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Im erinnerungspolitischen Sog

Eine Rezension von Maren Röger

Lotz, Christian: Die Deutung des Verlusts. Erinnerungspolitische Kontroversen im geteilten Deutschland um Flucht, Vertreibung und die Ostgebiete. Köln, Weimar: Böhlau, 2007.

Mit einer Methode, die als argumentations- und konfliktgeschichtliches Vorgehen bezeichnet wird, untersucht Christian Lotz in seiner geschichtswissenschaftlichen Dissertation die Deutungskämpfe um die Vertreibung und die Ostgebiete. Lotz fokussiert dabei das Agieren unterschiedlichster Erinnerungsakteure - von der Landsmannschaft Schlesien bis zum Ministerium für Staatssicherheit - in den ersten Nachkriegsjahrzehnten, von 1948-1972, die er in drei erinnerungspolitische Phasen einteilt. 


Kaum ein Tag verging in den letzten Jahren, an dem das historische Ereignis Flucht und Vertreibung der Deutschen in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit nicht aufgegriffen wurde. Im Anschluss an Günter Grass Roman Im Krebsgang (2002) gewann dabei die These, dass das Thema tabuisiert worden sei, an Einfluss. Auch der Bund der Vertriebenen bedient sich dieses Arguments, um sein Projekt einer Erinnerungsstätte an die deutschen Vertriebenen durchzusetzen.
Christian Lotz weist die heutige Rede von der Tabuisierung als zu pauschalisierend zurück und stellt sich in seiner 2007 erschienenen Dissertation der Frage, "welche Deutung der Geschichte der Ereignisse, d.h. von Flucht, Vertreibung und Aussiedlung, sowie der Geschichte der Ostgebiete zu welcher Zeit eine Deutungshoheit in Ost- und/oder Westdeutschland behaupten konnte" (S. 21). Lotz möchte mit seiner Studie über die Kontroversen um die Vertreibung und die Ostgebiete in den ersten Nachkriegsjahrzehnten, zwischen 1948 und 1972, dann "auch zu einer Versachlichung der laufenden Diskussionen beitragen" (S. X).
Der Frage nach den erinnerungspolitischen Kontroversen nähert sich Lotz über die Untersuchung diverser einflussreicher und höchst unterschiedlicher Organisationen in West- und Ostdeutschland und analysiert, mit welchem Erfolg diese ihre spezifischen Deutungen in die öffentliche Debatte einbringen konnten. Das Spektrum reicht dabei von der Landsmannschaft Schlesien (LS) und der Helmut-von-Gerlach-Gesellschaft (HvGG) (inklusive der Partner- und Nachfolgeorganisationen) über die Evangelische Kirche von Schlesien bis zu staatlichen und staatsparteilichen Organisationen der Erinnerungspolitik im geteilten Deutschland, darunter das Bundesvertriebenenministerium und das Ministerium für Staatssicherheit. An dieser Auswahl wird ersichtlich, dass der Autor nicht nur unterschiedliche Geschichtspolitiken in Ost- und Westdeutschland untersuchen möchte, sondern auch etwas zur Beziehungsgeschichte beizutragen hofft.

Der Hauptteil der Arbeit ist chronologisch in die drei von Lotz ermittelten Debattenphasen - von 1948 bis 1956/57, von 1956 bis Mitte der sechziger Jahre und von Mitte der sechziger Jahre bis 1972 - untergliedert. Dabei sei die erste Zäsur eine scharfe, da sich gerade um die Jahre 1956/57 viele Veränderungen der Debatten ausmachen ließen, während die zweite eher als fließender Übergang zu verstehen ist (S. 263). Im ersten Nachkriegsjahrzehnt beobachtet Lotz in Ost und West eine breite Auseinandersetzung, die sich im Kern um die Ostgrenze drehte. Schärfste Kontrahenten waren die LS mit nationalistischen Deutungen und die HvGG und SED mit Klassenkampf-Lesarten. Vertrat die LS bis zum Jahre 1956 mit der Ablehnung der Ostgrenze und der Deutung der Vertreibung als Unrecht noch einen breiten Konsens, geriet die Organisation in den nächsten Phasen immer stärker ins gesellschaftliche Abseits. Lotz zeigt eindrücklich, wie die zunehmende Politisierung der Erinnerungen durch die beteiligten Akteure zu einer Art "Kurzschluß" (S. 265, Hervorhebung im Original) führte: Die LS stellte jeden, der für die Anerkennung der Ostgrenze warb, als Kommunisten dar; die Gegenseite - vor allem die SED mit ihren Unter- und Partnerorganisationen - jeden als Revisionisten, der Erinnerungen an die deutsche Geschichte jenseits von Oder und Neiße pflegte. Weite Teile der Bevölkerung mischten sich mit zunehmendem zeitlichem Abstand zum Kriegsende immer weniger in dieses politisierte Feld ein und so blieben in erster Linie politisierende Akteure übrig, die dieses Thema der Erinnerungskultur ‚bearbeiteten?.

