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Autobiographietheorie zwischen Literatur- und Geschichtswissenschaft

Eine Rezension von Arvi Sepp (Antwerpen)

Schabacher, Gabriele: Topik der Referenz. Theorie der Autobiographie, die Funktion 'Gattung' und Roland Barthes' Über mich selbst. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2007.

Die Gattung Autobiographie, so die Hauptthese Gabriele Schabachers in Topik der Referenz, lässt die gängigen referentiellen Zuordnungskategorien 'Fakt' und 'Fiktion' als überprüfungsbedürftig erscheinen. Dementsprechend zeichnet sich das Genre durch seine grundsätzliche disziplinäre Doppeladressierbarkeit von Literatur- und Geschichtswissenschaft aus. Neben theoretischen Überlegungen zur Autobiographie sowie zur Funktion der Gattung im Literatursystem belegt die Autorin, inwiefern Roland Barthes' 'Anti-Autobiographie' alle gattungsspezifischen Topoi der Wahrheit, des Autors, des Ichs, der Einheit – bestätigend oder aber negierend – verhandelt. Wie die Verfasserin aufzeigt, handelt es sich bei der autobiographietheoretischen Fakt/Fiktions-Frage um ein gattungsinhärentes und -konstitutives Spannungsverhältnis, das jeder Autobiographie eingeschrieben ist. 


Mit der überarbeiteten Fassung ihrer 2004 approbierten Kölner Dissertation legt Gabriele Schabacher ein ambitioniertes Werk vor, das ein dichtes Gesamtbild der aktuellen Autobiographie- und Barthes-Forschung bietet. Die Autobiographie wird in der Gattungsforschung des Öfteren unter dem Maßstab historischer Verifizierbarkeit beobachtet und daraufhin auf ihre Referentialität und ihren Wahrheitsanspruch eingegrenzt. Die Autorin setzt es sich mithin zum Ziel, der Autobiographietheorie ein Korrektiv für die oftmals postulierte Verabsolutierung der Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion zu bieten.

Die entsprechende Argumentation in ihrem Buch erfolgt in drei Schritten. Der erste Teil der Arbeit – "Referenzen: Zwischen Geschichte und Literatur" – bildet die theoretische Hinführung zu dem Kernbereich der Studie: Die Diskussion um die Gattungsfrage der Autobiographie macht das Problem von Faktizität und Fiktion sichtbar und rückt den disziplinären Konflikt zwischen Literatur- und Geschichtswissenschaft in den Mittelpunkt. Die Gültigkeit dieses wissenschaftlichen Grenzkonflikts soll aber kritisch hinterfragt werden, da die Gattung 'Autobiographie' ständig zwischen Wahrheit und Dichtung osziliiert – dieses Spannungsverhältnis sei eines ihrer fundamentalen Gattungsmerkmale. Sie zeichnet sich demzufolge auf theoretischer Ebene durch ihre grundsätzliche Doppeladressierbarkeit durch beide besagten Disziplinen aus. Vor diesem Hintergrund hebt die Autorin hervor, "dass gerade die Unterscheidung von Faktizität/Fiktion konstitutiv für Konstruktion und Zurechnung dessen ist, was in der Forschung zumeist merkmalsbezogen als die Gattung 'Autobiographie' firmiert" (S. 107).

Mit dem zweiten Teil ihrer Arbeit – "Autobiographie und Gattung" – macht Schabacher in einer Serie von vier Kapiteln zur literaturwissenschaftlichen Autobiographieforschung die Reichweite unterschiedlicher Herangehensweisen an die Gattungsthematik sichtbar. Sie bietet in diesem Rahmen eine gattungsgeschichtliche Übersicht autobiographietheoretischer Ansätze von 1900 bis in die 1990er Jahre. Die Verfasserin geht der Frage nach, wie das Genre objektgerecht definiert und vom Roman differenziert werden könne. Gelungen verdeutlicht Schabacher die Vielförmigkeit der Autobiographie in Abgrenzung zu benachbarten Genres wie Tagebuch, Brief oder Biographie. Besonders wertvoll ist das vierte Kapitel von Teil II ("Verifikationen – der Tatsachentest"), in dem die Autorin an der Shoah-Autobiographik und am Fall Willkomirski im Besonderen die Problematik der Unentscheidbarkeit von Faktizität und Fiktion aufzeigt. Am Beispiel der gefälschten Holocaust-Autobiographie Binjamin Wilkomirskis veranschaulicht Schabacher die zentrale These, dass "[d]ie Inszenierung und Frage nach der Unentscheidbarkeit bzw. Entscheidung von Faktizität/Fiktion [...] selbst als 'Gattungsmarkierung' der Autobiographie zu verstehen" ist (S. 181).

