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Im Dickicht kultureller Diskurse

Eine Rezension von Nadine Pippel

Belvederesi, Rebecca: Diskurse kultureller Identität. Kollektive Machtpraktiken in (post-) kolonialen Gesellschaften. Saarbrücken: VDM, 2007.

Bei dem vorliegenden Titel handelt es sich um die Veröffentlichung einer Magisterarbeit, in der die Soziologin Rebecca Belvederesi Diskurse über kulturelle Identität in einem postkolonialen Kontext systematisch darzustellen sucht. Die Autorin studierte Soziologie, Philosophie, Wirtschafts- und Sozialgeschichte und macht sich ihren Schwerpunkt 'soziologische Theorien' zu Nutzen, um Fragen nach kultureller Identität nachzugehen, die ehemalige Kolonialmächte seit einigen Jahrzehnten beschäftigen. In diesem spannungsreichen Kontext haben sich die Postcolonial Studies im englischsprachigen Raum herausgebildet. In Deutschland hingegen deuten hitzige Debatten um eine deutsche "Leitkultur" in den letzten Jahren auf ein Desiderat in der Selbstpositionierung und -definition hin. Daher intendiert Belvederesi, systematisch postkoloniale Identitätsdiskurse zu rekonstruieren und als möglichen Ansatz für Identitätsaushandlungen in Deutschland fruchtbar zu machen – ein Anspruch, dem sie jedoch nicht gerecht werden kann. 


Diskurse über kulturelle Identität stehen im Zeitalter der Globalisierung vor der Herausforderung, sich angesichts transnationaler Migration zu positionieren und (neu) zu definieren. Dies betrifft insbesondere postkoloniale Gesellschaften schon seit einigen Jahrzehnten, bedingt durch Entkolonialisierung und die eigene koloniale Vergangenheit, aber auch andere westliche Länder sind von Identitätsaushandlungen betroffen.

Um sich Diskursen über kulturelle Identität in (post-)modernen Gesellschaften widmen zu können, zeichnet Rebecca Belvederesi in einem ersten großen Kapitel die Postcolonial Studies nach, insbesondere deren Anfänge in den British Cultural Studies. Von diesen ausgehend greift sie, über die Postcolonial Studies, das "Schlagwort" Hybridität auf, indem sie auf die Unterschiede zwischen Vertretern der so genannten Homogenisierungsthese einerseits und Differenzialisten andererseits, etwa mit Rückgriff auf Huntington's Clash of civilizations und marxistisch orientierte Theorien der 1970er Jahre, verweist. Auch identifiziert sie drei Dimensionen von Hybridität: erstens die Verschränkung von kultureller Globalisierung und kapitalistischer Marktwirtschaft, zweitens Hybridität als intellektuelles und politisches Projekt und drittens Hybridität als politische und kulturelle Praxis (S. 40–41). Die Autorin schließt das Kapitel mit einer Darstellung des "theoretischen Instrumentariums" postkolonialer Strömungen, die sie gleichsam als methodische Herangehensweise der Postcolonial Studies auffasst.
Ein zweites Kapitel widmet sie den im Titel der Arbeit anklingenden Diskursen kultureller Identität aus postkolonialer Sicht. Da den Postcolonial Studies ein ganz eigenes Verständnis von Kultur zugrunde liege, beginnt Belvederesi mit zwei Exkursen zum Kulturbegriff sowie zum Verhältnis von Identität und (Post-)Moderne, um die "stattfindenden Verschiebungen vom Übergang der Moderne zur Postmoderne" zu diskutieren (S. 56). Den Schwerpunkt des Kapitels legt sie auf die Darstellung von kultureller Identität in drei Bezügen, in Bezug auf erstens Kolonialismus, zweitens Imagination und drittens Diaspora. Ihren Abschluss findet die Arbeit in einem "kritischen Fazit".

Mit diesem Überblick möchte Belvederesi eine vermeintliche Forschungslücke – namentlich die fehlende Rezeption des Postkolonialismus in Deutschland – schließen, die jedoch mit Blick auf zahlreiche kulturwissenschaftliche Studien- und Forschungseinrichtungen im deutschsprachigen Raum anzuzweifeln ist. Laut Belvederesi befassen sich die Postcolonial Studies, "obwohl dies der Name selbstredend nahe legt, nicht ausschließlich mit der zeitlichen Periode nach dem Kolonialismus" (S. 24). Diese Erkenntnis ist nicht besonders neu oder innovativ und geht zudem in einer Ansammlung von Verweisen – wie bei Belvederesi häufig der Fall – unter. Um den Hintergrund der Pluralisierungseffekte im postkolonialen Zeitalter zu verdeutlichen, stellt die Autorin in der Einleitung fest: "Auf die Nation ist wohl kaum mehr Verlass, denn in Wissenschaft und Medien hat man sich darauf geeinigt, dass der Nationalstaat seine Beständigkeit und in naher Zukunft seine Bedeutung verlieren wird" (S. 3). Dass die nationale "Beständigkeit" ins Wanken geraten ist, erscheint ebenso wenig neu wie die Tatsache, dass "der Kolonialismus als kollektive Erfahrung nicht ausschließlich das Selbstbild der Kolonisierten [prägte], sondern mindestens in gleichem Maße jenes der Kolonisierenden" (S. 73).
Stellenweise gehen Thesen am Ende eines Absatzes oder eines Kapitels gar ganz unter. Wenn die Autorin von Rückkopplungseffekten zwischen materieller Basis und ideeller Sphäre als "Zündstoff der British Cultural Studies" schreibt, aus denen "geradezu die Brisanz kultureller Identitätsdiskurse" erwachse (S.18), müsste dies prominenter als zwischen zwei Absätzen herausgestellt werden. Auch beendet sie ihren Exkurs zum Verhältnis von Identität und (Post-)Moderne mit der unvermittelten Behauptung, es gehe darum, "die zerstreuten Identitäten aus der gesellschaftlichen Totalität heraus zu verstehen" (S. 70), ohne diese jedoch zu erläutern.

