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Deutsche Erinnerungsdiskurse im europäischen Kontext - Ein beeindruckender Überblick über den Forschungsstand zur Wende und Nachwendeliteratur

Eine Rezension von Juliane Schöneich (Osnabrück)

Cambi, Fabrizio (Hg.): Gedächtnis und Identität. Die deutsche Literatur nach der Vereinigung. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2008.

Die Beiträge dieses Bandes versammeln in großer Vielfalt Betrachtungen zu Lyrik, Prosa und Film nach 1989 und widmen sich "den drei Bereichen der Identität, des Gedächtnisses und der Berliner Literatur” (S. 10) unter kultur-, sozial- und literaturwissenschaftlicher Perspektive. Beeindruckend sind nicht nur die beträchtliche Anzahl und Themenvielfalt der Beiträge. Die Sammlung besticht auch durch die ausgewogene Gewichtung von bekannten und neuen Stimmen, den generationsübergreifenden Blick, die Einbeziehung interkultureller Aspekte und die Berücksichtigung jüngster VertreterInnen bei der Auswahl der besprochenen AutorInnen. So erfüllen sich für diesen Band Anspruch und Hoffnung darauf, einen beträchtlichen Anteil der Identitäts- und Erinnerungssuche im vereinten Deutschland zu beschreiben und mitzugestalten. 


Bereits das Verzeichnis der Beitragenden liest sich wie ein 'Who is Who' im 'Forschungskader' zur DDR-Literatur: Emmerich, Krauss und Preußer als muttersprachliche Germanisten; Chiarloni, Galli, Leeder, Pirro und Visser als VertreterInnen der Auslandsgermanistik, um nur einige zu nennen. Die Auflistung wird vervollständigt durch eine große Zahl junger Beitragender verschiedener Gebiete, so dass insgesamt ein beeindruckendes Korpus bearbeitet und eine umfassende Sammlung des Forschungsstandes zur deutschen Literatur nach dem Ende der DDR geliefert wird.

Hervorgegangen aus einer 2007 gehaltenen Konferenz in Trient blickt der Band auf eine lange Tradition der Auseinandersetzung von AutorInnen und WissenschaftlerInnen mit deutsch-deutschen Aspekten in Literatur und Leben zurück. Schon die Veranstaltungen von 1987 und 2000 widmeten sich der Funktion von Literatur im sozialen, kulturellen, geschichtlichen und politischen Kontext und ließen deren gesamtgesellschaftliche Aufgabe offen zu Tage treten. Erst jetzt jedoch, durch einen gewissen zeitlichen Abstand, wird in literarischen und literaturtheoretischen Texten individuelle und gesellschaftlich-kulturelle 'Identität' verstärkt mit historisch-politischen Aspekten nach den umfassenden gesellschaftlichen Umbrüchen der Wendezeit gekoppelt.
Der kontextuelle Schwerpunkt des "Erinnerns” liegt, nach Rekursen auf den Umgang mit nationalsozialistischer Vergangenheit und der Zeit zweier deutscher Staaten (und zwei oder drei Literaturen), auf jüngster Erinnerungskultur. Diese ist durch generationelle Verarbeitungs- und Rezeptionsunterschiede gekennzeichnet und ruft bei WissenschaftlerInnen und "Autoren neue Dimensionen der Erinnerung und neue Erinnerungsperspektiven” (S. 10) hervor. Dass Identitätssuche und Erinnerungsdiskurse dabei, trotz ostalgischer Elemente, keinen ausschließlich ostdeutschen Bezugsrahmen benötigen, wird nicht nur durch die italienische Rezeptionsperspektive deutlich, sondern kommt auch in Aufsätzen zu Regener, Draesner oder Kehlmann zum Vorschein.

Dementsprechend eröffnet sich hier die Möglichkeit, dass sich ein gemeinsames kulturelles Gedächtnis herausbildet, welches sich nach Emmerich in einem Zusammenwachsen der "künstlich getrennten ‘Generationszusammenhänge’ aus Ost und West” (S. 22) äußert. Schon in seiner gar nicht so kleinen Literaturgeschichte forderte Emmerich die Verabschiedung des "Beschreibungsmodells ’Nationalliteratur‘” zu Gunsten einer Kategorie des Ästhetischen, deren Gewinn gerade in der Anerkennung einer "Vielfalt der ästhetischen Konzepte und Schreibpraxen" liege (Wolfgang Emmerich: Kleine Literaturgeschichte der DDR. Erweiterte Neuausgabe, Leipzig 1996, S. 525). Die Konzentration auf Beschreibungen literarischer und medialer Diskurse anhand von Gattungsmerkmalen, Welt- und Gesellschaftseinschätzungen wie Zivilisationskritik oder Utopievorstellungen, topographischen Aspekten, sprachlichen Formen, sowie Gefühls- und Bewusstseinszuständen im vorliegenden Band tragen diesem Anspruch Rechnung.

