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Vom Comic auf die große Leinwand: Die vielen Gesichter der Superhelden

Eine Rezension von André Hahn

Liptay, Fabienne; Koebner, Thomas (Hg.): Superhelden zwischen Comic und Film. München: Ed. Text und Kritik, 2007.

Der 125 Seiten umfassende Band Superhelden zwischen Comic und Film ist der sechste aus der Reihe Film-Konzepte der edition text + kritik, die von Thomas Koebner und Fabienne Liptay herausgegeben wird. Den sieben Beiträgen leicht divergierender Länge ist eine Einführung zum Thema vorangestellt, in der die Mitherausgeber dieses Bandes, Andreas Friedrich und Andreas Rauscher, zunächst auf den Comic als literarische Gattung sowie seine Entstehung, für die sogar ein konkretes Datum genannt wird, eingehen. Die Absicht dieses Bandes besteht darin, dem Leser einen Überblick über die wichtigsten Comic-Helden und ihre Filmadaptionen aus Hollywood, aber auch aus Hongkong und Japan zu verschaffen. Er versteht sich zudem als Anregung, die in Deutschland bislang stark vernachlässigte film- und kulturwissenschaftliche Forschung des Genres ‚Comic’ weiter voranzutreiben. 


Wer kennt sie nicht? Überlebensgroße Superhelden wie Superman, Batman oder Spiderman, die unermüdlich gegen das Böse kämpfen und aus dem Schatten heraus in ihrer verborgenen Existenz über uns wachen. Ihre ursprüngliche Heimat ist der Comic, doch erfuhren sie eine enorme Steigerung ihrer Popularität durch die zahlreichen Hollywood-Verfilmungen ihrer Abenteuer, die 1978 mit Richard Donners Superman ihren Anfang nahmen.
Konzis und gleichzeitig sehr gut nachvollziehbar wird in dem vorliegenden Band der langsame Aufstieg des Comics und sein zunehmender Erfolg, der plötzlich auch Mainstream-Verlage dazu verleitete, sich näher mit ihm auseinanderzusetzen, erläutert. Der Fokus liegt dabei auf dem Subgenre des Superhelden-Comics. Doch nicht nur jene Art von Comic selbst, sondern speziell dessen Protagonist, nämlich der Superheld, werden hier dem Leser durch Erläuterung seiner wesentlichen Erkennungs-, Verhaltens- und auch Entstehungsmerkmalen nahe gebracht. Eine solche Vorstellung ist notwendig, um später konkreter auf den Begriff des Superhelden einzugehen.

In der Gesamtschau der Beiträge wird dem Leser ein Überblick über die bunte und schillernde Welt jener Superhelden präsentiert, denen der Sprung vom Comic-Heft auf die große Leinwand geglückt ist. Und diese Welt ist vielfältiger, als man zunächst vermuten würde. Wie dieser Band demonstriert, existieren neben den beinahe schon als 'klassisch' zu bezeichnenden Figuren des Superman, Batman oder Spiderman noch eine Vielzahl an weiteren, nicht weniger interessanten Helden. Andreas Rauscher zeigt auf, dass im Gegensatz zu den eskapistischen Figuren des so genannten 'Golden Age' der Comic-Zeit, welches sich in etwa von den 1930ern bis zur Mitte der 1950er Jahre erstreckte, in den anschließenden Jahren primär gebrochene und von der Gesellschaft geächtete (Anti-)Helden wie der monströse Hulk, der Halbvampir Blade oder Hellboy, das rote Höllenwesen mit den abgesägten Hörnern, im Mittelpunkt standen (vgl. S. 52).

Die einzelnen Aufsätze suggerieren, dass es sich sowohl bei den Superhelden-Comics als auch bei deren Verfilmungen um ein primär amerikanisches Phänomen handelt, welches zum Großteil von den beiden Verlagen DC und Marvel geprägt wurde. Deren vielleicht bekannteste Helden heißen Superman (1938) bzw. Spiderman (1962). Auf den ersten Blick sich vielleicht nicht ganz unähnlich, verfügen sie, wie an mehreren Beispielen in den beiden Beiträgen "Der Amerikanische Traum und sein Schatten" und "Stadtneurotiker, Outlaws und Mutanten" anschaulich demonstriert wird, bei näherer Analyse über kaum Berührungspunkte. Während Superman aufgrund seiner außerirdischen Herkunft und seinen von Natur aus übermenschlichen Fähigkeiten von der Gesellschaft entartet ist, handelt es sich bei Spiderman um einen Teenager, der genau wie jeder andere Mensch über Probleme und Ängste verfügt, wodurch dieser Superheld eine Anthropomorphisierung erfährt.
Mit Superman schuf Richard Donner 1978 die erste Comic-Adaption im großen Stil, welche bislang drei Fortsetzungen und ein Remake nach sich zog und als Vorreiter für eine wahre Flut an Superheldenverfilmungen fungierte, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Deren Vielfalt ist entsprechend den Comicvorlagen groß. So zeigt Andreas Friedrich auf, dass besonders die Serie Batman (1966-1968) stilbildend für das Genre wurde, da deren exaltierter Witz und die grelle Optik maßgeblich dafür verantwortlich zeichnen, dass bis heute in der allgemeinen Wahrnehmung eben jene Merkmale als typisch für einen Comic-Film gelten (vgl. S. 36). Interessant daran, so Friedrich, ist die Tatsache, dass der ursprüngliche Comic einen viel düstreren Touch aufwies, den Regisseur Tim Burton mit seinen Verfilmungen Batman (1989) und Batman Returns (1992) auch wieder besonders herausstellte, während die beiden darauf folgenden, von Joel Schumacher verfilmten Adaptionen sich wiederum mehr an der bunten Fernsehserie der 1960er Jahre orientierten.

