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Vom wechselseitigen Verhältnis der Disziplinen: eine Kartierung der neueren Kulturwissenschaften

Eine Rezension von Anett Löscher

Bachmann-Medick, Doris: Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. 3., neu bearb. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2009.

Woraus resultiert die Vielfalt der Forschungsansätze, Konzepte und Theorien innerhalb der gegenwärtigen Kulturwissenschaften? Mit Fokus auf der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts vermittelt Doris Bachmann-Medick einen Überblick über das 'Woher' und potentielle 'Wohin' des Wissenschaftsfeldes. Die Verfasserin beschreibt "Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften" als das Ergebnis fruchtbarer Spannungen zwischen kulturwissenschaftlichen Ansätzen, vor allem aber auch als Resultat interdisziplinärer Dialoge. Der vorliegende Band porträtiert sieben
cultural turns mit ihren jeweiligen systematischen Fragestellungen und weiterwirkenden Kernkonzepten und zeichnet die durch die turns eingeleiteten Perspektivwechsel in der kulturwissenschaftlichen Forschung und Theoriebildung nach. 


Die gegenwärtigen Kulturwissenschaften bilden eine komplexe Forschungs- und Theorielandschaft, deren Dynamik nicht zuletzt dem Überschreiten und Überwinden disziplinärer Grenzen geschuldet ist. Mit dem linguistic turn als Ausgangspunkt und Hintergrund widmet sich der vorliegende Band 'Wenden' in den Kulturwissenschaften, die unter anderem durch solche Transgressionen stimuliert wurden und werden. Dabei werden turns nicht als Kehrt-Wenden verstanden, sondern als das Umschlagen eines neuen Forschungsfokus' "von der Gegenstandsebene neuartiger Untersuchungsfelder auf die Ebene von Analysekategorien und Konzepten, wenn er also nicht mehr nur neue Erkenntnisobjekte ausweist, sondern selbst zum Erkenntnismittel und -medium wird." (S. 26, Hervorhebungen im Original). Das Hauptaugenmerk liegt auf jenen Spannungsfeldern zwischen teilweise zeitlich, aber nicht notwendigerweise inhaltlich parallel verlaufenden Tendenzen kulturwissenschaftlicher Forschung und Theoriebildung, die die Hervorbringung und Fokussierung innovativer Forschungsperspektiven begünstigt haben und noch immer inspirieren. Obwohl der Band notwendigerweise auch einen Rückblick auf die Entwicklung der neueren Kulturwissenschaften in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts beinhaltet, liegt hier keine Wissenschaftsgeschichte im Sinne einer Chronologie vor.

Vorgestellt werden sieben cultural turns: interpretive turn, performative turn, reflexive turn/literary turn, postcolonial turn, translational turn, spatial turn und iconic turn. Der Fokus richtet sich auf Fragestellungen, Methoden, Theoriebildungen und Anwendungsmöglichkeiten von Forschungskonzepten, die den jeweiligen turn begleiten bzw. aus ihm resultieren. Aufschlußreich sind dabei die Kontextualisierungen der turns, die hier nicht als isolierte Phänomene gezeigt werden: Die Verfasserin verdeutlicht, dass keiner der cultural turns ohne die wechselseitigen Beziehungen mit Forschungsfeldern inner- und auch außerhalb der Kulturwissenschaften denkbar ist. Durch diesen Ansatz gelingt eine "Kartierung" (S. 10) der gegenwärtigen Kulturwissenschaften und ihrer Berührungspunkte mit den Human-, Geistes-, Sozial- und auch Naturwissenschaften. Diese interdisziplinäre Perspektive der Verfasserin eröffnet dem Leser deutlich den Blick nach vorn, hin zu potentiellen zukünftigen kulturwissenschaftlichen Forschungsfeldern.

