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Kurzgeschichten, projektiv gelesen

Eine Rezension von Dr. Michael Basseler

Brosch, Renate: Short Story. Textsorte und Leseerfahrung. Trier: WVT, 2007.

In ihrer 2007 veröffentlichten Monographie
Short Story geht Renate Brosch der Frage nach, wodurch die Leseerfahrung der Textsorte 'Kurzgeschichte' gekennzeichnet ist. Dabei kombiniert sie vor allem rezeptionstheoretische Konzepte mit narratologischen Kategorien und untersucht anhand zahlreicher literarischer Beispiele den Einfluss textueller Merkmale auf den Rezeptionsprozess von short stories. Grundannahme ist, dass sich Kurzgeschichten nur aufgrund ihrer ästhetischen Erfahrung bzw. Wirkung, insbesondere durch ihre Neigung zur Bildlichkeit, generell von längeren narrativen Formen (vor allem dem Roman) unterscheiden. Was Fragestellung und Methodik anbelangt, setzt sich die Studie somit klar vom Gros der bisherigen Forschung ab und vermag dieser zugleich neue Impulse zu verleihen. 


Die traditionelle short story-Theorie zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie kaum kohärente Erkenntnisse hervorgebracht hat. Der Streit über die short story konnte bis heute nicht nachhaltig geschlichtet werden: Die Experten widersprechen sich häufig in der Frage, was denn die Kurzgeschichte eigentlich genau sei und durch welche Gattungsmerkmale sie sich auszeichne.
Renate Brosch verfolgt nun klugerweise einen anderen Ansatz und umschifft somit von Vornherein das zentrale Problem, nämlich die Wandelbarkeit der short story und ihre Resistenz gegenüber gattungstheoretischen Grenzziehungen. Im Fokus steht nicht etwa die Frage nach dem "Wesen 'der' Kurzgeschichte" (S. 12), sondern die mit ihr verbundene spezifische Leseerfahrung. Allerdings verortet Brosch ihre Methode nicht allein in der Rezeptionsästhetik, sondern kombiniert ganz unterschiedliche Ansätze, etwa aus der (kognitiven) Narratologie sowie der empirischen oder psychologischen Literaturwissenschaft, miteinander. Dies wirkt mitunter recht unvermittelt und fragmentarisch, erweist sich aber meist als zielführend und der Problemstellung angemessen.

Bereits in der Einleitung entwickelt Brosch ihre zentrale These, wonach die Leseerfahrung von short stories in erster Linie von visualisierendem, konfigurativem und projektivem Lesen geprägt sei. Was sich dahinter verbirgt, entfaltet sie dann über die Länge der gesamten Studie, wobei ihr Ansatz, besonders durch zahlreiche anschauliche Beispiele, tendenziell immer mehr an Überzeugungskraft gewinnt.

Im Anschluss an die Einleitung folgt eine "Kurze Geschichte der 'Kurzgeschichte'" (S. 27). Brosch skizziert auf gut 20 Seiten eine Literaturgeschichte der short story und erörtert kenntnisreich deren literarische und alltagskommunikative Ursprünge sowie die Produktions- und Distributionsbedingungen. Die (beinahe unvermeidlichen) Ausführungen zu Poes Gattungspoetik, zu Kurzgeschichten als Sprechakt sowie zum Wandel der Kurzgeschichte im Modernismus verbinden dabei bereits literarhistorische Entwicklungen mit rezeptionstheoretischen Fragestellungen. Darüber hinaus umreißt das Kapitel auch eine Geschichte der short story-Theorie und arbeitet pointiert deren Schwachstellen heraus. Die Überlegungen münden schließlich in einem Abschnitt zu "Kurzgeschichten in der Multimediagesellschaft" (S. 46), in dem die Verfasserin argumentiert, dass die Medialisierung unserer Alltagswelt auch erhebliche Auswirkungen auf die Produktion und Rezeption von short stories hat. Gerade in Abschnitten wie diesem wird deutlich, wie weit die Ausführungen teilweise über die Gattung Kurzgeschichte hinausgehen und generelle Fragen nach dem Wandel von Narrativität und narrativer Kompetenz erörtern.

