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Karl Roßmann meets Miss Libby: Ein neuer literaturwissenschaftlicher Sammelband zum transatlantischen Verhältnis


Eine Rezension von Heide Reinhäckel

Vogt, Jochen; Stephan, Alexander (Hg.): Das Amerika der Autoren: von Kafka bis 09/11. München: Fink, 2006.

Der Sammelband Das Amerika der Autoren. Von Kafka bis 09/11 geht in 24 Aufsätzen der Frage nach dem Verhältnis von deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts und dem Mythos Amerika nach. Der von Jochen Vogt und Alexander Stephan herausgegebene Band besichtigt markante Stationen des deutschsprachigen literarischen Amerika-Diskurses: Ausgehend von Kafkas Roman Amerika bis zu literarischen Bezugnahmen auf nine eleven wird eine in der Literatur auffindbare Ambivalenz gegenüber den Vereinigten Staaten diagnostiziert, die zwischen Bewunderung und Ablehnung changiert. Damit leistet der Band einen aktuellen Beitrag zum kulturellen Verständnis der transatlantischen Beziehungen. 


Als "ozeanisch" (S. 337) bezeichnet Thomas Kniesche in seinem Beitrag "Das deutsch-jüdisch-amerikanische Dreieck" den literaturwissenschaftlichen Gegenstand des vorliegenden Sammelbandes – knapp über ein Jahrhundert deutschsprachiger Literatur über die Vereinigten Staaten von Amerika. Bereits der Titel des Sammelbandes Das Amerika der Autoren weist mit der Sprachregelung, die USA als Amerika zu bezeichnen, eine große Geste auf und erhebt Amerika zum globalen Begriff und kultureller Projektionsfläche par excellence.

Doch Kniesche zielt mit der Bezeichnung nicht nur auf das Weltmeer zwischen Europa und Nord-Amerika, den seit Ende des 17. Jahrhunderts brodelnden literarischen Amerika-Diskurs sowie den Schwindel, den die Fülle der deutschen Americana und ihrer Kommentierungen auslöst. En passant evoziert der Begriff Freuds berühmtes Gefühl aus Das Unbehagen in der Kultur (1930), das als der Individualisierung und Kulturalisation vorgängig beschrieben wurde. Dem drohenden literaturhistorischen Entdifferenzierungsgefühl begegnet der Sammelband mit der Fokussierung auf ausgewählte deutschsprachige Americana des 20. Jahrhunderts. Präsentiert in zeitlich chronologischer Abfolge, entstammen sie zum Beispiel den fulminanten literarischen und publizistischen Amerika-Diskursen der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts, den siebziger Jahren in der BRD mit der Entdeckung der amerikanischen Beat-Literaten oder dem Kontext der veränderten Amerika-Semantik seit den Anschlägen des 11. September 2001.

Diese am Entstehungsdatum der Texte orientierte Organisation der Beiträge ermöglicht einerseits einen diachronen Überblick über markante Entwicklungen des literarischen Amerika-Diskurses, überlässt es andererseits aber dem Lesenden, thematische Querverbindungen zu ziehen und Genrewechseln nachzukommen. Wenn die chronologische Anordnung den Eindruck der Abgeschlossenheit erzeugt, so liegt das an einer Autorenauswahl, die sich am literarischen Kanon orientiert: Mit Bertold Brecht, Thomas Mann, Ingeborg Bachmann, dem im letzten Jahrzehnt ‚wieder entdeckten‘ Wolfgang Koeppen und Uwe Johnson werden prestigeträchtige Protagonisten der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts aufgerufen.

Dabei kommt Franz Kafka und seinem Roman Amerika eine besondere Rolle zu. Die berühmte Ankunftsszene Karl Roßmanns im New Yorker Hafen mit der Vertauschung von Schwert und Fackel der Freiheitsstatue wird als symptomatisch für das in der Literatur auffindbare ambivalente Verhältnis zu den Vereinigten Staaten gelesen, in dem Freiheitsversprechen und Gewaltandrohung aufeinandertreffen.

Der klassischen Analyse der Ankunftsszene stehen zwei andere Interpretationen gegenüber. Jochen Vogt geht in seinem Beitrag "'Sooo hoch!‘ Momentaufnahmen vom allmählichen Verschwinden der 'Statue genannt Liberty'" dem textuellen Verblassen der 1866 enthüllten "Portalfigur der neuen Welt" (S. 250) nach. Ausgehend von der These, dass "das exponierte Bildsymbol für die Neue Welt" (S. 251) im Kontext veränderter Weltpolitik und neuer Dispositive des Reisens seine Bedeutung als Topos in der deutschsprachigen Amerika-Literatur verliert, verfolgt er Umwandlungen der textuellen Repräsentation der Freiheitsstatue in intertextuelle Spuren.

Auch der zweite Beitrag wählt eine von Raumkonstruktionen ausgehende Lesart, wenn auch in anderer Ausformung. Christine Ivanovic erprobt in "Amerika, Kafkas verstoßener Sohn. Deterritoralisierung und 'Topographic turn' in Der Verschollene" keine imagologische Lesart von Kafkas Roman Amerika. Vielmehr zeigt sie überzeugend Amerika nicht als Romantopographie, sondern als anderen Schauplatz, der eine "psychologische Signatur" der Verstoßung (S. 47) darstellt. Damit orientiert sich die ästhetische Struktur, die sich imagologischer Typen bedient, an einer ihr vorausgehenden psychologischen Struktur.

