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Artikelaktionen

Von der Lehrer- zur Lernerzentrierung

Eine Rezension von Dr. Anita Rösch

Wehr, Silke; Ertel, Helmut (Hg.): Aufbruch in der Hochschullehre. Kompetenzen und Lernende im Zentrum. Beiträge aus der hochschuldidaktischen Praxis. Bern/Stuttgart/Wien: Haupt, 2007.

Der von Silke Wehr und Helmut Ertel herausgegebene Sammelband Aufbruch in der Hochschullehre vereint unterschiedliche Beiträge aus der hochschuldidaktischen Praxis. Dokumentiert werden Projekte aus einem Weiterbildungsstudiengang Hochschuldidaktik an der Universität Bern, die in ihrer Breite und Vielfalt auch auf andere Universitäten übertragbar sind. Die Projekte sind Reaktionen auf die durch den Bologna-Prozess erforderlichen Modifikationen in der Hochschullehre. Grundlegende Überlegungen werden durch Praxisberichte aus unterschiedlichen Fachbereichen und verschiedene Aspekte des Lehr-Lern-Prozesses von der Planung über die Durchführung bis zur Prüfung veranschaulicht. 


Am 19. Juni 1999 verabschiedeten die europäischen Bildungsminister die ‚Erklärung zum Europäischen Hochschulraum‘. Ziel war neben der Kompatibilität und Vergleichbarkeit der Hochschulabschlüsse eine größere, am europäischen Arbeitsmarkt orientierte Effizienz der Studiengänge. Die Herausforderungen, die sich aus dem Bologna-Prozess für die Hochschullehre ergeben, erläutern die Herausgeber des Bandes Aufbruch in der Hochschullehre in dem einleitenden Beitrag "Bolognagerechter Hochschulunterricht", der zugleich den Rahmen für die folgenden Beiträge absteckt. Die Bologna-Reform hat die Hochschulen vor die Aufgabe gestellt, ihre Abschlüsse an den späteren beruflichen Tätigkeiten der Absolventinnen und Absolventen auszurichten und diesen die Möglichkeit zu geben, die dafür erforderlichen Kompetenzen im Studium zu erwerben. Die Autoren machen deutlich, dass die vor diesem Hintergrund geforderte verstärkte Lerner- und Kompetenzorientierung die Abkehr von alten, vorwiegend dozentenorientierten Vermittlungsformen hin zu mehr Anwendung und Transfer und den Übergang von einer großen Passivität und Rezeptivität der Lernenden hin zu einer größeren Aktivität und Selbstverantwortung bedeuten. Daraus erwachsen vielfältige Herausforderungen für die Universitäten als Organisatoren der Lernprozesse ebenso wie für die Lehrenden und die Lernenden selbst. Gefordert ist, so Silke Wehr und Helmut Ertel, eine veränderte Ausrichtung der Strukturen in drei Bereichen: Betroffen sind Lehre, Betreuung und Beratung ebenso wie Leistungsnachweise, Prüfungen und Abschlüsse und nicht zuletzt das angeleitete und eigenständige Selbststudium der Lernenden. Aus diesen drei Themenfeldern rekrutieren sich die Praxisbeispiele der folgenden Beiträge. Decken die Aufsätze auch ein breites Spektrum hochschuldidaktisch relevanter Themenfelder ab, vermisst der Leser/die Leserin doch einen konkreten Rahmen, in den die Texte eingeordnet werden können. So bleibt offen, ob und inwiefern die Praxisbeiträge als exemplarisch für bestimmte Disziplinen oder Veranstaltungsformen gelten können.

