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"Unsere eigene Vernunfft hat die Complimenten erdacht" - Der galante Roman zw. Verhaltensdiskurs und Sprachreflexion.

Eine Rezension von Katja Barthel

Gelzer, Florian: Konversation, Galanterie und Abenteuer. Romaneskes Erzählen zwischen Thomasius und Wieland. Berlin, New York: de Gruyter, 2007.

Einer weitgehend unbeachteten Traditionslinie deutscher Romanliteratur widmet sich der Berner Germanist Florian Gelzer. In seiner Dissertation
Konversation, Galanterie und Abenteuer (2007) rekonstruiert der Autor komplexe Wechselwirkungen zwischen romanesker Literatur, französischem Verhaltensdiskurs, deutscher Aufklärungsphilosophie und galanter Sprachreflexion im späten 17. und im 18. Jahrhundert in Deutschland. Im Zusammenspiel internationaler Diskurse und intertextuell geprägter Genres formiert sich zwischen Barock und Frühaufklärung die Gattung des galanten Romans, die Gelzer weder als "Schwundstufe" (Kayser 1955, vgl. Gelzer 2007, S. 18) früherer Texte noch als Vorläufer späterer Romane situiert. Damit leistet der Autor einen entscheidenden Beitrag zur Aufarbeitung und Neubewertung galanter Literatur der frühen Neuzeit. 


Narrative Texte aus dem Zeitraum zwischen 1680 und 1730 werden in den Literaturwissenschaften seit den wegweisenden Arbeiten von Arnold Hirsch (1934), Herbert Singer (1963/66) oder Norbert Miller (1968) unter dem Schlagwort der 'galanten Literatur' behandelt. 'Galant' ist seither zu einem Synonym für 'trivial, erotisch freizügig und ästhetisch anspruchslos' geworden. Die Texte jener Zeit – überwiegend Romane – wurden größtenteils als "Schwundstufen" (Kayser 1955) des barocken Romans bzw. als Vorläufer frühaufklärerischer Epik gelesen, die weder der einen Literaturepoche noch der anderen eindeutig zugewiesen werden konnten und dementsprechend ‚ort- und traditionslos’ in der literarischen Landschaft verblieben.

Gelzers Dissertation lässt sich in einer Reihe aktueller Forschungen verorten, die sich dem Phänomen der galanten Literatur erneut zuwenden – nun unter dem Vorzeichen moralischer und ästhetischer Wertfreiheit und methodischer Neuansätze. Mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten eröffnen u.a. Olaf Simons (2001), Niels Werber (2003), Stefan Kraft (2004) oder Yong-Mi Quester (2006) neue Perspektiven auf ein Material, das im 17. und 18. Jahrhundert eine ausgesprochene Popularität genoss, doch bereits seit dem Ende des 18. Jahrhunderts einer frappierenden Marginalisierung ausgeliefert war und seither immer noch wenig erforscht ist. Auf diesem weitestgehend unbekannten Terrain hat Gelzer eine Pionierarbeit vorgelegt.

Zunächst beschreibt er das 'Galante' als ein "ästhetisches Konzept" (S. 71), das sich nicht nur in einer literarischen Ausdrucksform, dem Roman manifestiert und seine Erscheinungsformen geprägt hat, sondern das gleichzeitig auch als Verhaltensdiskurs und als Form der Sprachkritik betrachtet werden muss (Erster Teil). In diesem Zusammenhang geht er explizit auf Wechselwirkungen zwischen dem französischen Komplimentier- und Verhaltensdiskurs à la Scudéry ein, der in Deutschland erst mit einiger Verzögerung um 1700 intensiv rezipiert und vor allem über die deutsche Aufklärungsphilosophie eines Thomasius aus dem universitären Umfeld heraus popularisiert wurde. Besonders im Komplimentierwesen (das heißt in der 'Kunst, Komplimente zu machen') wird deutlich, wie stark sich galanter Verhaltensdiskurs und kritische Sprachreflexion (Rhetorik) miteinander verbinden – eine Entwicklung, welche die Ausprägung performativer Ausdrucksweisen und im Weiteren den Roman unmittelbar beeinflusst. Gelzer führt vielfältige Beispiele galanter Verhaltensbücher und sprachkritischer Poetologien an, in die zur Illustration des 'angemessenen' Verhaltens oder der 'richtigen' Konversation immer wieder narrative Sequenzen eingefügt werden (vgl. S. 116 ff.). Im intertextuellen und transgenerischen Zusammenspiel verschiedener Diskurse und Genres bildet sich ein 'galantes Verhaltens- und Kommunikationsideal' heraus, das auch die narrative Gestaltung der (Roman-)Literatur beeinflusst. Allerdings wurde auf diesen Zusammenhang in der Germanistik bisher kaum geachtet (vgl. S. 51).

