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Von Gemeinsamkeiten und Ungleichheiten: Ein Sammelband deutsch-italienischer Wissenschaftsvernetzung

Eine Rezension von Eva Modrey

Rusconi, Gian Enrico und Hans Woller (Hgg.): Parallele Geschichte? Italien und Deutschland 1945–2000. Berlin: Duncker & Humblot, 2006.

Das Fragezeichen hinter dem Titel des von Gian Rusconi und Hans Woller 2006 herausgegebenen Sammelbandes lässt vermuten, dass hier nicht nur die Parallelen der deutsch-italienischen Geschichte seit 1945 aufgezeigt werden sollen, sondern auch ihre Ungleichheiten. Und dieser Aufgabe nehmen sich die insgesamt 23 renommierten Autorinnen und Autoren an und bieten somit dem Leser eine beachtliche thematische Vielfalt, die sich von der Bewältigung der Diktatur und ihrer Hinterlassenschaft bis hin zur deutschen Wiedervereinigung spannt. Hier werden vor allem dem deutschen Leser Neuheiten der italienischen Forschung präsentiert und somit ist der bereits 2005 auf Italienisch erschiene Sammelband als ein vorzügliches Ergebnis deutsch-italienischer Wissenschaftsvernetzung anzusehen. Leider bleiben in der thematischen Bandbreite die 1960er und 70er Jahre fast unberücksichtigt und Medien und Öffentlichkeit werden in den Analysen ausgespart. 


Das Foto, das den Einband des broschierten Sammelbandes ziert, zeigt Konrad Adenauer und Alcide De Gasperi im Oktober 1953. Die beiden Staatsmänner hatten manches gemeinsam: die Herkunft aus Grenzregionen, ausgiebige politische Erfahrungen, die Verfolgung durch die totalitären Regime, christlich-demokratische Parteilichkeit, und schließlich, dass sie im fortgeschrittenen Alter die politische Führung in den neu gegründeten Republiken übernahmen. Die beiden Staatsmänner stehen stellvertretend für die Geschichte der beiden Länder. Denn auch hier reichen die historischen Parallelen von der napoleonischen Herrschaft über die Nationalstaatsbildung und den ersten Weltkrieg hin zum Faschismus bis zur Republikgründung nach 1945. Doch die Zeichensetzung im Titel des Sammelbandes verweist auf die Infragestellung dieses traditionellen Deutungsmusters einer parallelen Geschichte. Nachdem man lange Zeit die Ähnlichkeit der nationalen Historiographie betonte, wird vor allem in neueren Forschungsarbeiten diese herkömmliche Sichtweise zunehmend als interessengeleitete Geschichtserzählung dekonstruiert. Die Forschung wendet sich allmählich auch den Differenzen innerhalb der deutsch-italienischen Geschichte zu, und hierfür bietet der Sammelband einen ausgezeichneten Überblick über die letzten Jahre, der die Parallelen genauso betont wie die Ungleichheiten.

Der Band, der aus einer Studienwoche des Italienisch-Deutschen Historischen Instituts in Trient im September 2002 hervorgegangen ist, gliedert sich in fünf Teile, die der historischen Chronologie folgen. Analysen der ersten Nachkriegsjahre über die "Abrechnung mit der Vergangenheit" folgt eine Geschichte der Stabilisierung der beiden Nationen anhand ihrer "Akteure und Weltbilder" bis hin zu dem vereinten Gedanken "Nach der Katastrophe auf dem Weg nach Europa" sowie dem gemeinsamen historischen Ereignis: "Das Wirtschaftswunder“. Den Abschluss bilden Betrachtungen über "1989 und die Folgen", in denen auch zum ersten Mal die DDR mitbedacht wird. Von den insgesamt 25 Aufsätzen sind acht vergleichend und vier beziehungsgeschichtlich konzipiert. Die anderen Beiträge bieten dem Leser die jeweilige nationale Geschichte seit 1945 und fordern somit zum eigenständigen Vergleich auf.

