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"Auskunftsbüro" der 'Moden' in der Kafka-Forschung: Dekonstruktion, Judentum und Kulturwissenschaft im Spannungsfeld von 'Innovativität' und 'Authentizität'

Eine Rezension von Seiji Hattori

Liebrand, Claudia (Hg.): Franz Kafka. Neue Wege der Forschung. Darmstadt: WBG, 2006. 

Das Anliegen des vorliegenden Sammelbandes zu Kafka ist es, einen Überblick über die methodisch und inhaltlich innovative Forschung seit 1973 zu präsentieren. Der erste Teil stellt drei einflussreiche, philosophisch fundierte Perspektivierungen zu Kafkas Œuvre vor: Adorno (Frankfurter Schule), Deleuze/Guattari (Poststrukturalismus) und Derrida (Dekonstruktion). Der zweite Teil befasst sich mit dekonstruktivistischen Ansätzen im weiteren Sinne, die durch das "Prinzip der Buchstäblichkeit" mit den oft als "Signifikantenlogik" beschriebenen rhetorischen Mechanismen in Kafkas Texten in Verbindung stehen. Der dritte Teil sammelt neue, durch kulturgeschichtliche Präzision gekennzeichnete Analysen zu jüdischen Spuren in Kafkas Werk. Der vierte Teil legt sein Augenmerk auf kulturwissenschaftliche und diskursanalytische Ansätze, die beispielsweise Körper- und Gender-Konzepte hervorheben. Der Band veranlasst zum vertieften Nachdenken über die Korrelation von 'Innovativität' und 'Authentizität'. 


Die 'Kafka-Industrie' erfreut sich nach wie vor einer hohen Produktivität. Dies bezeugt nicht allein die ständige Herausforderung von Kafkas Texten an die Hermeneutik. Die unübersichtliche Vielfalt ihrer Deutungsmöglichkeiten muss uns auch zur Reflexion über unsere Leseakte als solche führen. Die Herausgeberin des 2006 erschienenen Bandes Franz Kafka. Neue Wege der Forschung schreibt zu Recht in der Einleitung, dass "'Kafka lesen' eigentlich 'Lesen lernen' heißt" (S. 10). Vor diesem Hintergrund werden die dort enthaltenen Beiträge, welche "die methodisch und inhaltlich innovative Forschung seit 1973" (S. 9) darstellen sollen, in vier Kategorien eingeteilt: I. tonangebende philosophisch argumentierende Arbeiten von Adorno, Deleuze/Guattari und Derrida ("Zugänge"), II. weiter gefasste dekonstruktivistische Ansätze ("Signifikantenlogik und Buchstäblichkeit als Gesetz"), III. neue Suchen nach jüdischen Spuren ("Judentum"), IV. kulturwissenschaftlich-diskursanalytische Ansätze ("'Kleine Literatur' und große Diskurse").

Das von Adorno in seinen "Aufzeichnungen zu Kafka" (1953) vertretene Prinzip der Buchstäblichkeit (vgl. S. 21 ff.), welches besagt, dass man bei Kafka "alles wörtlich nehmen, nichts durch Begriffe von oben her zudecken" (S. 21) soll, hat zwar seine Aktualität bewahrt, worauf die Herausgeberin in der Einleitung hinweist. Es wird nun jedoch erstens als gebotene Verhaltensregel für den Leser, als Schutzmaßnahme gegen "das orientierte Verständnis" (S. 22), zweitens als Kafkas Schaffensprinzip gedacht, wonach er die Befunde der Psychoanalyse entmetaphorisiert und wörtlich nimmt, um sie in der "Skepsis gegen das Ich" zu überbieten und zu 'dekonstruieren' (vgl. S. 23 f.). Das Prinzip der Wörtlichkeit, einschließlich der daraus resultierenden "Signifikantenlogik", d.h. eines Verfahrens, bei dem die Signifikanten als Folge des Schnitts zwischen Signifikant und Signifikat immer weiter aufeinander verweisen, ist also vor dem Hintergrund der Dialektik der Aufklärung im historischen Kontext der Kritik am neuzeitlichen Individuationsprinzip des Abendlandes angesiedelt, obwohl diese aus heutiger Sicht teils obsolet erscheinen mag.
Die Kritik an der abendländischen Subjektivität teilen auch Deleuze/Guattari im dritten Kapitel ("Was ist eine kleine Literatur?") ihrer Monographie Kafka. Für eine kleine Literatur (1975), wenn sie "Deterritorialisierung der Sprache, Koppelung des Individuellen ans unmittelbar Politische, kollektive Aussageverkettung" als drei Merkmale einer "kleinen Literatur" nennen, zu deren Trägern auch Kafka gehört (S. 34 ff.). Diese Merkmale sowie die Idee des "intensiven" Gebrauchs der Sprache, der "Fluchtlinien" einer "Deterritorialisierung" ermöglicht (S. 42 f.), sind aus postkolonialer Sicht höchst aktuell, während die Argumentationsweisen des ganzen Buches hingegen, trotz der stellenweise inspirierenden Einsichten, öfters auf beliebigen Assoziationen und willkürlichen Parallelstellenmethoden beruhen.
Dieser Eindruck wird bei Derridas Préjugés. Vor dem Gesetz (1985) noch verstärkt. Derrida zufolge figuriert Kafkas Text Vor dem Gesetz als Meta-Literatur, welche die "Literatur" selbst, das "Gesetz" selbst, das "Literatur" heiße, thematisiere und zugleich in Szene setze (vgl. S. 57 ff.). Dementsprechend besteht die implizite Lesestrategie Derridas darin, diese Institution "Literatur" an sich zu 'dekonstruieren'. Als methodisches Prinzip dient die "Aufpfropfung" als analogisierendes Verfahren, die Kafkas Text bald mit Kant und Freud, bald das "Gesetz" im Text mit Literatur oder mit "différance" in Verbindung bringt. Dieser Konzeption liegt Derridas eigentümlicher 'Text'-Begriff zugrunde, bei dem der 'Text' "das System der Supplementarität" darstellt (vgl. Derrida: Grammatologie), was die Herstellung einer unendlichen Kette von "Parallelstellen" ohne "hermeneutische Gründe" zur Folge hat.