Aus der mangelnden Erfahrung der Dozenten mit den sich aus der Bologna-Refom ergebenden neuen Anforderungen an die Lehre erwuchs der Weiterbildungsstudiengang Hochschuldidaktik, dessen Curriculums- und Kurskonzeption Thomas Tribelhorn im ersten Praxisbeitrag darlegt. Die Weiterbildungsmaßnahme zeichnet sich durch Problem- und Teilnehmerorientierung aus, ist ihr Konzept doch von konkreten Problemsituationen aus der Vermittlungspraxis abgeleitet. In seinem theoretisch fundierten Beitrag stellt Tribelhorn, ausgehend von Ansätzen der Lehr-Lern-Theorie zum ‚Trägen Wissen’, d.h. zur unzureichenden Anwendung theoretischer Kenntnisse in der Praxis, und zur Kompetenzorientierung, den fallbasierten Ansatz der Weiterbildung an der Universität Bern vor. Den Ausgangspunkt bildet die Arbeit mit so genannten ‚Knacknüssen’, d.h. mit Kernproblemen der Hochschullehre. Tribelhorn zeigt verschiedene konzeptionelle und methodische Wege auf, dieses praxisbezogene Lernen didaktisch zu verorten. Transfer- und Supervisionsgruppen, kollegiale Fallberatung und blended learning-Szenarien, d.h. internetbasierte Diskussionsforen, werden in ihren grundsätzlichen Möglichkeiten dargestellt. Damit bietet dieser Beitrag durch seine Theorie-Praxis-Vernetzung einen Fundus an Ideen, (hochschul-)didaktische Konzepte auch an anderen Weiterbildungseinrichtzungen bzw. Universitäten und auf konkrete Zielgruppen zugeschnitten zu entwickeln.


Die sich anschließenden Beiträge zeigen Umsetzungsmöglichkeiten lernerzentrierter Seminarkonzeptionen in verschiedenen Teildisziplinen und auf unterschiedlichen konzeptionellen Ebenen.
Florica Marian stellt im ersten Beitrag ein an Forschung orientiertes Promotionsstudium in komplementärer Medizin vor. In diesem kompakten, aus sehr vielen, leider kaum erläuterten Tabellen und Übersichten bestehenden Aufsatz fällt vor allem die große Variabilität an Leistungsnachweisen und Prüfungen ins Auge, mit denen Teile des Studiums abgeschlossen werden. Diese zeichnen sich, gemessen an den vermittelten Inhalten, durch große Praxisnähe und Berufsorientierung aus. Die geringen Erläuterungen erschweren eine Übertragbarkeit des Ansatzes auf andere Fachbereiche allerdings.

Paul Kleiner berichtet von der Ausbildung sozial-diakonischer Mitarbeiter. Ausgehend von konkreten berufsbezogenen Kompetenzen zeigt Kleiner, wie er Fallbeispiele aus dem Berufsalltag der Teilnehmer ableitet und diesen kompetenzorientierte Lernziele, Fachwissen, Methoden und Prüfungsformen als Möglichkeit, Selbst- und Sozialkompetenzen zu fördern, zuordnet. Durch die detaillierte Darstellung des planerischen Vorgehens ist dieser Beitrag gut auf andere Veranstaltungen übertragbar, in denen fallbasiert gearbeitet werden kann.

Nur bedingt in anderen Disziplinen umsetzbar erscheint der Beitrag von Christian R. Raschle. Er beschreibt Textarbeit und Quellenkritik im Fach Alte Geschichte anhand einer Methode, durch die Inhalte mit symbolhaften Gegenständen dreidimensional abgebildet werden können. Vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen stellt der Autor die Methode vor und reflektiert ihre Einsatzmöglichkeiten kritisch. Er zeigt, dass Textarbeit in Seminaren kreativ, handlungsorientiert und innovativ verlaufen kann.

Fraukje M. Brouwer stellt in ihrem Beitrag ein geologisches Praktikum vor. Nach eher negativen Erfahrungen mit deduktiven Verfahren, die zwar zeitlich effektiv und für große Lerngruppen und wenig Personal handhabbar sind, beschreibt sie die Methode des Gruppenpuzzles, die es erlaubt, induktive Arbeitsweisen in das Praktikum zu integrieren. Das Gruppenpuzzle ist als Methode des kooperativen Lernens in vielen Fächern und für viele Inhalte einsetzbar.

Einem ganz zentralen Aufgabenfeld der Lehre vor allem in den Geisteswissenschaften widmet sich Birgit Allenbach in ihrem theoretisch fundierten Beitrag zur Betreuung von Seminararbeiten. Ausgehend von einer theoriegeleiteten Reflexion des bisherigen eigenen Vorgehens legt sie dar, wie Seminararbeiten als Trainingsfeld wissenschaftlichen Arbeitens und nicht nur als Leistungsnachweise kooperativ genutzt werden können, und macht damit einen Vorschlag, der auf viele Disziplinen übertragbar ist. In Dreierteams geben sich Studierende gegenseitig Rückmeldungen zu ihren Hausarbeiten. Sie üben sich so zum einen in der Bewertung einer wissenschaftlichen Arbeit, erhalten aber zugleich ein Feedback aus verschiedenen Perspektiven, das sie für die Überarbeitung ihrer Ausführungen nutzen können.

