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Ausgezeichnete und ausufernde Fotogeschichte

Eine Rezension von Maren Röger

Arani, Miriam Y.: Fotografische Selbst- und Fremdbilder von Deutschen und Polen im Reichsgau Wartheland 1939-1945. Unter besonderer Berücksichtigung der Region Wielkopolska. In zwei Bänden. Hamburg: Verlag Dr. Kovač, 2008 (Schriften zur Medienwissenschaft 19).

In einem hochgradig interdisziplinären Zugriff erschließt Miriam Y. Arani ein bislang wenig berücksichtigtes Quellenkorpus und untersucht Fotografien von Polen und Deutschen während der Besatzungszeit 1939-1945. Am Beispiel des Reichsgau Wartheland schreibt Arani nicht nur eine Geschichte visueller Identitätskonstruktionen, sondern eine umfassende Fotogeschichte der Besatzungszeit, deren interessante Ergebnisse durch gezielte Kürzungen jedoch noch besser zur Geltung gekommen wären. 


Der österreichische Publizist Martin Pollack konstatierte kürzlich einen Verlust der Scham im Umgang mit Knipserbildern aus dem Zweiten Weltkrieg. Fotografien deutscher Soldaten, die unter anderem Demütigungen und Verbrechen in den besetzten Ländern Osteuropas zeigten, wurden jahrzehntelang verschlossen gehalten, nun aber von Kindern und Enkelkindern ungehemmt im Internet verkauft (vgl. Martin Pollack: Wenn Frauen aus der Grube lächeln, in: NZZ vom 26.01.2009, S. 19).

In ihrer Dissertation hat sich Miriam Y. Arani unter anderem mit solchen Bildern aus dem besetzten Polen auseinandergesetzt. Sie untersucht, welche Bilder die Deutschen während der Besatzung in Polen machten, wie diese tradiert wurden und in das Bildgedächtnis von Polen und Deutschen eingingen. Auch das fotografische Erbe der polnischen Bevölkerung, speziell aus der Region Wielkopolska, nimmt Arani in den Blick. Als Untersuchung der "Fotografischen Selbst- und Fremdbilder von Deutschen und Polen im Reichsgau Wartheland 1939-1945" betitelt die Verfasserin ihr Werk, das jedoch deutlich mehr Aspekte behandelt als die Überschrift vermuten lässt. Arani schreibt nicht nur eine Geschichte visueller Identitätskonstruktionen, sondern leistet auch einen umfassenden Beitrag zur Fotogeschichte, indem sie als Teil der deutschen Besatzungsgeschichte Produktionsbedingungen und Produzenten der zeitgenössischen deutschen und polnischen Fotografien rekonstruiert und somit Propaganda- und (lokale) Wirtschaftsgeschichte schreibt. Zudem hat Arani wichtige Erkenntnisse zur Tradierungs- und Erinnerungsgeschichte der Bilder erarbeitet.

Die Aufzählung deutet es bereits an: Aranis Dissertation ist inhaltlich vielseitig und auch quantitativ umfangreich - ein Mammutwerk: Auf über 1000 Seiten, dazu noch im Großformat, beläuft sich die Arbeit, die 2008 an der Universität der Künste Berlin als Dissertation eingereicht wurde. Betreut wurde sie von dem deutschen Kunstpädagogen und Fotohistoriker Diethart Kerbs sowie von dem polnischen Historiker Edmund Dmitrów, was der interdisziplinären Ausrichtung entspricht. Arani behauptet in der Einleitung zwar, eher bildwissenschaftliche Forschungsziele zu verfolgen (vgl. S. 29); viele von Aranis Befunden sind aber gerade für Medien- und Zeithistoriker interessant.