Es ist wohl wahr, dass Kafkas Texte mit ihren Brüchen, Widersprüchen, 'Umkehrung und Ablenkung' sowie ihrem 'Flottieren der Signifikanten' sich ständig selbst zu 'dekonstruieren' scheinen, und die Leistung der Dekonstruktion, darauf dezidiert aufmerksam gemacht zu haben, ist nicht von der Hand zu weisen. Wer jedoch auf diese Konstellation – in den Worten einiger Beiträge aus dem zweiten Teil des vorliegenden Bandes beschrieben als "'reversible[r]' Text" (Hiebel, S. 63), "Entzug der Referenz und Selbstbezüglichkeit der Texte" (Lehmann, S. 100), "Spiel" (von Matt, S. 104) und "Ablenkungen vom 'primären' Signifikat" (Menke, S. 123) – allein mit dekonstruktivistischen Theoremen rekurriert und ihr nicht weiter auf den Grund zu kommen versucht, läuft Gefahr, nicht nur unhistorisch zu werden, sondern letztendlich zu stagnieren. In dieser Hinsicht stellt der Beitrag von Detlef Kremer eine Ausnahme dar, der zum Beispiel die poetologisch relevante Tatsache, dass die Kafka’sche 'Selbstbeobachtung' als Selbstthematisierung in Brief und Tagebuch erscheint und "sich der schreibende Körper in den fremden Textkörper der literarischen Schrift verwandelt" (S. 76), historisch begründet.

Wie schwer das Adorno’sche Buchstäblichkeitsprinzip bei der Kafka-Deutung einzuhalten ist, zeigt sich nicht nur in der im Grunde soliden neueren Judentum-Forschung (Gilman, Kilcher und Schlötenburg/Pfaff), sondern auch in kulturwissenschaftlichen Ansätzen, wo die Spannung zwischen 'Innovation' und Glaubwürdigkeit‘ wohl am deutlichsten zutage tritt. Mark M. Andersons Beitrag zum Verhältnis von der Körperkultur der Jahrhundertwende und Kafkas Literatur beispielsweise ist einerseits insofern einleuchtend, als er aufgrund sorgfältiger Recherchen zur damaligen Körperkultur und subtiler Lektüre von Kafkas Texten nachweist: „The ideal of body culture has turned the body itself into literature“ (S. 176). Andererseits sind die beiden in seinem gesamten Buch Kafka’s Clothes (1992) inflationär gebrauchten Begriffe, "clothes" und "traffic", nicht immer frei vom beliebigen Parallelstellenverfahren. Die anderen Beiträge im vierten Teil werden gleichfalls mehr oder weniger durch diese Zweischneidigkeit von im Blick auf den kulturellen Kontext heuristischen Impulsen – zeichentheoretischer Reflexion über die moderne Kunst im Vergleich zu René Magritte bei Lubkoll, der "Dekonstruktion" der Geschlechterdifferenz (vgl. S. 204) bei Lange-Kirchheim, ekelhafter Sexualität bei Menninghaus und der einen "Bühnenraum" auslösenden "Reflexivität des Blicks" (S. 224) bei Vogl – und nicht selten willkürlichen Analogisierungen gekennzeichnet.

