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Horror intermedial: Die 1000 Gesichter der Angst

Eine Rezension von Jörg Hackfurth

Biedermann, Claudio und Christian Stiegler (Hgg.): Horror und Ästhetik. Eine interdisziplinäre Spurensuche. Konstanz: UVK, 2008.

Der Tagungsband Horror und Ästhetik, herausgegeben von Claudio Biedermann und Christian Stiegler, befasst sich mit den vielfältigen Ausformungen einer intermedialen Ästhetik des Horrors, die – im interdisziplinären Verbund von HochschülerInnen und namhaften WissenschaftlerInnen – in fünfzehn Aufsätzen in den Blick genommen wird. Den Motiven des Horrors wird ebenso ausführlich Aufmerksamkeit geschenkt wie dem Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit und genretheoretischen Überlegungen. 


Im deutschsprachigen Raum bleibt es bisher dem akademischen Nachwuchs vorbehalten, den wissenschaftlichen Diskurs zur Horror Fiction ins Leben zu rufen bzw. am Leben zu erhalten. Erfreulicherweise ist das Engagement aus dieser Richtung in den letzten Jahren enorm gewachsen, was nicht zuletzt die Tagungen in Berlin, Frankfurt, Bremen und Ludwigshafen zeigen, die vorwiegend von Studierenden und Promovenden organisiert wurden, was man sicherlich auch in dem allgemeinen popkulturellen Trend eines Umsichgreifens von Horrorästhetiken in Kunst (Film, Literatur, Computerspiele) und Lifestyle (Gothic-Szene, BDSM-Ästhetiken) verorten kann.

Auch in Österreich ist man der Ästhetik des Horrors mit wissenschaftlicher Akribie auf der Spur, und so veranstalteten zwei Magisterabsolventen, Claudio Biedermann und Christian Stiegler, in Eigenregie, mit Unterstützung eines selbstgeschaffenen akademischen Netzwerks ("Projekt Intermedialität"), das die hierarchische Kluft zwischen Studierenden und etablierter Wissenschaftsriege zwecks gemeinsamer Forschungsarbeit zu überbrücken sucht, am 30. und 31. März 2007 in Wien ein Symposium zu einer "intermedialen Ästhetik des Horrors". Nun ist der dazugehörige Tagungsband bei der Konstanzer UVK Verlagsgesellschaft unter dem Titel Horror und Ästhetik erschienen, und fast alle Vorträge haben es in den Band geschafft. Einzig die Vorträge von Tobias Klose ("Die Ästhetik des Blicks – Jugendliche Rebellion und elterliche Bigotterie im Horror") und Daniel Klug und Michaela Taschek ("Das kurze Grauen. Horror in Musikvideoclips") fehlen, dafür ist nun aber ein Beitrag von Hans Richard Brittnacher enthalten, der seine Teilnahme an der Tagung damals kurzfristig absagen musste.

Mit der Prämisse, "Horror nicht lediglich als Genre, sondern vielmehr als strukturelles, ästhetisches Grundprinzip" zu denken, das "den Gesellschaftskörper mit einem feinen Netz durchzieht" werden in diesem Sammelband mithilfe eines interdisziplinären Methodenarsenals "Aspekte und Beispiele einer Ästhetik des Horrors vorgelegt" (S. 7). Die fünfzehn Aufsätze sind in drei Kapiteln gruppiert:

Sechs Essays widmen sich den "Kunstformen" des Horrors in Literatur und Film, wobei Werke der E- und U-Kultur gleichermaßen behandelt werden – von Norbert Jacques' Dr. Mabuse, der Spieler bis Elfriede Jelineks Die Kinder der Toten. Die Autoren untersuchen hinsichtlich ihrer Funktion im Genre so unterschiedliche Motive wie Voyeurismus (Thomas Ballhausen), Gestaltwandler (Marcus Stiglegger), Blut (Julia Köhne), Atmung (Christian Stiegler), Untote (Roland Innerhofer) oder den kriminellen Mastermind (Michael Rohrwasser).

Im zweiten Kapitel wird in weiteren sechs Beiträgen das Spannungsverhältnis zwischen Realität und Horrorfiktion untersucht, so z.B. das "Queere" im Horror (Flora Schanda und Judith Schoßböck), die mediale Aufarbeitung des wahren Falles des "Kannibalen von Rothenburg" (Stefan Höltgen), die antiziganistischen Tendenzen in der Horrorliteratur (Hans Richard Brittnacher) und auch die Anknüpfungen an medizinische Wissenschaft (Mario M. Dorostkar, Niko Dorostkar und Alexander Preisinger) und kapitalistische Verhältnisse (Drehli Robnik). Dass Horror ein transmediales Phänomen ist, betont insbesondere der Aufsatz von Grit Grünewald und Nancy Leydas, die sich aus soziologischer Perspektive mit der theatralen Inszenierungspraxis des Vampirs in der Dark Wave/Gothic-Szene beschäftigen. Die Symbolik des Vampirs, "[d]er aristokratische, edle, erotisch gefährliche, tierisch triebhafte, einem Blutfetisch verschriebene und zugleich melancholisch leidende Charakter", werde durch die Bricolage-Praxis der Szenejugend für die eigene 'Theatralik' (Erika Fischer-Lichte) in Dienst genommen: "Denn dem eigenen Selbstverständnis nach – 'Kinder der Nacht' zu sein – verkörpern sie die 'dunkle Seite' zum Rest der Gesellschaft und besetzen damit alle tabuisierten Themen, die dieser beschweigt" (S. 183 f.). Dass im Horror das Verhältnis einer gesellschaftlichen Normalität zu ihren Rändern verhandelt wird, ist seit Robin Woods einflussreichem Essay An Introduction to the American Horror Film (In: The American Nightmare, Toronto 1979) klar. Grünewald und Leydas Vortrag zeigt aber, wie das eigentlich ablehnend bis ambivalente Verhältnis zum Monströsen (in Film und Literatur) derart ins Positive umschlagen kann, dass sich Jugendliche affirmativ mit dem Monströsen identifizieren (und sich als Vampir inszenieren), wenn die 'normale' Gesellschaft selbst nur abstoßend genug erscheint. 'Horror' scheint somit mehr zu sein als ein narratives Genre, es ist wohl eher ein Modus, die Welt strukturierend zu betrachten, im engeren Sinne: eine Geschichte auf eine bestimmte Weise zu erzählen. Dies wird immer dann deutlich, wenn die Horror Studies das Feld der üblichen Erzählmedien verlassen, wie in dieser soziologischen Analyse.