Ihre Ergebnisse umfassen die Fotopublizistik im Rahmen nationalsozialistischer Presselenkung (Kapitel III), die Auswirkungen der Besatzungspolitik auf polnische Fotografen (Kapitel IV), die institutionellen deutschen Hersteller von Fotografien (Kapitel V) sowie die polnischen Urheber, Sammler und Distributoren von Fotografien (VI). Die empirischen Befunde sind dabei vielfältig und zumeist hoch interessant. So kann Arani beispielsweise zeigen, dass Polen in der NS-Propaganda zweimal eine wichtige Rolle spielte, zum einen beim Überfall 1939 und zum anderen bei der deutschen Entdeckung der Massengräber polnischer Offiziere in Katyń, die 1940 von den Sowjets ermordet wurden. Zu Kriegsbeginn arbeitete die NS-Propagandamaschine gezielt mit Gräuelbildern, wobei der sogenannte "Bromberger Blutsonntag" als Schlüsselereignis fungierte. Bildthemen und Inszenierungen lehnten sich dabei an die NS-Propaganda vor der Einverleibung Tschechiens an, als die Leiden der dortigen deutschen Minderheit ebenfalls für die (visuelle) Propaganda instrumentalisiert wurden.
Arani unterstreicht in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Bildunterschriften. Sie reduzierten die Polysemie der Aufnahmen – es könnte sich schließlich auch um von Deutschen getötete Polen handeln – auf die politisch gewünschte Interpretation.
Interessant sind auch die Ergebnisse zur ‚Kontrolle des Blicks‛: Die deutschen Besatzer enteigneten nicht nur polnische Fotolabors und verboten polnischen Fotografen die Berufsausübung, sondern beschlagnahmten auch private Kameras. Vor diesem Hintergrund sind Aranis Befunde zur polnischen Fotoproduktion und -distribution umso bedeutungsvoller. Nur ca. 10% der überlieferten Bilder stammen direkt von polnischen Urhebern. Bei den anderen Fotografien, die während der NS-Besatzung von Polen distribuiert wurden, handelt es sich oft um Abzüge, die polnische Laborgehilfen heimlich angefertigt hatten. Insbesondere Bilder von Verbrechen wie Erschießungen, Vertreibungen oder öffentlichen Demütigungen wurden reproduziert, getragen vom Bedürfnis nach Dokumentation dieser brutalen Delikte, die oft dem polnischen Widerstand zugespielt wurden. Diese Bilder der Tat wurden nur in Polen überliefert. Zwar dokumentieren die zeitgenössischen deutschen Bildbeschriftungen, sofern vorhanden, den Stolz auf diese Aktionen, bei Kriegsende wollten die Täter aus Scham und/oder aus Angst vor Verfolgung und Strafe damit jedoch nichts mehr zu tun haben. Fotos wurden bei der Flucht aus Polen zurückgelassen, vernichtet oder zuhause versteckt – wo sie nun von Kindern und Enkelkindern gefunden und verkauft werden. In öffentliche Sammlungen fanden sie ihren Weg in Deutschland – im Gegensatz zu Polen – nicht.
Wie sich diese Tradierungsgeschichten, die auf unterschiedliche Sammelziele der Institutionen und damit auch unterschiedliche Selbstbilder der Gesellschaften zurückzuführen sind, bis heute auf die deutsche und polnische Erinnerungskulturen auswirken, ist dabei eines der faszinierendsten Ergebnisse Aranis.

Auf der breiten Grundlage einer bislang weitgehend unerschlossenen Quellengattung kann Arani zahlreiche Ergebnisse präsentieren, die für Medien- und Zeithistoriker höchst aufschlussreich sind. Dafür wurde die Arbeit mit dem ersten Förderpreis der Republik Polen im Jahr 2008 ausgezeichnet. Positiv hervorzuheben ist auch der Abdruck zahlreicher Fotografien. Ein Meisterwerk ist das Mammutwerk, an dem die Verfasserin über ein Jahrzehnt arbeitete, dennoch nicht. Nicht nur, dass Einleitung und methodische Einführung mit 170 Seiten schon viel von dem vorwegnehmen, was später erarbeitet wird, und somit zu Wiederholungen führen, sondern auch die zahlreichen Exkurse machen das Werk teilweise schwer lesbar. Forschungsstände werden nicht auf die Fragestellung zugespitzt, sondern verkommen immer wieder zur Paraphrase und die Dissertation erscheint manchmal als Enzyklopädie, in der dem Leser nicht nur erklärt wird, auf welche philosophischen Vorväter die Begriffe 'deduktiv' und 'induktiv' zurückgeführt werden können, sondern auch, wie die Soziologie heute Institution definiert. An diese Stelle muss von Herzen bedauert werden, dass die Arbeit kein Lektorat genossen hat: Strikte Kürzungen um mehrere hundert Seiten, der Zwang zu Präzisierungen, die bessere Proportionierung von Kapiteln (rund zweihundert Seiten in Kapitel III und V; rund zwanzig in Kapitel IV), und der Hinweis, dass die Ergebnisse sich nur bedingt mit der behaupteten Fragestellung decken, hätten daraus ein Meisterwerk machen können. Unter den gegebenen Voraussetzungen sollte man lieber auf hoffentlich pointierte Aufsatzfassungen der interessanten Ergebnisse warten.


