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Ganz Ohr sein

Eine Rezension von Dr. Anita Rösch

Hagen, Mechthild: Förderung des Hörens und Zuhörens in der Schule. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2006.

Mechthild Hagen betritt mit der Untersuchung Förderung des Hörens und Zuhörens in der Schule ein bisher unzureichend erforschtes pädagogisches Gebiet. Sie entwickelt in ihrer Dissertation, die sich dem Lernen des Zuhörens und dem Lernen durch Zuhören widmet, ein Handlungsmodell der Zuhörförderung, das das Hören im kulturellen Hörraum verortet. Dieses Handlungsmodell wurde im Projekt ‚GanzOhrsein’ an ausgewählten Projektschulen pädagogisch umgesetzt, erprobt und evaluiert. Die von der Autorin dokumentierten Ergebnisse der empirischen Untersuchung zeigen auf, wie wichtig es ist, dem Zuhören in der Schule mehr Raum zu gewähren, und geben Anstöße, wie dies gelingen kann.


2002 wurde die "Stiftung Zuhören" unter Beteiligung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Hessen und Bayern gegründet. Sie fördert durch Publikationen, Lehrerfortbildungen, aber vor allem durch Programme der aktiven Zuhörförderung den Stellenwert des Hörens und Zuhörens in der Schule. Die Programme tragen in den verschiedenen Bundesländern so klangvolle Namen wie Hörclub, Ohrenspitzer oder GanzOhrsein.
In diesen Zusammenhang ist die Arbeit von Mechthild Hagen einzuordnen, die die Zuhörförderung nicht nur empirisch untersucht, sondern sie auch in einen theoretischen Bezugsrahmen eingebettet hat.

In einem fundiert recherchierten Grundlagenkapitel erläutert die Autorin den Stellenwert des Hörens und Zuhörens für Lernen und Verstehen, für Kommunikation und soziales Miteinander. Selektives Hören ist grundlegend für Bildung. Eine differenzierte Wahrnehmung und die gezielte Verarbeitung von Informationen sind, so macht die Autorin deutlich, die Voraussetzungen, um autonom handeln zu können. Die Bedeutung des Hörens bewusst zu machen stellt eine wichtige Aufgabe der Schule in einer Gesellschaft dar, in der vor allem die visuelle Wahrnehmung dominiert. Dies gilt ganz allgemein, aber in besonderem Maße für die Mediennutzung der Kinder und Jugendlichen. Hören geschieht oft unverbindlich, quasi nebenher. Was in Erinnerung bleibt, sind diffuse Höreindrücke. Da gelingende Kommunikation, wie Mechthild Hagen begründet erläutert, auf das Zuhören angewiesen ist, hat die Schule die Aufgabe, die Voraussetzung für den Erwerb dieser sozial-kommunikativen Kompetenz zu schaffen. Aber auch der Lernerfolg selbst ist von der Zuhörfähigkeit abhängig. Wissen wird vor allem sprachlich vermittelt, Unterricht verläuft zu einem Großteil auf der Basis des sozialen Dialogs.
Doch trotz der Relevanz, die das Zuhören in der Gesellschaft und der Schule hat, wird diese Fähigkeit weitgehend vorausgesetzt und nicht als pädagogische Aufgabe gesehen. Weder spielt das Zuhören eine wesentliche Rolle in der Lehrerausbildung, noch wird dem Hören bei der Gestaltung der Klassenräume und des Unterrichts eine besondere Aufmerksamkeit zuteil. Diesem Defizit steuert das in der Dissertation von Mechthild Hagen analysierte Projekt GanzOhrSein entgegen.

Um ein Modell der Zuhörförderung entwickeln zu können, ist eine theoretische Grundlegung erforderlich. Da es noch keine konsistente Theorie des Hörens gibt, stellt Mechthild Hagen die relevanten Elemente aus verschiedenen Wissensdisziplinen zusammen. Sie trifft dabei eine für den Unterricht überzeugende Auswahl, indem sie den Fokus darauf legt, welche Rolle die Aufmerksamkeit beim Hören spielt, wie Hören als Interpretation von Schallereignissen oder als ästhetische Wahrnehmung zu fassen ist.
Auf dieser fundierten Basis entwickelt die Autorin ein überzeugendes Handlungsmodell der Zuhörförderung im kulturellen Hörraum. Das Modell ordnet das Hören differenziert in den Umweltbezug des Menschen ein. Der Hörhorizont, d.h. die individuellen Wahrnehmungen, sowie die Hör- und Zuhörbedingungen, die der Einzelne vorfindet, spielen ebenso eine Rolle wie der ihn umgebende soziale und kulturelle Hörraum. Das Hörhandeln wird durch diese Elemente beeinflusst, gestaltet sie aber auch.

Soll dieses Modell in die Praxis umgesetzt werden, muss es von Lehrkräften in der Schule erprobt werden. Das von Mechthild Hagen koordinierte und in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Grundschulpädagogik und -didaktik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München durchgeführte Projekt erstreckte sich über sieben Praxisbausteine: Sprechen und Sprache, Klangumwelt – Raumgestaltung, Musik, Theater, Kunst, Radio und Hörclub. Vierzehn Lehrerinnen und Lehrer und neun Projektklassen führten das Projekt mit Unterstützung von Experten und Künstlern durch. Angestrebt wurde die Entwicklung von Bausteinen zur gezielten Hör- und Zuhörförderung für die Schul- und Unterrichtspraxis.

