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Foucault revisited – Foucault extended

Eine Rezension von Arno Herberth

Agamben, Giorgio: Was ist ein Dispositiv?. Zürich/Berlin: diaphanes, 2008.

Der italienische Philosoph Giorgio Agamben vereint in seinem 2006 erstmals auf Italienisch erschienenen Band Was ist ein Dispositiv? die Quintessenzen seiner jüngsten Forschungen. Agamben veranschaulicht mittels philologischer Methoden, wie religiöse Episteme in unser Leben eingreifen, und leitet daraus zeitdiagnostische Maximen ab: Dem zunehmenden Prozess der Desubjektivierung, wie er gegenwärtig in der kapitalistischen Gesellschaft des Westens stattfindet, können auch die etablierten Parteien von rechts und links nichts entgegensetzen. Zu sehr hat sich bereits eine Inflation von Macht ausübenden Dispositiven verselbständigt. Die Geschichte und Herkunft des Begriffs 'Dispositiv', der für seine gesellschaftskritische Philosophie im Anschluss an Foucault zentral ist, stellt Agamben pointiert und nachvollziehbar dar. 


Was Michel Foucault und den italienischen Philosophen und Staatstheoretiker Giorgio Agamben miteinander verbindet, ist ein lebendiges Interesse für Machtkonstellationen, die in das Leben des Menschen eingreifen und seine Handlungen und seinen Gestus wesentlich bestimmen. Dass es für diese Machtprozesse, die in unserer modernen Gesellschaft sehr oft bereits internalisiert sind, ein historisches Fundament in religiösen Praxen gibt, hat auch Foucault beispielsweise in seinem ersten Band von Sexualität und Wahrheit aufgezeigt.

Agamben hat sich im zeitlichen Umfeld von Che cos´è un dispositivo?, das 2006 erstmals auf Italienisch erschienen ist, mit den religiösen Ursprüngen einer Genealogie der Ökonomie beschäftigt. Die Ergebnisse dieser umfangreicher angelegten Untersuchung wurden 2007 in Italien veröffentlicht und sollen in der Edition Suhrkamp 2009 dem deutschsprachigen Lesepublikum unter dem Titel Das Reich und die Herrlichkeit vorgelegt werden. Was hat nun dieses Projekt, das sich mit dem entstehungsgeschichtlichen Kontext der Ökonomie beschäftigt, mit dem schmalen Bändchen Was ist ein Dispositiv? zu tun?

Um diese Frage zu beantworten, muss zunächst auf diejenige näher eingegangen werden, die uns der Buchtitel stellt. Agamben zeichnet eingangs eine knappe und fundierte Begriffsgeschichte des Terminus 'Dispositiv' in der Philosophie nach, deren Fluchtpunkt die Konzeption des Dispositivs in den Schriften Foucaults darstellt. Gerade Foucault hat mit seinen Untersuchungen zu dem Verhältnis von Macht, Wissen und dem Subjekt dem Dispositiv eine gewisse Prominenz in der politisch-philosophischen Debatte verliehen. Man denke etwa an seine 1978 im Merve Verlag erschienene Schrift Dispositive der Macht. In den ersten Kapiteln von Was ist ein Dispositiv? entwirft Agamben eine Genealogie des Begriffs Dispositiv. Die Konvergenz mit verwandten Begriffen wie etwa Hegels 'Positivität' wird sehr pointiert und sachkundig dargelegt. Aufbauend auf Foucault definiert Agamben ein Dispositiv als eine allumfassende Bezeichnung für ein Netz aus Diskursen, Institutionen, Gebäuden, Gesetzen, polizeilichen Maßnahmen, philosophischen Lehrsätzen (vgl. S. 9), technischen Geräten, Gebrauchsgegenständen, akademischen Fächern usw., das "dazu imstande ist, die Gesten, das Betragen, die Meinungen und die Reden der Lebewesen zu ergreifen, zu lenken, zu bestimmen, zu hemmen, zu formen, zu kontrollieren und zu sichern." (S. 26)

Der Genealogie der Begriffsgeschichte fügt Agamben damit eine wesentliche Facette hinzu, die auf den eingangs geschilderten Forschungsinteressen zur Genealogie der Ökonomie aufbaut. Dispositive sind in Agambens Darlegung einer Genealogie der Ökonomie bereits eingeschrieben. Als Beleg dienen ihm für diese These die Schriften der lateinischen Kirchenväter, die das griechische oikonomia mit Dispositio übersetzen. Was bezeichnet aber ein im Kontext der Kirche anachronistisch anmutender Begriff wie Ökonomie im religiösen Kontext? Wie ist die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs im Griechischen, die die Verwaltung des Hauses, des oikos bezeichnet, mit theologischen Disputen verknüpft?