Entgegen dem Tenor der früheren Forschung zeigt Gelzer dann anhand detailreicher Textbeispiele die Vielfalt galanter Romane in ihrer inhaltlichen und stilistischen Ausformung (Zweiter Teil). Der galante Roman ist nicht allein auf eine literarische Form zu reduzieren, im Gegenteil: Gerade die Vielfalt und Überlagerung verschiedener narrativer Register und Erzählmodelle mit ihren unterschiedlichen Formen- und Inhaltskonventionen macht das Repertoire galanter Erzählliteratur aus.

Zu den herausragenden Leistungen der Studie gehört, dass Gelzer dieses Formen- und Inhaltsrepertoire nicht als ahistorische Konstanten beschreibt, sondern sie im komplexen Wechselspiel zwischen Verhaltensdiskurs, Sprachreflexion und literarischer Tradition situiert. Der Roman war ein Medium, in dem das galante Sprach- und Verhaltensideal eine Möglichkeit der Artikulation und Zirkulation fand. Doch in der zeitgenössischen Literaturtheorie war diese Ausdrucksform nicht akzeptiert. Dadurch bot der Roman einerseits ein literarisches Experimentierfeld, bisher unbekannte Darstellungsformen und neue Inhalte auszuprobieren. Andererseits bemühten sich die galanten Autoren, eigenständig eine Tradition zu stiften, um auf dem neu entstehenden literarischen Markt reüssieren zu können. Ihre Werke suchten gezielt den Anschluss an kanonisierte barocke Autoren, an ausländische Romane zeitgenössischer Autoren und an Erzählmuster der eigenen deutschen Tradition. Aus diesen verschiedenen Quellen (Sprachreflexion – Konversation, Verhaltensdiskurs – Galanterie, traditionelle Literaturformen – Abenteuer) entstand eine innovative Mischung, aus der sich neuartige, inhaltliche und formale Romanformen entwickeln konnten.

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts setzte jedoch eine frappante Kritik an Formen und Inhalten der früheren Romane ein, die teilweise von den Autoren selbst geführt wurde (vgl. S. 303 f.). Das galante Verhaltens- und Sprachideal geriet in die Krise und mit ihm der galante Roman (Dritter Teil). Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts sahen sich die Zeugnisse der galanten Literatur einer flächendeckenden Marginalisierung ausgesetzt. Ungeachtet dessen wirkten galante Ausdrucksformen und Sujets weiterhin fort. Von einem 'Bruch' zwischen galanter und aufklärerischer Literatur kann keine Rede sein: Anhand ausgewählter Texte von Christoph Martin Wieland (1733–1813) zeigt Gelzer, wie galante Formen und Inhalte in andere Genres und Gattungen, vor allem das Versepos, übernommen und so in modifizierter Form weitergeführt wurden.

Das Novum der Studie stellt unter anderem eine Typologie von vier Erzählmodellen dar (galant-heroisch, galant-höfisch, galant-moralisch und galant-akademisch, vgl. S. 258 ff.), die zum einen Form- und Inhaltsvarianten des galanten Romans schematisieren, zum anderen aber auch den Überblick über die nahezu unendliche Romanvielfalt erleichtern sollen. Laut Gelzer entsprachen den verschiedenen Modellen oder Registern jeweils eigene Form- und Inhaltskonventionen, die er – allerdings sehr allgemein – auf Kriterien wie die Zahl der Protagonisten, das soziale Milieu oder Setting, den 'Stil' der Sprache (pathetisch oder frivol) sowie thematische Schwerpunkte und Konfliktmuster festlegt. Hier sind weiterführende Untersuchungen unbedingt wünschenswert, denn die Typologie bleibt noch relativ oberflächlich und eröffnet neue Fragestellungen: Die Texte, an denen Gelzer die Kategorisierung entwickelt und die er als Beispiele in der Arbeit zitiert, weisen durchgängig nicht die postulierten Merkmale auf, sondern zeigen sich immer als Mischformen. Zu den besonderen Eigenschaften galanter Literatur, so schließt Gelzer daraus, gehöre es geradezu, dass die Texte verschiedene Modelle bedienten und diese in verschiedenen Varianten miteinander kombinierten bzw. dass sich diese gegenseitig überlagerten.

