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Glauben ohne Gott

Eine Rezension von Katharina Bauer

Michail Ryklin: Kommunismus als Religion. Die Intellektuellen und die Oktoberrevolution. Aus dem Russischen von Dirk und Elena Uffelmann. Frankfurt am Main/Leipzig: Verlag der Weltreligionen, 2008.

Der russische Philosoph Michail Ryklin geht in seiner kulturphilosophischen Monografie Kommunismus als Religion. Die Intellektuellen und die Oktoberrevolution zunächst dem aggressiven Impetus des bolschewistischen Atheismus gegenüber Religion nach. Zugleich markiert er den religiösen Charakter des sich als 'wissenschaftliche Ideologie' gebärdenden Kommunismus. Vor diesem Hintergrund widmet sich der zweite Teil des Bandes der komplexen Faszination, die der Kommunismus auf westliche Intellektuelle ausübte. Für die konkrete Analyse zieht der Autor Texte Jacques Derridas, Bertrand Russells, Walter Benjamins, Arthur Koestlers, Lion Feuchtwangers, Bertolt Brechts sowie André Gides heran, die dem von Derrida eingeführten Genre "Rückkehr aus der UdSSR" zugeordnet sind und in denen verschiedene Wahrnehmungen des Kommunismus als Religion verhandelt werden. 


Neu ist der Gedanke, den Kommunismus als Religion zu betrachten, nicht. Bislang haben sich vor allem politikwissenschaftliche Arbeiten um Definitionen und Theorien bemüht. Aber darum geht es Michail Ryklin in seinem kulturphilosophischen Band gar nicht. Er möchte die Umrisse des kommunistischen Glaubens sowie seine Funktions- und Wirkungsweise exemplarisch konturieren. Ehe sich der Autor über konkrete Textanalysen den Beweggründen für die Begeisterung einzelner Intellektueller annähert, stellt Ryklin die zunehmende Sakralisierung des Politischen in der Sowjetunion seit der Oktoberrevolution dar und arbeitet so verschiedene Phasen in der Entwicklung des Kommunismus als Religion heraus.

Ryklin erläutert im ersten Teil seiner Ausführungen äußerst plausibel, dass die Etikettierung des Kommunismus als "wissenschaftliche Ideologie" (S. 40) lediglich den "demiurgischen Anspruch" (S. 33) verschleiern soll, die weltliche und geistliche Macht vereinen zu wollen. Die Verschmelzung der politischen Dimension mit der religiösen führt der Verfasser als Charakteristikum von "in der Zwischenkriegszeit entstandenen politischen Religionen" (S. 40) an. Er konstatiert Vorbehalte von Wissenschaftlern – welche genau er meint, bleibt allerdings offen –, den Kommunismus als Religion zu bezeichnen, und spricht sich gegen eine Abwertung des Kommunismus als bloße "Ersatzreligion" (S. 42) aus.

Ein für Ryklin wesentlicher Aspekt, um den Kommunismus als Religion verstehen zu können, besteht in der Erkenntnis, dass auch bekennende Atheisten zugleich gläubige Menschen sein können. Er versteht unter Religion ein "System höchster Motivationen, […] etwas, um dessentwillen Menschen bereit sind, jedwedes Opfer zu bringen" (S. 46). In diesem Zusammenhang bringt Ryklin auch die Problematik eines "blinden Glaubens" (S. 48) zur Sprache: "Für viele der besten Köpfe der zivilisierten Welt erschien das kommunistische Ideal […] als ein so hoher Wert, daß er in ihren Augen die Vernichtung ganzer Gesellschaftsklassen rechtfertigte" (S.46).
Als Triebkräfte, welche westliche Intellektuelle zum Glauben an den Kommunismus veranlassten, führt der Verfasser den Hass auf den Kapitalismus, gepaart mit der Ablehnung traditioneller Religion, die Suche nach einer Alternative zum aufkeimenden Faschismus sowie eine tiefe Unzufriedenheit mit der eigenen Existenz an.

Der zweite Teil der Abhandlung widmet sich in Einzelstudien dem Verhältnis Jacques Derridas, Bertrand Russells, Walter Benjamins, Arthur Koestlers, Lion Feuchtwangers, Bertolt Brechts sowie André Gides zum Kommunismus. Das von Derrida – in Anlehnung an André Gide – eingeführte Textgenre der "Retour de l’U.R.S.S." bildet die geistige Klammer für die in ihrem Urteil über die Sowjetunion durchaus heterogenen Rückkehr-Texte der Zwischenkriegszeit.
Ryklin stützt sich in den Kurzporträts auf die von Derrida herausgearbeiteten Charakteristika des Genres: Die Beschreibung eines einzigartigen Prozesses, der jedoch nur vorläufig ist und sich somit einem abschließenden Urteil entzieht (vgl. S. 63). In welch moralisch-prekäre Situationen dies führen kann, kommt in den einzelnen Beispielen deutlich zum Ausdruck.

Ausgehend von Bertrand Russells The Practice and Theorie of Bolshevism konstatiert Ryklin, Russell habe die vermeintlich wissenschaftliche Doktrin des Kommunismus als "Produkt des Glaubens" durchschaut. Insofern der radikale Atheismus der Bolschewiki ein Phänomen darstellt, das "[…] weder beweisbar noch widerlegbar sei." (S. 85) ist Russell als einer von wenigen nicht bereit, "seinen Verstand einem Ziel zu opfern, welches er für erhaben hielt" (S. 88).

