu Rosenstolz.

Guido Ernst untersucht in seinem Beitrag zur “Metalyrik des 21. Jahrhunderts” die, wenig erstaunlichen, Tendenzen zur Selbstreflexion moderner Lyrik. Die einleitenden Worte des Herausgebers zur engen Verknüpfung von AutorIn, Text und RezipientIn werden hier vertieft und “die Auseinandersetzung mit Funktionen, Möglichkeiten und Grenzen der Literatur in der Literatur” (S. 23) einerseits in einen abendländischen Traditionsbezug gestellt, andererseits in ihren modernen Ausprägungen untersucht. “Metalyrik” erweitert Webers Begriff der “poetologischen Lyrik”, indem sie auch “nicht-poetologische[] Referenzen auf andere Texte, wie beispielsweise Anspielungen, Zitate, Parodien und Travestien” (S. 26) einbezieht. Sie erfasst so auch intertextuelle und gattungsübergeifende Aspekte und erweitert die dreifache Selbstreflexion (Person, Schaffen, Werk) um den spielerischen Umgang mit Fremdbezügen. Den Begriff der Metalyrik nimmt auch Heinz L. Kretzenbacher in seiner Analyse der Zweimal hundert Gedichte gegen Gedichte von Reinhardt P. Gruber auf und akzentuiert ihn in seiner Gegensätzlichkeit zur Prosa (vgl. S 119 f.).
Die Zunahme metalyrischer Tendenzen erklärt sich Ernst aus einer “Verbrauchtheit der Themen und Formen” (S. 30), die, insbesondere nach der kanonischen Integration avantgardistischer Ansätze und der ermüdeten Widerbelebung alter Ansätze, auf nichts als sich selbst zurückgeworfen scheint. Das klingt pessimistisch - Selbstreflexion erscheint hier als letzte Zuflucht, als Anerkennung erschöpfter Möglichkeiten, als Rückzugsort in die Diskussion über die (Un)Möglichkeit von Kommunikation.

Diese Stagnation spricht der lyrischen Autoreflexion einen Erkenntnisgewinn, der über Unsagbarkeiten hinausginge, ab und lässt sie so mitten im Diskurs verstummen. Es bleibt nur zu hoffen, das diese Auffassung ein Problem beschränkter literaturwissenschaftlicher Erklärungsmöglichkeiten darstellt, die Ernst kritisch als den Versuch “unter dem Label ‘Postmoderne’ Gattungs- und Kunstformgrenzen aufzusprengen” (S. 44) beschreibt, und das Gedicht als Ausdrucksmöglichkeit von Selbst- und Welterkenntnis weniger gefährdet ist, als es hier den Anschein hat. Die in diesem Band deutlich hervortretende fruchtbare Auseinandersetzung mit Lyrik auf verschiedenen Ebenen lässt diese Hoffnung als berechtigt erscheinen.


Reifarth, Gert (Hg.): Das Innerste von außen. Zur deutschsprachigen Lyrik des 21. Jahrhunderts. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2007. 293. S. u. 18 S. Illustrationen, geheftet, 38,- €. ISBN 978-3-8260-3778-8



Inhaltsverzeichnis


Wege in die Poesie: Das Innerste von außen Ein Vorwort
GERT REIFARTH 9

Gedichte über Gedichte und nichts zwischen den Zeilen? Zur deutschen Metalyrik des 21. Jahrhunderts
GUIDO ERNST 23

“Ich schenke Euch ein Wörterbuch”: José F.A. Oliver über Sprache, Deutschland und Australien
GERT REIFFARTH 45

“Weiß der Himmel, wie sie es machen”: Hans Magnus Enzensbergers Die Geschichte der Wolken
ENGELHARD WEIGL 59

Dichterische Wolkenwissenschaft: Hans Magnus Enzensbergers Die Geschichte der Wolken
ALEXANDRA LUDEWIG UND HANS JOACHIM BECKER 81

Wassermetaphorik, Augensprache und Poetologie in Uwe Kolbes Gedichtband Die Farben des Wassers
ALAN CORKHILL 91

Alberto Caeiro in Kothvogl: Reinhard P. Grubers Zweimal 100 Gedichte gegen Gedichte als pessoanische Antipoesie
HEINZ L. KRETZENBACHER 109

Variationen einer Apokalypse der Liebe: Drei Gedichte mit dem Titel “To whom it may concern”
GERT REIFFARTH 143

Metaphysik und Entfremdung: Zu drei Gedichten von Doris Runge
STEPHAN ATZERT 157

Nihilismus als Satire: Günter Kunerts Gedichte “Das Spiel” und “Menetekel”
HANSGERD DELBRÜCK 167

Wenn A zugleich B sein kann: Günther Kunerts Gedichte “Geben heißt nehmen”
HANSGERD DELBRÜCK 179

Vom Umgang mit dem Tod: Friederike Mayröckers Gedicht “5. Brandenburgisches Konzert”
HANSGERD DELBRÜCK 193

Schneegestöber im Kühlhaus der Identitäten: Albert Ostermaiers Gedicht “lullaby”
STEPHAN RESCH 207

Spaziergang durch den esoterischen Supermarkt: Toby Hoffmanns Gedicht “esoterische Mobilmachung”
STEPHAN RESCH 213

Die Luft ist raus! Zur Poetik neu-deutscher Casualcarmina
SABINE ROSSBACH 219

Gutes Wetter für Rap Poetry: Bastian Böttchers “Drei-Jahreszeiten-Trilogie”
BILLY BADGER 231

Herzeleid im Tod nach Noten: Zur Poesie von Rammstein und Till Lindemann
GERT REIFARTH 255

Von Pop zu Queercore: Möglichkeiten einer queerpolitischen Lyrik in der Musik
KATIE SUTTON 267

Anhang: Ausgewählte deutschsprachige Lyrikbände seit 2000 279
Zu den Beiträgern 289
Verzeichnis der Illustrationen 292
Index 293
Illustrationen 295

A Random Sampling from the World of Modern Poetry

This collection of articles from the field of literary studies attempts to trace forms and patterns in new contemporary poetry through a selection of detailed analyses. The focus lies on the interaction of interior and exterior, of perception and formulation, of varieties of creation and reception. The assembled contributions range from a description of metalyric self-reflexion to the (still evident) critique of civilization in a global context. They pinpoint traditional references on the one and apparent singular perspectives on the other hand. This diversity turns the anthology into a true collection – one that cannot provide an all-encompassing overview, but instead spotlights the most diverse aspects of 21st Century poetry.


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