Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Artikelaktionen

Europäisierung nationaler Identitätsdiskurse?

Eine Rezension von Dr. Claudia Wiesner (Marburg)

Seidendorf, Stefan: Europäisierung nationaler Identitätsdiskurse?. Baden-Baden: Nomos, 2007.

In seiner 2006 an der Universität Mannheim vorgelegten politikwissenschaftlichen Dissertation stellt Stefan Seidendorf die Frage, inwieweit sich Diskurse um nationale Identität in den beiden EU-Gründerstaaten Deutschland und Frankreich während deren EU-Mitgliedschaft europäisiert haben. Er untersucht in vier nationalen Qualitätszeitungen Deutschlands und Frankreichs verschiedene Debatten aus den Jahren 1952 und 2000. Die Arbeit ist damit diskursanalytisch angelegt, wobei jedoch der theoretische wie auch der methodische Rahmen recht kurz und stellenweise unscharf geraten sind und die Vielzahl der untersuchten Debatten es zudem erschwert, die Ergebnisse in eindeutige Thesen zu fassen. 


Stefan Seidendorf beginnt seine politikwissenschaftliche Dissertation mit einer demokratietheoretischen Frage, die in der deutschsprachigen Europaforschung seit nunmehr etwa 15 Jahren immer wieder kontrovers diskutiert wird: Wie kann ein europäischer Souverän beziehungsweise ein europäischer Demos entstehen, der die demokratische Basis für EU-weite Beschlussfassungen abgeben kann? Diese breit angelegte theoretische Ausgangsfrage der Arbeit wird leider im Weiteren nur sehr knapp und ausschnittsweise abgehandelt: So führt die Frage nach einem europäischen Demos Seidendorf unmittelbar zur Frage nach der Rolle von nationaler Identität in der Demokratisierung der EU - wobei er allerdings andere mögliche oder notwendige Bestandteile eines Demos nicht anspricht und auch die Debatte um diesen sehr verkürzt darstellt. Nationale Identität im demokratischen Nationalstaat beinhaltet sicher nicht per se auch ein demokratisches Gleichheitsversprechen, wie Seidendorf postuliert, und ein Demos ist zudem keineswegs mit der Nation gleichzusetzen.

Was die Methodik der Arbeit angeht, gelingt Seidendorf die Einordnung seines Ansatzes in den Rahmen der Identitätsforschung gut, allerdings ist auch die Diskussion und Darstellung der diskursanalytischen Methodik mit ganzen sechs Seiten definitiv zu kurz geraten. Hinzu kommen begriffliche Unschärfen (etwa in der mitunter mangelnden Klarheit der Unterscheidung von nationaler Identität und identitätsbezogenen Diskursen) oder gänzlich ausstehende Definitionen von Schlüsselbegriffen wie der ‚diskursiven Arena’.

Seidendorfs Ausgangsthese eröffnet allerdings eine charmante Variante in der Beantwortung der Frage, wie sich die Demokratiequalität der EU verbessern kann: Ohne dass direkt auf das Entstehen einer europäischen Identität zu hoffen sei, liege eine Lösung in der Öffnung vormals geschlossener nationaler Identitätskonstruktionen. Seidendorf wendet deshalb das integrationstheoretische Konzept der Europäisierung in der Konzeption seiner Untersuchung an: Der Prozess der europäischen Integration habe zu Veränderungen von nationalen Identitäten geführt. Dadurch könnten sich einst allein auf den Nationalstaat bezogene demokratische Selbstverständnisse um die europäische Dimension erweitern, wodurch schließlich auch ein EU-weites Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen könne. Seidendorfs Frage ist daher, inwieweit es bis jetzt zu einer solchen Öffnung nationaler Identitätskonstruktionen gekommen sei. Vor diesem Hintergrund untersucht er verschiedene Debatten in den nationalen Tageszeitungen Le Monde, Le Figaro, Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine Zeitung aus den Jahren 1952 und 2000.

Seidendorf baut seine Untersuchung chronologisch auf. Nach den beiden ersten, kleineren Kapiteln, die Identität und Nation sowie deren Veränderung durch Europäisierung diskutieren, folgen zwei längere Abschnitte, die jeweils ein Jahr - 1952 und 2000 - und dabei jeweils mehrere Aspekte beziehungsweise Debattenbeiträge behandeln, die zur Konstruktion von Selbstbildern, Fremdbildern und Grenzziehungen beigetragen haben. Das abschließende fünfte Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen.
Die Themen der Beiträge reichen über bilaterale Konflikte wie in der Saarfrage bis zu europapolitischen Debatten (1952 die Frage der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG), 2000 die Haider-Debatte und die Frage nach der Zukunft Europas). Diese Vielfalt führt zu einer weiteren zentralen Schwäche des Buches: Während es durchaus aufschlussreiche Erkenntnisse zur Unterstützung der These bringt, dass sich nationale Diskurse seit 1952 europäisiert haben, bleiben die Ergebnisse aufgrund der Vielzahl der betrachteten Debatten vielfach bruchstückhaft und verdichten sich kaum zu einem Gesamtbild. Zudem geraten die Darstellungen stellenweise einseitig und - für eine Diskursanalyse - deutlich zu oberflächlich.
Dies zeigt beispielhaft Seidendorfs Betrachtung einiger Debattenbeiträge zur Zukunft Europas aus dem Jahr 2000. Er untersucht hier vor allem Pressebeiträge um die Programmreden Joschka Fischers und Jacques Chiracs. Dabei betont er zwar selbst, es sei eine Fülle von Beiträgen erschienen, diese wird aber nicht in seiner Darstellung widergespiegelt: So dienen etwa je ein Artikel aus FAZ und Süddeutscher Zeitung und je zwei Artikel aus Le Monde und Le Figaro als Belege dafür, dass die Debatte um die Zukunft Europas medial bereits vor der Fischer-Rede geführt worden sei. Die Darstellung der Diskussion nach der Rede basiert nur auf wenig mehr Material; beide geraten zudem sehr kurz. Seidendorf kann so zwar zeigen, dass in beiden Staaten zur gleichen Zeit ähnliche Fragen diskutiert und transnationale Bezüge hergestellt werden, aber weder die Entwicklung des Diskurses, noch der Selbst- und Fremdbilder können so nachvollzogen werden.

