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Die ‚Zwei Kulturen’ aus der Sicht von Naturwissenschaftlern. Ihre Autobiographien und die Ausdifferenzierung des wissenschaftlichen Systems

Eine Rezension von Stephan Freißmann

Jakobs, Silke: "Selbst wenn ich Schiller sein könnte, wäre ich lieber Einstein": Naturwissenschaftler und ihre Wahrnehmung der "zwei Kulturen". Frankfurt am Main/New York: Campus, 2006 (Campus Forschung 912).

Die vorliegende Dissertation der Chemikerin und Germanistin Silke Jakobs beleuchtet anhand von Autobiographien, die von Naturwissenschaftlern geschrieben wurden, deren Verhältnis zu Geisteswissenschaften und Kunst. Besondere Schwerpunkte liegen dabei auf der historischen Entwicklung der sogenannten Zwei-Kulturen-Debatte seit dem späten 18. Jahrhundert, der Ausdifferenzierung bzw. Entdifferenzierung der wissenschaftlichen Disziplinen, unterschiedlichen Bildungskonzepten sowie auf den Natur- und Kulturvorstellungen von Naturwissenschaftlern. Die Autobiographien werden sozial- und wissenschaftsgeschichtlich interpretiert, wobei ihre narrative Konstruktion weitgehend ausgeblendet bleibt. Das Hauptergebnis der Studie lautet, dass Naturwissenschaftler Geisteswissenschaften und Kunst in der Tat als das 'Andere' betrachten, dass die Einstellungen zu den – konkurrierenden – Geistesswissenschaften und zur Kunst aber sehr unterschiedlich ausfallen. 



Seit die wissenschaftlichen Disziplinen begannen, sich auszudifferenzieren, ist das Verhältnis zwischen den beiden großen Wissenschaftszweigen, Natur- und Geisteswissenschaften, von Konflikten gezeichnet. Aus kulturwissenschaftlicher und wissenschaftstheoretischer Sicht ist die seit C. P. Snows namensgebender Rede von 1959 so genannte 'Zwei-Kulturen-Debatte' bereits ausgiebig kommentiert und diskutiert worden. Nicht zuletzt sind die geisteswissenschaftlichen Disziplinen im Laufe dieser Debatte angesichts vermeintlich mangelnder Anwendbarkeit und einem veränderten Bildungsverständnis zunehmend unter Legitimationsdruck geraten.

Die Autorin Silke Jakobs, die selbst Chemie und Germanistik studiert hat und somit in beiden 'Lagern' beheimatet ist, stellt in der vorliegenden Studie die Frage nach der umgekehrten Sicht der Dinge, nämlich "ob, wann und inwiefern sich der Blick von Naturwissenschaftlern auf die ästhetisch-geisteswissenschaftliche Kultur als Wahrnehmung eines anderen, vom eigenen grundsätzlich unterschiedenen kulturellen Bereiches darstellt." (S. 13)

Um das Ergebnis schon anzudeuten: Naturwissenschaftler betrachten seit der Entstehung der naturwissenschaftlichen Disziplinen die ästhetisch-geisteswissenschaftliche Kultur in der Tat als das 'Andere'. Dabei ergibt sich aber nur zum anderen wissenschaftlichen Lager ein Konkurrenzverhältnis, während die Künste im Leben vieler Naturwissenschaftler eine Rolle spielen, die weit über das bloße Freizeitvergnügen hinausgeht. Je nach Epoche und Persönlichkeit nimmt das Verhältnis zudem unterschiedliche Formen an, etwa wenn Wilhelm Ostwald Kunst als naturwissenschaftlich herstellbares Produkt (S. 136–146) oder Carl Djerassi Literatur als ansprechende Verpackung für naturwissenschaftliche Ergebnisse betrachten (S. 146–152). Stein des Anstoßes in der Debatte war nicht zuletzt die Auseinandersetzung über Bildungsideale (S. 79–112).