An die beiden ersten Teile schließt sich nun als Herzstück der Studie die Analyse von Roland Barthes' Autobiographie Über mich selbst an. Diese nimmt in nachhaltiger Weise auf die skizzierte Autobiographietheorie Bezug und zeichnet das Funktionieren des Gattungsmodells im Sinne einer 'Topik der Referenz' nach: Wie an Barthes' Werk überzeugend aufgezeigt wird, handelt es sich keineswegs um eine referentielle Ontologie, sondern vielmehr um ein gattungsinhärentes Spannungsverhältnis, das jeder Autobiographie eingeschrieben ist. Besonders das Konzept der 'A-Topik' bzw. der 'Anti-Autobiographie' wird in diesem Teil näher untersucht: Barthes' Text rekurriert ex negativo auf gattungstheoretische Merkmale der Gattungsnorm, indem die extratextuelle Referenz nie ontologisch erfüllt wird. Die Untersuchung geht dabei auf das Text-Bild-Verhältnis in Roland Barthes' Über mich selbst ein, das sich grundlegend für die Gesamtstruktur des Buches erweist. Die Referentialisierung des Textes wird ständig durch diese eingefügten Bilder unterlaufen: Die Bilder von Karteikarten bis hin zu Familienfotos und Zeichnungen subvertieren "durch ihr spezifisches Arrangement im Text den [...] Status als Dokument." (S. 237) Im dritten Kapitel zeichnet die Autorin eindrücklich nach, wie einzelne Merkmale auf textueller Ebene funktionieren: die verschiedenen Personalpronomina problematisieren die vermeintliche Einheit und Zentralität des Ich in der Autobiographie, indem sie eine aufgespaltene Fokalisierung beabsichtigen. Ein Abbildungsanhang mit Bildern aus Barthes' Über mich selbst und ein umfangreiches Literaturverzeichnis runden den Band ab.

Gabriele Schabachers Topik der Referenz stellt eine solide und strikt an ihrem Leitgedanken orientierte Untersuchung dar. Das Buch verfolgt sein Anliegen auf eine besonders produktive und anregende Weise. Die Argumentation ist stets anschaulich und nachvollziehbar dank wegweisender Leserlenkung und regelmäßigen Wiederholungen und Zusammenfassungen. Neben der umfassenden Zusammenschau älterer Studien bietet der Band neue Erkenntnisse und entwickelt innovative Deutungsmodelle, die von dem Bemühen zeugen, Geschichts- und Literaturwissenschaft einander weiter anzunähern und einer binaristischen Fakt-Fiktions-Falle konsequent zu entgehen. Schabachers Arbeit gibt – trotz der streckenweisen Theorielastigkeit – anregende Denkanstöße, die für die Autobiographieforschung weiterführend sein können.