Dankenswerterweise haben sich Herausgeber/Veranstalter und BeiträgerInnen nicht der feuilletonistischen Suche nach 'dem Wenderoman' angeschlossen, sondern orientieren sich stärker an übergreifenden literatur- und kulturtheoretischen Fragestellungen einerseits, sowie individuellen Werkbetrachtungen andererseits. Dementsprechend dominieren konkrete Auseinandersetzungen mit verschiedenen Erinnerungsbüchern (Krauss), mit dem Genre der Autobiographie (Nelva) oder dem Phänomen der Familienromane (Agazzi), mit typisierten 'ostdeutschen Aspekten' (Banchelli, Costagli) oder narrativen Identitätskonstrukten (Visser) und widerlegen so die Notwendigkeit gesinnungsästhetischer Abrechnungsversuche.

Der Konferenz wie dem Band ist hoch anzurechnen, dass sie Geschichte und Geschichten, Erlebtes und Erfindung im einander bereichernden Wechselspiel erfassen und würdigen, ohne pauschale Wertungen oder abschließende Einordnungen und Kategorisierungen vorzunehmen. So wird auch in Rezeption und Diskussion die 'objektive Erinnerung' als Konstrukt anerkannt und das Spiel mit Möglichkeiten als unvermeidlicher und wünschenswerter Teil des Erinnerungs- und Identitätsfindungsprozesses gesehen. Hannes Krauss nennt es "produktive Verunsicherung” auf der einen, "fiktionale Authentizität” auf der anderen Seite und meint "eine Literatur, die Gewissheiten erschüttert und Einblicke erlaubt in das Innere der historischen Prozesse” (S. 56).


Cambi, Fabrizio (Hg.): Gedächtnis und Identität. Die deutsche Literatur nach der Vereinigung. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2008. 354 S., geheftet, 39,80 €. ISBN 978-3-8260-3788-7


Inhaltsverzeichnis

Fabrizio Cambi

Einleitung 9

Wolfgang Emmerich

Generationen - Archive - Diskurse. Wege zum Verständnis der deutschen Gegenwartsliteratur 15

Daniela Nelva

Erinnerung und Identität. Die deutsche Autobiographie nach der Wende 31

Hannes Krauss

Das Vergangene erzählen - Erinnerungsdiskurse nach 1989 45

Eva Banchelli
Ostalgie: eine vorläufige Bilianz 57

Anthonya Visser

Simple Stories? Konstruierte Erinnerung an Leben in der DDR 69

Antonella Gargano

Die Berliner Romane von Wladimir Kaminer 85

Stefano Beretta

Kreuzberg 36 und die Bremer Lehrjahre. Zu Sven Regeners Romanen Herr Lehmann und Neue Vahr Süd 99

Heinz-Peter Preußer
Zur Typologie der Zivilisationskritik. Was aus Daniel Kehlmanns Roman Die Vermessung der Welt einen Bestseller werden ließ 111

Maurizio Pirro

Die Stimmigkeit der lyrischen Stimme bei Ulrike Draesner 125

Karen Leeder
Heimat in der neuen deutschen Lyrik 135

Michele Sisto

Deutsche Literatur aus italienischer Sicht nach 1989: Gedächtnis und Identität 155

Magda Martini

Die DDR-Literatur im Italien der neunziger Jahre 171

Elena Agazzi

Familienromane, Familiengeschichten und Generationenkonflikte. Überlegungen zu einem eindrucksvollen Phänomen 187

Gerhard Friedrich
Opfererinnerungen nach der deutschen Vereinigung als Familienroman 205

Domenico Mugnolo
Vom mühseligen Umgang mit der Muttersprache und von der "Vergangenheit, die nicht vergehen will”. Ruth Klüger und George-Arthur Goldschmidt 223

Mark M. Anderson

Tristes Tropes: W.G. Sebald und die Melancholie der deutsch-jüdischen Vergangenheit 231

Alessandro Fambrini

"Ein Gefühl der Beklemmung”. W.G. Sebald und die gescheiterte Utopie 243

Klaus Schuhmacher
Deutschlands erklärte Nacht. Stimmen eines gemischten literarischen Chores 255

Italo Michele Battafarano
Dreißig Jahre Rom zu Fuß mit Delius (1976 - 2006) 267

Simone Costalgi
Unverhofftes Wiedersehen. Erscheinungsformen des "deutschen Ostens” in der Gegenwartsliteratur 277

Viviana Chilese

Menschen im Büro: Zur Arbeitswelt in der deutschen Gegenwartsliteratur 293

Eva-Maria Thüne
‘Mundhure’ und ‘Wortmakler’. Überlegungen zu Texten von Emine Sevgi Özdamar 305

Matteo Galli

Stadt, Land, Fluss. Deutschlandbilder im deutschen zeitgenössischen Film 321

Anna Chiarloni
"ein zittern wie reisen”. Interview mit Uljana Wolf 341

Beiträge zum Thema "Identität und Gedächtnis”
Brigitte Burmeister 347
Friedrich Christian Delius 351
Uljana Wolf 352

German Memory Discourse in a European Context: An Impressive Collection of Current Literary Research Before and After the Wende

This anthology assembles a wide variety of essays on post-unification German literature and film pertaining to "the three areas of identity, memory, and Berlin literature" (p. 10). The volume is remarkable for its numerous and diverse topics coming from the perspectives of literary and cultural studies as well as from other social science disciplines. The appeal of this collection lies furthermore in its balanced inclusion of both established and new scholarly voices, including the youngest of university researchers. The anthology truly fulfills its ambitious goal of framing cultural memory and the search for identity in united Germany.


© bei der Autorin und bei KULT_online