Besonders hinsichtlich des zweiten und vierten Teils erscheint etwas problematisch, dass manche bei allen Mängeln anregenden und ertragreichen Arbeiten aus der traditionellen Hermeneutik der letzten Jahrzehnte völlig übergangen wurden. Dieser Tatbestand führt zum Verdacht, dass schon vor der Herausgabe eine ideologische Entscheidung getroffen wurde. Die Herausgeberin rechtfertigt den Umstand, dass der Band "auch theoretisch voraussetzungsreiche Texte" aufnimmt, dadurch, dass "Theorie die Aufschließung literarischer Texte nicht verhindert, sondern – und im Falle Kafkas dezidiert – erst ermöglicht." (S. 9) Diese "Affinität zur Theorie" birgt jedoch die nicht geringere Gefahr, mit der von Adorno entschieden betonten Lesestrategie der Buchstäblichkeit in krassen Widerspruch zu geraten.

Fazit: Wer sich speziell für dekonstruktive und kulturwissenschaftlich-diskursanalytische Ansätze der Kafka-Forschung interessiert, wird das vorliegende Buch bestimmt mit Erkenntnisgewinn lesen. Wenn man hingegen eine auf möglichst sensiblem Umgang mit Kafkas Œuvre beruhende, ausgewogene Auswahl der Beiträge erwartet, wird man es, zumindest teilweise, mit Enttäuschung zur Seite legen. Ausgerechnet Adorno hat in einer im Band nicht aufgenommenen Anfangspassage seines Essays im Blick auf seinen "Widerwillen" gegen die "Beliebtheit Kafkas", die "ihn zum Auskunftsbüro der [ ... ] heutigen Situation des Menschen erniedrigt", gesagt: "Weniges von dem, was über ihn geschrieben ward, zählt; das meiste ist Existentialismus. Er wird eingeordnet in eine etablierte Denkrichtung [ ... ]." Der Verdacht liegt nahe, dass Gleiches auch für den von dieser Anthologie 'vertretenen' heutigen Stand der Kafka-Forschung zutrifft, wenn man nur das Wort "Existentialismus" durch "Dekonstruktion" oder "Kulturwissenschaft" ersetzt.


Liebrand, Claudia (Hg.): Franz Kafka. Neue Wege der Forschung. Darmstadt: WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), 2006. 256 S., broschiert, 39,90 Euro. ISBN-13: 978-3-534-18646-4; ISBN-10: 3-534-18646-X


Inhaltsverzeichnis



Claudia Liebrand: Einleitung…7


I. Zugänge

Theador W. Adorno: Aufzeichnungen zu Kafka ... 21

Gilles Deleuze / Félix Guattari: Kafka. Für eine kleine Literatur ... 34

Jacques Derrida: Préjugés. Vor dem Gesetz … 46


II. Signifikantenlogik und Buchstäblichlkeit als Gesetz

Hans Helmut Hiebel: Der reversible Text und die zirkuläre »Différance«in ›Ein Landarzt‹ … 62

Detlef Kremer: Kafka. Die Erotik des Schreibens. Schreiben als Lebensentzug … 75

Hans-Thies Lehmann: Der buchstäbliche Körper. Zur Selbstinszenierung der Literatur bei Franz Kafka … 87

Peter von Matt: Eine Macht verändert die Weltliteratur …102

Bettine Menke: Das Schweigen der Sirenen. Die Rhetorik und das Schweigen … 116


III. Judentum

Sander L. Gilman: Kafka’s ›Papa‹ … 131

Andreas B. Kilcher: Dispositive des Vergessens bei Kafka …141

Susanne Schlötenburg/Peter Pfaff: Der Weg nach Moria …155


IV. »Kleine Literatur« und große Diskurse

Mark M. Anderson: Body Vulture. J. P. Müller’s Gymnastic System and the Ascetic Ideal …167

Christine Lubkoll: Dies ist kein Pfaifen. Musik und Negation in Franz Kafkas Erzählung Josefine. Die Sängerin oder Das Volk der Mäuse … 180

Astrid Lange-Kirchheim: En-gendering Kafka. Raum und Geschlecht in Franz Kafkas Romanfragment Das Schloß …194

Winfried Menninghaus: Der Verschollene oder die Trajektorie männlicher Unschuld im Felde »widerlicher« weiblicher Praktiken … 209

Joseph Vogl: Gespiegelte Szenen … 222


Editorische Notiz …236
Auswahlbibliographie … 237
Personenregister … 253

»Clearing-house« of ›Trends‹ in Kafka Studies: Deconstruction, Judaism and the Study of Culture at the Intersection of ›Innovativeness‹ and ›Authenticity‹

This anthology means to provide an overview of the most innovative Kafka research published after 1973. The first part introduces three influential perspectives that are grounded in the philosophies of Adorno (Frankfurt School), Deleuze/Guattari (poststructuralism) and Derrida (deconstruction). The second section deals with deconstructivist approaches in a broader sense: those that concentrate on diverse rhetorical mechanisms in Kafka's texts, often subsumed under the terms “logic of signifiers” and “principle of the literality”. The third part contains new, historically precise analyses of Jewish traces in Kafka’s works. The fourth part focuses on cultural and discourse theoretical approaches which emphasise, for example, body and gender concepts. The volume provokes a deeper reflection on the correlation between 'innovativeness' and 'authenticity'.


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