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Literatur im Spiegel der Anthropologie

Eine Rezension von Abdelkrim Medghar

Assmann, Aleida; Gaier, Ulrich; Trommsdorf, Gisela (Hg.): Zwischen Literatur und Anthropologie. Diskurse, Medien, Performanzen. Tübingen: Narr, 2005.

Der vorliegende Sammelband dokumentiert die interdisziplinäre Zusammenarbeit am Sonderforschungsbereich 511 "Literatur und Anthropologie" an der Universität Konstanz von 1996 bis 2002. Unter Heranziehung verwandter anthropologischer Disziplinen, wie der Sozialanthropologie, der biologischen Anthropologie oder der Kulturanthropologie, rückt der SFB das Verhältnis zwischen Literatur und Anthropologie ins Licht.
Neben der Literaturanthropologie, die untersucht, welche Aufschlüsse Literatur und andere Medien über den Menschen liefern können, hat sich der Sonderforschungsbereich 511 ein weiteres Forschungsinteresse zu Eigen gemacht, nämlich die Anthropologie der Literatur. Diese untersucht ihrerseits, inwiefern anthropologische Elemente Fundamentalien literarischer Werke sein können.
Der Band besteht aus 14 Beiträgen, deren Verfasser aus ca. acht verschiedenen Forschungshorizonten kommen, u.a. aus Anglistik, Germanistik, Psychologie, Romanistik, Slawistik, Geschichte, Kulturwissenschaft und Medienwissenschaft.
 


Literaturanthropologie, Anthropologie der Literatur, das Verhältnis zu nicht-literarischen Formen und die Zusammenführung anthropologischer, literarischer und medialer Aspekte sind die Forschungsinteressen, die in den drei Abschnitten (Diskurse, Medien, Performanzen) des von Aleida Assmann, Ulrich Gaier und Gisela Trommsdorff herausgegebenen Bandes Zwischen Literatur und Anthropologie: Diskurse, Medien und Performanzen thematisiert werden. Der Band erörtert also das Wechselverhältnis zwischen Literatur und Anthropologie und deren Durchgängigkeit.

Die Herausgeber leiten den Band mit einem chronologischen Rückblick über die Einrichtung des Sonderforschungsbereiches 511 und die jeweils 1998 und 2001 eingereichten Verlängerungsanträge ein. Diese administrative Berichterstattung am Anfang des Sammelbandes lenkt die Herausgeber nicht davon ab, dem Leser die Thematik des SFB 511 in den Beiträgen ausführlich darzustellen. Außerdem sind die folgenden 14 Beiträge in den drei thematischen Abschnitten sehr lesenswert und veranschaulichen die Forschungsinteressen des Sonderforschungsbereiches.

Im ersten Abschnitt mit dem Titel "Diskurse" wird die Hauptproblematik des Bandes aufgegriffen, nämlich das Wechselverhältnis von Literatur und Anthropologie, das sowohl von der Literaturanthropologie als auch von der Anthropologie der Literatur untersucht wird. Die Literaturanthropologie geht davon aus, dass die sprachliche Verfasstheit des Menschen nicht nur linguistischer, sondern auch literarischer Art ist, d.h. die Literatur wird als ein basales "Anthropologicum" betrachtet, das von der Globalanthropologie untersucht werden kann, um Aufschlüsse über den Menschen zu liefern. Die Anthropologie der Literatur hingegen fragt, warum Menschen Literatur produzieren und welche Rolle beispielsweise das Fiktionsvermögen des Menschen spielt.
Die Untersuchungen beziehen andere anthropologische Diskurse mit ein, nämlich die philosophische Anthropologie, die theologische Anthropologie und die Geschichtsanthropologie. Zwei Aufsätze dieses ersten Abschnitts veranschaulichen an Beispielen aus der Literatur (in den Beiträgen von Hans Robert Jauss und Renate Lachmann), wie Literatur Auskunft über den Menschen gibt. Das wird besonders in Hans Robert Jauss' Beitrag hervorgehoben, wo Karl Löwiths Problematik des Individuums in der Rolle des Mitmenschen an einem Beispiel aus dem Drama Così è (se vi pare) des italienischen Dramaturgen Luigi Pirandello veranschaulicht wird. Die handelnden Personen in seinem Theaterstück geraten in einen Konflikt zwischen dem Für-sich-Sein und dem Sein-für-Andere: "Es kann so weit gehen, dass die Personen in der verhältnismäßigen Bedeutung, in der sie zueinander stehen, völlig aufgehen, dass die Identität des eigenen Selbst dabei verloren geht und es unmöglich erscheint, einander jenseits der angenommenen Rollen überhaupt noch zu erkennen" (S. 89). Dieses Theaterstück von Luigi Pirandello liefert dem Publikum Einblick in eine Art von Verhältnissen, die Menschen zueinander haben können.

Die vier Beiträge in des zweiten Abschnitts "Medien" beschäftigen sich mit der Thematik, wie nicht-literarische Formen (Medien) Aufschlüsse über den Menschen geben, insbesondere Bild, Schrift, Zeitungen und Fernsehen werden in den Beiträgen besprochen. Der Aufsatz der Germanistin Eva Horn setzt sich besonders originell mit dieser Problematik auseinander. In ihrem Beitrag wird die Schrift als Mittel herangezogen, das Innere (die Psyche) des Menschen zu erkunden. Das wird von der Graphologie durchgeführt, einem Begriff (und auch einer Wissenschaft), der von dem Franzosen Jean Hippolyte Michon im 19. Jahrhundert geprägt wurde. Graphologie bedeutet nach Michon: "Die Kunst, die Menschen nach ihrer Handschrift zu beurteilen" (S. 176).

