Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Navigation

Artikelaktionen

„Es wird nichts mehr so sein, wie es war“ – Ein Sammelband sieben Jahre nach den Terroranschlägen in New York

Eine Rezension von Heide Reinhäckel

Irsigler, Ingo; Jürgensen, Christoph (Hg.): Nine Eleven - Ästhetische Verarbeitungen des 11. Septembers 2001. Heidelberg: Winter, 2008.

Der von Ingo Irsigler und Christoph Jürgensen herausgegebene Band
Nine Eleven: Ästhetische Verarbeitungen des 11. September 2001 untersucht in siebzehn Beiträgen eine Vielzahl künstlerischer Bezugnahmen auf den Themenkomplex 9/11. Aus interkultureller und interdisziplinärer Perspektive wird dabei Darstellungsverfahren des Medienereignisses "11. September" in der Literatur, audio-visuellen Medien und Populärkultur nachgegangen. Ausgehend von Prozessen der Literarisierung, Inszenierung und Visualisierung des Ereignisses als Dynamik kultureller Bearbeitung fragen die einzelnen Beiträge nach spezifischen ästhetischen Darstellungsformen und Funktionen. Insgesamt beschreibt der hochaktuelle und anspruchsvolle Sammelband medienspezifische Verlaufsformen und Typologisierungen der künstlerischen Auseinandersetzungen mit 9/11. Damit bietet er eine gegenwärtige Bestandsaufnahme und bilanziert die künstlerischen Bedeutungserzeugungen und kulturellen Lesarten angesichts eines als kulturelle Zäsur bezeichneten Ereignisses. 


Auch über ein halbes Jahrzehnt nach den Flugzeugattentaten auf die Twin Towers am elften September 2001 reißt das wissenschaftliche Forschungsinteresse an 9/11 nicht ab. Ganz im Gegenteil erscheint vielmehr mit Blick auf die Fülle der diesjährigen deutsch- und englischsprachigen kultur- und literaturwissenschaftlichen Neuerscheinungen zum Themenkomplex 9/11 das Jahr 2008 als Jahr der Bilanzierung. Neben dem Erscheinen des vorliegenden interdisziplinären Sammelbandes liegen zwei weitere Sammelbänden zum Verhältnis von 9/11 und US-amerikanischer Literatur vor (Sebastian Domsch (Hg.): Amerikanisches Erzählen nach 2000. Eine Bestandsaufnahme. München: Edition text&kritik, 2008; Ann Keniston: Literature after 9/11. New York: Routledge, 2008) sowie der Ankündigung eines weiteren deutschsprachigen interdisziplinären Sammelbandes für Ende dieses Jahres (Sandra Poppe, Thorsten Schüler, Sascha Seiler (Hg): 9/11 als kulturelle Zäsur. Repräsentationen des 11. September 2001 in kulturellen Diskursen, Literatur und visuellen Medien. Bielefeld: Transcript, 2008).

Angesichts dieser Publikationen entsteht der Eindruck, dass die oftmals den künstlerischen Auseinandersetzungen, zumindest aber den literarischen Reaktionen, unterstellte Inkubationszeit auch für die im weitesten Sinne kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema 9/11 diagnostiziert werden kann. Ist dies einerseits der Entstehungszeit ihrer Untersuchungsgegenstände geschuldet, kann andererseits dennoch konstatiert werden, dass das Erscheinen der beiden deutschen Sammelbände einen lang erwarteten Forschungsanschluss an den bereits 2004 erschienenen Sammelband von Matthias N. Lorenz (Hg.): Narrative des Entsetzens. Künstlerische, mediale und intellektuelle Deutungen des 11. September 2001, Würzburg: Königshausen & Neumann darstellt. Hatte dieser Band auch die journalistischen Bedeutungserzeugung und Mechanismen der Massenmedien angesichts 9/11 im Blick, so richtet sich das Augenmerk des vorliegenden Bandes ausschließlich auf künstlerische Bezugnahmen.

Somit ist die im Vorwort der Herausgeber erklärte Zielsetzung des Bandes eine kulturwissenschaftliche Bilanzierung und die Beantwortung der Frage, "welche poetologischen Muster sich also in unterschiedlichen Kunstformen finden, welche Deutungsversuche im Medium der Fiktion angeboten wurden, wie die bildorientierten Künste auf die anscheinend übermächtige Bild-Konkurrenz des Fernsehens geantwortet haben und welche Formen die Kunst über 'Nine Elven' in verschiedenen Kulturräumen prägen". (S. 13) Mit dieser Forschungsausrichtung wird im medien- und kulturwissenschaftlichen state of the art 9/11 als Medienereignis betrachtet: "In kaum vergleichbarem Maß wurde die öffentliche Wahrnehmung des – im Kern symbolhaften – Angriffes auf die 'Twin Towers' von der Fernsehbildern gesteuert" (S. 9) und nach Verfahren künstlerischer Reaktionen gefragt.