Nach vier breiten und jeweils thematisch anders gelagerten Einführungstexten von Rusconi, Woller, Charles S. Maier und Jens Petersen folgt der erste sehr gelungene Abschnitt zur Geschichtspolitik und Erinnerungskultur. Neben schon bekannten Grundlagentexten zur Vergangenheitspolitik von renommierten Autoren wie Norbert Frei, bestechen vor allem die Artikel von Lutz Klinkhammer und Filippo Focardi durch Ergebnisse jüngster Forschungen. Lutz Klinkhammer zeigt sehr eindrücklich, dass die italienische Regierung eine Amnestie für deutsche Kriegsverbrechen praktizierte, um eine mögliche öffentliche Diskussion über die Bestrafung italienischer Kriegsverbrecher zu vermeiden. Die engen Verflechtungen der beiden Nachkriegsgeschichten, denen stets Blicke zum Nachbarn immanent waren, zeigt auch der hervorragende Beitrag von Focardi auf. Bereits sehr früh etablierte sich ein lächerliches Bild des italienischen Faschismus. Faschismus, so Focardi, wurde im kollektiven Gedächtnis der italienischen Bevölkerung eher als "Betriebsunfall" in der nationalen Geschichte angesehen. Diese Sicht entstand vordergründig aus dem Vergleich mit Deutschland und dem Nationalsozialismus und wurde versinnbildlicht durch Benedetto Croces Wortpaar: Die Italiener spielten nur Faschisten, die Deutschen seien Nationalsozialisten.

In einem zweiten Abschnitt rückt die neugegründete Republik mehr und mehr in den Fokus der Autoren und Francesco Traniello, Maddalena Guiotto, Pietro Scoppola und Hermann Graml befassen sich mit der deutschen und italienischen Parteienlandschaft. Hier stehen vor allem die Christdemokraten und ihre Führungspersonen Alcide De Gasperi und Konrad Adenauer im Zentrum. Zahlreiche Berührungspunkte, aber auch ihre Differenzen kann diese Sektion eloquent und mit neusten Ergebnissen der Forschung ausmachen. Maddalena Guiotto analysiert in ihrem quellenfundierten Artikel äußerst treffend die Verbundenheit der beiden Länder durch den europäischen Gedanken. Sie zeigt hierbei nicht nur die Verflechtungen und Kontakte der beiden Christdemokratischen Parteien auf, sondern formuliert ebenfalls die politischen und wirtschaftlichen Interessen dieser Beziehung. Der Beitrag von Scoppola zeigt jedoch auch die Ungleichheiten der politischen Entwicklungen nach 1945 auf. Einen wichtigen Unterschied macht er in dem Verhältnis zum Kommunismus fest, der in Italien als einzigem westeuropäischem Land eine dominante Stimme nach 1945 besaß. Neben diesem Faktum stellt das Ausbleiben einer Sozialdemokratie in Italien einen folgenreichen Unterschied innerhalb der politischen Entwicklung der beiden Länder dar, wie in den Beiträgen von Woller und Pombeni treffend zusammengefasst wird. Und auch Agosti widmet sich in seinem Artikel der deutsch-italienischen Linken und greift in seinem Beitrag über den sonst oft skizzierten zeitlichen Rahmen der Nachkriegsjahre hinaus und analysiert die Entwicklung der Linken von 1947 bis 1989.

Schade nur, dass hier der Bogen nicht weitergespannt wurde und man auch die gegenseitige Beobachtung in den Fokus gerückt hat: Die Verehrung der APO für die italienischen Kommunisten sowie im Umkehrschluss die der oppositionellen italienischen Kommunisten für die regierungstaugliche deutsche Sozialdemokratie hätten eine interessante Vergleichfolie geboten. Auch Themen wie die Studentenbewegung, die sozialen Bewegungen und der Terrorismus wären eindrucksvolle und der Untersuchung werte Schnittstellen im deutsch-italienischen Verhältnis nach 1945 bis 2000 gewesen. Denn diese Zeitspanne verspricht der Sammelband im Titel, macht jedoch einen relativ großen Sprung von der Nachkriegsgeschichte zur Epochenwende 1989. Wie bereits häufig in den ersten Teilen verharren auch im letzten Abschnitt die Beiträge auf einer politikgeschichtlichen Ebene und sparen jegliche Betrachtung des Kulturellen als Politischem aus. Nun rücken vor allem Michail Gorbatschow und Helmut Kohl in den Fokus der Analyse und Italien bleibt bei diesen Untersuchungen sogar leider gänzlich auf der Strecke. Anzumerken bleibt auch, dass ein Beitrag fehlt, der die Ergebnisse zusammenfasst und die im Titel formulierte Frage der parallelen Geschichte beantwortet. Schließlich verwundert zudem der hohe Kostenpunkt des bei Dunker & Humblot verlegten Sammelbandes von 118,- Euro; vor allem da die italienische Ausgabe bei Il Mulino mit 32,- € preiswert angeboten wird.

Der umfangreiche Band bietet seinen Leserinnen und Lesern jedoch eine Reihe an neusten und repräsentativen Forschungsergebnissen und stellt einen wichtigen Beitrag für eine deutsch-italienische Beziehungsgeschichte dar, die nicht nur von Parallelen, sondern auch von Ungleichheiten gekennzeichnet ist.


