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Das Fehlen der Zwischenräume – Reisen im 16. und 17. Jahrhundert

Eine Rezension von Evelyn Gottschlich

Gotthard, Axel: In der Ferne. Die Wahrnehmung des Raums in der Vormoderne. Frankfurt: Campus, 2007.

Axel Gotthard betrachtet in seiner Monographie In der Ferne. Die Wahrnehmung des Raums in der Vormoderne Reiseaufzeichnungen unterschiedlichster Autoren des 16. und 17. Jahrhunderts. Schwerpunkt sind dabei deutsche und französische Quellen. Er analysiert darin räumliche Bezüge zur Konstruktion eigener und fremder Identitäten, der Heimat, Natur und des Reisens selbst. Seine Ergebnisse, die er als erste Hinweise versteht, weisen daraufhin, dass vormoderne Menschen sich in ihrer Raumwahrnehmung sowohl von der mittelalterlichen wie auch der modernen unterschieden. Der Autor beschreibt diese vormoderne Raumidentität als ein "Nacheinander von ausdehnungslosen Punkten" (S. 157). Die Studie wirft eine Vielzahl von Fragen auf und führt exemplarisch vor, wie sie von der Geschichtswissenschaft beantwortet werden könnten. 


In den letzten Jahren sind zwar einige Bände erschienen, die sich mit der Raumwahrnehmung und dem Raumbewusstsein in der Frühen Neuzeit beschäftigen; es sind aber im Vergleich zu derartigen Studien in der Antiken- und Mittelalterforschung oder der Betrachtung der Moderne immer noch sehr wenige. Auffällig ist auch, dass es sich generell um Sammelbände handelt. Hier besetzt Axel Gotthards Monographie In der Ferne. Die Wahrnehmung des Raums in der Vormoderne eine Leerstelle. Er verortet seine Studie in der Wahrnehmungsgeschichte. Statt Karten und Grenzen will der Autor Reiseberichte daraufhin untersuchen, wie die Menschen die Bewegung erfahren haben. Die "raumbezogene Identität" zeige sich "nämlich am ehesten im Kontext der Begegnung mit dem Ungewohnten, Fremden" (S. 8). Seine Analyse weise daraufhin, dass die "vormodernen Reisenden zwar von vielen Räumen berichten, aber doch nicht eigentlich räumlich denken" (ebd.). Er selbst bezeichnet seine Arbeit als Sondierungsversuch, der Anregungen für neue Perspektiven der Forschung liefern will (vgl. S. 67-68).

Unter der Überschrift "Aktuelle Kontexte" holt Gotthard zum Rundumschlag aus – von der deutschen Geopolitik, der Diskussion um 'absolutistische' und 'relativistische' Raumkonzepte über fachwissenschaftliche und filmische Ansätze bis hin zu Globalisierungsgefechten und der 'Wiederkehr des Raumes' streift er alles, wirft viele Fragen auf, positioniert sich jedoch kaum (vgl. S. 10-27). Seine Schlussfolgerung ist dann auch wenig pointiert: "Der allenthalben behaupteten 'Renaissance des Raums' liegen nicht nur sehr unterschiedliche Raumkonstruktionen zugrunde, sie wird auch ganz verschieden motiviert. Es gibt offensichtlich viele gute Gründe für die 'Hinwendung zum Raum'." (S. 27).

Im "Problemaufriss" beleuchtet Gotthard zunächst in einem kurzen Überblick über die Geschichte der Geschichtswissenschaft das schwierige Verhältnis der Historiker zum Raum (vgl. S. 28-32). Bisherige Untersuchungen, die nach dem Beginn des Nationalstaates, des Nationalismus oder der linearen Grenzziehungen fragten, lieferten keine eindeutigen Ergebnisse – widersprüchliche Aussagen seien die Regel (vgl. S. 33-59).
Im Folgenden macht Gotthard klar, was er will: "Wir müssen systematisch untersuchen, in welchen Räumen sich die vormodernen Menschen zuhause fühlten, was sie als ihre Heimaten erachtet haben. Wir müssen von diesen Menschen, und zwar aller sozialen Milieus, auf die sie bergenden Räume schauen." (S. 61). Er macht auch deutlich, dass er den Raum dabei weder als Akteur noch als etwas Materielles auffassen will und die Frühe Neuzeit-Forschung weiterhin auf Texte angewiesen sieht (vgl. S. 59-63). Doch welche Texte können Auskunft darüber geben, welcher räumlichen Identität sich ein vormoderner Mensch zugehörig fühlte? Gotthard lehnt hier administrative Quellen ab, da sie eher die Regeln der Bürokratie verdeutlichten als das "Empfinden der so Erfassten" (S. 64). Bei allen mit Reiseaufzeichnungen verbundenen Schwierigkeiten hält Gotthard diese Quellengattung für seine Fragestellung am ergiebigsten: "[D]as Eigenbild ist zunächst einmal das Negativ des Fremdbildes" (S. 65). Über die Einordnung fremder Landschaften und Personen, die den Verfassern der Aufzeichnungen auf der Reise begegneten, könne sich der Historiker dem räumlichen Selbstverständnis des Reisenden annähern (vgl. S. 64-79).