Bei der Beantwortung der im Vorwort gestellten Forschungsfrage differenziert der Band unterschiedliche Medien und damit Darstellungspotentiale, die in jeweils einer Sektion behandelt werden. Die erste Sektion Literarisierungen widmet sich dem Verhältnis von Literatur und 9/11 am Beispiel US-amerikanischer und deutscher Texte. Anhand der Analyse deutscher Erzählprosa, fiktiver Tagebuchberichte, dem Vergleich deutscher und US-amerikanischer Gedichte sowie bekannter US-amerikanischer 9/11-Romane richten die Beiträge das Augenmerk auf unterschiedliche Genres und verweisen auf das breite Spektrum literarischer Verfahrensweisen. Als wesentlicher Unterschied zwischen der deutschen und der US-amerikanischen Literatur wird der unterschiedliche Betroffenheitsgrad ausgewiesen, indem sich die US-amerikanische Literatur zuerst als Trauerinstanz und Erinnerungsmedium angesichts eines nationalen Traumas formiert, wohingegen die deutsche Literatur verstärkt als Reflektionsmedium erscheint.
Die zweite Sektion Inszenierungen umfasst Beiträge zum deutschen und US-amerikanischen Theater und Popmusik. Der bereits hier angesichts des Theaters wichtige Topos der Sichtbarkeit/Unsichtbarkeit wird in der abschließenden Sektion Visualisierungen ausgiebig ausgefächert und 9/11 als Bildkomplex mit unterschiedlichen (audio-)visuellen Medien (Spielfim, Dokumentarfilm, Fotografie, Architektur, Comic) und ikonographischen Referenzen nachgegangen.

Insgesamt liegt mit Nine Eleven: Ästhetische Verarbeitungen des 11. September 2001 ein aktueller und ausgezeichneter Sammelband mit zudem vielen (leider oft relativ kleinformatigen) Abbildungen vor, der vor allem durch seine perspektivische Breite auf hohem Niveau besticht. Eine zusätzliche Bereicherung hätten Beiträge zu künstlerischen Bearbeitungen aus der Perspektive des arabisch-islamischen Kulturkreises dargestellt, die aber auch in anderen Sammelbänden leider kaum zu finden sind. Alles in allem ist dieser Band unverzichtbar für alle, die sich mit den kulturellen Implikationen von 9/11 auseinandersetzen und 2008 dafür nutzen, bevor die nächste Publikationswelle naht.


Ingo Irsigler, Christoph Jürgensen (Hgg.): Nine Eleven: Ästhetische Verarbeitungen des 11. September 2001. Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2008. 410 S., 66 Abb., geb, 35,00 Euro. ISBN: 978-3-8253-5445-9


Inhaltsverzeichnis

Einleitung 9

Teil 1 – Literarisierungen 15
Christoph Deupmann
Ausnahmezustand des Erzählens. Zeit und Ereignis in Ulrich Peltzers Erzählung Bryant Park und anderen Texten über den 11. September 2001 17
Volker Mergenthaler
"Weiter schreiben" nach dem 11. September – Babara Bongartz’, Alban Nikolai Herbsts und Norbert Wehrs "Inzest oder Die Entstehung der Welt" 29
Andrea Payk-Heitmann
Der 11. September im (fiktionalen) Tagebuch: Überlegungen zu Durs Grünbein und Max Goldt 49
Birgit Däwes
"The Obliging Imagination Set Free": Repräsentation der Krise – Krise der Repräsentationen in der U.S.-amerikanischen 9/11-novel 67
Peer Trickle
Der 11. September 2001 in deutschen und US-amerikanischen Gedichten. Eine Sichtung 89

Teil 2 – Inszenierungen 115
Tom Kind
Bleibt alles anders, wird alles gleich. Der 11. September im deutschsprachigen Drama 117
Anneka Esch-van Kan
Der 11. September und das amerikanische Theater 127
MaryAnn Snyder-Körber
Das Leben ins Bild bringen: Einsatz und Erweiterung des Auto/Biographischen in Anne Nelsons Theaterstück The Guys 143
Sascha Seiler
Ashes of American Flags – Die ästhetische Verarbeitung von 9/11 in der Popmusik 167

Teil 3 – Visualisierungen
193
Christer Petersen
Tod als Spektakel: Skizze einer Mediengeschichte des 11. Septembers 195
Johannes Fehrle/Rüdiger Heinze
"Waiting for that other shoe to drop": Der 11. September in Comicbüchern 219
Ingo Irsigler/Christoph Jürgensen
For whom the bell tolls – Nine Eleven im amerikanischen Dokumentar- und Spielfilm 251
Jan Tilman Schwab
Amid the Chaos Extraordinary Choices – Zum Selbstmordmotiv in Filmen und Diskursen über den 11. September 2001 277
Eckhard Pabst
Betroffen aus der Ferne. Reflexe des 11. September 2001 im deutschen fiktionalen Film und Fernsehen 313
Susanne H. Kolter
Architecture Criente: Nine Eleven zwischen Katastrophenästhetik, biblischen Strafgericht und Dekonstruktivismus 345
Martin Raspe
The Falling Man. Der 11. September in der Momentaufnahme 369
Iris Wien
Der 11. September im digitalen Geflecht der Bilder: zu Thomas Ruffs jpegs 389

Die Beiträger diese Bandes 405

"Nothing Will Ever Be the Same" – Seven Years After the Terror Attacks on New York, A New Interdisciplinary Collection of Essays Takes Stock of the Creative Processing of 9/11

Edited by Ingo Irsigler and Christoph Jürgensen, Nine Eleven: Ästhetische Verarbeitungen des 11. September 2001 examines artistic handlings of the events of 9/11 over the course of 17 essays. From an intercultural and interdisciplinary standpoint, the volume investigates literary, audiovisual, and pop culture treatments of the media event "September 11th." Individual chapters scrutinise the specific forms and functions of performances, based on the understanding that literary, visual, and dramatic treatments constitute a cultural processing dynamic. On the whole, these studies of media-specific mechanisms and typologies are demanding and highly relevant; they offer a current appraisal that balances artistic readings and meaning creation in view of an event that has been deemed a cultural caesura.


© bei der Autorin und bei KULT_online