Als Zeugnisse, die darüber Auskunft geben, zieht Jakobs veröffentlichte autobiographische Schriften von Naturwissenschaftlern heran, da sie "Autokommunikation und Kommunikation" seien und somit "ein gewisses Maß an Selbstreflexivität" mitbrächten (S. 23). Diese Herangehensweise ist der "Selbstwahrnehmung der Naturwissenschaftler" (S. 18) angemessen, denn deren Autobiographien spiegeln die Komplexität des 'Zwei-Kulturen'-Problems wieder. Damit bieten Autobiographien von Naturwissenschaftlern auch die Möglichkeit, das 'Zwei-Kulturen'-Problem jenseits der Dichotomie zwischen Natur- und Geisteswissenschaften differenzierter zu betrachten.

Methodisch gesehen unterwirft die Autorin die Autobiographien einer sozial- und wissenschaftsgeschichtlichen sowie hermeneutischen Untersuchung (vgl. S. 18), bei der die Primärtexte als Reflexion von und Triebkräfte für größere historische Entwicklungen bzw. als künstlerisch organisierte Untersuchungsgegenstände betrachtet werden. Die zugrunde liegende These ist, dass Naturwissenschaftler-Autobiographien "sowohl Symptom als auch Medium" der (Ent-)Differenzierung sind (S. 20). Vereinzelt greift die Autorin auch auf systemtheoretisches Vokabular zurück, vor allem wenn sie die Entwicklung der wissenschaftlichen Disziplinen darstellt. Die Wahl des Untersuchungsgegenstands entspringt auch dem Erkenntnisinteresse, das Verhältnis einzelner Protagonisten zum (Ent-) Differenzierungsprozess der wissenschaftlichen Disziplinen zu erforschen (vgl. S. 19).

Jakobs beginnt ihre Studie mit einer konzisen Zusammenfassung der Entwicklung der 'zwei Kulturen'. Als einzelne Schritte in der Diskussion identifiziert sie die Entstehung der 'zwei Kulturen' um 1800, die Benennung der 'zwei Kulturen' um 1900, die Problematisierung der 'zwei Kulturen' in der Mitte des 20. Jahrhunderts und die Neureflexion der 'zwei Kulturen' um die gerade zurückliegende Jahrtausendwende. Dieser historischen Übersicht schließt sich im zweiten Teil der Untersuchung eine Diskussion der Aspekte "Bildung", "Kunst" und "Natur" in den Naturwissenschaftler-Autobiographien an. Erörterungen über die Bedeutung des Ästhetischen in der Naturwissenschaft und über die Frage, ob Naturwissenschaft als Kunst betrachtet werden könne, schließen den zweiten Teil ab. Die starre Dichotomie zwischen den zwei Kulturen wird dabei immer wieder aufgebrochen.

Die Studie hat allerdings mit mehreren Schwierigkeiten zu kämpfen. Teilweise liegen diese in der Natur der Sache, werden aber auch dann nicht offensiv genug angegangen. Zunächst geschieht die Einordnung der naturwissenschaftlichen Autoren in den historischen Kontext nur durch eine – zugegeben sehr hilfreiche – Zeittafel am Ende des Buches. Eine systematische Korrelierung mit den historischen Entwicklungsstufen der 'Zwei-Kulturen'-Debatte, wie sie im ersten Teil der Studie so übersichtlich dargestellt wurden, unterbleibt allerdings auch dort. Diese Unklarheit des historischen Zusammenhangs wird durch den verwendeten Zitierstil unterstützt, in dem keine Erscheinungsjahre im Text erwähnt werden. So wird die historische Situiertheit der Autobiographien vor dem jeweiligen Ideenhintergrund – eben ihre Position als Symptom und Medium – nicht in wünschenswerter Weise deutlich. Dadurch ist die Entwicklung naturwissenschaftlicher Positionen zur anderen 'Kultur', vor allem von Lesern, die nicht mit der Geschichte von Physik oder Chemie vertraut sind, schwer nachvollziehbar. Hier scheint die Autorin gewissermaßen die Tücken der zwei Kulturen zu unterschätzen.