Mit dem Begriff "Performanz", dem Titel des dritten Abschnitts des vorliegenden Sammelbandes, setzten sich vier Beiträge auseinander. Außerdem zeigen diese Beiträge, wie die Zusammenführung von anthropologischen, literarischen und medialen Aspekten zustande kommen kann. Im Beitrag der Germanistin Helga Kotthoff mit dem Titel "Sozio-Logik der rituellen Trauer in Georgien" erfährt man, wie die Trauer um Tote in Georgien zelebriert wird. Lokale Volksreligion, soziale Brauchtümer und orthodoxer Glaube sind verschmolzen und haben das typisch georgische Lamentieren erzeugt. Die Performanz spielt in allen der Trauer zur Verfügung stehenden Ausdrucksmodalitäten, z.B. in der Kleidung, in der Kulinarik, in der Raumausstattung, in der Körperaufbahrung etc. eine wichtige Rolle.

Den Band beschließt ein Forschungsbericht von Reinhard Jonas mit dem Titel "Der menschliche Körper", der über den Körper zwischen Anthropologie und Biologie spricht. Dieser Bericht kann als ein Plädoyer gelten, anhand des Themas Körper zu einer Kooperation zwischen Anthropologie und Biologie kommen zu können und die Kluft zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften zu überbrücken.

Die Tatsache, dass der vorliegende Band eine Dokumentierung oder Archivierung dessen, was im Sonderforschungsbereich 511 an der Universität Konstanz durchgeführt wurde, darstellt, hat dazu geführt, dass man den Eindruck haben kann, es gehe um einen rein administrativen Bericht, der Verläufe und Ergebnisse vorstellt, um z.B. gegenüber Geldgebern die zuerkannten Geldausgaben zu rechtfertigen. Die Autoren hätten auf den Abschnitt mit dem Titel "Drei Forschungsprogramme", in dem sie den Verlauf und die Entwicklung des Forschungsbereichs mit allen statistischen Angaben darstellen, verzichten können.
Liest man daraufhin aber die anderen Beiträge, vergisst man schnell diesen starren administrativen Bericht am Anfang des Bandes. Im Allgemeinen gibt der Band dem Leser präzise und anschlussfähige Einblicke in die Problematik des Verhältnisses zwischen Literatur und Anthropologie. Von daher leistet der vorliegende Band einen wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis der Beziehung dieses Paares.

Aleida Assmann, Ulrich Gaier und Gisela Trommsdorff (HG.): Zwischen Literatur und Anthropologie: Diskurse, Medien und Performanzen. Tübingen: Narr, 2005. 407 S., kart. 48,-€. ISBN- 3-8233-6144-9

Inhaltsverzeichnis

Aleida Assmann, Ulrich Gaier, Gisela Trommsdorff
Vorwort 7

I. Drei Forschungsprogramme Antrag auf Einrichtung eines SFB „Literatur und Anthropologie“ (1995) 11
Erster Verlängerungsantrag (1998) 29
Zweiter Verlängerungsantrag (2001) 67

II. Diskurse
Hans Robert Jauss
Karl Löwith und Luigi Pirandello: „Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen“ - wiedergelesen 87
Renate Lachmann
Der Einbruch des Phantasmas in den realistischen Text - Goncarovs „Obomovs Traum“ 117
Ruth Groh
Theologische und philosophische Voraussetzungen der Rede vom Buch der Natur 139
Dieter Groh
Die Entstehung der Schöpfungstheologie oder der Lehre vom Buch der Natur bei den frühen Kirchenvätern in Ost und West bis zu Augustin 147

III. Medien
Felix Thürlemann
Bild gegen Bild. Für eine Theorie des vergleichenden Sehens 163
Eva Horn
Der Mensch im Spiegel der Schrift. Graphologie zwischen populärer Selbstforschung und moderner Humanwissenschaft 175
Almut Todorov, Sven Grammp, Bernd Schmid-Ruhe
Medien unter Verdacht: Selbstreflexivität als Glaubwürdigkeitsstrategie 201
Stefan Kramer
Bilder des Anderen und der kulturelle Ort des Fernsehens 227

IV. Performanzen
Helga Kotthoff
Die Sozio- Logik der rituellen Trauer in Georgien 243
Stefan Rieger
Tautologisches Telefonieren. Wie man am Apparat mit sich selbst kommuniziert 267
Penelope Brown and Stephen C. Levinson
Frames of spatial Reference an their Acquisition in Tenejapan Tzeltal 285
Elizabeth Couper-Kuhlen
Prosodische Stilisierungen im Gespräch 315
Susanne Günther
Fremde Rede im Diskurs: Formen und Funktionen der Polyphonie in alltäglichen Redewiedergaben 339

V. Forschungsbericht
Reinhard Jonas
Der menschliche Körper 363

Literature Through the Lens of Anthropology

This volume documents the work of Collaborative Research Centre 511, "Literature and Anthropology" that took place at the University of Konstanz between 1996 and 2002. Borrowing from the closely related disciplines of social, biological, and cultural anthropology, the research sheds light on the dynamic relationship between literary and anthropological studies.
In addition to exploring literary anthropology – which draws conclusions about mankind in general from the corpus of written works – Collaborative Research Centre 511 has also embraced the anthropology of literature, and asks to what extent anthropological elements lay the foundation for literary works.
The volume contains 14 chapters by authors whose research backgrounds include english, german, slavic and romance studies, psychology and history, as well as cultural and media studies.

© beim Autor und bei KULT_online