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»The attendant sacrifices are more than I can make« - Kulturelle Einflussangst und europäischer Kolonialkontakt im 19. Jahrhundert

Eine Rezension von Katja Barthel

Frank, Michael C.: Kulturelle Einflussangst. Inszenierungen der Grenze in der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts. Bielefeld: transcript, 2006.

Ausgehend von der Konfrontation Europas mit der außereuropäischen Welt seit den ersten Entdeckungsreisen und Expeditionen des 16. bis 18. Jahrhunderts rekonstruiert der Literatur- und Kulturwissenschaftler Michael C. Frank eine 'Geschichte der kulturellen Einflussangst', die sich im Kolonialismus des 19. Jahrhunderts zuspitzt. Auf der Grundlage eines heterogenen Textkorpus, das fiktionale Abenteuer- und Reiseromane von Herman Melville, H. Rider Haggard und Joseph Conrad ebenso umfasst wie historische Briefwechsel, Reiseberichte, philosophische Abhandlungen oder juristische Dokumente, beschreibt der Autor ein ambivalentes Spannungsverhältnis: Neben der Lust auf das Neue und Fremde steht die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität und den Selbstverständlichkeiten der eigenen Kultur. Durch Strategien einer imaginativen Distanzierung stabilisiert sich das Eigene im Fremden. 


Die Diskriminierungen der europäischen Kolonialpraxis im 19. Jahrhundert, die Eurozentriertheit des westlichen Kolonialismusdiskurses sowie der kulturelle und machtpolitische Herrschaftsanspruch Europas gegenüber der außereuropäischen Welt stellen bis heute ein kritisches Kapitel der europäischen Geschichte dar. Umso interessanter erscheinen historische Ansätze, die sich der Konstruktion einer "imaginativen Identität" (S. 26) Europas widmen und eine "Archäologie der Grenze" (S. 211) zu entwerfen versuchen. Diesem Unterfangen widmet sich die Dissertation des Konstanzer Anglisten Michael C. Frank (2006).

Durch den Vorstoß in fremde Territorien und Kontinente werden der Egozentrismus in der Selbstwahrnehmung Europas und die kulturelle Hegemonie der Europäer seit dem 16. Jahrhundert massiv erschüttert. Die Lust an der Entdeckung des Fremden und der Fremde wird begleitet durch die Angst vor dem Verlust der eigenen Kultur und Identität. Ein Bewusstsein von Europa als einer Kulturgemeinschaft mit einer spezifischen 'europäischen Identität', so die These des Autors, konstituiert und stabilisiert sich gerade durch die Kontrasterfahrung mit der außereuropäischen Welt. Grenzüberschreitung und Grenzziehung stehen in einem unmittelbaren Wechselverhältnis.

In den ersten beiden Kapiteln der Dissertation ('Grenzziehung' und 'Grenzüberschreitung') entwirft der Autor einen theoretischen und kulturhistorischen Rahmen, der es in den nachfolgenden Kapiteln 3 bis 5 erlaubt, anhand konkreter Textanalysen (Herman Melville (1846): Typee; H. Rider Haggard (1885): King Salomon’s Mines; Joseph Conrad (1899): Heart of Darkness) das Verhältnis zwischen 'kultureller Grenzüberschreitung und Grenzziehung' als einen diskontinuierlichen Prozess nachzuzeichnen. Im Vordergrund steht für den Autor jedoch nicht die Frage, wie die fremde Welt durch den Kontakt europäisiert wird, sondern im Gegenteil wie die eigene Kultur und Identität in der Fremde bewahrt werden kann ("Akkulturationstabu", S. 82).

Exemplarisch untersucht das dritte Kapitel der Dissertation am Roman Typee (1846) von Herman Melville die Figur des beachcombers oder runaways, die zum negativen Repräsentanten eines Reisenden wird, der sich freiwillig oder gezwungener Maßen der fremden Kultur assimiliert und damit den europäischen Standard verrät. Der positive Protagonist in Typee übernimmt zwar Alltagsformen, Nahrungs- und Kleidungsgewohnheiten der indigenen Bevölkerung, verwahrt sich aber durch eine graduelle Nichtanpassung der Identifikation mit der fremden Kultur. Damit inszeniert der Roman, so argumentiert Frank, weniger ein Bild des Fremden, als dass er versucht, an den eigenen kulturellen Wertvorstellungen und Handlungsweisen festzuhalten und die eigene Identität zu stabilisieren.