Darüber hinaus werden die Autobiographien kaum literaturwissenschaftlich bearbeitet, sondern im Gegenteil streckenweise sehr wörtlich gelesen und nur selten kritisch hinterfragt – eine Tatsache, die beim Leser den Eindruck hinterlässt, die Geisteswissenschaften mit ihren genuinen Methoden und Leistungen würden hier nur wenig selbstbewusst vertreten. Sehr gut gelungen ist hingegen die kritische Reflexion von Wilhelm Ostwalds Kunstverständnis (Kap. III 2.2.1), im Zuge derer die Autorin Ostwalds Autobiographie Lebenslinien ausführlich und sehr pointiert erörtert.

Wünschenswert wäre insgesamt eine stärkere Auseinandersetzung mit dem hohen Anteil an narrativer Konstruktion in Autobiographien gewesen, die größtenteils erst nach dem Ende der aktiven wissenschaftlichen Laufbahn oder nach einschneidenden Erlebnissen wie schweren Krankheiten verfasst wurden (vgl. S. 119). Schließlich hätte es einen direkteren Zugang zum Gegenstand ermöglicht und die Argumentation überzeugender gestaltet, wenn die Autorin weniger indirekt zitiert hätte – beispielsweise auf Goethes Bildungsverständnis wird mehrmals aus zweiter Hand Bezug genommen (vgl. S. 111).

Ein Teil dieser Schwierigkeiten liegt zwar in der Natur des Gegenstandes begründet, wie zum Beispiel in der Unschärfe des Begriffs der 'Zwei Kulturen', der sich, je nach Definition, auf Geisteswissenschaften oder die Künste beziehen kann. Die Autorin bietet aber keine trennscharfe begriffliche Lösung dieses Problems, sondern folgt vielfach der Vermischung von Geisteswissenschaften und Kunst, wie sie in den Autobiographien der Naturwissenschaftler vorkommen (S. 19). Auch die Anforderungen eines großen Verlages haben durch Kürzungen ihre Spuren hinterlassen, die teilweise dann erkennbar werden, wenn in den Fußnoten weiter auf denselben Autor Bezug genommen wird, obwohl aus dem Fließtext hervorgeht, dass inzwischen ein anderer Autor zitiert wird. In der Diskussion um das Verhältnis von Geistes- und Naturwissenschaften hat die Autorin aber dennoch einen Weg gefunden, die kulturtheoretische Erörterung des Themas zu ergänzen und einen Blick auf die 'andere Seite' zu werfen. Silke Jakobs' Untersuchung der naturwissenschaftlichen Perspektive auf die 'Zwei Kulturen' leistet in diesem Sinne Pionierarbeit zu mehr gegenseitigem Verständnis in der Debatte.


Jakobs, Silke: "Selbst wenn ich Schiller sein könnte, wäre ich lieber Einstein": Naturwissenschaftler und ihre Wahrnehmung der "zwei Kulturen". Frankfurt am Main/New York: Campus, 2006 (Campus Forschung 912). 234 S., kart., 29,90€. ISBN-13: 978-3-593-38205-0



Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung 9

I. Einleitung 11
1. Zum Verhältnis von Naturwissenschaft und Kunst – systematische und methodische Aspekte 13
2. Zum Aufbau der Studie 21
3. Zur Auswahl der autobiographischen Texte 23

II. Erster Teil: Die Entwicklung der ›zwei Kulturen‹ 27
1. Um 1800: Das Konzept der ›zwei Kulturen‹ entsteht 31
1.1 Die Ausdifferenzierung des wissenschaftlichen Systems 32
1.2 Ausdifferenzierung und Autobiographie 36
1.3 Ausdifferenzierung – Entdifferenzierung 38
1.4 Zur Bedeutung der Geniedebatte 40
2. Um 1900: Die ›zwei Kulturen‹ werden benannt 43
2.1 Ausdifferenzierung 43
2.2 Selbstwahrnehmung und Wahrnehmung der Geisteswissenschaften 47
2.3 Entdifferenzierung 50
3. Mitte des 20. Jahrhunderts: Die ›zwei Kulturen‹ werden problematisiert 55
3.1 Die ›zwei Kulturen‹-Debatte 55
3.2 Aspekte der Debatte in den Texten der Naturwissenschaftler 59
4. Um 2000: Die Vorstellung von den ›zwei Kulturen‹ wird reflektiert und neu bewertet 64
4.1 Zum gegenwärtigen Stand der Debatte 64
4.2 Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften. 70
4.3 Naturwissenschaften und Kunst 73