Nicht nur sind Thesen schlecht platziert, häufig ungenau oder nicht belegbar bzw. nicht belegt, sondern auch für die Arbeit zentrale Begriffe nicht explizit definiert. So fehlen pointierte Definitionen von Diskurs, (kultureller) Identität als solche oder auch von kollektiven Machtpraktiken und Diaspora. Wenn die Autorin etwa "Hybridität als Schlagwort" bespricht, erwartet man eine Definition des Begriffs und möglicherweise einen Verweis auf ähnliche Konzepte wie Kreolismus, Synkretismus oder Métissage. Statt diese jedoch zu Beginn des Kapitels zu liefern, rekurriert sie vielmehr auf die marxistisch orientierte Soziologie (S. 33) und weitet ihre Betrachtung auf Medien als "Stellvertreter des Globalen" (S. 34) aus, um in der Mitte des Kapitels selbst zu fragen: "…wo genau platziert sich […] das postkoloniale Schlagwort 'Hybridität'?" (S. 36). Die angehäuften Verweise auf in den Cultural Studies wie in den Kulturwissenschaften gängigen Begrifflichkeiten führen den Text in immer neue Konzeptfelder wie etwa Négritude, Panafrikanismus, Identitätspolitik oder auch Dahrendorfs homo sociologicus, ohne diese jedoch definitorisch abzustecken.

Ein Blick auf die oft ineinander fließenden Ebenen, auf denen sich die Autorin bewegt, zeigt eine sich durch das gesamte Buch ziehende Inkohärenz und eine vielfach hinkende Argumentation. So paart Belvederesi wissenschaftliche Betrachtung von Kulturdiskursen mit "postmoderner Kulturvermarktung" von ethnischer Differenz (S. 100). Auch spricht sie von "akademische[m] Gegendiskurs" und gleichzeitig "postkoloniale[m] Alltag" (S. 26) bzw. von "akademischen Verschiebungen und real existierenden Prozesse[n]" (S. 99), gar von einem neuen Verständnis von Kulturpolitik durch die "kulturelle Identität der Diaspora" (S. 99). An diesen Stellen verwischt sie ebenso wissenschaftliche und politische bzw. alltägliche Ebene wie in ihrem Fazit. Dieses beansprucht, "die Übertragbarkeit der Postcolonial Studies sowie ihrer kulturellen Identitätsdiagnosen auf die [sic] bundesrepublikanischen Alltag zu diskutieren und die Fruchtbarkeit dieser Disziplin für die deutsche Soziologie aufzuzeigen" (S. 7).
Die Verwässerung der Ebenen mag in der kritischen Position der Autorin gegenüber den Postcolonial Studies, wie sie diese im Fazit darlegt, begründet liegen. Gleichzeitig aber wird auch ihre wenig profunde Durchdringung dieses Theoriefeldes deutlich, wenn sie die Postcolonial Studies allein als eine Antwort auf neue soziale Bewegungen bzw. Minderheitsbewegungen versteht (S. 104). Stattdessen scheint Belvederesi einen möglichst umfassenden Überblick über (kultur)soziologische Theorien von Beck über Marx und Althusser hin zu Dahrendorf und Eco, von Fanon über Hall, Bhabha und Gilroy hin zu Joseph Conrad, dessen Roman Heart of Darkness sie in Ansätzen zu analysieren sucht, zu liefern. Aufgrund dieses breiten thematischen Spektrums jedoch überwiegen leider schiefe Argumentationsstränge. Ein inhaltliches Vor- und Zurückspringen, gespickt mit Einwürfen, ist gepaart mit nicht nachvollziehbaren Absätzen an Stellen, an denen Zusammenhänge kohärent dargestellt werden sollten.