In ähnlicher Weise verfährt der Autor im vierten Kapitel mit dem Roman King Salomon’s Mines (1885) von H. Rider Haggard. Die Textanalyse zeigt nun den stärker werdenden Einfluss rassistischer Argumentationen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Der Fokus der Dissertation verlagert sich auf die Expansionsbestrebungen Europas in Afrika und möchte damit einer Interessenverschiebung in der historischen Kolonialismuspraxis gerecht werden. Auffällig bei Haggard werden Alteritätskonstruktionen, die eine rassische Verschiedenheit von weißhäutiger und farbiger Bevölkerung betonen und Miscegenation in Form von sexuellen Kontakten tabuisieren.

Das fünfte Analysekapitel widmet sich dem Roman Heart of Darkness (1899) von Joseph Conrad. An diesem Text wird exemplarisch ausgeführt, inwiefern psychologische und essentialistische Konzepte in die Konstruktion von Alterität Eingang finden: Das Fremde, das am Ende des 19. Jahrhunderts offen als das kulturell Rückständige, Barbarische und Wilde stilisiert wird, ist Teil des modernen Menschen selbst. Der Kulturationsprozess zivilisiert diese Bedrohung, die Akkulturation jedoch setzt den Europäer in der Fremde essentiell einem Rückfall in die vorzivilisierte Lebensweise aus. Das Akkulturationstabu, die Verweigerung der Assimilation an die fremde Kultur, stabilisiert sich zum kulturellen Imperativ, der die Kolonialpraxis des späten 19. Jahrhunderts weitestgehend bestimmt.

Ein wichtiges Ergebnis der vorliegenden Dissertation besteht in der Darstellung, mit welchen Strategien das Fremde in das Eigene re-integriert und damit für den eigenen Erfahrungs- und Wissenshorizont kompatibel gemacht wird. Dies geschieht vor allem durch die Betonung räumlicher und zeitlicher Distanzen: Aus der Perspektive Europas sind die fremden Sitten und Gewohnheiten nicht nur räumlich entfernt, sondern sie stellen zeitlich spezifische – für Europa bereits vergangene – Entwicklungsstufen des eigenen Kulturationsprozesses dar. Europa erscheint durch diese doppelte Grenzziehung als eine kulturelle und zeitliche Einheit. Der Europäer, den man in der Fremde trifft, wird gleichgültig welcher Nationalität er ist, zum 'Gleichgesinnten'. Im Kontakt mit dem Fremden kann das Eigene aufrecht erhalten bleiben. Doch diejenigen, die es nicht vermögen, den imaginativen Kontakt zur eigenen Welt zu bewahren, werden zu ‚Schreckensbildern’ und negativen Kontrastfolie des kulturellen Verfalls.

Kenntnisreich bietet die Dissertation Einblicke in die historische Dimension der Inszenierung von Alterität in der Literatur und betont deren prozessualen Charakter. Obwohl der Autor dabei die ‚Diskontinuität in der Kontinuität’ betont (vgl. S. 34 ff.), muss er sich fragen lassen, ob die vorgestellte Entwicklungslinie, die er ausgehend von Melville bis hin zu Conrad entwirft, nicht doch zu linear gerät. Zum einen stehen das Akkulturationstabu und damit die Abwehr des Fremden zum Schutze der eigenen Identität immer wieder massiv im Vordergrund. Die Darstellung der Ambivalenz, die das Verhältnis von Grenzüberscheitung und Grenzziehung konstitutiv prägt, wird zwar mit Bezug auf Freud (vgl. S. 75 ff.) und mit dem Konzept des Abjekts von Kristeva (vgl. S. 79 ff.) theoretisch konstatiert, die Textanalyse und Rekonstruktion am literarischen Material könnte jedoch ausführlicher sein, um dem überzeugenden Theorieansatz mehr Nachdruck zu verleihen.