III. Zweiter Teil: Wahrnehmung von Kultur 77
1. Bildung 79
1.1 Auseinandersetzung mit dem humanistischen Bildungsideal 81
1.1.1 Kritik am humanistischen Gymnasium um 1900 84
1.1.2 Voraussetzungen und Grundlagen der Bildungskritik 90
1.1.3 Veränderte Bedingungen: Mitte des 20. Jahrhunderts 97
1.2 Zum Verhältnis von ›naturwissenschaftlicher‹ zu ›historisch-philologischer‹ Bildung: Bildungskonzeption 102
1.2.1 Wertigkeiten 103
1.2.2 Humanistische Bildung als Grundlage für die Naturwissenschaften 107
1.2.3 Universalbildung 108
2. Kunst 113
2.1 Die Autobiographien als Literatur 114
2.1.1 Die ›Gelehrtenautobiographie‹ 116
2.1.2 Motivation des Schreibens 119
2.1.3 Gestaltung – Gestalterwartung 128
2.2 Wahrnehmung und Konzeption von Kunst 135
2.2.1 Kunst als Forschungsgegenstand und ›Produkt‹ der (Natur)wissenschaften – Wilhelm Ostwalds ›Kalik‹ 136
2.2.2 Kunst als ›Vehikel‹ und ›Verpackung‹: Lehrdichtung und Carl Djerassis Konzept der ›Science-in-Fiction‹ 146
2.2.3 Kunst als ›Kompensation‹ von Naturwissenschaft? 153
3. Natur 158 3.1 Natur und Kultur 159
3.1 Natur und Naturwissenschaft als Machtdiskurs 164
4. Die Bedeutung des Ästhetischen und der ästhetischen Erfahrung in den Naturwissenschaften 168
4.1 Ausdifferenzierung und ästhetische Erfahrung 169
4.2 Ästhetische Wahrnehmung und Erfahrung in der naturwissenschaftlichen Forschung 171
4.2.1 Ästhetische Erfahrung als Inspiration bei der Problemfindung 172
4.2.2 Ästhetische Wahrnehmung der Ergebnisse 176
4.2.3 Ästhetische Erwartung und Erfahrung im Forschungsprozeß 183
5. Naturwissenschaft als Kunst? 193
5.1 Naturwissenschaft als Kunst: Gemeinsamkeiten 194
5.2 Unterschiede 198
5.3 Komplementarität von Naturwissenschaft und Kunst 201

IV. Zusammenfassung 207

V. Anhang: Übersicht zu den Naturwissenschaftlern 211

VI. Literaturverzeichnis 213
1. Quellen: Autobiographische und weitere Texte von Naturwissenschaftlern 213
2. Weiterführende Literatur 216

The "Two Cultures" from a Natural Science Perspective: Scientists' Autobiographies and the Differentiation of the Scientific System

This dissertation by chemist and German scholar Silke Jakobs uses natural scientists' autobiographies to illuminate their relationship to the social sciences and art, placing particular emphasis on the historical development of the so-called "two culture" debate since the late 18th century, the differentiation or, rather, integration of the scientific disciplines, various education concepts, and natural scientists' notions of nature and art. The autobiographies are interpreted with regard to social and scientific history, largely ignoring narrative construction. The primary finding is that natural scientists do, in fact, view both the social sciences and art as "other," but that their attitudes to these two (competing) fields differ markedly.


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