Die drei letzten Aufsätze (im dritten Kapitel des Tagungsbandes) nähern sich schließlich dem Phänomen Horror gattungstheoretisch an. So verfolgt die Mediävistin Christa Tuczay die Wurzeln des Genres zurück bis in die mittelhochdeutsche Erzählliteratur, Arno Meteling präsentiert eine eigene Phantastik-Theorie der "rhetorischen Latenz" und Frank Rottensteiner untersucht die Genrehybridisierungen zwischen Horror und Science Fiction.

Der Sammelband Horror und Ästhetik konserviert nun also die Ergebnisse einer wohlkonzeptionierten Tagung für die Forschungsgemeinde. Hierbei hätte man zumindest einige Aufsätze (z.B. von Julia Köhne, Marcus Stiglegger) auch mit Bildmaterial ausstatten können, da doch manche Vorträge durch erhellende Videopräsentationen bereichert wurden, was man nun in Buchform etwas missen wird. Ebenso wären kurze biographische Angaben zu den AutorInnen im Anhang hilfreich gewesen, wie auch im Vorwort leider keinerlei Hinweise zu finden sind, dass es sich bei dem Sammelband um einen Tagungsband handelt. Das hohe gedankliche Niveau und die innovativen Fragestellungen der einzelnen Aufsätze machen den Band aber zu einer echten Bereicherung für die im deutschsprachigen Raum noch junge Disziplin der Horror Studies.


Claudio Biedermann und Christian Stiegler (Hgg.): Horror und Ästhetik. Eine interdisziplinäre Spurensuche. Konstanz: UVK, 2008. 270 S., broschiert, € 29,00. ISBN-10: 3-86764-066-4 / ISBN-13: 978-3-86764-066-4


Inhaltsverzeichnis


VORWORT
Christian Stiegler und Claudio Biedermann
Vorwort: Horror und Ästhetik. Das Gegensatzpaar 7

KUNSTFORMEN
Thomas Ballhausen
Auge, Körper, Kamera. Mit Peeping Tom im (freudianischen) Schreckensarchiv 11
Marcus Stiglegger
Humantransformationen — das Innere Biest bricht durch. Zum Motiv des Gestaltenwandels im Horrorfilm 30
Julia Köhne
Let it bleed. Der Konnex von Blut und Trauma in Brian de Palmas Carrie (1976) 50
Christian Stiegler
The trick is to keep breathing. Try not to breathe. Die Bedeutung und ästhetische Stilistik der Atmung im Horror als performativer Akt 72
Roland Innerhofer
»Da tauchen Menschen auf und verschwinden wieder«. Horrorszenarien in Elfriede Jelineks Roman Die Kinder der Toten 86
Michael Rohrwasser
Dr. Mabuse, der (Schau-)Spieler und die Ästhetik des Horrors 102

FAKTEN UND FIKTIONEN
Drehli Robnik
Tiktak und Taktik. Das konsumkulturelle und das zeitlogische Ethos des postfordistischen Horrorkinos in Benjaminscher Sicht 121
Flora Schanda und Judith Schoßböck
Das Queere des Horrors. Sexuelle Identitäten zwischen Transgression und Schrecken 133
Stefan Höltgen
»Es hat (nicht) geschmeckt«. Der »Kannibale von Rothenburg« und der verstehende Horrorfilm 150
Grit Grünewald und Nancy Leyda
Der real existierende Vampirhorror. Eine theatrale Inszenierungspraxis innerhalb der Schwarzen Szene 167
Hans Richard Brittnacher
Die Rache der Zigeuner. Zur Diabolisierung von Außenseitern in der phantastischen Literatur 188
Mario M. Dorostkar, Niko Dorostkar und Alexander Preisinger
Diagnose: Vampirismus. Medizinische Fiktionalität als Horror-konstituierendes Element in filmischen und literarischen Vampirdarstellungen 204

GENRETHEORIEN
Christa A. Tuczay
Horrorszenarien in der mittelhochdeutschen Erzählliteratur und die Entwicklung des Angstgefühls 221
Arno Meteling
Formalisierung des Schreckens. Zu einer Theorie der phantastischen Literatur mit E.T.A. Hoffmann, H.P. Lovecraft und Paul de Man 239
Franz Rottensteiner
Horror in der Science Fiction 258

Horror Cross-Media: The 1000 Faces of Fear

The proceedings Horror and Aesthetic, published by Claudio Biedermann and Christian Stiegler, is concerned with the varied applications of a cross-medial aesthetic of horror, considered here – in interdisciplinary collaboration between students and noted academicians – over the course of 15 essays. Equal attention is given to horror motifs, the relationship between fiction and reality, and considerations of genre theory.


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