Es scheint, als übertrage Gelzer hier gewissermaßen eine Vorannahme moderner Literaturwissenschaft auf eine neuzeitlichen Literatur, die noch keine literaturwissenschaftlichen Kategorien im späteren Sinne kannte: Zu fragen wäre nämlich gerade, wie zwingend die Relationen zwischen Form, Inhalt und Erzählmodellen im galanten Roman tatsächlich schon konventionalisiert waren. Wie sinnvoll ist es, zu einem Zeitpunkt, an dem der Roman als wenig reglementiertes Genre einen relativ großen Spielraum für Form- und Inhaltsexperimente lieferte, von verbindlichen Erzählkonventionen auszugehen? Diese Problematik ist aber weniger ein Manko der vorliegenden Studie – vielmehr verweist sie auf die generelle Frage, wie 'Literatur im Prozess' – und dies ist schließlich der entscheidende Neuansatz von Gelzer – überhaupt in traditionellen germanistischen Kategorien gefasst werden kann.

Gelzers Dissertation ist daher in mehrfacher Hinsicht von entscheidender Bedeutung für die Literatur- und Kulturwissenschaften: Zunächst ist es dem Autor ausgezeichnet gelungen, einen Einblick in die schier unendliche Vielfalt galanter Romanformen zu geben, ohne wertende Prämissen der früheren Forschung zur ästhetischen und moralischen Qualität der Texte zu übernehmen. Darüber hinaus zeigt er, wie fruchtbar eine kontextualisierende Herangehensweise an die galante Literatur sein kann, die den Blick öffnet für extraliterarische Phänomene wie Komplementier-, Verhaltens- und Rhetorikdiskurs, Aufklärungsdiskurs und Philosophie. Und nicht zuletzt eröffnet der Autor ein Forschungsfeld, das eine Vielzahl neuer Fragestellungen bereithält, die Gelzer im begrenzten Rahmen der Dissertation teilweise streift, teilweise ausführt (etwa transgenerische Beziehungen zwischen Epik und Dramatik, Wandel von Verhaltens- und Sprachidealen, Kanonisierungsprozesse und literarische Traditionsbildung, komparatistischer Vergleich im europäischen Kontext etc.). Hier liegt also eine Pionierarbeit vor, die auf weitere Forschungen unbedingt hoffen lässt!


Gelzer, Florian: Konversation, Galanterie und Abenteuer. Romaneskes Erzählen zwischen Thomasius und Wieland. Tübingen: Niemeyer, 2007. 485 S., kartoniert, 108 Euro. ISBN 978-3-484-36625-1


Inhaltsverzeichnis

Einleitung . . . . . . . . . . . . . 1

ERSTER TEIL: Grundlagen des „galanten Diskurses“ um 1700 ………….. . . . . . . 27
1. Der „galante Diskurs“ in Deutschland ………….……. 29
Vorbemerkung ………………………………………….29
Scudéry und das Modell der conversations ………. . . . . . 34
Die naturrecht liehe Begründung des decorum bei Thomasius …..51
Eine Interpretation der Carte de tendre ………………..60
Charakteristik des deutschen „galanten Diskurses“ . . . . . 68
2. Das Problem des galanten Stils . . . . . . . . . . . . . 76
Die Verschmelzung von Rhetorik- und Komplimentierdiskurs . . . . . 76
„Natürlichkeit“ und „wohlanständige Kürze“ . . . . . . . . 105
Die Beherrschung des Komplimentierdiskurses als Thema des Romans. . . 116
2.3.1. Der Roman als Briefsteller: Bohse, Constantine (1698) . . . . . . . . . . . . . 116
2.3.2. Konversation im Roman: Hunold, Verliebte und galante Welt (l701/07) . . . . . 122
2.3.3. „Liebes-Politic“ und Roman: Benindus, Hermoine (1733). . . . . . . . . . . . . 130
Konversation, Kompliment und Roman . . . . . . . . . 141