Vor dem chronologisch gegliederten empirischen Teil setzt sich Lotz in einem ausführlichen einleitenden Kapitel mit Begrifflichkeiten und dem Forschungsstand auseinander und legt die Methoden und Quellen dar. Dabei erfolgt der Einstieg in medias res: Der Autor beginnt direkt mit der Begriffsdebatte - ein inzwischen häufig anzutreffendes Vorgehen bei Studien über die Vertreibung, die mit besonderer Politisierung und Ideologisierung der Termini zu kämpfen haben. Der referierte Forschungsstand bietet einen soliden Überblick über die deutsche und polnische Literaturlage. Darüber hinaus benennt Lotz Forschungsdesiderate und verortet anschließend seine Arbeit knapp, aber gekonnt im engeren und weiteren Forschungskontext von erinnerungskulturellen Studien zur Vertreibung und von deutsch-deutscher Beziehungsgeschichte. Besonders hervorzuheben ist dabei die stete Reflexion des eigenen Vorgehens. So legt Lotz offen, auf welcher inhaltlichen Grundlage er die untersuchten Institutionen auswählt und den Zeitrahmen setzt, verschweigt aber auch forschungsökonomische Gründe dieser Wahl nicht.
Die Darlegung seiner Methode und zugrundeliegender Theorien fällt hingegen kurz aus. Obwohl die Erinnerungspolitik prominent im Titel der Dissertation steht, verweist der Autor in seinem Begriffskapitel lediglich in aller Kürze auf die theoretischen Debatten. Und auch bezüglich der Methode scheint es, als wolle er nicht in Flügelkämpfe verwickelt werden: So arbeitet Lotz meines Erachtens diskursanalytisch, in dem er Argumentationszusammenhänge aufdeckt und das Bemühen und Durchsetzen von Diskurshoheiten aufzeigt. Der Autor erfindet - wohl nicht zuletzt, um die hitzigen Debatten in der Geschichtswissenschaft um die Diskursanalyse zu umgehen - sich eine "[...] Methode, die hier als argumentations- und konfliktgeschichtliches Herangehen bezeichnet werden soll" (S. 26). Auf der einen Seite vergibt Lotz damit die theoretisch-konzeptionelle Chance durch seinen organisationsgeschichtlichen Ansatz Akteure in die Diskursanalyse rückzubinden, auf der anderen Seite ermöglicht es die Entwicklung eines eigenen Vokabulars fernab der dort üblichen Termini. Und hier kommt Lotz zu sehr produktiven Ergebnissen, wenn er beispielsweise von einem "erinnerungspolitische[n] Sog" (S. 206, Hervorhebung im Original) oder einem "Kurzschluß" (S. 265, Hervorhebung im Original) spricht, um die Tatsache zu benennen, dass aufgrund der zunehmend politisierten Erinnerungen nach und nach die meisten Wortmeldungen zu Flucht, Vertreibung und den Ostgebieten in eine Politisierungsspirale gerieten.
Hinsichtlich des Buchaufbaus ist noch positiv hervorzuheben, dass die Studie durch Zusammenfassungen in polnischer und englischer Sprache abgeschlossen wird.

Lotz hat mit seiner Dissertation eine Studie vorgelegt, die grundlegend für alle ist, die sich mit der Erinnerungskultur an Flucht und Vertreibung der Deutschen befassen. Stets transparent und plausibel argumentierend, seziert die Studie die Deutungskämpfe der ersten Nachkriegsjahrzehnte. Damit legt Lotz auch die Präfigurationen der aktuellen Debatte frei. In diesem Sinne ist zu hoffen, dass die Studie über den engen Kreis der Wissenschaft hinaus rezipiert wird und somit den geäußerten Anspruch, zur Versachlichung der Debatten beizutragen, einlösen kann. Die Arbeit ist flüssig und eloquent geschrieben, und durch die konstanten Zwischenresümees kann der Autor den Zerfall der Argumentation in organisationsgeschichtliche Teile, der im Aufbau des Hauptteils angelegt ist, verhindern. Neben den höchst aufschlussreichen empirischen Befunden über das Agieren der einzelnen Organisationen bzw. Institutionen bietet die Studie en passant pointierte Überlegungen zum Verlauf öffentlicher Deutungskämpfe, die durchaus etwas mutiger hätten vertreten werden können.