Eine weitere Möglichkeit des kooperativen Lernens stellen Petra Benz und Regula Kunz mit der Arbeitsform des ‚Peer Tutorings’ vor, das eine Möglichkeit bietet, Selbst- und Sozialkompetenzen zu fördern.

In ihrem abschließenden Beitrag dokumentiert Silke Wehr ein zweiteiliges Beurteilungsverfahren aus Gruppen- und Einzelprüfung anhand einer Fallstudie im Studiengang Schulische Heilpädagogik vor dem Hintergrund angestrebter beruflicher Qualifikationen der heilpädagogischen Diagnostik.


Fazit: Insgesamt ist der Band Aufbruch in der Hochschullehre trotz kleiner Schwächen in der etwas unklaren Gesamtkonzeption sehr zu empfehlen. Alle Beiträge sind theoretisch fundiert. Wenn es dabei auch zu einigen Überschneidungen und Redundanzen in der theoretischen Grundlegung kommt, so erhalten die Leser/innen doch neben vielfältigen Anregungen für die Praxis wesentliche Orientierungen über kompetenzorientierte Lehr-Lern-Prozesse. Der Band zeigt das ganze Spektrum kompetenzorientierter Hochschuldidaktik von der Konzeption eines Studiengangs bis zur einzelnen Seminarsitzung, von der Planung eines Seminars bis zur abschließenden Prüfung. Die Beiträge verweisen damit auf die Notwendigkeit, die Kompetenzorientierung in allen Bereichen des Studiums zu verorten. Wenn auch nicht alle Ansätze direkt auf andere Fachbereiche übertragbar scheinen, geben sie doch einen Einblick in die vielfältigen Möglichkeiten, auf konkrete Disziplinen zugeschnittene Curricula und Lehrveranstaltungen inklusive praxisbezogener Leistungsnachweise und Prüfungen zu konzipieren. Hochschullehrende können daher vielfältige Anregungen für die Konzeption eigener lernerorientierter Veranstaltungen aus diesem Band gewinnen. Gleichzeitig machen die Aufsätze jedoch offensichtlich, dass lernerorientierte Lehre oft zwar nachhaltiger und effektiver, aber auch personal- und zeitaufwändiger ist. Damit wird deutlich, dass auch die Hochschulorganisation gefordert ist, durch die Gestaltung der Studiengänge und die Ausstattung mit Ressourcen Kompetenzorientierung zu ermöglichen, soll der Bologna-Prozess konsequent zu Ende geführt werden.


Silke Wehr und Helmut Ertel (Hgg.): Aufbruch in der Hochschullehre. Kompetenzen und Lernende im Zentrum. Beiträge aus der hochschuldidaktischen Praxis. Bern/Stuttgart/Wien: Haupt, 2007. 200 S., kartoniert, 24, 90 €. ISBN 978-3-258-07215-9


Inhaltsverzeichnis


Karl Weber: Vorwort 7
Silke Wehr und Helmut Ertel: Einleitung 9

Kompetenzorientierung und Lernerzentrierung in der Hochschullehre

Helmut Ertel und Silke Wehr: Bolognagerechter Hochschulunterricht 13

Beiträge aus der hochschuldidaktischen Praxis

Thomas Tribelhom: Situiertes Lernen in der Weiterbildung 31
Florica Marian: Kompetenzorientierte Planung eines Curriculums 77
Paul Kleiner: Kompetenzorientierte Konzeption einer Ethik-Veranstaltung 91
Christian R. Raschle: Kooperatives Lernen in der Alten Geschichte 105
Fraukje M. Brouwer: Induktive Lehrmethoden in der Geologie 123
Brigit Allenbach: Seminararbeiten kompetenzorientiert betreuen 135
Petra Benz und Regula Kunz: Peer Tutoring im Zeichen der Bologna-Reform 163
Silke Wehr: Prüfen von Kompetenzen 185

Verzeichnis der Autorinnen und Autoren 199

From Teacher- to Student-Centered in the Classroom

Edited by Silke Wehr and Helmut Ertel, Aufbruch in der Hochschullehre (Getting Startet in Higher-Education Teaching) is a collection of contributions from practical higher education pedagogy. The documented projects are from the University of Bern's further education programme – fully transferable to other universities. The original impetus for these projects was the modifications required by the Bologna Process. Fundamental considerations find practical illustration in field reports, which also demonstrate aspects of the teaching process from the planning stage through to examination.

© bei der Autorin und bei KULT_online