Die inhaltlich wenige überzeugende Argumentation schlägt sich auch in der Gliederung der Arbeit nieder. Zu den Unterkapiteln 1.1, "Struktur der Arbeit", und 2.3.1, "Dimensionen von Hybridität", fehlen die Pendants, die eine Einteilung in Unterpunkte begründen ließen. Das dritte Kapitel beginnt mit zwei Exkursen zum Kulturbegriff sowie zum Verhältnis von Identität und (Post-)Moderne. Allerdings sind diese für die weitere Argumentation zentralen Begriffe – immerhin handelt es sich um die im Titel anklingenden Konzepte Kultur und Identität – gewichtiger, als der Begriff Exkurs es vermuten lässt. Die drei sich anschließenden Kapitel, "Kulturelle Identität und Kolonialismus", "Kulturelle Identität und Imagination" sowie "Kulturelle Identität und Diaspora", versteht Belvederesi als Fallbeispiele, ohne allerdings ihren Zweck und ihr Verhältnis zueinander deutlich zu machen.
Auch wird nicht ersichtlich, warum Belvederesi das Konzept der Hybridität der Hegemoniekonzeption Gramscis, dem Diskursbegriff nach Foucault sowie semiotischen Grundannahmen (S. 47), die sie alle drei als "theoretisches Instrumentarium" – ein Begriff, der, ohne definiert zu werden, problematisch erscheint – gegenüberstellt und nicht etwa analog zueinander betrachtet.

Doch nicht nur die sich häufig verlierende Argumentation vergällt die Lust am Weiterlesen, sondern auch der Sprachstil. Stellenweise gestelzte Ausdrücke wechseln sich ab mit saloppen Formulierungen. Auch zahllose ungenaue Wendungen oder falsch verwendete Ausdrücke erschweren die Lektüre. So ist bei Belvederesi ein Slogan "weit davon entfernt, unproblematisch zu sein" (S. 3), die Postcolonial Studies sind ein "wissenschaftliches Unternehmen" (S. 105), und der Hybriditätsbegriff platziert sich "in einen Diskurs" (S. 37). Hinzu kommen zahlreiche Tippfehler, Halbsätze und Verben, die nicht richtig gebeugt werden oder ganz fehlen.

Belvederesi beansprucht eine systematische Aufarbeitung der Diskurse kultureller Identität in den Postcolonial Studies für den deutschsprachigen Raum. Diesem Anspruch kann jedoch eine Magisterarbeit per se, so auch in diesem Fall, nicht gerecht werden. Dies ist bedauerlich, denn die vielfachen Verweise auf Postkolonialisten, Poststrukturalisten, Kulturtheoretiker oder Marxisten lassen hinter der Autorin eine interessierte und wissbegierige Soziologin vermuten. Jedoch wäre sie von einem Lektorat gut beraten gewesen, ihre Arbeit vor der Veröffentlichung noch einmal auf wissenschaftliche Stimmigkeit und Kohärenz der Argumentation zu überprüfen. Auch könnte man der Autorin angesichts zahlreicher inhaltlicher sowie formaler und orthographischer Fehler die Tatsache zugute halten, dass das Verlagslektorat – sofern es eines gab – äußerst unsauber gearbeitet hat. So dominieren nach der Lektüre leider der Unmut und das Gefühl, nicht wirklich etwas gelernt zu haben.


Rebecca Belvederesi: Diskurse kultureller Identität. Kollektive Machtpraktiken in (post-) kolonialen Gesellschaften. Saarbrücken: VDM, 2007. 128 S., kartoniert, 59,- EUR. ISBN 978-3-8364-5644-9


 Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 3
Struktur der Arbeit 5

2. Die Postcolonial Studies: Genese – Anliegen – Methodik 7
Die British Cultural Studies 6
Die Postcolonial Studies 19
Hybridität als Schlagwort 30
Dimensionen von Hybridität 40
Das theoretische Instrumentarium 47

3. Diskurse kultureller Identität aus Sicht der Postcolonial Studies 56
3.1 Exkurs zum Kulturbegriff 58
3.2 Exkurs zum Verhältnis von Identität und (Post-)Moderne 65
3.3 Kulturelle Identität und Kolonialismus 71
3.4 Kulturelle Identität und Imagination 80
3.5 Kulturelle Identität und Diaspora 90

4. Kritisches Fazit und Ausblick 99

5. Literaturverzeichnis 107

In the Thicket of Cultural Discourses

With the publication of her thesis, sociologist Rebecca Belvederesi aims to systematically describe discourses of cultural identity in a post-colonial context. Having studied sociology, philosophy, social and economic history, Belvederesi makes use of various "sociological theories" to explore questions of cultural identity that have occupied historically colonial powers for decades and caused the emergence of post-colonial studies throughout the English diaspora, but have only recently exploded in Germany, where lively debate about a Leitkultur indicates a new desire for self-positioning and -definition. It is in this context that Belvederesi intends to systematically reconstruct post-colonial identity discourses and make them amenable for investigations of cultural identity in Germany – an objective that she is ultimately unable to fulfil.


© bei der Autorin und bei KULT_online