Benutzerspezifische Werkzeuge

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Brotkrumen-Navigation | Direkt zur Navigation | vertikale linke Navigationsleiste | Website durchsuchen | Direkt zum Inhalt | vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen | Aktionen/Tools: Drucken, Permanent Link, to the English version, zur deutschen Version | Fussbereich: Sitemap, Barrierefreiheit, Hilfe und Login fuer Redakteure

Artikelaktionen
  • Permanent Link

"Verstehen ist in Geschichte eingebettet ..."

Eine Rezension von Evelyn Gottschlich

Trakulhun, Sven: Siam und Europa. Das Königreich Ayutthaya in westlichen Berichten 1500 – 1670. Hannover-Laatzen: Wehrhahn Verlag, 2006 ( The Formation of Europe – Historische Formationen Europas 2).

Sven Trakulhun untersucht in Siam und Europa die Reiseberichte zu Siam (heute Thailand) im 16. und 17. Jahrhundert. Statt eine klassische Rezeptionsgeschichte zu schreiben, möchte er die thailändische Geschichte und Geschichtsschreibung mit einbeziehen und so zur interkulturellen Beziehungsgeschichte beitragen. Dafür stellt er die historischen Kontexte in Europa und Siam vor und berücksichtigt einzelne außereuropäische Quellen. Der Autor klärt den Leser über die realen Begegnungen und ihre Kontexte auf und stellt dar, wie sich die europäischen Zuschreibungen wandelten. Da sich Siam seit dem 18. Jahrhundert von Europa isolierte, erstarrte das europäische Wissen zu Stereotypen. Trakulhun weist aber daraufhin, dass Siam den Europäern wohl auch schon vorher umso fremder erschien, je mehr sie darüber erfuhren. Wie der Autor selbst zugibt, konnte auch er keine gleich gewichtete Beziehungsgeschichte schreiben, er betont aber die Notwendigkeit, in diese Richtung weiter zu gehen. 


Wie Fremdheit erfahren wird und wie mit ihr umgegangen wird, ist nicht nur in der interkulturellen Kommunikation ein wichtiges Thema. In der Geschichtswissenschaft widmen sich mehr und mehr Studien den Begegnungen zwischen Europa und dem Rest der Welt. Der vorliegende Band verortet sich in der interkulturellen Beziehungsgeschichte. Sven Trakulhun untersucht nicht nur, was die Europäer über Siam, das heutige Thailand, schrieben, sondern zieht auch thailändische und andere asiatische und arabische Quellen heran. Er will eine historiographisch sinnvolle Lösung finden, um die Kontakte zwischen Siam und Europa 1500-1670 darzustellen, ohne die Ansprüche der postmodernen Forschung völlig aus dem Blick zu verlieren (vgl. S. 22-24). Sein Ziel ist es, "einen Beitrag zur systematischen Erschließung des publizierten europäischen Schriftguts über Siam in der Frühen Neuzeit zu leisten und in diesem Rahmen auch heute weitgehend unbekannte oder vergessene Autoren ans Licht zu holen." (S. 10)

Nach der Einleitung ist das Werk in zwei große Teile gegliedert. Im ersten stellt Trakulhun unter "Voraussetzungen und Wissensbestände" den historischen Kontext und die Quellen vor, im zweiten berichtet er über "Siam im Spiegel europäischer Berichte", also über den Inhalt und die Zuschreibungen der Siam-Berichte.

In seiner gut lesbaren Einleitung (Kap. 1) schildert der Autor in einem Forschungsüberblick unterschiedliche wissenschaftlichen Ansätze, mit außereuropäischen Kulturen umzugehen, und zeigt, wie die verschiedensten Denker, von Edward Said bis zu Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zu einer "Geschichte des Anderen" beitrugen. Trakulhun diskutiert die Frage, wie Fremdverstehen überhaupt möglich sei. Er plädiert dafür, Fremdheit als Relationsbegriff und eine dynamische Kategorie zu verstehen. Differenzkonstruktionen seien an Lebenszusammenhänge und Praxiskontexte gebunden, die sich sozial, historisch und politisch wandeln können (vgl. S. 21-22).
Siam ist ein Sonderfall für die Beziehungsgeschichte, da 1767, als die Birmesen das Königreich Ayutthaya eroberten, fast alle einheimischen historischen Quellen zerstört wurden. Um 1800 wurde begonnen, die siamesische Geschichte zu rekonstruieren, was jedoch nur teilweise gelang. Bis heute greift daher die thailändische Historiographie auf europäische und andere asiatische Quellen zurück. Eine weitere Besonderheit Siams ist, dass es nominell niemals Kolonialgebiet war, faktisch aber durchaus zum englischen Machtbereich gehörte (vgl. S. 26-28).