Lotz, Christian: Die Deutung des Verlusts. Erinnerungspolitische Kontroversen im geteilten Deutschland um Flucht, Vertreibung und die Ostgebiete (1948-1972). Köln/Weimar/Wien: Böhlau, 2007. 327 S., kartoniert, 37,90 Euro. ISBN: 978-3-412-15806-4


 Inhaltsverzeichnis

VORWORT IX

I. EINLEITUNG 1
I. 1. Begriffe 1
I. 2. Forschungsstand 8
I. 3. Fragestellung und Anlage 21
I. 4. Methoden und Quellen 26
I. 5. Vorstellung der untersuchten Organisationen 29
I. 5. 1. Die Landsmannschaft Schlesien im Kontext anderer
Organisationsformen von Vertriebenen (30) - I. 5. 2. Die Helmut-von-
Gerlach-Gesellschaft/ Die Deutsch-Polnische Gesellschaft/
Arbeitsgemeinschaften für deutsch-polnische Freundschaft/ Die
Deutsche Gesellschaft für Kultur- und Wirtschaftsaustausch mit
Polen (35) - I. 5. 3. Die Evangelische Kirche von Schlesien und
die Gemeinschaft evangelischer Schlesier (37) - I. 5. 4. Staatliche
und staatsparteiliche Organisationen: Das Bundesministerium für
Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte (39) - Das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen (40) - Die Agitationsabteilung
des Zentralkomitees der SED (41) - Das Ministerium für Staatssicherheit
(43) - Die SED-Westarbeit (44)
I. 6. Der historische Hintergrund von Flucht und Vertreibung der Deutschen 46

II. DEUTUNG KLÄREN! STELLUNG BEZIEHEN!
(1948 bis 1956/57) 58
II. 1. Die Landsmannschaft Schlesien als Vertretung ‚Schlesiens‘? 62
II. 2. Bewahrung eines ‚Gesamtdeutschen Bewußtseins‘.
Erinnerungspolitische Ziele des Bundesvertriebenenministeriums
und des Gesamtdeutschen Ministeriums 77
II. 3. Die Gerlach-Gesellschaft(en): "Heimat ist dort, wo für den Frieden
gelebt und gearbeitet wird" 84
II. 4. Abwehr von ‚Chauvinisten und Kriegstreibern‘. Die
erinnerungspolitischen Ziele der SED 103
II. 5. Die schlesische evangelische Kirche: Vertreibung als
Gericht Gottes? 111
II. 6. Zwischenbetrachtung 121

III. VERSCHIEBUNG DER KRÄFTEVERHÄLTNISSE
(1956 bis Mitte der sechziger Jahre) 127
III. 1. Die Landsmannschaft Schlesien auf dem Weg ins Abseits 131
III. 2. Wo liegt der Osten Deutschlands? Wachsende Differenzen in den
Zielsetzungen des Vertriebenenministeriums und des
Gesamtdeutschen Ministeriums 151
III. 3. Die Deutsch-Polnische Gesellschaft unter Druck - Die Deutsche
Gesellschaft für Kultur- und Wirtschaftsaustausch mit Polen
im Aufwind 162
III. 4. Unterdrücken und Ausgrenzen. Die Erfolge von SED und
Staatssicherheit gegen selbständige Vertriebenenorganisationen 175
III. 5. Die Evangelische Kirche von Schlesien im Kirchenkampf - Die
Gemeinschaft evangelischer Schlesier im Zwiespalt 186
III. 6. Zwischenbetrachtung 201

IV. POLITISIERUNG UND ISOLATION
(Mitte der sechziger Jahre bis 1972) 209
IV. 1. Die Landsmannschaft Schlesien: "Es führt kein Weg nach
Schlesien um uns herum" 211
IV. 2. ‚Gesamtdeutsch‘ wird ‚innerdeutsch‘. Das Gesamtdeutsche
Ministerium und das Bundesvertriebenenministerium
orientieren sich neu 225
IV. 3. Öffnung und erneute Abkapselung der Deutschen Gesellschaft für
Kultur- und Wirtschaftsaustausch mit Polen - Abwehr der
Bonner Ostpolitik durch die Arbeitsgemeinschaften für
deutsch-polnische Freundschaft 233
IV. 4. Unterschiedslose Propaganda. Die Agitation der SED gegen die
Erinnerungspolitik der Vertriebenenverbände und der
Bundesregierung 240
IV. 5. Die Evangelische Kirche verliert ‚Schlesien‘ 247
IV. 6. Zwischenbetrachtung 257

V. ZUSAMMENFASSUNG 263
STRESZCZENIE 272
SUMMARY 280

VI. VERZEICHNISSE 288
VI. 1. Archivalische Quellen 288
VI. 2. Gedruckte Quellen und zeitgenössiche Veröffentlichungen 289
VI. 3. Literatur 292
VI. 4. Karten 320
VI. 5. Abkürzungen und Zeitschriftensiglen 321

VII. REGISTER 323
VII. 1. Personenregister 323
VII. 2. Ortsregister 326

In the Maelstrom of Political Remembering

Using what he describes as an argumentation- and conflict-historical method, historian Christian Lotz explores the problematic of interpreting population displacements and the former eastern territories of the German Reich. For his dissertation, Lotz studied organisations whose actions were pivotal in distributing memory cultures, from the Landsmannschaft Schlesien (an organization of displaced persons from Silesia, the former eastern territory of the German Reich) to the Ministry of State Security. His focus is on the years from 1948-1972, which he separates into three phases of memory politics.

© bei der Autorin und bei KULT_online