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Blick hinter die akademische Kulisse

Eine Rezension von Dr. Sünne Juterczenka

Leggewie, Claus; Mühlleitner, Elke: Die akademische Hintertreppe. Kleines Lexikon des wissenschaftlichen Kommunizierens. Frankfurt a.M./New York: Campus, 2008.

In 177 kurzen, alphabetisch sortierten Essays erklärt Die akademische Hintertreppe von Claus Leggewie und Elke Mühlleitner die Besonderheiten akademischer Kommunikation. Das Lexikon lädt Studierende, wissenschaftlichen Nachwuchs und akademische Laien gleichermaßen auf humorvolle Weise ein, sich am Wissensfortschritt zu beteiligen. Besondere Aufmerksamkeit widmet es gegenwärtigen und künftigen Wandlungen der Wissenschaftskommunikation. 


Wie bringt man wissenschaftliche Laien dazu, einen Blick in die Uniwelt zu riskieren? Vielleicht hinten herum. Wie manche anderen Glossare und Ratgeber, die seit Beginn der Hochschulreformen erschienen (etwa der Campus-Knigge aus dem vorigen Jahr), soll dieses Lexikon nicht nur "Wissenschaftler (oder solche, die es werden wollen)", sondern auch alle anderen, "die hinter die Fassade der akademischen Welt blicken möchten" (Klappentext) auf unkonventionellem Weg an Gepflogenheiten und Sprache des Campus heranführen.

Das Vorbild ist offenbar Wilhelm Weischedels 1966 erstmals erschienene und seither viel gelesene Philosophische Hintertreppe. Der vorliegende Band konzentriert sich auf die vielfältigen, spezifisch akademischen Kommunikationsformen, deren "Eigensinn und Autonomie" er gegen die allfällige Forderung nach wissenschaftlicher Breitenwirkung verteidigt (S. 9). Dennoch, der Titel ist Programm: Wie Weischedel die Philosophie, wollen Leggewie und Mühlleitner die Wissenschaftskommunikation einem erweiterten Publikum zugänglich machen. Indem sie Wissenschaft als Kommunikation begreifen, versuchen sie insbesondere den "gut informierten Bürger" (Alfred Schütz, zit. ebd.) anzuregen, selbst zum "Fortschritt des Wissens" beizutragen (ebd.). Dieses Anliegen greifen verschiedene Beiträge auf (zum Beispiel "Buch", S. 45), und der ausgesprochen lebendige Stil spiegelt es ebenfalls wider. Als Aufhänger für die Essays dienen oft alltägliche Situationen; so wird deutlich, wie nah die vermeintlich weltfernen WissenschaftlerInnen dem außeruniversitären Leben tatsächlich stehen. Ein Tag aus dem Leben der "akademischen Telearbeiterin" Andrea C. etwa zeigt, wie "Cyberscience" der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zugute kommt; dabei sorgt die digitale Vernetzung offenbar auch dafür, dass die Kollegin nun ständig erreichbar und auf das "Damoklesschwert" eines drohenden Computerabsturzes gefasst sein muss (vgl. S. 57-62). Der Blick bleibt stets nach vorn gerichtet, indem das Lexikon zeigt, wie sich wissenschaftliche Kommunikation (insbesondere durch die elektronischen Medien) künftig verändern wird ("E-mail", S. 80), und wie man sie weiter gestalten könnte – etwa mit dem Ziel einer breiteren Verfügbarkeit von Wissen ("Copyright", S. 55, "Demokratie", S. 69-70).

Die Länge der Texte variiert zwischen wenigen Zeilen ("Hiwi", "Interdisziplinarität", "Quantifizierung") und mehreren Seiten ("Archiv", "Cyberscience", "Nützlichkeit"). Dem Lexikonformat entsprechend sind sie alphabetisch sortiert und durch zahlreiche Querverweise miteinander verknüpft; Anregungen zur weiteren Lektüre finden sich gesammelt in einer beigefügten Literaturliste. Die ausgewählten Themen spiegeln aktuelle Entwicklungen wider: Neben Reformierung und Virtualisierung auch die Globalisierung der Universität. Leggewie und Mühlleitner bekennen sich zwar eingangs zu ihrem kulturwissenschaftlichen "Bias" (S. 11), bringen aber doch zahlreiche Beispiele aus Rechts-, Sozial- und Naturwissenschaften sowie aus der Medizin.