Eine ausführliche Einleitung greift den Titel des Bandes auf und erläutert einprägsam das zugrunde gelegte Konzept und die daraus resultierende Struktur des Bandes. Der Aufbau der sieben, jeweils einem der turns gewidmeten Kapitel folgt einem einheitlichen Schema. Zunächst werden der Entstehungskontext und die Herausbildung des turns skizziert. Daran anschließend werden das für den turn maßgebliche Inventar von Begriffen und Konzepten erläutert sowie signifikante, d.h. vor allem den weiteren Fortgang der Wissenschaftsentwicklung prägende Fragestellungen, Theoriebildungen und Methoden dargelegt. Daran schließt sich eine luzide Zusammenfassung kritischer Positionen an, die vor allem auf potentielle Anschlußmöglichkeiten für parallel verlaufende bzw. nachfolgende kulturwissenschaftliche Tendenzen hinweist, was die von der Verfasserin konstatierte Dynamik der Kulturwissenschaften unterstreicht. Jedes Kapitel wird abgerundet durch eine überaus erhellende Darstellung der Rezeption und Wirkung eines turns in benachbarten wissenschaftlichen Disziplinen. Dieser letzte Punkt wird im den Band beschließenden Ausblick noch einmal aufgegriffen. Die Verfasserin thematisiert jene durch cultural turns noch zu erbringende Übersetzungsleistungen, die die Kulturwissenschaften als solche "für die disziplinären Systeme der einzelnen Wissenschaften ebenso öffnen wie für interkulturell differente Wissenssysteme." (S. 384). Das gebündelte Potential der vorgestellten und weiterer, sich bereits abzeichnender cultural turns zur Initiierung einer "eigenständigen, disziplinär gestützten Ausbildung einer umfassenderen 'Lebenswissenschaft'" scheint hier auf. Das verdeutlicht die Verfasserin anhand neuerer turns, von denen nur der medial turn, der cognitive turn und der biopolitical turn genannt seien.

Der Band verarbeitet eine Fülle internationaler Forschungsliteratur. Jedem Kapitel ist eine Auswahlbibliographie beigegeben, die ein- und weiterführende Literatur sowie ausgewählte Links zu Blogs, Forschungsprojekten oder Graduiertenkollegs zum vorgestellten turn versammelt. Um eines besseren Überblicks willen hätten die in den Anmerkungen aufgeführten Literaturangaben noch einmal in einer großen Bibliographie am Ende des Bandes gelistet werden können. Zudem wären eine Aufnahme der in den Anmerkungen genannten Personen in den Index sowie ein zusätzliches Sachregister wünschenswert.

Diese Anmerkungen schmälern den positiven Gesamteindruck jedoch kaum, denn ihres Ansatzes wegen bietet die vorliegende "Kartierung" der neueren Kulturwissenschaften eine wertvolle, detaillierte und nach vorn blickende Ergänzung zu bereits vorhandenen Überblicken über Fragestellungen, Methoden, Theoriebildungen und Forschungsfelder der Kulturwissenschaften.


Doris Bachmann-Medick: Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. 3., neu bearb. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2009. Paperback, 420 S., 14,95 Euro. ISBN 978-3-499-55675-3
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Inhaltsverzeichnis

Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften 7

1. Interpretive Turn 58

2. Performative Turn 104

3. Reflexive Turn/Literary Turn 144

4. Postcolonial Turn 184

5. Translational Turn 238

6. Spatial Turn 284

7. Iconic Turn 329

Ausblick: Führen die cultural turns zu einer "Wende" der Kulturwissenschaften? 381

Nachwort zur 3. Auflage 407

Personenregister 417


On the Reciprocity of Disciplines: A Survey of New Research Areas in Cultural Studies

What has caused the diversity of research theories, methods, and models within the present-day study of culture? Focussing on the latter half of the twentieth century, Doris Bachmann-Medick provides an overview of the past and potential future course of this academic field. She depicts "New (Re)Directions in The Study of Culture" as the result of productive tensions between academic approaches and, first and foremost, lively interdisciplinary exchanges. The volume portrays seven historic cultural turns – with their corresponding objectives and far-reaching central concepts – and the resultant changes in perspectives which have prompted the advancement of cultural studies research and theory.



Die Redaktion weist darauf hin, dass die Verfasserin des rezensierten Buches Mitglied des GGK/GCSC ist, in dessen Rahmen auch dieses Rezensionsmagazin herausgegeben wird.

© bei der Autorin und bei KULT_online