Arani, Miriam Y.: Fotografische Selbst- und Fremdbilder von Deutschen und Polen im Reichsgau Wartheland 1939-1945. Unter besonderer Berücksichtigung der Region Wielkopolska. In zwei Bänden. Hamburg: Verlag Dr. Kovač, 2008 (Schriften zur Medienwissenschaft, Bd. 19). 1014 S., Großformat, 128,00 Euro. ISBN: 978-3-8300-3005-8



Inhaltsverzeichnis


Teilband I

I. Einleitung 1

II. Methoden und Befund 67
1. Methoden der Quellenkritik historischer Fotografien: die äußere und innere Kritik der Quelle 67
2. Sozialwissenschaftliche Ansätze und Methoden zur Analyse fotografischer Quellen 90
3. Die zeitgenössischen Originale in den gesichteten Fotosammlungen: Welche Gebrauchstypen von Fotografien wurden überliefert? Wer waren die Urheber der Fotografien? 110
4. Die Konstruktion nationaler Selbst- und Fremdbilder durch die archivalische Überlieferung 128

III. Nationalsozialistische Presselenkung und Fotopublizistik 175
1. Die antipolnische „Greuelpropaganda“ zu Kriegsbeginn und der „Bromberger Blutsonntag“ 175
2. Die Pressefotografie im Kontext der nationalsozialistischen Propagandamittel im Reichsgau Wartheland 1939-1945 226
3. Gibt es eine Ikonografie der Menschendarstellung in der NS-Fotopublizistik? 350

IV. Die Veränderungen der Produktionsbedingungen von Fotografien für Polen durch die Besatzungspolitik im Gebiet des Reichsgau Wartheland 1939-1945 431
1. Die nationalsozialistische Rassenideologie als Grundlage der Polenpolitik im Reichsgau Wartheland 1939-1945 431
2. Veränderungen im fotografischen Gewerbe des neugebildeten Reichsgau Wartheland: Die Enteignung der polnischen Betriebsinhaber seit Ende 1939 436
3. Das Verbot des Besitzes und der Benutzung von Fotoapparaten für alle Polen, „feindliche Ausländer“ und „Juden“ im Reichsgau Wartheland ab dem Jahr 1941 440

Teilband II

V. Institutionelle Hersteller von Fotografien 449
1. Polizei und Fotografie 450
2. Andere institutionelle Hersteller von Fotografien 568

VI. Polnische Urheber, Sammler und Distributoren von Fotografien zwischen Anpassung, Selbstbehauptung und Widerstand 625
1. Verschiedene Hersteller, Distributoren und Sammler im Überblick 626
2. Im Inneren der Lampe ist es am dunkelsten: Polnische Fotolaboranten in deutschen Fotobetrieben 688
3. Fotografie im polnischen Widerstand im Reichsgau Wartheland 1939-1945 720

VII. Abschließende Zusammenfassung 753

VIII. Anhang 823
1. Verzeichnis der im Reichsgau Wartheland 1939-1945 tätigen Fotografen und ihrer Auftraggeber 823
2. Verzeichnis der überlieferten Kontaktbögen des NSDAP-Gaupresseamts Posen einschließlich der ermittelten zeitgenössischen Veröffentlichungen 917
3. Quellen und Literatur 930
4. Abkürzungen 986

An Excellent and All-Encompassing Photographic History

Using a thoroughly interdisciplinary approach, Miriam Y. Arani plumbs little-researched sources and examines the photographies of Poles and Germans during the period of German occupation from 1939-1945. Using the example of Reichsgau Wartheland, Arani delivers a history of visual identity constructs that is also a comprehensive photographic record of the occupation period. The results are fascinating, but would have been shown to better advantage if the volume's 1000-plus pages had been subject to some judicial edits.


© bei der Autorin und bei KULT_online