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Ein interdisziplinärer Blick auf die Erinnerung

Eine Rezension von Sonja Arnold (Freiburg)

Bittner, Günther (Hg.): Ich bin mein Erinnern. Über autobiographisches und kollektives Gedächtnis. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2006.

Mit der Frage nach der Beschaffenheit des autobiografischen Gedächtnisses beschäftigt sich die von Günther Bittner herausgegebene interdisziplinär ausgerichtete Beitragssammlung mit dem Titel Ich bin mein Erinnern. Die Beiträge gehen auf das Würzburger Symposium vom 3. und 4. Februar 2006 zurück. Sie stellen eine Auseinandersetzung mit dem Gedächtnisproblem aus psychologischer, neurobiologischer, historischer und philosophischer Perspektive dar. Die Beteiligten versuchen damit eine Antwort auf die seit Jahren in den unterschiedlichsten Disziplinen immer wieder thematisierte und aktualisierte Frage nach der Beschaffenheit der Erinnerung zu geben. Die Sammlung fragt nach den biologischen Grundlagen des autobiografischen Gedächtnisses, dem Subjekt des Erinnerns, der narrativen Struktur der Erinnerung sowie der gesellschaftlichen Dimension des Erinnerns und dem Stellenwert des Vergessens

 
Die Frage nach der Beschaffenheit der Erinnerung ist ein altes Thema, das durch die Erkenntnisse der im 20. Jahrhundert zunehmend aufstrebenden Neurowissenschaften mehrere Renaissancen erlebt hat. Doch auch kulturwissenschaftlich ausgerichtete Disziplinen haben in den letzten Jahrzehnten das Thema aus neuen Blickwinkeln betrachtet. Eine Sammlung der unterschiedlichen Sichtweisen stellt der Band Ich bin mein Erinnern vor.
Nachdem in der Einleitung die Gedächtnisproblematik aus konstruktivistischer, biosozialer und psychoanalytischer Perspektive rekapituliert wird, folgt der in fünf Sektionen untergliederte Hauptteil.

Zunächst steht die Beschaffenheit des autobiografischen Gedächtnisses im Vordergrund. Unter der Vorgabe “Das autobiographische Gedächtnis - heute und damals” werden Ansätze Sigmund Freuds und der modernen Neuropsychologie vorgestellt. Der renommierte Gedächtnisforscher Hans J. Markowitsch, Professor für Physiologische Psychologie an der Universität Bielefeld, führt in die grundsätzliche Funktionsweise des Gedächtnisses aus neuropsychologischer Sicht ein. Er klärt grundlegende Speicherformen, unterschiedliche Gedächtnissysteme sowie Formen der (lokalen) Abspeicherung und Abrufbarkeit und visualisiert seine Einführung mit reichlichem Bildmaterial.

In einer zweiten Sektion, in der die Erinnerung an ihren Träger gekoppelt wird, stellt Günther Bittner im titelgebenden Beitrag “Bin ‚ich’ mein Erinnern?” die mitunter vernachlässigte Frage nach der Verbindung zwischen Erinnerndem und Erinnertem. Dabei nimmt er, ähnlich wie in der Einleitung, zunächst auf traditionelle Erinnerungskonzeptionen Bezug. Bittner zieht Augustinus, Freud und den Konstruktivismus heran. Während er bei Augustinus über die Verbildlichung des Gedächtnisses als Speicher hinaus bereits eine Verbindung der Erinnerung mit ihrem Träger zu erkennen glaubt, kritisiert er bei Freud gerade die mangelnde Verbindung zum Träger. Schließlich widerspricht Bittner dem konstruktivistischen Paradigma und versucht, eine Möglichkeit der Selbstbegegnung in der Erinnerung und damit einhergehend eine Aufwertung des erinnerten Ichs zu profilieren.

Sektion drei stützt sich auf konkrete autobiografische Erinnerungen und ihre narrative Dimension. An erster Stelle stehen die autobiografischen Erinnerungen Hannelore Brandts, Kurt Kochsieks und Wolfgang Urbachs an Erlebnisse in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Sind diese noch unkommentiert zu Beginn der Sektion platziert, vermischen sich daraufhin autobiografische Erinnerung und theoretische Situierung. Dies geschieht durch eine überarbeitete Fassung der Abschiedsvorlesung Günther Bittners an der Universität Würzburg, in der er in Bezug auf Jean Pauls Selberlebensgeschichte in autobiografischer Manier seinen wissenschaftlichen Werdegang, seine Faszination für und anschließende Kritik an den Theorien Sigmund Freuds schildert. Abgerundet wird das Kapitel durch den theoretischen Beitrag Theodor Schulzes, der sich auf Erinnerungstopoi bezieht. Anhand von Erinnerungen Gabriele Rosenthals (Erlebte und erzählte Lebensgeschichte), einer Kindheitserinnerung Günther Bittners sowie der Analyse von Franz Kafkas Brief an den Vater untersucht Schulze dabei wiederkehrende Muster des Topos des unheimlichen Vaters. Nach systematischen Vorüberlegungen zum Erfahrungsbegriff folgt die konkrete Identifizierung solcher Muster (Umschlag vom wohlwollenden in den bösen Vater, das Gefühl der Ohnmacht, das Abgeschiedensein, oft durch eine verschlossene Tür oder den Gegensatz von Drinnen und Draußen repräsentiert).

