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Postmoderne Drehungen der Schraube

Eine Rezension von Jörg Hackfurth

Stewart, Neil; Fritz, Jochen (Hgg.): Das schlechte Gewissen der Moderne. Kulturtheorie und Gewaltdarstellung in Literatur und Film nach 1968. Köln, Weimar: Böhlau, 2006.

Der 2006 bei Böhlau erschienene Sammelband Das schlechte Gewissen der Moderne nimmt in zehn Aufsätzen auf unterschiedliche, aber stets auf das Begriffs- und Methodeninventar der Posttheorien rekurrierende Weise das Gewaltphänomen in Film und Literatur der Nachmoderne in den Blick. Es werden medien- und gendertheoretische sowie postfreudianische, postkoloniale und diskursanalytische Ansätze (Foucault, Derrida, Deleuze, Butler, etc.) vornehmlich auf (nord-)amerikanische Horrorfilme angewandt, ebenso werden Exkurse in die russische Literatur (Sorokin), französische Nouvelle Vague (Godard) oder das japanische Extremkino (Miike) unternommen. 


Der im April 2006 von den Bonner Literaturwissenschaftlern Neil Stewart und Jochen Fritz herausgegebene Aufsatzband Das schlechte Gewissen der Moderne ist der Analyse des Gewaltphänomens in (Horror-)Film und Literatur, das man seit 1968 beobachten kann (vgl. hierzu Adam Simons vielbeachteten Dokumentarfilm The American Nightmare), gewidmet, und zwar mittels postmoderner Theoriekonzepte, die als Artefakte derselben Ära in besonderer Weise für einen Zugang geeignet erscheinen: Die bizarren Körpertransformationen eines Cronenberg, die Semiotik der Anthropophagie bei Godard oder Deodato, die BDSM-Ästhetiken in Barkers Books of Blood, die Geschlechterkonstruktionen bei Despentes oder Miike fordern regelrecht - so der Tenor der Einleitung - zu einer Analyse mit Lévi-Strauss, Deleuze, Lacan, McLuhan oder Butler auf.
"Weshalb [...] warten popkulturelle Artefakte der 70er und 80er Jahre mit Motiven auf, die sich wie absichtsvolle Bebilderungen poststrukturalistischer Theoreme ausnehmen?" (S. 15), fragen die Autoren in der Einleitung.
Zu dieser frappierenden Konvergenz von Kulturtheorie und Gewaltdarstellung formulieren Fritz und Stewart die These, dass sich "[d]ie dezidiert anti-metaphysische und latent anti-humanistische, gegen Bedeutung und Interpretation gerichtete Argumentation des Formalismus und seine aggressiv überbietende Fortführung in der poststrukturalistischen Theorie [...] im Zuge der popkulturellen Überschreitung von Kanongrenzen in einer spezifischen Ästhetik [konkretisiert hätten]" (S. 17f.). Fritz und Stewart beschreiben, wie sich einerseits der russische Formalismus der 1920er Jahre kontinuierlich im Poststrukturalismus radikalisierte und sich schließlich in den 1960ern "über alle Maßen aggressiv [gerierte] und dekonstruiert[e], was immer sich noch an metaphysischen Restbeständen finden [ließ]", um dann schließlich Ende der 1980er "versöhnlicher" das ‚Subjekt’ und den ‚Autor’ als Deutungsinstanzen zu rehabilitieren (vgl. S. 17).
Eine analoge Entwicklung hätte, so die Herausgeber weiter, im kulturellen Feld stattgefunden, wo sich die traditionelle Grenze zwischen Hoch- und Trivialkultur sukzessive in einer Popkultur auflöste (vgl. S. 17). Dieser Parallelismus wird von den Autoren in Anknüpfung an den Formalismus gedeutet, wonach die Entwicklung der Kunst sich "auf dem Wege einer ständig wiederholten Verfremdung des Bestehenden" und also durch "dauernde Überbietung" (S. 16) vollziehe.

