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Eine Kartographie figurativen Wissens

Eine Rezension von Peter Gansen

Konersmann, Ralf (Hg.): Wörterbuch der philosophischen Metaphern. Darmstadt: WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), 2. unveränderte Aufl. 2008 [2007].

Bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erscheint bereits nach einem Jahr die unveränderte zweite Auflage des
Wörterbuchs Philosophischer Metaphern. Der von dem Philosophen Ralf Konersmann herausgegebene Band versammelt 40 Beiträge namhafter Wissenschaftler, die sich jeweils einem oder zwei bedeutenden Sprachbildern widmen. In diesen Analysen wird die Funktion von Metaphern bei der Entfaltung des philosophischen Denkens und Wissens erschlossen und der (wissenschafts)historische Bedeutungswandel bis in die Gegenwart hinein verfolgt. Das Werk vereint Zugänge der Rhetorik, Ästhetik und Wissenschaftstheorie und bietet viele Anschlussmöglichkeiten für die philosophische und kulturwissenschaftliche Forschung. Es ist darüber hinaus ausdrücklich auch an die sprachinteressierte Öffentlichkeit adressiert. 


Die Metaphernforschung boomt. Seit mindestens drei Jahrzehnten steigt die Zahl der Publikationen in den verschiedensten Fachdisziplinen kontinuierlich an, und die Breite der mit Metaphorik befassten Forschungsfelder nimmt stetig zu. Die (Sprach)Philosophie blickt hier auf die längste Tradition zurück. Metapherntheoretiker haben oftmals bewusst metaphorische Beschreibungen verwendet, um die Metapher auf den Begriff zu bringen. Metaphern werden dabei als "radikal" (Cassirer), "lebendig" (Ricoeur), "absolut" und "katalysatorisch" (Blumenberg) bezeichnet; Max Black spricht von starken, von lebenden und toten Metaphern und entfaltet eine Vulkan-Metaphorik, nach der er erloschene, ruhende und aktive Metaphern unterscheidet. Die Metapher wird in verschiedenen Theorieansätzen als Funktionsstörung, Filter, kleiner Mythos, Gedichtminiatur, Text, Kunstwerk uvm. betrachtet. – Ralf Konersmann betont in der Einleitung zum vorliegenden Wörterbuch den Doppelcharakter der Metaphern: Metaphern haben Geschichte und sie erzählen Geschichten; sie seien "Erzählungen, die sich als Einzelwort maskieren".

Der Novitätswert des nun vorliegenden Wörterbuchs Philosophischer Metaphern (WPM) ist offensichtlich: Erstmals werden verschiedene Ansätze und Erkenntnisse der Metaphernforschung lexikalisch erfasst. Der Herausgeber macht einleitend deutlich, dass Metapher und Begriff bzw. Metapherngeschichte und Begriffsgeschichte nicht voneinander zu trennen sind, sondern im "Modus funktionaler Differenz" koexistieren. Die Metapher wird als eine "Figur des Wissens" (S. 8) verstanden. Das genuin philosophische Anliegen der hier betriebenen Metaphernforschung liegt darin zu erläutern, "wie die Begriffe und wie überhaupt jene Formen des Weltbegreifens Kohärenz gewinnen, die in der Summe den Reflexionsraum des theoretischen Weltverhältnisses ausmachen" (S. 13). Konersmann ordnet das WPM folgerichtig in die Tradition der philosophischen Metapherngeschichte/Begriffgeschichte ein – in einen Forschungsansatz also, der mit Hans Blumenbergs Paradigmen zu einer Metaphorologie (1960) seinen Anfang nahm und notwendig mit seinem Namen verbunden ist. Blumenbergs Konzept der 'Unbegrifflichkeit' zielt mit der Frage nach der historischen Genese des Wissens auf die rationalen Vorgriffe, die wissenschaftliche Theorien und Paradigmen(wechsel) ermöglichen. Seine Metaphorologie führt zur Analyse der Substrukturen des Denkens, auf denen sich neue und alte Begriffe und Theorien entfalten. Entsprechend geht es im WPM darum, den "figurativen Bestand philosophischen Denkens" zu repräsentieren (S. 7) und dabei immer auch den sprachlichen, situativen und "kulturellen Kontext [herauszuarbeiten], in der die metaphorische Funktion sich systematisch entfaltet" (S. 18).