Das dritte Kapitel stellt die Ergebnisse der Untersuchung vor. Deutlich wird, dass der vormoderne Reisende sich mit seiner Zugehörigkeit zu einer Konfession und einem Kleinraum identifizierte, dagegen kaum mit der Nation oder dem Reich (vgl. S. 79-91).
In Reiseberichten und auf Karten des 16. und 17. Jahrhunderts finden sich, so Gotthard, hauptsächlich Ordnungen nach Gentilräumen – Schwaben, Franken und Bayern waren charakteristische, häufig gebrauchte Einheiten. Meistens wurden die Reisestationen jedoch noch kleinräumiger in ihren Reichsterritorien beschrieben (vgl. S. 91-101).
Weiter bemerkt der Verfasser: Den Reisenden war zwar die politische kleinräumige Zugehörigkeit der einzelnen Territorien gut bekannt, Grenzen (auch Sprachgrenzen) und ihre Überschreitung wurden jedoch kaum und höchstens beiläufig erwähnt. Es sei auffällig, wie wenig die vormodernen Reisenden über die Räume schrieben, die sie durchquerten. Für sie waren nur die Städte interessant, die sie anstrebten: "Man reist, um anzukommen." (S. 111, vgl. S. 101-117).
Gotthard schlägt vor, dass sich die Naturbetrachtung ab dem 17. bis zum 19. Jahrhundert von der Missachtung über Erkenntnisgewinn hin zum Gefühl für die Natur entwickelt haben könne, wobei es Ausnahmen gegeben habe wie etwa Petrarca oder Michel de Montaigne (vgl. S. 117-131). Im Kontrast dazu steht die Malerei, die nach Gotthard schon im Spätmittelalter begonnen habe, Naturgegenstände zu Räumen zusammenzufügen und damit den schriftlichen Zeugnissen vorausgeeilt sei (vgl. S. 140-142).

Wie Untersuchungen gezeigt haben, nahm der mittelalterliche Mensch die Welt in abgegrenzten 'Rauminseln' wahr, zwischen welchen er hin und her springt (vgl. S. 139, S. 144). Die Analyse Gotthards macht nun deutlich, dass vormoderne Raumbeschreibungen sich eindeutig von der mittelalterlichen Wahrnehmung von 'Inselräumen' unterscheiden, sie aber auch nicht der modernen Vorstellung eines homogenen Raumbehälters entsprachen, sie den Raum also nicht als ein Gefäß mit überall gleichwertiger Füllung, das der Raum all unseres Handelns ist, wahrnahmen (vgl. S. 138-139, S. 210). Deshalb beschreibt Gotthard die frühneuzeitliche Raumwahrnehmung als ein "Nacheinander von ausdehnungslosen Punkten" (S. 157), in dem kleine Räume konturiert sein konnten (vgl. S. 131-155).

Die Lektüre bereichert, da es der Autor versteht, Erkenntnisse aus Untersuchungen zur Malerei, der Kosmographie, der Kartographie und eben der Reiseliteratur zusammen zu bringen. So entsteht eine inspirierende Studie der Wahrnehmungsgeschichte, die nicht durch zu große Vereinfachungen zu überzeugen sucht, sondern im Gegenteil ein komplexes – durch die Mehrdimensionalität geradezu räumlich anmutendes – Projekt entwirft. Sie liefert weniger fertige Ergebnisse, als dass sie neue Perspektiven sichtbar macht.
Die ersten 50 Seiten zerstreuen den Leser etwas, da sie voller "Fragekaskaden" (S. 67) sind und ein sehr großes Feld sehr knapp zu überblicken versuchen. Auch fällt besonders dort der manchmal sehr lockere Schreibstil auf, der aber insgesamt die Lektüre eingängig macht. Der Autor wird seinem Anspruch gerecht, Ansätze für einen anderen Umgang mit dem Raum in der Geschichtsschreibung zu liefern, der ihn nicht als Rahmen oder Kulisse betrachtet. Die vielen aufgeworfenen Fragen verunsichern manchmal, eröffnen jedoch auch neue Zusammenhänge. Ob sich die aus der Reiseliteratur gewonnenen und noch zu gewinnenden Einsichten weiträumiger verallgemeinern lassen, muss sich erst noch herausstellen. Die 'Versuche' des Autors zeigen jedenfalls auf, dass eine Wahrnehmungsgeschichte des Raumes in der Frühen Neuzeit möglich sein kann.


Axel Gotthard: In der Ferne. Die Wahrnehmung des Raums in der Vormoderne. Frankfurt: Campus, 2007. 245 S., broschiert, 24,90 Euro. ISBN 978-3-593-38493-1



Inhaltsverzeichnis


Einleitung 7

1. Aktuelle Kontexte: Der Raum der Globalisierung 10

2. Problemaufriss: Was wir so alles nicht genau wissen 28
2.1 Vormoderne Räume und was sie uns für Fragen aufgeben 28
2.2 Vormoderne Grenzfälle und was sie uns für Fragen aufgeben 55
2.3 Welche Fragen sind besonders interessant? 59
2.4 Welche Sonden könnten uns helfen? 63
2.5 "Raum" und "Raumwahrnehmung" 68

3. Vormoderne Lebensräume 72
3.1 Heimatliches, Befremdliches 72
3.2 Wer einem so begegnet 86
3.3 Verortungen 93
3.4 Grenzgänge 101
3.5 Leer oder "lustig" was zwischen den Zielorten liegt 111
3.6 Rauminseln oder Raumkontinuum? 131
3.7 Zum Beispiel Frankreich 143

4. Alte Netze, neue Vernetzungen 156

Anmerkungen 165
Quellen und Literatur 218

The Absence of the Space In-between – Travelling in the 16th and 17th Centuries

Axel Gotthard's monograph In der Ferne. Die Wahrnehmung des Raums in der Vormoderne (In the distance. The perception of space in early modern times) examines travelogues from widely disparate 16th and 17th century authors. Gotthard's main focus lies on German and French sources, which he plumbs for spatial references that determine the construction of self and other, homeland, nature and travelling itself. He sees these initial findings as proof that people's spatial perception during the early modern era, which he describes as "a succession of finite points" (p. 157), differed from that of both medieval and modern times. In sum, the study presents a variety of questions and an exemplary sketch of how historiography could address them.


© bei der Autorin und bei KULT_online