Gian Enrico Rusconi und Hans Woller (Hgg.): Parallele Geschichte? Italien und Deutschland 1945–2000. Berlin: Duncker & Humblot, 2006. 574 S., broschiert, EUR 118,-. ISBN 978-3-428-12300-1


Inhaltsverzeichnis

Einführung:
G. E. Rusconi, Die Nachkriegsjahre sind vorbei 11
H. Woller, Italien und Deutschland nach 1945. Vom schwierigen Geschäft des Vergleichs 27
C. S. Maier, Italien und Deutschland nach 1945. Von der Notwendigkeit des Vergleichs 35
J. Petersen, Italianisierung Deutschlands? "Germanizzazione dell'Italia"? Das Bild des anderen in der jeweiligen Selbstperzeption 55

Erster Teil: Abrechnung mit der Vergangenheit:
N. Frei, Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Deutschland 1945–2000 73
L. Klinkhammer, Die Ahndung von deutschen Kriegsverbrechen in Italien nach 1945 89
F. Focardi, Die Unsitte des Vergleichs. Die Rezeption von Faschismus und Nationalsozialismus in Italien und die Schwierigkeiten, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen 107

Zweiter Teil: Akteure und Weltbilder:
F. Traniello, Christliche Kultur, europäische Kultur. Entwicklungen und Wandlungen einer Idee im italienischen Katholizismus zwischen 1920 und 1950 143
M. Guiotto, Der Europagedanke in den christdemokratischen Parteien. CDU/CSU und DC in den fünfziger Jahren 175
P. Scoppola, Alcide De Gasperi und Konrad Adenauer. Ähnlichkeiten und Unterschiede 203
H. Graml, Das Erbe Adenauers 217

Dritter Teil: Nach der Katastrophe auf dem Weg nach Europa:

T. Schlemmer, Zwischen Weimar und Bonn. Das westdeutsche Parteiensystem 1945 bis 1961 235
P. Pombeni, Die politische Stabilisierung in Italien und Deutschland (1945–1958) 261
G. Bognetti, Die Wiedergeburt zweier Demokratien. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der italienischen und der deutschen Verfassung 291
E. Conze, Wege in die Atlantische Gemeinschaft. Amerikanisierung, Westernisierung und Europäisierung in der internationalen Politik der Bundesrepublik Deutschland 307
A. Agosti, Die Linke und ihr Verhältnis zu Europa. Ein deutsch-italienischer Vergleich 331

Vierter Teil: Das Wirtschaftswunder:
C. Buchheim, Vom Wirtschaftswunder zur Krise des Wohlfahrtsstaats in (West-)Deutschland 361
G. Mori, Die italienische Wirtschaft 1948–1963. Von der Aufholjagd bis zum Ende des "Golden Age" 375
P. Battilani/F. Fauri, Marshall-Plan und Handelsliberalisierung. Auswirkungen auf das industrielle Wachstum in den italienischen Regionen 413

Fünfter Teil: 1989 und die Folgen:

K.-D. Henke, Die Revolution in Deutschland 1989 445
W. Loth, Michail Gorbatschow, Helmut Kohl und die Lösung der deutschen Frage 1989/1990 461
M. Sabrow, Nationalgeschichte und historische Europäisierung. Bemerkungen zum Gegenwartswandel der Geschichtsschreibung 479
L. Caracciolo, Angst vor Deutschland. Wie man mit der Germanophobie Geopolitik macht 505
J. Scholtyseck, Die Außenpolitik der DDR in den Jahren der Agonie 1989/1990 527

Epilog:
G. E. Rusconi, Deutschland, Italien, Europa: Die virtuelle "Zivilmacht"? 551

Verzeichnis der Autoren 575

On Commonalities and Disparities: Collected Essays on German-Italian Scientific Networks

Implicit in the title of this volume, published by Gian Rusconi and Hans Woller and available in German since 2006, is that both the parallels and the dissimilarities of German-Italian history since 1945 will be presented. A group of renowned authors – 23 in all – take on just this task, and offer up an admirable diversity of topics that covers the spectrum from the ending of the dictatorship and its legacy to the German reunification. The collection, released in Italy in 2005, is primarily meant to bring German readers up-to-date on Italian research, and is therefore a prime example of the German-Italian scientific network at its best. Unfortunately, developments during the 1960s and '70s are almost completely disregarded, as are considerations of the media and publicity.

© bei der Autorin und bei KULT_online