Der höchst schlüssige und folgerichtige Aufbau dieser Sektion, der sich durch den Schritt von der konkreten Erinnerung zur systematisch-theoretischen Reflexion auszeichnet, wird in Sektion vier fortgesetzt. Hier wird das individuelle Gedächtnis mit seiner kollektiven Dimension verbunden und damit den Debatten über kollektives und kommunikatives Gedächtnis in den letzten Jahrzehnten Rechnung getragen. Besonders aufschlussreich ist dabei der Beitrag von Harm-Hinrich Brandt, der den Nutzen der in Sektion drei thematisierten erzählten Erinnerung für die Geschichtswissenschaft in Frage stellt und damit auch einen neuen Impuls für die bestehende Diskussion setzt. Dabei relativiert er den Vorteil von Zeitzeugen und der oral history und verbindet Phänomene aus der Zeitzeugenforschung mit konkreten neurobiologischen Grundlagen. So weist er beispielsweise auf die Form der zerebralen Abspeicherung von Erinnerung hin (vgl. S. 130). Daraus erklärt Brandt, weshalb sich Zeitzeugen unter Umständen gegenseitig oder den vorliegenden Indizien widersprechen und relativiert erneut den Mehrwert dieser Methode.

Am Ende dieses Bandes über die Erinnerung steht ein Plädoyer für das Vergessen, denn “ohne Vergessen wäre unser Bewusstsein hoffnungslos überschwemmt” (S. 170). Hans-Joachim Petschs Beitrag zeigt die andere Seite der Medaille und unterstreicht, wie wichtig das Vergessen für eine effiziente Gedächtnisleistung insbesondere in unserer beschleunigten Welt ist.

Dem Sammelband gelingt es, einen geradezu kaleidoskopartigen Blick auf das Gedächtnis zu werfen. Er überzeugt durch das Nebeneinander verschiedener Fragestellungen, Disziplinen und Methoden und erweist sich durch die in der Einleitung formulierten weiterführenden Fragen als Anknüpfungspunkt für die weitergehende Forschung. Der sich mitunter im Detail verfangende Erinnerungsdiskurs erfährt durch das weitreichende Spektrum dieses Bands eine wohltuende Bereicherung.
Trotz der interdisziplinären Ausrichtung verharren die einzelnen Beiträge jedoch zu oft in ihrer eigenen Disziplin. Deshalb ist es schwer, herauszufiltern, welchen Mehrwert eine Verbindung von neuropsychologischer, philosophischer und sozialer Dimension für die Gedächtnisforschung hätte. Die interdisziplinärste Ausrichtung birgt wenig Nutzen, werden die unterschiedlichen Positionen nicht zusammengebracht. Lediglich Harm-Hinrich Brandt gelingt diese Verknüpfung. Der weitreichende Bogen, den dieser Band spannt und der folgerichtige Aufbau entschädigen indes dafür. Der Sammelband ist somit sowohl zur Einführung in die Gedächtnisthematik als auch für einen vertieften Einblick in ihre interdisziplinäre Ausrichtung geeignet.

Günther Bittner (Hg.): Ich bin mein Erinnern. Über autobiographisches und kollektives Gedächtnis. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2006. 176 S., broschiert, 19,80 Euro. ISBN: 3-8260-3433-3

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das autobiographische Gedächtnis – heute und damals

Hans J. Markowitsch: Das autobiographische Gedächtnis. Neurowissenschaftliche Grundlagen

Volker Fröhlich: „Erinnerungen aus der Kindheit...Erinnerungen an die Kindheit.“ Zur Theorie des Erinnerns bei Sigmund Freud

2. Das Subjekt des autobiographischen Erinnerns

Günther Bittner: Bin „ich“ mein Erinnern?

Rüdiger Bittner: Warum rühren uns Erinnerungen?

3. Autobiographische Texte - Erzählte Erinnerung

Hannelore Brandt, Kurt Kochsiek, Wolfgang Urbach: „Kriegskinder“ erinnern sich

Günther Bittner: „Professor der Selbergeschichte“

Theodor Schulze: Ereignis und Erfahrung. Vorschläge zur Analyse biographischer Topoi

4. Individuelles und kollektives Erinnern

Manfred Mols: Haben Staaten ein Gedächtnis? Konstruktion oder Rekonstruktion. Anmerkungen zum Problem der Erinnerung aus politikwissenschaftlicher Sicht

Harm-Hinrich Brandt: Vom Nutzen und Nachteil der Erinnerung für die Geschichtswissenschaft

Andreas Nießeler: Erinnerung als Teilhabe. Aspekte sozial- und kulturanthropologischer Gedächtnistheorien

5. Erinnern und Vergessen

Hans-Joachim Petsch: „Glücklich ist, wer vergisst!“ Auch das Vergessen bildet

Autorenverzeichnis


An Interdisciplinary Look at Memory

Edited by Günther Bittner, the proceedings Ich bin mein Erinnern (I Am My Remembering) explicitly address the nature of autobiographical memory. The articles are the result of the February 2006 symposium held in Würzburg and include psychological, neurobiological, historical, and philosophical perspectives. Intending to propose an answer to a question that has been discussed (and revised) over the course of years and many disciplines, the contributors investigate the nature of memory in terms of the biological foundation of autobiographical memory, its subject, narrative structure, and social dimension, as well as the role of forgetting.


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