In den zehn Aufsätzen, die der Band in sich vereint, soll diese "spezifische Ästhetik" (S. 18) in exemplarischen Einzelanalysen auf ihre Charakteristika hin untersucht werden, wobei "[s]trukturalistische Ethnographie und poststrukturalistische Psychoanalyse [...] ebenso ins Blickfeld [rücken] wie Genderforschung, Dekonstruktion, Körperdiskurs und Medientheorie" (S. 18).
So deuten z.B. Tilo Renz und Heike Klippel in Anknüpfung an Judith Butler und Carol Clover Filme wie Baise-Moi (2000), Thelma and Louise (1991) und Eyes of Laura Mars (1978) gendertheoretisch. Lutz-Henning Pietsch betreibt mit Begriffen der postfreudianischen Theorie von Deleuze und Guattari (Anti-Ödipus) Exegese an ausgewählten Kurzgeschichten aus Clive Barkers Books of Blood (1984-85). Und Arno Meteling befasst sich in seinem Beitrag mit der Revolte des Neuen Fleisches im Œuvre des kanadischen Filmemachers David Cronenberg, dessen Werke als alptraumhafte Bebilderungen zeitgenössischer medientheoretischer Diskurse, insbesondere in Hinblick auf die Medientheorien seines Landsmanns Marshall McLuhan, gelesen werden können.
Da der Großteil der Aufsätze aus Das schlechte Gewissen der Moderne Werke des Horrorgenres behandelt, darf man den Sammelband getrost als Beitrag zu den seit einigen Jahren im deutschsprachigen Raum an Auftrieb gewinnenden Horror Studies betrachten.
Der wissenschaftliche Diskurs hat natürlich schon längst das Methodeninventar der Posttheorien für die Analyse des (post-)modernen Horrorfilms entdeckt, weswegen Fritz und Stewart mit ihrem Projekt kein Neuland betreten, sondern sich in den laufenden, derzeit äußerst vitalen Diskurs bloß einreihen. Man denke hier z.B. an Anna Powell Deleuze and Horrorfilm (Edinburgh: Edinburgh UP, 2005), Arno Metelings Dissertation Monster. Zu Körperlichkeit und Medialität im modernen Horrorfilm (Bielefeld: transcript, 2006) und die vielen in Aufsatzbänden erschienenen Artikel. Insbesondere mit dem Tagungsband Splatter Movies ergeben sich thematische Überschneidungen.

Als Einführung in das Thema eignet sich der Band nicht: Die Auswahl der besprochenen Filme und literarischen Werke ist zu disparat und willkürlich - und Hauptwerke des (post-)modernen Gewaltfilms (z.B. von Peckinpah, Corbucci, Argento) bleiben ausgeklammert. Eine profunde Kenntnis der Genregeschichte wird ebenso vorausgesetzt wie Vertrautheit mit den Theorien der Postmoderne. Für jene, die diese Kenntnisse haben, dürften dann zumindest einzelne Aufsätze von Interesse sein.

Jochen Fritz und Neil Stewart (Hgg.): Das schlechte Gewissen der Moderne. Kulturtheorie und Gewaltdarstellung in Literatur und Film nach 1968. Köln: Böhlau, 2006. 303 S., broschiert, € 39,90. ISBN-10: 3-412-32805-7 / ISBN-13: 978-3412328054


Inhaltsverzeichnis

- Jochen Fritz und Neil Stewart: Einleitung: Das schlechte Gewissen der Moderne.
- Volker Pantenburg: Faim de Cinémas. Jean-Luc Godard: hungrig.
- Christian Moser: Kannibalismus als Metapher des Verstehens. Der Horror-Film im Dialog mit der Ethnologie.
- Jochen Fritz: Der Zombie im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.
- Lutz-Henning Pietsch: The Fall of the Empire. Der post-freudianische Körper bei Deleuze / Guattari und in Clive Barkers Books of Blood.
- Arno Meteling: Revolte des Neuen Fleisches. Die Metakörper des David Cronenberg.
- Beate Ochsner: Serial Killer oder: Zum Prinzip der Serialität.
- Tilo Renz: Gewalt weiblicher Figuren als resignifizierendes Sprechen. Thelma und Louise, Baise-moi und Judith Butlers Politik des Performativen.
- Heike Klippel: Das Unwesen. Subjektivität und Geschlechtlichkeit im Horrorfilm.
- Neil Stewart: »Ästhetik des Widerlichen« und »Folterkammer des Wortes«. Die russische Konzeptkunst von Vladimir Sorokin.
- Ansgar Thiele: Ende des Horrors. Diskurse der Gewalt und Sexualität im japanischen Gegenwartskino am Beispiel von Takashi Miike: Audition und Visitor Q.

Post-Modern Turnings of the Screw

Published in 2006, the 10 essays in Das schlechte Gewissen der Moderne (The Bad Conscience of the Modern) use a range of methods firmly grounded in post-modern research to examine themes of violence and their increase in the period's film and literature. Encompassing theories from media and gender studies as well as post-Freudian, post-colonial, and discourse-analytical perspectives, the volume primarily handles (North) American horror films, but also includes forays into Russian literature (Sorokin), the French Nouvelle Vague (Godard), and Japanese extreme cinema (Miike).

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