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Was den Papst und Lady Di verbindet

Eine Rezension von René Schlott

Lutterbach, Hubertus: Tot und heilig? Personenkult um 'Gottesmenschen' in Mittelalter und Gegenwart. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2008.

Johannes Paul II., Gandhi, Martin Luther King und Lady Di – diese Persönlichkeiten haben eines gemeinsam: Ihr Tod löste eine kollektive Trauer und eine breite mediale Berichterstattung aus. Ausgehend von den "santo subito"-Rufen bei der Beisetzung des letzten Papstes geht die essayistische Studie von Hubertus Lutterbach, Professor für Christentums- und Kulturgeschichte an der Universität Essen, den medialen Mechanismen von 'popularen Heiligsprechungen' nach. Seine Medieninhaltsanalyse kommt dabei zu dem Ergebnis, dass die diesen 'heiligen' Idolen zugesprochenen Charakteristika den mittelalterlichen 'Gottesmenschen'-Legenden sehr ähnlich sind. In der Verehrung von neuzeitlichen Stars setzt sich also die mittelalterliche Heiligenverehrung in einer säkularisierten Welt fort. 


Nach dem Tod von Johannes Paul II. am 2. April 2005 strömten Millionen von Menschen nach Rom. Ausdruck der Volksfrömmigkeit, Event der Popkultur oder Sinnsuche in einer säkularisierten Welt, dies sind nur einige der Gründe, mit denen Soziologen, Historiker, Journalisten, Psychologen und Medienwissenschaftler das Phänomen zu erklären versuchten. Der Theologe Hubertus Lutterbach fügt diesen Positionen in seiner Studie eine weitere hinzu, wenn er die ,santo subito’-Forderungen der in Rom versammelten Menschenmenge mit der volkstümlichen mittelalterlichen Heiligenverehrung vergleicht.

Vor den bis heute üblichen offiziellen kirchlichen Heiligsprechungsverfahren, die erst im Verlaufe der Gegenreformation weitgehend institutionalisiert wurden, kam es im Frühchristentum und Mittelalter immer wieder zur Herausbildung von Legenden über 'Gottesmenschen' und zu deren spontaner Verehrung durch das einfache Kirchenvolk. Diese Heiligen mussten im Leben und Tod bestimmten Idealen entsprechen, die Lutterbach einleitend vorstellt. Dazu gehörten u.a. eine asketische Lebensweise, Segens- und Heilungskraft, die Verbreitung des Gotteswortes auch unter Lebensgefahr und schließlich das Martyrium. Insgesamt vierzehn dieser Charakteristika geht Lutterbach in seiner qualitativen Medieninhaltsanalyse der deutschsprachigen Presseberichterstattung zum Tod von Johannes Paul II. nach. So wurde das Attentat auf den Papst von 1981 vielfach als dessen Martyrium gedeutet; sein späteres Zusammentreffen mit dem Attentäter und die päpstliche Vergebung als ein übermenschlicher Akt der christlichen Nächstenliebe interpretiert; Krankheit und Sterben verglichen die Journalisten mit dem Kreuzestod Christi; von Wunderheilungen durch den Pontifex zu seinen Lebzeiten und nach seinem Tod wurde berichtet. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass sich "die Berichterstattung über den verstorbenen Papst […] inhaltlich weitgehend mit dem zur Deckung bringen lässt, was […] als Idealtyp eines (mittelalterlichen) Heiligen und Zentrum einer (Heiligen-)Legende" (S. 60) gilt.

In einem Exkurs bestätigt Lutterbach dieses aus der deutschen Presseberichterstattung eruierte Resultat auch für die italienischen Zeitungen. Interessanter wäre hier jedoch die Einbeziehung der Presse eines mehrheitlich protestantischen Landes gewesen. So hätte eine Analyse der britischen Blätter, die im April 2005 sehr viel papstkritischer berichtet haben, wahrscheinlich ein anderes Ergebnis zu Tage gefördert. Generell kommt die auch in der deutschen Presse artikulierte Kritik am Pontifikat Johannes Pauls II., die der Autor nur auf einer knappen Seite abhandelt (S. 69), zu kurz. Sein Fazit kann daher aufgrund der gewählten Quellengrundlage nur in Grenzen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. Wenn es in der Zusammenfassung heißt: "Tatsächlich entspricht die posthume Sicht der Öffentlichkeit auf Johannes Paul II. dem Idealbild eines mittelalterlichen Heiligen" (S. 123), dann müsste hinzugefügt werden, dass dies eben nur für die Zuschreibungen der analysierten deutschen und italienischen Zeitungen gilt.