Als "Voraussetzungen" (Kap. 2) beschreibt Trakulhun die antiken und mittelalterlichen Vorstellungen zu Asien oder Indien: Nur langsam konnten sich die Reiseberichte von den Erwartungen und Traditionen lösen. Wie der Autor in Kapitel drei zeigt, war es den Portugiesen bis Mitte des 16. Jahrhunderts gelungen, fast alle Informationen über Asien geheim zu halten, dies änderte sich jedoch spätestens durch die spanische Fremdherrschaft ab 1580 völlig. Die Niederländer schließlich zeigten kein Interesse daran, die Informationen zu kontrollieren – in der Folge waren ab der Mitte des 17. Jahrhunderts eine Vielzahl von Siamberichten zugänglich.

In Kapitel fünf "Akkommodationsstrategien und Differenzdiskurse" widmet sich Trakulhun acht verschiedenen Themen der Begegnungsgeschichte, u.a. Landschaften, Frauen, Kannibalismus und Krieg.
Ursprünglich assoziierten die europäischen Kosmographen Südostasien mit dem Goldland Salomons, dem Lande Ophir. Weil reale Anknüpfungspunkte weitestgehend fehlten, wurde auf ältere und älteste Beschreibungen zurückgegriffen sowie auf biblische Geschichten. So riefen etwa die fruchtbaren Landschaften östlich des Ganges in Europa Paradiesmetaphern hervor und knüpften an die Vorstellungen vom Garten Eden an (vgl. S. 128).
Erst mit den Niederländern begann im 17. Jahrhundert eine sachlichere Darstellung Asiens, allerdings blieb der Rückgriff auf einheimische Quellen bis weit in das 18. Jahrhundert eine Ausnahme.
Schon im 17. Jahrhundert beschäftigten sich einige Reisende damit, wie die Fertilität des Landes mit der Arbeitsamkeit der Bewohner zusammenhing. Es wurde vermutet, dass jemand, der im natürlichen Überfluss lebte, kaum Antrieb hatte, zu arbeiten. Diese 'Klimatheorie' vermischte sich jedoch erst später mit rassischen Argumenten. Es gab mindestens auch eine Stimme, die die Lebensweise der Siamesen und ihre Philosophie als den Europäern überlegen andachte (vgl. S. 130-132).
Im letzten Abschnitt des fünften Kapitels geht Trakulhun auf die diplomatischen Beziehungen zwischen Siam und Frankreich in den 1680er Jahren ein, die eine hohe Publikationsdichte zu Siam hervorriefen. Die Kontakte brachen 1688 abrupt mit dem Tod des siamesischen Königs Narai ab. Siam isolierte sich danach völlig, weshalb es im 18. Jahrhundert keine neuen Berichte über Siam mehr gab (vgl. S. 232-234).
Die Aufklärungsphilosophen verwendeten Siam wie andere östliche Staaten als Anekdote und Allegorie und bezogen es in die europäische Hierarchisierung der Zivilisationen ein. So wurde das Fremdsein zum Noch-nicht-so-zivilisiert-sein umgedeutet, und nachdem Südostasien im 19. Jahrhundert im europäischen Wissenskanon marginalisiert worden war, begann die europäische Zivilisierungsmission (vgl. S. 236-239).

Im Schluss fasst Trakulhun seine Erkenntnisse zusammen: Verstehen ist – wie auch im Titelzitat von Peter Brenner ausgedrückt – historisch gebunden. Als sich Europäer und Siamesen die ersten Male begegneten, waren die Siamesen ihnen in ihrem Land eindeutig überlegen – es konnte also kein europäisches Überlegenheitsbewusstsein entstehen. Betrachtet man die Geschichte der Begegnung trug, wie Trakulhun ausführt, das zunehmende Wissen vom anderen eher zu wachsender Verständnislosigkeit bei. Fremdheit wurde als eine graduelle Abweichung vom Eigenen wahrgenommen. Dabei spielten, laut Trakulhun, imaginierte und tatsächliche kulturelle Differenzen eine Rolle (vgl. S. 240-243).
Der Autor fordert auf der vorletzten Seite noch einmal ein, dass der Blick bei interkulturellen Begegnungen auf zwei Kulturen gerichtet sein müsse, gibt jedoch gleichzeitig zu, dass "kulturelle Phänomene konzeptionell weitaus schwieriger in den Griff zu bekommen sind als die Zusammenhänge des interkontinentalen Handels." (S. 243). Auch wenn er in seiner Arbeit die europäischen Quellen intensiver bearbeitet habe, können beide Seiten, die europäische wie die asiatische Historiographie, einander nicht mehr gänzlich ausblenden, da ihre Geschichte seit etwa 1500 Jahren verflochten sei.