Gabriele Schabacher: Topik der Referenz. Theorie der Autobiographie, die Funktion 'Gattung' und Roland Barthes' Über mich selbst. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2007. (Studien zur Kulturpoetik, Band 7) 412 S., geb., 58 €. ISBN 978-3-8260-3160-1


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

TEIL I REFERENZEN: ZWISCHEN GESCHICHTE UND LITERATUR
1. Fiktionalisierung der Historie
1.1 Narrativität der Historiographie
1.2 Disziplinierung der Tropologie
2. Unterscheiden: Faktizität/Fiktion
2.1 Begriffsgeschichte von Fiktion: Erfindung, Darstellung, Hypothese
2.2 Fiktionstheorien – textuell, semantisch, pragmatisch
2.3 Faktizitat – Wirklichkeiten and Tatsachen
3. 'Historifizierung' der Literatur
3.1 Historischer Roman
3.2 Historiographie Metafiction
3.3 Ego-Dokumente

TEIL II AUTOBIOGRAPHIE UND GATTUNG
1. Gattungsgeschichten
1.1 Autobiographie als Dokument (1900-1920)
1.2 Autobiographie als Kunstwerk (1950er-Jahre)
1.3 Autobiographie als Gattung (1970er-Jahre)
1.4 Autobiographie als Text and kulturelle Performanz (1980er- and 1990er-Jahre)
2. Systematische Rasterungen: 'Die eigentliche Autobiographie‘'
2.1 Definitionen, Merkmale
2.2 Grenzen gegenüber nicht-fiktionalen Formen
2.3 Autobiographie versus Roman
3. Die Funktion 'Gattung'
3.1 Die Zuschreibungsoperation der Gattungstheorie
3.2 Autobiographisches Tier und rhetorisch normierte Zweckform
3.3 fact/fiction? als Gattungsmarker
4. Verifikationen - der Tatsachentest
4.1 Shoah-Autobiographik
4.2 Der Fall Wilkomirski
4.3 Wahrheitsproben

TEIL III ÜBER MICH SELBST – DIE AUTOBIOGRAPHIETHEORIE ROLAND BARTHES'
1. Positionierungen
1.1 Rezeptionsfiguren
1.1.1 Das Gesamtwerk: Die Zahlbarkeit Barthes’'
1.1.2 Über mich selbst: Programmatische Perspektiven
1.2 'Schreibweise' als rhetorisches Verfahren
1.2.1 Selbst-Zitate als Intertext
1.2.2 "Das Kotelett" – Der Körper als Referenz
1.2.3 Textoperatoren und 'Atopik'
2. Text and Bild – Zweiteilungen des Buches
2.1 Bilder der Schrift
2.1.1 Grenzen der Text-Bild-Theorie
2.1.2 Typo-Graphien and Passepartouts
2.2 Imaginarien
2.2.1 Imaginär-Symbolisch-Real (Lacan)
2.2.2 Imaginarium des Schreibens and der Bilder
2.3 Temporaldimensionen
2.3.1 Das fotografierte Spiegelstadium - erinnerte Identität
2.3.2 Méconnaissance – "Wo ist Ihr Wahrheitskörper?"
3. Topoi der Autobiographietheorie
3.1 Fragmente - die Logik des Zwischenraums
3.1.1 Verfahren des Fragmentarischen
3.1.2 "Das Monster der Totalität"
3.2 Alphabetische Ordnung – die Listen der Buchstaben
3.2.1 Regel, Bruch and Miniaturen des Alphabets
3.2.2 Un-/Ordnung – das 'Löschen der Herkunft'
3.3 Pronomen – polyperspektivische Adressierungen
3.3.1 Personae and Shifter
3.3.2 Intra- and interpronominale Perspektivierung
3.4 'Vorsatz' und Titel – parergonale Strukturen
3.4.1 Das Epigraph
3.4.2 roland BARTHES par roland barthes

Fazit: Topik der Referenz

Abbildungen
Literaturverzeichnis

Theories of Autobiography, Neither Literary Nor Historical

According to author Gabriele Schabachers, autobiographies reveal the standard referential categories of "fact" and "fiction" to be lacking, and in need of revision. The autobiographical genre is distinguished by being "doubly relevant" for both literary and historical studies. Next to theoretical considerations of the autobiography and its function in the literary system, Schabachers applies genre-specific topics of truth, authorship, self, and unity to Roland Barthes' "anti-autobiography." She demonstrates how the theoretical question of fact vs. fiction is, in fact, a give-and-take relationship inherent in every autobiographical work.


© beim Autor und bei KULT_online