Vor allem mit Rekurs auf kognitionspsychologische Erkenntnisse werden anschließend Hypothesen über die besondere Leseerfahrung aufgestellt, die mit der Textsorte einhergeht. So verlange die Kurzgeschichte ihren Lesern eine größere Aufmerksamkeit und Sorgfalt ab als längere Texte, was Brosch unter anderem an den Auslassungen bzw. Leerstellen sowie an der Simultaneität, die im Gegensatz zur "allmählich sukzessiven Sinnentfaltung des Romans" (S. 58) stehe, festmacht. In diesem Sinn deutet die Verfasserin auch textuelle Eigenschaften, die Kurzgeschichten im Allgemeinen zugeschrieben werden, rezeptionstheoretisch um.

Diese Überlegungen führen dann unmittelbar zu der These vom projektiven Lesen. Mit Monika Fludernik argumentiert die Verfasserin, dass jeder Lesevorgang einen Anpassungs- bzw. Naturalisierungsprozess darstellt, in dem auch aus scheinbar inkonsistenten Erzähltexten sinnhafte Narrative hergestellt werden. Broschs Fazit: "Kurzgeschichten nutzen diese natürliche Disposition von Lesern schamlos aus" (S. 94), da sie fortwährend 'kognitive Dissonanzen' produzieren und somit einen Dissonanzdruck aufbauen. Dieser Dissonanzdruck, der den Leser ständig zum Anpassen bzw. Abgleichen seiner Vorannahmen und Realitätsmodelle mit den im Text präsentierten Vorstellungen und Gedanken zwingt, hängt Brosch zufolge unmittelbar mit der Textkürze zusammen. Projektives Lesen bedeute somit, dass der Rezeptionsprozess eine "transformative emotionale Wirkung" (S. 103) habe und die Textgrenzen transzendiere.

Während also Kapitel zwei vor allem eine kognitionstheoretische Perspektive eignet, werden in den Kapiteln drei bis sechs 'klassische' narratologische Kategorien herangezogen und hinsichtlich ihrer Funktionen im (historisch wandelbaren) Rezeptionsprozess untersucht. Erkenntnisleitend ist wiederum die These von der Bildlichkeit der short story, die sich im Leseprozess realisiere: Die Figuren einer short story z.B. werden demnach beim Lesen stark visualisiert und schließlich zu erinnerbaren Bildern. Anders als die bisherige Forschung schreibt Brosch auch der Raumdarstellung in short stories eine wichtige Bedeutung zu, indem der erzählte Raum im Sinne einer 'narrativen Geographie' (F. Moretti) als "Schnittstelle von Wahrnehmung im Text und Visualisierung im Leseprozess" (S. 125) aufgefasst wird. Der Abschnitt zur Raumdarstellung dokumentiert beispielhaft den Erkenntnisgewinn der Studie, der auch nicht dadurch geschmälert wird, dass Brosch gelegentlich doch nach dem Wesen der Kurzgeschichte fahndet.

Das letzte Kapitel veranschaulicht noch einmal den heuristischen Nutzen des vorgestellten Ansatzes und führt die Überlegungen zum visualisierenden, konfigurativen und projektiven Lesen von Kurzgeschichten weiter aus. Visualisierung meint die wechselnden bildlichen Vorstellungen während der Lektüre, Konfiguration dagegen eine statische Bildvorstellung, "auf die sich die Erinnerung nach gewisser Zeit reduziert" (S. 181). Was also, vereinfacht gesagt, nach der Lektüre zurück bleibt, sind vor allem bildhafte Erinnerungen. In diesem wirkungsästhetischen Aspekt erkennt Brosch "de[n] gemeinsame[n] Nenner vieler unterschiedlicher Realisierungsformen" (S. 182).

Der Stil der Ausführungen ist mitunter recht eigenwillig (vgl. Formulierungen wie "Die Leseerfahrung von Kurzgeschichten liebt diese gaps", S. 136), aber zumeist klar und abwechslungsreich. Einige formatierungstechnische und bibliographische Unzulänglichkeiten sowie Tippfehler hätten zwar vor der Drucklegung beseitigt werden können, stören aber nicht den Lesefluss. Selbst ein grammatischer Fehler wie auf Seite 198 ließe sich als performative Veranschaulichung der Argumentation lesen, evoziert er doch ähnliche kognitive Dissonanzen, wie sie Brosch der 'Textsorte Kurzgeschichte' zuschreibt.