Das Lexikon erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit (ebd.) – und von aller denkbaren Kritik ist diese sicher die angenehmste: Gern hätte man mehr gelesen. So ist zwar einerseits verständlich, dass in einem Buch, das die Zeitgebundenheit akademischer Kommunikation betont, kein Platz für tote Sprachen ist. Andererseits wäre eine Erwähnung der alten wissenschaftlichen Lingua franca dienlich gewesen. Schließlich tragen einige Beiträge lateinische Titel ("Curriculum Vitae", "Erratum", "Laudatio"), und die meisten der hergeleiteten Wortbedeutungen verweisen auf einen lateinischen Ursprung. Auch widmen Leggewie und Mühlleitner ausgewählten Fossilien der akademischen Kommunikation durchaus eigene Beiträge: etwa dem längst durch elektronische Post ersetzten "Briefwechsel", dem jüngeren Semestern wohl kaum mehr bekannten "Epi(dia)skop", und dem (dank Niklas Luhmanns origineller Verwendung immerhin aktualisierbaren) "Zettelkasten".

In einem Punkt wäre aufgrund der eingangs umrissenen Programmatik mehr zu erwarten gewesen. Obwohl das Lexikon für ein fächerübergreifendes Publikum gedacht ist, sucht die Leserin im Eintrag "Interdisziplinarität" vergeblich nach Hinweisen auf die ganz eigene Schwierigkeit (oft auch Komik) interdisziplinärer Kommunikation, die so häufig scheitert, aber auch begrüßenswerte Neuerungen bringt. Der Eintrag enthält nur dreieinhalb resignative Zeilen mit der selbst erfüllenden Prophezeiung, der zufolge Interdisziplinarität außerhalb von Antragsprosa eigentlich nie eine ernst zu nehmende Rolle gespielt habe (oder je spielen werde). Dabei entspricht es doch dem Ansinnen Leggewies und Mühlleitners, die Laien am "Fortschritt des Wissens" beteiligen möchten, dass im Austausch zwischen den Disziplinen jeder Fachwissenschaftler ein Laie ist.

Insgesamt aber ist der Band unbedingt zu empfehlen. Er ersetzt manches sonst per Mundpropaganda verbreitete Halbwissen über geheimnisumwitterte akademische Bräuche ("Berufungsverfahren", "Gutachten"), ohne durch einen belehrenden Ton den Spaß am wissenschaftlichen Kommunizieren zu verderben. Die akademische Hintertreppe zeichnet sich dadurch aus, dass Leggewie und Mühlleitner diesen praktischen Nutzen mit ihrem Werben für eine gesellschaftlich anschlussfähige Wissenschaft zu verbinden wissen. Bei "interessierten Laien" kann es nur Sympathien wecken, wenn WissenschaftlerInnen sich selbst und ihre Arbeit mit so viel Wortwitz und offensichtlichem Vergnügen auf die Schippe nehmen: So werden Bibliographien als "eine Art Menükarte für Bibliophage" umschrieben, "die einen Bücherberg auf der einen Seite ihres Schreibtischs ablegen, das Hereingeschlungene auf Notizblöcken oder im PC verarbeiten und auf der anderen Seite beschriebene Blätter ausstoßen." (S. 33) Sollte es dem unterhaltsamen Werk nicht gelingen, die angesprochenen Laien hinter die akademische Bühne zu locken, so liegt dies wohl in der Tat daran, dass diese von vornherein "skeptisch dreinschauen" (S. 9).