Die Studie Trakulhuns stellt auf sehr anschauliche Weise die Beziehungen zwischen Europa und Siam im 16. und 17. Jahrhundert dar. Vor allem der Abschnitt über europäische Aufklärung und der beinahe programmatische Schluss bieten interessante Ansätze für die weitere Forschung. Oft wünscht man sich bei Studien eine empirischere Unterfütterung oder eine größere theoretische Durchdringung – bei Trakulhun steht beides in einem ausgewogenen Verhältnis.
In weiten Teilen seiner gut zu lesenden Monographie führt Trakulhun in die thailändische Geschichte ein, was sicherlich interessant ist, in diesem Umfang aber nicht zur Zielsetzung der Untersuchung passt. Gelegentlich verliert er sich in Exkursen (z.B. zu weißen Elefanten), die für meinen Geschmack zu ausführlich geraten. Dagegen hätte ich mir an einigen, wenigen Stellen mehr Einzelnachweise gewünscht.
Doch all das ändert nichts daran, dass die Studie Trakulhuns nicht nur ein lesenswertes und spannendes Buch ist, sondern auch unbedingt als Anregung und Beispiel für weitere Forschungsprojekte dieser Art dienen kann. Seine grundsätzlichen Überlegungen zur historiographischen Arbeit und dem pragmatischen Umgang mit postmodernen Ansätzen regen dazu an, die eigene Praxis zu reflektieren.


Sven Trakulhun: Siam und Europa. Das Königreich Ayutthaya in westlichen Berichten 1500 – 1670. Hannover-Laatzen: Wehrhahn Verlag, 2006 (The Formation of Europe – Historische Formationen Europas 2). 288 Seiten, gebunden, 29,50 €. ISBN 978–3–86525-252-4


Inhaltsverzeichnis


Vorwort 7

I. Einleitung 12
1. Das Problem des Fremdverstehens 24
2. Europäische Quellen in der thailändischen Geschichtsschreibung 24
3. Über die transkulturelle Funktion von Erinnerung 32
Voraussetzungen und Wissensbestände 37

II. Voraussetzungen 39
1. Traditionen des Wissens 39
2. Die Wunder Indiens 44
3. Zwischen Tradition und Erfahrung: das Zeitalter der Entdeckungen 47

III. Wissensbestände: Europas Kenntnis von Siam 1500-1670 58
1. Die wichtigsten portugiesischen Quellen über Siam und ihre Verbreitung in Europa 1515-1600 62
2. Von der nationalen Wahrnehmung zur gesamteuropäischen Perspektive 71

IV. Europäer in Siam 87
1. Tributsystem und Staatsgrenzen 87
2. Portugal und Siam 95
3. Niederländer in Siam 100 Siam im Spiegel europäischer Berichte 111

V. Akkommodationsstrategien und Differenzdiskurse 113
1. Erkundungen des geschichtlichen Raumes 114
2. Landschaften 128
2.1. Die Segnungen der Natur 128
2.2. In Ayutthaya 132
3. Ansätze des interreligiösen Vergleichs 139
3.1. Akkommodationsstrategien: Das Eigene im Fremden 143
3.2. Differenzwahrnehmungen: Die Ferne des christlichen Gottes 150
4. Frauen 163
4.1. Die Landkarte der Ausschweifungen 166
4.2. Das Sittenbild im Wandel
5. Die Grenzen der Zivilisation und der Mythos des Kannibalismus 190
6. Krieg199
6.1. Der siamesisch-birmanische Dauerkonflikt 199
6.2. Krieg, Kulturtransfer und koloniale Träume 208
7. Die "orientalische Despotie" 219
7.1. "Chao Jivit" – Königtum und Herrschaft in Ayutthaya 221
7.2. Gesetzgebung und Rechtssprechung 227
8. Von der europäischen Aufklärung zum westlichen Imperialismus 232

Schluß 240

Literaturverzeichnis 245
Register 277

Understanding Is Embedded in History

In the study Siam und Europa Sven Trakulhun examines travelogues about Siam (modern-day Thailand) from the 16th and 17th centuries. Instead of writing classical reception history, Trakulhun takes into account Thai history and historiography with the aim of contributing to the field of comparative history. He begins by introducing the relevant historical backgrounds for both Europe and Siam, relying in part on individual, non-European sources. In addition to recording the conditions and contexts of intercultural encounters, the author describes how the extant lore regarding Siam became established stereotypes when, beginning in the 18th century, Siam isolated itself from Europe. Yet Trakulhun notes that even before this shift, there was already a tendency for Siam to seem stranger to Europeans the more they learned about the country. The author acknowledges that it is impossible to write a completely unbiased entangled history, but emphasises the importance of continuing in this line of study.


© bei der Autorin und bei KULT_online