Generell stehen der Fülle des zu durchstreifenden 20. Jahrhunderts beachtliche 475 Seiten gegenüber, die gemäß der Logik des Sammelbandes manches fokussieren und anderes nicht. Der Eindruck der Orientierung am Literaturkanon wird durch Beiträge über Populärkultur, so über das Krimigenie und den Bukowski-Verehrer Jörg Fauser und den Diskurs-Popliteraten Thomas Meinecke ergänzt, ebenso durch Beiträge zur Lyrik Rose Ausländers und Mascha Kalékos. Diese Zusammenstellung wird noch durch Beiträge zum deutschen Amerika-Diskurs abgerundet. Wünschenswert wäre an einigen Stellen eine kulturwissenschaftlich erweiterte Germanistik gewesen und die verstärkte Berücksichtigung der Einbettung der Literatur in den Medienverbund des 20. Jahrhunderts. Besonders problematisch wird dieser enge Literaturbezug anlässlich des Beitrages zum 11. September 2001, der als Medienereignis aus literaturwissenschaftlicher Perspektive nur unzureichend beschrieben werden kann ohne die Analyse der Wirkmächtigkeit digitaler Bilderwelten. Insgesamt bietet der Sammelband einen guten Überblick über Amerikaprojektionen deutscher Autoren im 20. Jahrhundert und ist so Bestandteil des sich immer weiter fortsetzenden Diskurses über das Verhältnis von Alter und Neuer Welt.


Jochen Vogt, Alexander Stephan (Hgg.): Das Amerika der Autoren. Von Kafka bis 09/11. München: Wilhelm Fink, 2006. 473 S., kart, 59, 90 Euro. ISBN: 978-3-7705-4075-4



Inhaltsverzeichnis

Vorwort der Herausgeber 11
Jeffrey L. Sammons
Gibt es dort ein „Dort“? Das deutsche Amerikabild 19
Christine Ivanovic
Amerika, Kafkas verstoßener Sohn Deterritorialisierung und ‚topographic turn‘ in Der Verschollene 45
Erhard Schütz
Besuch bei den Verlierern Gustav Frenssens Briefe aus Amerika 67
Dieter Heimböckel
Die USA als neusachliches Schreckgespenst Adolf Halfelds Amerika und der Amerikanismus 87
Thorsten Czechanowsky
"Ich bin ein freier Amerikaner, ich werde mich beschweren" Zur Destruktion des American Dream in B. Travens Roman Das Totenschiff 99
Elke Reinhardt-Becker
Mann mit Seele trifft Amerika Transkulturelle Experimente in Siegfried von Vegesacks Roman Liebe am laufenden Band 117
Alexander Honold
Synkopen in der Nacht. Brecht und der Jazz 133
Sonja Hilzinger
"Heimat du, wievielte" Facetten eines Amerika-Bildes in der Lyrik von Rose Ausländer und Mascho Kaléko 149
Hugh Ridley
Nochmals Herr Beißel. Thomas Mann und Amerika Im Kontext von Doktor Faustus 169
Chryssoula Kambas
Ansichten einer Besatzungsmacht. Wolfgang Koeppens Amerika in Tauben im Grass 181
Marcus M. Payk
Visionen eines amerikanischen Faust. Die Vereinigten Staaten im deutschen Feuilleton der 1950er Jahre 209
Sigrid Thielking
Manhattan Transfer. Ingeborg Bachmanns Americana mit einem Blick auf „Klassenbücher“ und andere didaktische Seiten 233
Jochen Vogt
"Sooo hoch!" Momentaufnahmen vom allmählichen Verschwinden der "Statue genannt Liberty" 249
Helmut Peitsch
"The past is never dead. It’s not even past." Ein Faukner-Zitat und deutsch-deutsche ‚Vergangenheitsbewältigung‘ 279
Anne D. Peiter
"Durch und durch verjudet und verniggert, die Amerikaner". Antiamerikanismus und Amerikanisierung in Uwe Johnsons Roman Jahrestage 299
David Bathrick
In weiter Ferne so nah: Günter Kunerts Amerikabild 311
Werner Jung
"Lets go, man, go!" Jörg Fauser und sein Amerika 323
Thomas Kniesche
Das deutsch-jüdisch-amerikanische Dreieck. ‚Amerika‘ als anderer Schauplatz in der zeitgenössischen deutsch-jüdischen Literatur 337
Thomas Eckhardt
Völkermord, Magie und blaue Bohnen Tobias O. Meißners Amerikaroman Starfish Rules 365
Beat Mazenauer
Auf der Suche nach dem Queer-Potenzial Amerika und das Pop-Konzept in den Romanen von Thomas Meinecke 381
Agnes C. Mueller
Gefährliche Liebschaften. Das Amerikabild in der deutschen Gegenwartsliteratur nach dem 11. September 2001 393
Alexander Stephan
Vom Antiamerikanismus zum Systemkonflikt. Deutsche Intellektuelle und ihr Verhältnis zu den USA 407
Klaus Siblewski
A Hard Day’s Night. Was deutschen Autoren an der amerikanischen Literatur missfällt 431
Georg Klein
Was heißt Amerikanismus? 449

Namenverzeichnis 461
Über die Autorinnen und Autoren 469

Karl Roßmann Meets Miss Libby: A New Literary Studies Collection on Transatlantic Relations

Over the course of 24 essays, the volume Das Amerika der Autoren. Von Kafka bis 09/11 explores the dynamic between 20th century German-speaking authors and the American mythos. The volume, published by Jochen Vogt and Alexander Stephan, visits noteworthy moments in the German literary discourse on America, taking Kafka's novel Amerika as its starting point and continuing through to literary treatments of 9/11. By identifying a traceable ambivalence towards the United States that swings between admiration and rejection, the volume is an up-to-the-moment contribution to the study of transatlantic relations as they are reflected in culture.


© bei der Autorin und bei KULT_online