Lutterbach geht auch der Frage nach, ob, die "Johannes Paul II. im Tod zuteil gewordene Stilisierung zum Gottesmenschen" (S. 124) bereits bei einem seiner Vorgänger nachweisbar ist. Die Medienanalyse der Berichterstattung zum Tod der Päpste Pius IX. (1846–1878) und Johannes XXIII. (1958–1963) ergibt jedoch, dass die "medial forcierte Anstrengung zugunsten der Heiligsprechung des verstorbenen Papstes" (S. 75) im Jahr 2005 einmalig war und in der neueren Kirchengeschichte kein historisches Vorbild kennt. Warum der einzige heilig gesprochene Papst des 20. Jahrhunderts, Pius X. (1903–1914), nicht in die Untersuchung einbezogen wurde, bleibt offen. Haben die Medien auch nach seinem Tod mit 'Gottesmensch'-Zuschreibungen gearbeitet und seine 1954 erfolgte offizielle Kanonisierung damit vorweggenommen? Indizien dafür gibt es: Auch ihm wurden bereits zu Lebzeiten Wunderheilungen nachgesagt, sein Lebenswandel galt als fromm, bescheiden, demütig und sein Tod am Beginn des Ersten Weltkrieges wurde als Märtyreropfer für den Frieden gedeutet. Gleiches gilt für den besonders von den Römern verehrten Pius XII. (1939–1958), dem Christusvisionen nachgesagt wurden, dessen Ausharren in der bombardierten Ewigen Stadt als Martyrium galt und bei dessen Beisetzungsfeierlichkeiten sich ebenfalls Millionen von Menschen in Rom versammelten.

Zum Abschluss erweitert Lutterbach seinen Untersuchungsgegenstand über die Kirchengeschichte hinaus auf andere Idole der Neuzeit. An der deutschen Presseberichterstattung zum Tod von Mahatma Gandhi (1869–1948), Martin Luther King (1929–1968) und Lady Diana (1961–1997) weist der Autor nach, dass wie bei Johannes Paul II. auch bei diesen Persönlichkeiten eine ‚populare Heiligsprechung’ durch die Medien erfolgte. Ein ausführlicher Anmerkungsapparat, Literaturverzeichnis und Register beschließen den Band und machen ihn für die weitere wissenschaftliche Nutzung leicht zugänglich.

Lutterbach gelingt es in seiner profunden Studie überzeugend nachzuweisen, welche wichtige Rolle die Deutungsmuster der Medien bei der Inszenierung von Johannes Paul II. als Heiligem gespielt haben. Seine Analyse der Medienberichterstattung zum Tod des polnischen Papstes zeigt eindrucksvoll, wie "die Trennlinien zwischen empirischer Berichterstattung und legendarischer Preisung in jenen emotional aufgewühlten Apriltagen 2005 mehr denn je aufgeweicht" (S. 62) wurden. Die mediale Stilisierung von so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Johannes Paul II. und Lady Diana hat dabei ein gemeinsames historisches Vorbild: die mittelalterliche Vorstellung vom ‚Gottesmenschen’. Offen bleibt die Frage, ob die Medien in ihrer hier dargelegten konstituierenden und konstruierenden Funktion den Massenzustrom nach Rom im April 2005 erst ausgelöst und die "santo subito"-Rufe des Kirchenvolkes, das gleichzeitig auch Konsument eben dieser Massenmedien war, geradezu forciert haben.


Lutterbach, Hubertus: Tot und heilig? Personenkult um 'Gottesmenschen' in Mittelalter und Gegenwart. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2008. 176 S., geb., 24,90 €. ISBN: 978-3-534-20841-8


 Inhaltsverzeichnis

Hinführung

I. Der Gottesmensch – Historische Herleitung und religiöse Profilierung
A. Heidnisch-antike Heroen als Träger des Übernatürlichen
B. Die transzendente Abhängigkeit des jüdisch-christlichen Gottesmenschen
C. Die Eigenschaften des Gottesmenschen im Christentum

II. Johannes Paul II. (1978 – 2005) – Ein Gottesmensch?
A. Der verstorbene Papst im deutschen Pressespiegel
B. Fazit: Johannes Paul II., ‘subito santo’! – Mittelalterliche Religiosität im modernen Totenkult?

III. Einzigartigkeit des ‘subito santo’ im 19. und 20. Jahrhundert? – Johannes Paul II. im papstgeschichtlichen Vergleich
A. Johannes XXIII. (1958 – 1963) – Ein Gottesmensch?
B. Pius IX. (1846 – 1878) – Ein Gottesmensch?

IV. Die populare ‘Heiligsprechung’ verstorbener Stars und Idole – Das ‘subito santo’ im modernen Vergleich
A. Gottesmenschen des 20. Jahrhunderts
B. Populare ‘Heiligsprechungen’ – Gesellschaftliche Veränderungen

Anmerkungen
Literaturverzeichnis
Register
Danksagung

The Connection Between the Pope and Lady Di

John Paul II, Gandhi, Martin Luther King Jr., and Lady Di – disparate personalities who have one thing in common: The outpouring of collective mourning and broad media coverage that their deaths occasioned. This study in essay form by Hubertus Lutterbach, professor of ecclesiastical and cultural history at the University of Duisburg-Essen, takes as its departure point the cries of "Santo subito" at the burial of the last Pope and explores in-depth the media mechanisms of "popular sanctification." Lutterbach's content analysis leads to the conclusion that the characteristics attributed to these "holy" idols closely resemble those of the medieval "man of God". Therefore, modern-day star worship can be regarded as an ongoing, secular manifestation of the medieval veneration of saints.


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