Anhand der Auszüge aus Walter Benjamins Moskauer Tagebuch, die Ryklin anführt, wird deutlich, dass sich Benjamin scharfsichtig und kritisch mit dem Kommunismus als Religion auseinandersetzt. Seine totale Ablehnung des Kapitalismus sowie der erstarkende Faschismus führen jedoch letztlich dazu, dass für Benjamin der Glaube an die kommunistische Utopie die einzige Alternative darstellt, auch wenn offen bleibt, in welche Richtung sie sich entwickelt (vgl. S. 108).

Arthur Koestler, der sieben Jahre lang Mitglied der KPD war, führt nach dem durch den Hitler-Stalin-Pakt herbeigeführten Bruch mit dem Kommunismus eine detaillierte Selbstanalyse durch. Wie Ryklin betont, war es Koestler (und vielen anderen) erst im Nachhinein möglich, die Begeisterung für den Kommunismus als "leidenschaftlichen Glauben" (S. 120) zu identifizieren und sich der eigenen 'Blindheit' bewusst zu werden.

André Gide erhofft sich, Ryklin zufolge, im Kommunismus die "Verwirklichung der Grundidee des christlichen Glaubens" (S. 136). Tief enttäuscht von den tatsächlichen Vorgängen in der Sowjetunion unterzieht er seinen kommunistischen Glauben in Retour de l’U.R.S.S. einer schonungslosen Analyse. Ähnlich wie Benjamin bricht er jedoch nicht gänzlich mit der Utopie und hofft auf ihre Realisierung (vgl. S. 137).

Als Replik auf Gides kritische Veröffentlichung liest Ryklin Lion Feuchtwangers Reisebericht Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde. Was auf den ersten Blick "uneingeschränkt positiv" (S. 151) wirkt, besitzt, so Ryklin, "in tieferen Textschichten eine Vielzahl von kritischen Bemerkungen, Zweifeln und Fragezeichen […]" (S. 151).

Im Vergleich mit den übrigen Intellektuellen, stellt sich Bertolt Brechts Begeisterung für die Sowjetunion geradezu unerschütterlich dar. Er ist auch der Einzige, der seine Bewunderung für die Oktoberrevolution keinesfalls als "Spielart des Glaubens" (S. 162) verstanden wissen will.

Michail Ryklins philosophisch-essayistisches Buch legt die religiösen Strukturen des Kommunismus und seine ambivalente Auswirkung auf Intellektuelle vielschichtig und anschaulich dar, ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu erheben. Indem Ryklin bewusst auf den Anspruch verzichtet, erschöpfende Erklärungen zu liefern, umgeht er sowohl die Gefahr grober Vereinfachungen als auch textferner Spekulationen. Wie der Band beweist, lassen sich durch die konsequente Konzentration auf das gewählte Textkorpus facettenreiche und ausdifferenzierte Kurzporträts entfalten, die darüber hinaus durchweg gut lesbar sind. Kurz – eine äußerst bereichernde Lektüre!


Michail Ryklin: Kommunismus als Religion. Die Intellektuellen und die Oktoberrevolution. Aus dem Russischen von Dirk und Elena Uffelmann. Frankfurt am Main/Leipzig: Verlag der Weltreligionen, 2008. 192 S., gebunden, 17,90 €. ISBN 978-3-458-71010-3  Zur homepage des Verlages ...


Inhaltsverzeichnis

Der rote Oktober 11
Die Geburt der Religion aus dem Geiste des Atheismus 13
Es gibt keinen Gott! 13
Die Partei über alles 20
Der ewig Lebendige 25
Orte der Verehrung 31
Religion oder Kommunismus? 40

Glauben ohne Gott 51
Im Mekka des Proletariats 53
In der "Wahlheimat" 53
Jacques Derrida. Back from Moscow 62
Das "Kronstadt-Erlebnis" und die Entdeckung des Menschen 68
To kill or not to kill? Die geschichtliche Verantwortung der Intellektuellen 74
"Die Hand überm Feuer": Der sowjetische Demophon 77
Bertrand Russell. Selbstmord der Vernunft 83
Walter Benjamin. Der Topos der Utopie 94
Arthur Koestler. Krocket auf bolschewistische Art 111
André Gide. Christus und Demophon 134
Lion Feuchtwanger. Radeks Lächeln 149
Bertolt Brecht. Die große Ordnung 160

Epilog 173
Kommunismus heute 175
"Der neue Mensch". Die Evolution seines Glaubens 175
Der "böse Onkel" 180
Der heilige Bolschewik 184
Das Schicksal der "Rückkehr aus der Sowjetunion" 190

Nachweise 192

Faith in the Absence of God

In Kommunismus als Religion. Die Intellektuellen und die Oktoberrevolution (Communism As Religion: Intellectuals and the October Revolution), Russian philosopher Michail Ryklin considers first and foremost the aggressive nature of Bolshevist atheism. At the same time, he elucidates how communism, which pretends to be a “scientific ideology”, in fact has an inherently religious character. Against this background, the second part of the book deals with the complex appeal that communism held for Western intellectuals. For his actual analysis, the author studies relevant texts from Jacques Derrida, Bertrand Russell, Walter Benjamin, Arthur Koestler, Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht, and André Gide (beginning with Derrida's “Return from the USSR”) to delineate various perceptions of communism as a religion.


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