Um das Unterfangen eines metaphorologischen Wörterbuchs zu realisieren und zu strukturieren, wurde eine Auswahl besonders einschlägiger Metaphern getroffen, die sich klar identifizieren lassen, die in ihrem kulturellen Einfluss nicht zu übersehen sind und in der Geistesgeschichte der abendländischen 'Bildfeldgemeinschaft' immer wieder vorkommen. Die 40 Lemmata des Wörterbuchs werden als 'Titelmetaphern' verstanden, die nicht nur auf sachgeschichtliche und kulturhistorische Bezüge ausgreifen, sondern die in ihrer Bildlichkeit und Bildlogik auch einen 'imaginativen Raum' entwerfen. Metaphern vermögen unseren Horizont zu öffnen, allerdings nicht in beliebiger Weite und Weise, sondern indem sie dabei unsere 'Redekonsequenzen' strukturieren oder – metaphorisch gesprochen: "Metaphern sind keine Landkarten, sondern legen Richtlinien fest, wie Punkt, Linie und Fläche auf der Landkarte zu verzeichnen sind" (S. 16). Das führt zu umfangreichen Sprachbildern bzw. Bildfeldern wie 'Bauen', 'Bilden', 'Körper', 'Grenze', 'Spur', 'Weg' usw., die eine grundlegende anthropologische Bedeutung haben, vielfältige kulturelle Bezüge aufweisen und an denen sich wissenschaftliche Denkweisen und -traditionen aufzeigen lassen.

Die einzelnen Beiträge sind keine Wörterbuchartikel im herkömmlichen Sinne, sie stellen vielmehr eigenständige 10–20-seitige Untersuchungen zu den einzelnen Titelmetaphern dar, die wissenschaftlich anspruchsvoll, aber überwiegend allgemeinverständlich geschrieben sind. Es liegen hier zum Teil brillante Untersuchungen vor, welche die Relevanz und Erkenntnis aufschließende Bedeutung metaphorologischen Denkens verdeutlichen und vielfältige interdisziplinäre Anschlüsse ermöglichen. Den Einzelstudien liegen offensichtlich keine vereinheitlichenden systematischen oder methodischen Vorgaben zu Grunde. Die Autorinnen und Autoren verschiedener Teil- und Nachbardisziplinen der Philosophie eint allerdings bei aller Unterschiedlichkeit der Gegenstände ein im Wesentlichen hermeneutischer Zugang und eine – mehr oder weniger an Blumenberg geschulte – wissenschaftshistorisch orientierte Metaphernanalyse. Die eigene Perspektive und die eigenen Analysemethoden – sowie deren notwendigen Begrenzungen – werden in den einzelnen Beiträgen allerdings nicht (oder kaum) reflektiert und müssen vom Leser selbst erschlossen werden. Ein Desiderat hinsichtlich der systematischen Konzeption des Buchs soll daher angemerkt werden: Auf die konzise historische und metapherntheoretische Einordnung des Gesamtprojekts im "Vorwort" folgen keine weiteren Positionierungen der Autoren zu den eingangs benannten Problemen und Fragestellungen. – Eine Wiederaufnahme dieser Diskussion bzw. eine entsprechende Verortung in den einzelnen Beiträgen, zumindest in Form kurzer abstracts oder in den Anmerkungen, wäre wünschenswert und eine sinnvolle Ergänzung.

Die formale Gestaltung des Buches mutet etwas altmodisch bzw. sehr fachspezifisch an: Zitationen und Verweise erfolgen durch Fußnoten am Textende; die Literaturhinweise sind nicht alphabetisch, sondern am Text entlang geordnet und sparen die in den Anmerkungen enthaltenen Verweise aus. Diese Anordnung kommt den Lesegewohnheiten vieler Leser nicht entgegen und erschwert weitere Auswertungen und Recherchen. Dafür wird am Ende ein umfangreiches, etwa 1000 Einträge starkes Metaphernverzeichnis geboten – auch dies ein Unikum, das die Vielfalt metaphorischen Denkens im wissenschaftlichen Prozess anschaulich macht und eine gezielte Suche bestimmter Metaphern aus verschiedenen Kontexten erleichtert. Es fehlen allerdings eine Bibliographie und ein Register, das weitere Begriffe oder wenigstens die zitierten Autorennamen ordnet – sicher Formalia, die man von einem (teuren) lexikalischen Werk erwarten kann.