Alles in allem gelingt es Renate Brosch auf überzeugende und kurzweilige Weise, einen frischen Blick auf das literaturwissenschaftliche Stiefkind short story zu werfen, welcher der etwas festgefahrenen Forschung sicher neue Impulse zu geben vermag. Die vielen Beispiele aus der englischen, amerikanischen, australischen und weiteren Literaturen tragen auch dazu bei, die short story als die internationale Gattung zu beschreiben, die sie gegenwärtig ist. Besonders einleuchtend ist die These vom projektiven Lesen von Kurzgeschichten, bei dem die Sinnkonstitution die Textgrenzen z. T. deutlich überschreitet. Ob man dieser These so weit folgt, der Kurzgeschichte eine besonders kritische, intellektuell-distanzierte Leserschaft zu unterstellen, möge offen bleiben. Am Potential der short story, leserseitiges Mitfühlen "gern durch rationale Distanzierung" (S. 102) zu relativieren und Anlass zum Hinterfragen von Vorstellungen sowie zum kommunikativen Austausch zu geben, scheint jedenfalls nach der Lektüre des Bandes kaum noch ein Zweifel zu bestehen.


Renate Brosch: Short Story. Textsorte und Leseerfahrung. Trier: WVT, 2007. 236 S., kart., € 24,50. ISBN 978-3-88476-958-4



Inhaltsverzeichnis


Einleitung: Grenzgänge der short story 9

1. Kurze Geschichte der „Kurzgeschichte“ 27
1.1 Kurzprosa als conversation piece 28
1.2. Leserpsychologie bei Poe: „kindred art of the reader“ 34
1.3 Kurzgeschichte als Sprechakt: „stump orator“ 37
1.4. Impressionen und Momentaufnahmen 38
1.5 Räumliche Visualisierung: spatial form 41
1.6 Kurzgeschichte und Mythos 43
1.7 Kurzgeschichten in der Multimediagesellschaft 46

2. Kurzes – Erzählen – Lesen 51
2.1 Natürliches Erzählen 51
2.2 Kürze und Aufmerksamkeit 52
2.3 Einfache und suggestive Sprache 58
2.4. Anfangen: der primacy effect 63
2.5 Beenden: reading for closure 73
2.6 Auflösungen verzögern: recalcitrance in reading 82
2.7 Textgrenzen setzen und überwinden 87
2.8 Leseerfahrung und Kohärenz: reading for the plot 93
2.9 Entspannen 100

3. Figuren entwerfen 105
3.1 Charakterisieren 105
3.2 Reduzieren 110
3.3 Kontrastieren 118

4. Räume überbrücken 123
4.1 Beschreibung 125
4.2 Raumwahrnehmung 128
4.3 Wirkungsmächtige Dualismen 132
4.4 Transgressionen 136

5. Perspektiven wechseln 143
5.1 Angesprochen werden 143
5.2 Perspektivwechsel 156

6. Zeiten ordnen 167

7. Vom Leseerlebnis zur Interpretation 179
7.1 Visualisieren und Konfigurieren 179
7.2 Kurzgeschichten und visuelle Kultur 185
7.3 Metaphorisieren 194
7.4 Grenzgänge und projektiv lesen 200
7.5 Kurzgeschichten lesen heute 205

8. Bibliographie 211

The Short Story and Projective Reading

In her 2007 study, Short Story: Textsorte und Leseerfahrung, Renate Brosch poses the question of what characterises the particular reading experience ("Leseerfahrung") of the short story as a genre ("Textsorte"). Using many and varied examples, she combines concepts of reader response and reception with narratological categories and examines the influence of certain textual features on the reading process. Brosch's basic assumption is that most short stories differ from longer narrative forms (e.g. the novel) solely in terms of the aesthetic experience or effect they create, especially through their proclivity for visuality and representativeness. With regard to focus and methodology, the study therefore clearly departs from the mainstream of short story theory and could well provide new impetus for study.


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