Im zweiten Teil ihres Buches, veranschaulicht durch umfangreiche Materialien auf der beiliegenden CD, beschreibt Mechthild Hagen die Evaluation ihres Handlungsmodells des Hörens. Empirisch hat die Autorin die Auswirkungen des Projektes auf drei Ebenen erhoben: Mechthild Hagen untersuchte die Wirkungen der pädagogischen Maßnahmen innerhalb des Projekts, die Akzeptanz des Vorgehens und die Implementation der Projektidee über die Beteiligten hinaus. Die Hypothese Mechthild Hagens, dass sich das Arrangieren vielfältiger Hörerfahrungen und die Gestaltung von Zuhörsituationen durch die didaktisch gestaltete Nutzung von Angeboten des kulturellen Hörraums förderlich auf das Hörhandeln der Beteiligten auswirkt (S. 126), konnte auf verschiedenen Ebenen verifiziert werden. So stellte die Autorin in ihren Untersuchungen u.a. fest, dass sich der Hörhorizont der Jugendlichen im Verlauf des Projekts erweitert hat. Hörbezogene Aktivitäten nahmen in der Freizeit zu, der Musikgeschmack differenzierte sich aus und die Sensibilität für Umweltgeräusche stieg. Auch wuchs die Bereitschaft aller Beteiligten zur Verbesserung der Zuhörbedingungen. Ebenfalls erweiterte sich das professionelle Handlungsrepertoire der beteiligten Lehrkräfte.

Die Ergebnisse der empirischen Untersuchung belegen nachdrücklich die Bedeutung schulischer Zuhörförderung. Dieses Buch ist daher allen Lehrkräften, aber vor allem allen an der Lehrerausbildung Beteiligten ans Herz zu legen. Die Ausführungen von Mechthild Hagen machen deutlich, dass der Zuhörförderung ein größerer Raum in den Lehramtsstudiengängen eingeräumt werden müsste. Dies kann sowohl über die inhaltliche Berücksichtigung von Themen des Hörens und Zuhörens geschehen als auch durch die Inszenierung von Lehr- und Lernsituationen als Hörereignis. Diese Studie ist ein Meilenstein, der auf das Potential des kulturellen Hörraums vor allem in der Schule aufmerksam macht und Innovationen in Ausbildung und Unterricht anstößt.


Mechthild Hagen: Förderung des Hörens und Zuhörens in der Schule. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2006. 229 S., eine CD, kartoniert, 26,90 €. ISBN: 3-525-48006-7
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Inhaltsverzeichnis

Einführung 9

1 Begründungszusammenhang 3
1.1 Pädagogischer Stellenwert des Hörens und Zuhörens 13
1.2 Stellenwert des Hörens und Zuhörens in der Schulpraxis 23
1.3 Fazit 30

2 Annäherung an das Phänomen 33
2.1 Begriffliche Annäherung 33
2.2 Die Rolle der Aufmerksamkeit beim Hören 41
2.3 Hören als Interpretation von Schallereignissen 50
2.4 Hören als ästhetische Wahrnehmung 76
2.5 Zusammenfassung und Fazit 83

3 Entwicklung eines Handlungsmodells 87
3.1 Beschreibung der Handlungsdimensionen 88
3.2 Das Handlungsmodell »Zuhörförderung über das Potential des kulturellen Hörraums« 92
3.3 Konsequenzen für die Umsetzung in die Praxis 99
3.4 Forschungsmethodische Konsequenzen 101

4 Evaluation des Handlungsmodells 105
4.1 Beschreibung des Evaluationsobjekts: Das Projekt »GanzOhrSein« 107
4.2 Der Untersuchungsansatz der Evaluation 126
4.3 Darstellung wesentlicher Ergebnisse 135
4.4 Zusammenfassung und Interpretation 179
4.5 Diskussion der Ergebnisse 194

5 Zusammenfassung — Wertung — Ausblick 201
5.1 Theoretischer Ertrag 203
5.2 Praktischer Ertrag 204
5.3 Ausblick 208

Literatur 213
Ausgewählte Veröffentlichungen aus dem Projekt »GanzOhrSein« 228
CD: Vollständige Fassung der Dissertation, Anhang A (Hörbeispiele), Anhang B (Untersuchungsinstrumente), Anhang C (Hörbeispiele aus Hörclubs; Übersicht siehe Seite 229)

"All Ears" – Learning (by) Listening

Mechthild Hagen plumbs an insufficiently studied area of pedagogy with her investigation, Förderung des Hörens und Zuhörens in der Schule (Fostering Listening Skills in School). Revolving around learning listening and learning by listening, Hagen's thesis presents a practical model for promoting listening skills within a “cultural listening space”. The model and the results of its implementation at selected schools as part of the project “GanzOhrsein” (“All Ears”) clearly demonstrate the importance of expanding listening skills curricula, and include suggestions for achieving just this.


© bei der Autorin und bei KULT_online