Doch solche formalen Aspekte trüben keineswegs den hervorragenden Gesamteindruck, den das WPM macht. Bei aller Prägnanz der ausgewählten Titelmetaphern kann diese Anthologie angesichts der Dynamik metaphorischer Ausdrucksformen sicher als ein unabgeschlossenes – und unabschließbares – Projekt verstanden werden. Mit der vorliegenden Auswahl ist allerdings eine beeindruckende Standortbestimmung der philosophischen Metaphern und der metaphorologischen Forschung geleistet worden. Hier liegt ein Wörterbuch vor, dem aufgrund seiner Originalität sowie seiner vielfältigen Bezüge und Anschlussmöglichkeiten sicher noch eine Reihe von Auflagen und viel interdisziplinäre Resonanz bevorstehen.


Konersmann, Ralf (Hg.): Wörterbuch der philosophischen Metaphern. Darmstadt: WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), 2. unveränderte Aufl. 2008 [2007]. 571 S., Leinen, 99,90 €. ISBN 978-3-534-18820-8


 Inhaltsverzeichnis

Vorwort: Figuratives Wissen 7
Band, Kette
Christian Strub 23
Bauen
Hannes Böhringer 34
Berg
Hartmut Böhme 46
Bilden
Käte Meyer-Drawe/Egbert Witte 61
Blitz
Alois M. Haas 80
Erde, Grund
Olaf Briese 92
Fließen
Werner Stegmaier 102
Gebären
Christian Begemann 121
Grenze
Rüdiger Zill 135
Hören
Michael Moxter 146
Körper, Organismus
Susanne Lüdemann 168
Kreuz
Winfried Brugger 182
Leben
Christian Bermes 188
Lesen
Olaf Breidbach 195
Licht
Johann Kreuzer 207
Maschine
Bernd Remmele 224
Meer
Michael Makropulus 236
Netz
Christian J. Emden 248
Pflanze
Theda Rehbock/Nele Schneidereit 261
Raum
Werner Köster 274
Reinheit
Dirk Mende 292
Reisen
Christiane Schildknecht 301
Richten
Peter L. Oesterreich 311
Schlafen, Träumen
Thomas Macho 321
Schleier
Patricia Oster 331
Schmecken
Astrid von der Lühe 340
Schweben
Reinhard Look 355
Sehen
Gudrun Schleusner-Eichholz 368
Spiegel
Kristina Kuhn 375
Sprechen
Tilmann Borsche 388
Spur
Thomas Bedorf 401
Stehen
Gerhard Gamm 420
Streiten
Andreas Urs Sommer 432
Theater
Claus Langbehn 443
Tiefe
Thomas Rolf 458
Übergang
Kurt Röttgers 471
Übersicht
Ralf Konersmann 485
Weben, Spinnen
Ellen Harlizius-Klück 498
Weg
Dirk Westerkamp 518
Wohnen
Axel Beelmann 545

Metaphernverzeichnis 559
Abkürzungsverzeichnis 569
Autorenverzeichnis 571

A Cartography of Figurative Knowledge

From the German publishing house Wissenschaftliche Buchgesellschaft comes the second printing in just over a year of the Wörterbuch Philosophischer Metaphern. Edited by philosopher Ralf Konersmann, the dictionary of philosophical metaphors is broken into 40 chapters by notable scholars, who delve into one or two notable metaphors. In each of these analyses, the authors employ the philosophical canon to reveal metaphorical functions, and trace (scientific) historical meaning development through to the present-day. Bringing together approaches from rhetoric, aesthetics, and the philosophy of science, this volume offers many jumping-off points for further research in cultural studies and philosophy. It is also accessible to the general audience interested in linguistics.


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