Die Idee der Dreifaltigkeit der göttlichen Sphäre mit Gott, Gottes Sohn und Heiligem Geist war bei ihrem ersten Auftreten im zweiten Jahrhundert nach Christus unter den Kirchentheoretikern nicht unumstritten. Ein Rückfall in Polytheismus und Heidentum wurde befürchtet und der Begriff der Verwaltung des Hauses respektive der von Gott geschaffenen Welt kam Kirchenvätern wie Tertullian oder Irenäus sehr zupass, um die 'Dreiteilung' Gottes besser argumentieren zu können. Ontologisch gesehen bliebe Gott auf diese Weise in der Argumentation der antiken Kirchenvertreter eins, pragmatisch gesehen entsendete er zur Verwaltung des Menschengeschlechts seinen Mensch gewordenen Sohn auf die Erde (vgl. S. 20).
Der Wirkungsbereich Gottes ist damit fortan ein geteilter, seine Ontologie erscheint abgetrennt von seinem praktischen Wirken und insofern erhält der Begriff der Ökonomie bzw. des Dispositivs eine Qualität, die Agamben so auf den Punkt bringt: "Der Terminus Dispositiv bezeichnet also etwas, in dem und durch das ein reines Regierungshandeln ohne jegliche Begründung im Sein realisiert wird." (S. 23) Diese Semantik des Begriffs schimmert auch schon in den von Agamben in guter philologischer Manier zitierten Definitionen des französischen Wörterbuchs der Umgangssprache durch. Dispositiv findet sich laut französischem Wörterbuch in juridischem, technischem wie militärischem Kontext wieder, und allen drei Verwendungsweisen ist es gemein, dass damit ein funktionaler, zielgerichteter Mechanismus bezeichnet wird, der von seiner inhaltlichen Dimension losgekoppelt ist. So bezeichnet z.B. in der Rechtssprechung das Dispositiv den Urteilsspruch bzw. Rechtsentscheid, ohne das eigentliche Motiv der Tat zu enthalten.

Auf diese Weise kann Agamben einen Bogen zu willkürlichem Regieren und Diktatur gleichermaßen wie zu einer aus den Fugen geratenen Kapitalwelt spannen, die im Sinne neokapitalistischer Ideologeme den Gesetzen des freien Marktes folgt. Er konstatiert für dieses "äußerste Entwicklungsstadium des Kapitalismus, in dem wir leben, […] eine gigantische Anhäufung und Wucherung von Dispositiven." (S. 29) Internet, Mobiltelefon und Computer können ebenso als Dispositive wirksam werden wie der Tango, die Zigarette oder das Fitness-Center. Dieser Schluss ist Agambens entschiedener Weiterentwicklung der Foucault’schen Dispositive geschuldet, die nur auf institutionelle Strategien der Machtausübung abheben und mannigfaltige Prozesse der Subjektivierung in Gang setzen. Doch gerade mit den technischen Errungenschaften unseres Zeitalters vollzieht sich nicht einmal mehr ein Prozess der Subjektivierung, wie er für das Foucault'sche Denken zentral gewesen ist, sondern zeigt sich laut Agamben ein Moment der Desubjektivierung: "Wer sich vom Dispositiv 'Mobiltelefon' gefangennehmen läßt, […] erwirbt deshalb keine neue Subjektivität, sondern lediglich eine Nummer, mittels derer er gegebenenfalls kontrolliert werden kann" (S. 37). Die Kritik an den Überwachungsmöglichkeiten neuer Kommunikationstechnologien ist an dieser Stelle sehr einleuchtend dargelegt und vermag den von Kulturpessimismus geprägten, nicht nachvollziehbaren "unbändigen Haß auf dieses Dispositiv" (S. 29) auszugleichen.

Sehr luzide hat uns Agamben in zehn kurzen, thesenartigen Kapiteln seine Methode der philosophischen Kritik vorgeführt und im gleichen Atemzug einen Einblick in die Grundhypothesen seiner jüngsten Forschungsprojekte gegeben. Was ist ein Dispositiv? macht tatsächlich Lust auf mehr Agamben. Er hat sich im Anschluss an Foucault als profunder, historisch informierter und provokativer Analytiker und Diagnostiker unseres gegenwärtigen Zeitalters erwiesen. Die maßgebliche Leistung dieses Büchleins besteht zudem darin, dass es seinem Titel mehr als gerecht wird. Eine Begriffgeschichte auf so knappem Raum pointiert entwickelt zu sehen, macht tatsächlich Freude, und allein deshalb lohnt es sich, diesen Text zur Hand zu nehmen.


Agamben, Giorgio: Was ist ein Dispositiv? Zürich: diaphanes, 2008. 41 S., broschiert, 6€. ISBN: 978-3-03734-042-4 
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Foucault Revisited – Foucault Extended

The Italian philosopher Giorgio Agamben presents the distillation of his recent research in a text originally entitled Che cos’è un dispositivo? (What is a dispositive?), first published in 2006 in Italian. Using a philological methodology, Agamben exemplifies how religious épistémes influence an individual’s life and concludes with a critique of the present-day: No political party has the capacity to resist the process of “desubjectification” which is currently shaping capitalistic Western society. The ever-increasing and controlling power of “dispositives” has attained a level that makes critical opposition to it virtually impossible. Agamben gives an excellent, comprehensible description of the history and origins of the term ‘dispositive’ that follows Foucault and highlights its relevance for his own critical philosophy.


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