Zum anderen wird in der Dissertation nicht immer eindeutig nachvollziehbar, wann sich die Argumentation auf die Rekonstruktion einer literarischen Entwicklung (beachcomber als literarisches Motiv) oder auf eine soziokulturelle Entwicklung bezieht (beachcomber als kulturelles Phänomen und Praxis) bzw. in welcher Weise Literatur und Historiographie aufeinander bezogen werden können. Das ist gewollt, da Literatur ja gerade durch nicht-literarische Quellen kontextualisiert werden soll. Dennoch birgt diese Vorgehensweise die Gefahr, dass der Leser nicht immer eindeutig entscheiden kann, ob es sich um eine textuelle Inszenierung eher 'fiktionalen' oder eher 'faktualen' ('historischen') Charakters handelt. Wenn beispielsweise im Kapitel III.2.4 die Fremde als 'Erotisches Paradies' (S. 105 ff.) beschrieben wird und dazu Passagen aus dem Reisebericht des historischen Entdeckers Bougainville (1771) über die Polygamie auf Tahiti unkommentiert neben literarischen Zitaten aus dem (autobiographischen) Roman Melvilles (1846) über die 'ungehemmte Sexualität' der Inselbewohner auf Nuku Hiva in Polynesien stehen, dann stellt sich die Frage, ob das Material eher einen fiktionalen oder einen nicht-fiktionalen Diskurs rekonstruiert.

Dies sind aber Detailfragen, die der Leselust nicht entgegen wirken, wenn man diese sehr gut geschriebene und argumentativ bündige Dissertation liest. Gerade die innovative Form, Theoriediskurs und Analyseteil zu verbinden, macht diese Studie auch für ein nicht wissenschaftliches Publikum zu einer spannenden und informativen Lektüre.


Frank, Michael C.: Kulturelle Einflussangst. Inszenierung der Grenze in der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts. Bielefeld: transcript, 2006. 232 S., kartoniert, 25,80 Euro. ISBN 978-3-89942-535-2


Inhaltsverzeichnis

Einleitung ……………9


I. Grenzziehungen …….21

I.1 Zur Konstruktion kollektiver Identität …..21
I.1.1 Die Schaffung von Einheit durch das Vergessen der Vielheit: Ernest Renan über die Nation…………..21
I. 1.2 Die Entdeckung Europas in der Kontrasterfahrung ………27

I.2 Arbeit an der Grenze …………31
I.2.1 Kulturelle Grenzziehung nach Michel Foucault und Edward Said ………..31
I.2.2 Grenzarbeit: Diskontinuität in der Kontinuität……….34

I.3 Raum- und Zeitgrenzen: Die doppelte Distanzierung des Anderen…….37
I.3.1 Imaginative Geographie………..37
I.3.2 Die Verweigerung der Gleichzeitigkeit……..40

I.4 Zum historischen Wandel der europäischen Grenzkonstruktionen ……….43


II. Grenzüberschreitungen ……..49

II.1 Kulturelles Grenzgängertum in der Geschichte der europäischen überseeischen Expansion ……..49
II.1.1 Das Fremdbild des ‚indianisierten’ Weißen …………49
II.1.2 Gonzalo Guerrero und Alvar Nuñez Cabeza de Vaca …………52
II.1.3 Kulturelles Grenzgehen: Ein Phänomen und seine Namen ……..57

II.2 Verlangen und Abwehr ………….64
II.2.1 Edmund Spenser, A View of the State of Ireland ………64
II.2.2 Edward Long, The History of Jamaica ………..68
II.2.3 Robert James Fletcher, Isles of Illusion ……….70

II.3 Akkulturation als Tabu ……….75
II.3.1 Sigmund Freud: “Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen” ………….75
II.3.2 "Frontière et ambiguïté": Julia Kristevas Theorie des Abjects ……79
II.3.3 Das Akkulturationstabu ...............82

III. Kultureller Einfluss: Herman Melville, Typee (1846) ………..87

III.1 Grenzgänger im Südpazifik: Runaways und beachcombers ……..87
III.1.1 Ein tätowierter Franzose: Die Geschichte des beachcombing …..87
III.1.2 Herman Melville als runaway ………93