Leggewie, Claus und Elke Mühlleitner: Die akademische Hintertreppe. Kleines Lexikon des wissenschaftlichen Kommunizierens. Illustriert von Hans Werner Poschauko. Frankfurt/New York: Campus, 2007. 295 S., gebunden, 22,00 Euro. ISBN: 978-3-593-38153-4


Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Abstract – Akkreditierung – Archiv – Argument – Auflage – Aufsatz – Begehung – Beobachtung – Berufungsverfahren – Beweis – Bias – Bibliographie – Bibliothek – Bild – Briefwechsel – Buch – Call for Papers – Campus – Cluster – Code – Copyright – Curriculum vitae – Cyberscience – Danksagung – Daten – Demokratie – Diavortrag – Dissertation – Drittmittelantrag – Du oder Sie? – E-Learning – Elfenbeinturm – Eliteuni – E-Mail – Englisch – Enzyklopädie – Epi(dia)skop – Erratum – Essay – Ethikkodex, wissenschaftlicher – Evaluation – Exkurs – Exkursion – Expedition – Experiment – Expertise – Exposé – Exzerpt – Fachblogs – Fakultät/Fachbereich – Fälschung – Feedback – Feldforschung – Fernsehprofessor – Festschrift – Forschung & Lehre – Freisemester – Fröhliche Wissenschaft – Fußnote – Gastvortrag – Geisteswissenschaften – Gender – Gerücht – Google-Copy-Paste – Graue Literatur – Gutachten – Habilitation – Hagen – Handapparat – Handout – Hearing – Hiwi – Hochschulreform – Homepage – Hörer aller Fakultäten – Hypothese – i.e. (u.a.) – Impulsreferat – Institut – Interaktivität – Interdisziplinarität – Internationalisierung – Irrtum – Jargon – Juniorprofessor – Kanon – Kausalität – Keynote – Klassiker – Klatsch – Kollaboration – Kollegium – Kommentar – Konferenz – Kontroverse – Kopie – Kritik – Kulturen, zwei, drei, viele – Labor – Laudatio – Lesbarkeit – Lesen – Markt, mehr! – Medienkompetenz – Meinung, herrschende/abweichende – Meritokratie – Methode – Miszelle – Mittelbau – Modell – Moderation – Modul – Nachruf – Newsletter – Noten – Nützlichkeit – Objektivität – Open Access – Originalität – Overhead-Projektor – Panel – Paradigma – Patent – Peers – Plagiat – Populärwissenschaft – Powerpoint – Präsentation – Preisträger – ProfessorIn – Propädeutikum – Prüfung – Publikationsliste – Quantifizierung – Ranking – Reader –Referat – Regelabsage – Replik – Rezension – Ruf – Sammelband – Schreiben, wissenschaftliches – Sekretärin – Selbstverwaltung, akademische – Seminar – Sitzungsprotokoll – Sprechstunde – Statistik – Stifter – Stimme – Syllabus – Tafelbild – Tagebuch – Tagungsleiter – Talar – Teamwork – Thesenpapier – Titelei – Universität – University Press – Verlag – Vierfeldertafel – Vorgespräch – Vorlesung – Vorsingen – Vortrag – Vorwort – Wahrheit – Wikipedia – Wissenschaft als Beruf – Wissenschaft als Kommunikation – Xeroxing – Zeitschrift – Zettelkasten – Zitat – Zunft
Nachwort

A Glimpse Behind the Academic Scenes

In a series of 177 short, alphabetically ordered essays, Die akademische Hintertreppe (The Academic Backstairs) by Claus Leggewie and Elke Mühlleitner explains the particulars of academic communication in a humorous vein. The lexicon invites students, young researchers and non-academics alike to participate in the progress of knowledge, with specific highlights on present-day and potential future changes in academic communication.


Die Redaktion weist darauf hin, dass einer der Autoren des rezensierten Bandes Mitglied des Graduiertenzentrums ist/war, in dessen Rahmen auch dieses Rezensionsmagazin herausgegeben wird.

© bei der Autorin und bei KULT_online