ZWEITER TEIL: Konzeptionen des romanesken Romans 1700-1750 . . . . . . 147
3. Das Romanverständnis auf der Grundlage von „Stoff“ oder „Form“………. 149
Die Reduktion des „Wissens“ im Roman . . . . . . . . . 149
Wissensvermittlung vs. Unterhaltung. . . . . . . . . . . l62
Zwei Seiten des Galanten: Hunolds Europoeische Höfe (l705) und La Saxe galante (1734) . . . . . . . . . . . . . . . 174
„Verwirrung“, Integrationstechniken und Märchenstruktur . . 194
4. Der Rekurs auf die Tradition: Erzählsubstrate und Kanonbildung . . . . . . . . 203
4.1. Profilierung und Positionierung im internationalen Kontext . . . . . . . . . . . . . . . 203
4.2 Traditionsbildung in den Romanvorreden . . . . . . . . . 223
4.3 „Galantes Erzählen“ in Deutschland . . . . . . . . . . . 238
4.3.1. Eginhard und Emma (1680/1749) . . . . . . . . . . 238
4.3.2. Thomasius’ Projekt eines Aristoteles-Romans. . . . . 249
4.3.3 Ausprägungen „galanten Erzählens“ . . . . . . . . . 255
4.3.4 Amor an Hofe (1690) und Amor auf Universitäten (1710) . . . . . . . . . . . 261
4.4. Kontrastierungen und Amalgamierungen . . . . . . . . . 268
4.4.1 Melisso: Fleurie (171 S) ………….. 268
4.4.2 Adamantes: Wohlprobirte Treue (1716) . . . . . . . . 276
4.4.3 Melisso: Adelphico (1715) . . . . . . . . . . . . . 281

DRITTER TEIL: »Le Pays de la Romaneie«: „Galantes Erzählen“ und Roman . . 287
5. Der Konflikt der Normen: Höfisches Ethos und naturrechtliche Selbstverantwortung . . . . . . . . . 289
Romaninterne Problematisierungen der galanten Conduite. . 289
Das galante Verhaltensideal in der Krise . . . . . . . 289
Die Diskussion des Galanten bei Hunold …… 302
Die Asiatische Banise als Leitmodell . . . . . . . . . . . 316
5.2.1. Rost: Die unglückselige Atalanta (1708) . . . . . . . 316
5.2.2 Ethophilus: Obsiegende Tugend (1743) , . . . . . . . 323
5.2.3 Fidelinus: Englische Banise (1754) . . . . . . . . . . 326
Das „Gespenst des Romans“ . . . . . . . . . . . . . . 332
6. Normvermittlung und Funktionswandel: Transformationen „galanten Erzählens“…345
Galante Erzählformen bei Johann Gottfried Schnabel .. . 345
Insel Felsenburg (1736): Don Cyrillo de Valaro und Geschichte des Mons. Litzberg . . . . . . . . . . . 345
Der im Irr-Garten der Liebe herum taumelnde Cavalier (1746) .. . . . . . . . . 356
Bohse/Rost: Tugend-Schul (1739) .. . . . . . . . . . 374
7. „Die Quintessenz aller Abentheuer der Amadise“: romaneske Elemente bei C. M. Wieland ……… 382
Die Rehabilitierung des Romanesken. . . . . . . . . . . 382
Die französischen „Romanbibliotheken“ . . . . . . . 382
Der neue Amadis (l77l) . . . . . . . . . . . . . . 395
Transpositionen in die Versform . . . . . . . . . . . . . 408
Oberon (1780): Roman und Robinsonade . . . . . . 408
Klelia und Sinibald (1783): Roman und Felsenburgiade . . . . . . . . . . . . 422
Wieland in Frankreich: die Persistenz des Romanesken . . . 429

Schluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 443

Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . 447
1. Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 447
2. Darstellungen. …………………... . 457
Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 479

"Unsere eigene Vernunfft hat die Complimenten erdacht" – The Romantic Novel between Discourses of Behaviour and Language

German scholar Florian Gelzer turns his attention to a largely unstudied tradition in German literature in his dissertation Konversation, Galanterie und Abenteuer (2007). Gelzer reconstructs complex interactions between Romanesque literature, the French discourse on behaviour, German Enlightenment philosophy and chivalric reflections on language from the late 17th and the 18th century in Germany. Between the baroque and early enlightenment periods, in conjunction with international discourses and literary forms shaped by intertextuality, the genre of romantic novel arose – a category that Gelzer defines as neither a "vestige" of earlier texts nor a precursor to later forms. In so doing, Gelzer makes a decisive contribution to the clarification and reappraisal of early modern literature.



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