III.2 Andere Orte, andere Zeiten: Die Heterotopie der Südseeinsel ……….97
III.2.1 „An immeasurable distance“: Die andere Zeit Polynesiens ……..97
III.2.2 ‚Heterotopie’ nach Michel Foucault …………100
III.2.3 Jean-Jacques Rousseau: Sauvages und société naissante ...........102
III.2.4 Erotische Paradiese : Bougainville und Melville ......105

III.3 Tommo und die Taipis: Die Grenze der Akkulturation ……..109
III.3.1 "When at Rome do as the Romans do": Tommo als Tourist ………109
III.3.2 "The blemish of tattooing": Die Praktik des Tätowierens auf den Marquesas-Inseln ……115
III.3.3 Das Gesicht verlieren: Die Tätowierung im Westen ……….119
III.3.4 Paradise Lost, oder: Die zerstörte Heterotopie……126


IV. Rassischer Einfluss: H. Rider Haggard, King Solomon's Mines (1885)

IV.1 Afrika, Antithese zur Zivilisation ……..129
VI.1.1 Von Polynesien nach Afrika……….129
VI.1.2 Hegels geschichtsloser Kontinent ……130

VI.2 „The barbarian who comes after“: Das Verschwinden der Weißen aus Schwarzafrika ……134
IV.2.1 Die weiße Vorgeschichte Schwarzafrikas ……….134
IV.2.2 Wie die Weißen zu Schwarzen wurden ……….142

IV.3 Degeneration durch Rassenmischung: Die Theorie Arthur de Gobineaus ……..146

IV.4 „Can the sun mate with the darkness?“ Das Tabu der Rassenmischung in King Solomon's Mines……….153
IV.4.1 Die Penetration Afrikas …………153
IV.4.2 Die Erotik des Kontakts ………..156
IV.4.3 "White men wed only with white women": Miscegenation als Tabu ……159

V. Der Einfluss der Tropen: Joseph Conrad, Heart of Darkness (1899) ………163

V.1 “A great gulf fixed?”: Die Entdeckung der Ähnlichkeit ……….163

V.2 Der Einfluss der Tropen …………….167
V.2.1 Heart of Darkness in der Forschung ………..167
V.2.2 „The mental changes of individuals, on the spot”: Ein alternativer Lektüreansatz ………170
V.2.3 Der Einfluss des Klimas: Rassendifferenz, Krankheit und Neurasthenie …..173
V.2.4 Strategien zur Abwehr von Klimaeinflüssen …….177
V.2.5 Tropenkoller ……….178

V.3 Ein Herz von Finsternis im Herz der Finsternis, oder: Was die Wildnis aus Kurtz gemacht hat ………181
V.3.1 Kurtz, ein Gesandter des Lichts ……….181
V.3.2 Der Mythos vom dunklen Kontinent …..182
V.3.3 Herz der/ von Finsternis ……….184
V.3.4. Der Bann der Wildnis …….187

V.4 Der innere Wilde und das Unbehagen in der Kultur ……………189
V.4.1 "Die Bestie im Menschen": Cesare Lombroso und Max Nordau ……..189
V.4.2 "Your own innate strength": Joseph Conrad und Sigmund Freud ……….193

V. 5 Die Verlagerung der Grenze ……….196

Schlussbetrachtungen ……….201
Bibliographie ………………213
Danksagung …………..229

"The attendant sacrifices are more than I can make" ─ Anxiety of Influence and European Colonial Contact in the 19th Century

Beginning with Europe’s confrontation with the wider world during voyages of discovery and expeditions between the 16th and 18th centuries, the literary and cultural studies scholar Michael C. Frank reconstructs a "History of the Anxiety of Cultural Influence", a phenomenon that reaches its apogee in the colonialism of the 19th century. On the basis of a heterogeneous corpus of texts that includes fictional adventure and travel novels by Herman Melville, H. Rider Haggard, and Joseph Conrad, as well as historical letters of correspondence, travel reports, philosophical essays, and legal documents, the author portrays the ambivalent and conflicting relationship between the desire to discover the new and unknown, on the one hand, and the fear of losing one’s own sense of identity and comprehension of one’s own culture, on the other. A sense of inner stability can be achieved, but only when one adopts strategies to disassociate oneself from the surrounding foreign environment.


© bei der Autorin und bei KULT_online