Der Band expliziert bereits in der Einleitung, dass es sich bei den bisher erwähnten Figuren ausschließlich um Schöpfungen aus Amerika handelt. In Deutschland, Italien, England oder Spanien wurden bisher nur wenige Superhelden kreiert. Gleiches gilt für Hongkong. Ivo Ritzer klärt darüber auf, dass sich Anklänge für Superhelden dort am ehesten noch in den mythologischen wuxia-Geschichten finden lassen. Darunter versteht man eine traditionelle, bis ins 9. Jahrhundert v. Chr. zurückreichende Narrationsform der chinesischen Literatur, welche von galanten Kriegern erzählt, die sich in einer fiktiven romantischen Welt im Konflikt bewähren müssen. In ihrem Kampf für Gerechtigkeit können sie oft auch auf übermenschliche Fähigkeiten in Bezug auf Kampfkunst und Akrobatik zurückgreifen, was in den Verfilmungen durch wire work, das sind spezifische Drahtseiltechniken, umgesetzt wird (vgl. S. 89).
Im Gegensatz zu Hongkong ist der Comic und somit auch der Superheld in Japan eine feste kulturelle Größe. Sehr anschaulich wird von Sascha Koebner die dortige Vorliebe für Mangas und auch den daraus entstehenden Anime nachgezeichnet. Dabei macht Koebner sichtbar, dass es sich bei deren Protagonisten oftmals - trotz ihrer teilweise übermenschlichen Fähigkeiten - nicht um 'reinrassige' Superhelden im eigentlichen Sinne handelt. Es sind gescheiterte Existenzen, die ihre Fähigkeiten ablehnen oder als Bürde betrachten, was eine logische Brücke zu den zuvor angesprochenen amerikanischen Superhelden des Marvel-Universums schlägt (vgl. S. 99) und dem Band als Gesamtwerk zusätzliche Stringenz verleiht.

Der einzige Nachteil des Bandes besteht meiner Meinung nach lediglich darin, dass es im Grunde genommen zum völligen Verständnis vielleicht nicht zwingend notwendig, aber doch zumindest hilfreich ist, die einzelnen besprochenen Verfilmungen der Comics zumindest einmal gesehen zu haben, wobei es sich allerdings um eine altbekannte film- und kulturwissenschaftliche Problematik handelt. Zwar geben sich die einzelnen Autoren größte Mühe, dem Leser den Plot und die jeweils beschriebene Szene des Filmes näher zu bringen, jedoch könnten manche Analysen für den ein oder anderen nicht-vorinformierten Leser trotz Bebilderung ein wenig abstrakt wirken und sich nicht in ihrer Gänze vor dessen innerem Auge entfalten, wenn diese nur eine ungefähre Vorstellung von dem jeweiligen Film und seiner cineastischen Ästhetik besitzen. Dies trifft auf die Verfilmungen aus Hongkong im Besonderen zu, da wohl nur eine Minorität der Europäer mit dieser Art des Filmemachens vertraut und eher an den 'typischen' Hollywood-Blockbuster gewöhnt ist.

Alles in allem dennoch ein sehr gelungener, informativer, anregender und aus diesen Gründen auch hochgradig empfehlenswerter Band über die sowohl bunte als auch gleichsam faszinierende Welt der Superhelden in Comic und Film, welcher zudem mit zahlreichen Bildern und Photos aus beiden Medien unterlegt ist. Neben der offensichtlichen Kompetenz aller Autoren stellen auch der relativ geringe Preis für ein Wissenschaftsbuch und die größtenteils hohe Nachvollziehbarkeit weitere Kaufargumente dar.


Koebner, Thomas und Liptay, Fabienne (Hgg.): Superhelden zwischen Comic und Film. Mithrsg. v. Andreas Friedrich und Andreas Rauscher. München: edition text + kritik in Richard Boorberg Verlag, 2007. 125 S., broschiert, 14 €. ISBN: 978-3-88377-862-4


Inhaltsverzeichnis

Andreas Friedrich und Andreas Raucher
Amazing Adventures. Zur Einführung 3

Michael Gruteser
Magic Marvel Moments 11

Andreas Friedrich
Der Amerikanische Traum und sein Schatten. Superman, Batman und ihre filmischen Metamorphosen 23

Andreas Rauscher
Stadtneurotiker, Outlaws und Mutanten. Das Marvel-Universum im Film 51

Simon Ofenloch
Helden aus der zweiten Reihe. Verfilmungen von Independent-Superhelden-Comics 72

Ivo Ritzer
Wicked City. Superhelden im transnationalen Hongkong-Kino 89

Sascha Koebner
Helden für Jedermann. Heroenvielfalt im japanischen Manga und Anime 97

Bernd Zywietz
Mr. Glas vs. Captain Unzerbrechlich. M. Night Shyamalans Meta-Comic Unbreakable
109

Abstracts 116

Liste der erwähnten Filme 119

Autoren 124

From Comic Strip to the Big Screen: The Many Faces of Popular Superheroes

The 125-page volume Superhelden zwischen Comic und Film (Superheroes Between Comic and Film) is the sixth in a series of critical film studies from e t+k which is edited by Thomas Koebner and Fabienne Liptay. Preceding the seven essays is an introduction by the volume's co-editors, Andreas Friedrich and Andreas Rauscher, which conceptualises the comic as a literary genre complete with date of origin. The purpose of the volume is twofold: to provide an overview of the most important comic heroes and their film adaptations from Hollywood, Hong Kong, and Japan, but also to encourage further study of the comic genre, an area that German film and cultural studies has largely neglected.

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