Trotz dieser zahlreichen Kritikpunkte ist das Buch jedoch immer noch als interessanter und durchaus lesenswerter Beitrag in dem immer wichtiger werdenden Feld der EU-bezogenen Diskursforschung zu bezeichnen.


Stefan Seidendorf: Europäisierung nationaler Identitätsdiskurse? Ein Vergleich französischer und deutscher Printmedien. Baden-Baden: Nomos, 2007, 390 S., brosch., 49,- EURO. ISBN 978-3-8329-2268-9 (Reihe Regieren in Europa, Bd. 13)


Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Abkürzungsverzeichnis 11

Einleitung 13
1. Die "No-Demos"-These 15
2. Ein alternatives Modell - "Einheit in der Vielfalt" 16
3. Europäisierung nationaler Identitäten: ein sozialkonstruktivistischer Ansatz 17
4. Diskursanalyse von Identität 19
5. Zusammenfassung - Ausblick auf die Arbeit 20

Kapitel 1 - Überlegungen zur Konstruktion von Identität 23
1.1. Zugangsmöglichkeiten zu persönlichen und kollektiven Identitätskonstruktionen 23
1.2. Ansätze aus der Sozialpsychologie: Individuelle und kollektive Identität 25
1.3. Ansätze aus der historischen Nationalismusforschung 29
1.3.1. Vormodernes Nationenverständnis 29
1.3.2. Modernes Nationenverständnis - Nationalismus 30
1.3.3. Der Nationalismus als Geistesbewegung 32
1.4. Gemeinsame Geschichte als Bindeglied 33
1.4.1. Kollektives Gedächtnis und Erinnerungsorte 34
1.5. Nationalstaatliche Identität zwischen Demos und Ethnos 37
1.5.1. Legitimität demokratischer Prozesse zwischen Demos und Ethnos 37
1.5.2. Politische Identität und Nation in Frankreich und Deutschland 38
1.5.3. Alternativen zum nationalstaatlichen Modell? 43

Kapitel 2 - Veränderung von Identität durch Europäisierung 45
2.1. `Europäisierung´ als analytischer Rahmen 45
2.1.1. Überblick: Verschiedene Konzepte von Europäisierung 46
2.1.2. Europäisierung nationaler Identität: Anpassungsdruck, Passförmigkeit und vermittelnde Faktoren 47
2.1.3. Europäisierung repräsentativer Demokratie 48
2.1.4. Passförmigkeit: welche Elemente sind dem Abpassungsdruck ausgesetzt? 49
2.1.5 Vermittelnde Faktoren: Soziale Praxis, transnationale Kommunikation und Akteure des Wandels 51
2.2. Diskursanalyse als Methode 52
2.2.1. "Kritische Diskursanalyse" 53
2.2.2. Regeln des Diskurses, soziale Praxis und Forschungsansätze 53
2.3. Konstruktion und Konstrukteure: Die Dialektik nationaler Identität 58
2.3.1. Der "Lebenszyklus nationaler Identität" 58
2.3.2 Kommunikation nationaler Identität - Eliten- und Massenphänomen 62
2.4. Forschungsdesign: welche Medien, welche Akteure, welche Debatten? 64
2.4.1. Wo findet Identitätskonstruktion statt? - Codes und Prozesse 64
2.4.2. Situationen - Wann und wo findet Identitätskonstruktion statt? 67
2.4.3. Thesen zur Veränderung nationaler Identität durch Europäisierung

Kapitel 3 - Nationale Identität zu Beginn der Integration (1952) 72
3.1. Die Ausgangslage in Frankreich und Deutschland 74
3.1.1. Frankreich 74
3.1.2. Deutschland 77
3.1.3. Europa 79
3.2. Selbstbilder - der Einfluss der Vergangenheit, die Ungewissheit der Zukunft 82
3.2.1. Frankreich 82
3.2.2. Deutschland 100
3.2.3. Fazit Selbstbilder 135
3.3. Begegnungen - Erfahrungen, Fremdbilder, neue Chancen 136
3.3.1. Vergangene Erfahrungen und ihre aktuelle Bedeutung 139
3.3.2 Bestehende Stereotypen 146
3.3.3. Zukünftige Chancen 153
3.3.4. Fazit Begegnungen 156
3.4. Grenzkonstruktionen - Begegnungen in Europa 157
3.4.1. EVG und Westvertrag: Einbindung und Souveränitätsdelegation 163
3.4.2. Zankapfel Saar: Erinnerungen und neue Ansprüche 192
3.4.3. Das gemeinsame Europa: Föderalisten und eine `Konstituante´ 203
3.4.4. Fazit Europaberichterstattung 214
3.5. Fazit der Fallstudie 1952 215

Kapitel 4 - Europäische Identitätsdiskurse im Jahr 2000 219
4.1. Selbstbilder 2000 223
4.1.1. Frankreich: Republik, Souverän, Regionalisierung 223
4.1.2. Deutschland: Leitkultur, Länderkompetenzen, deutsche Interessen 243
4.1.3. Zusammenfassung Selbstbilder 2000 261
4.2. Begegnungen in der Vergangenheit? Österreich und die EU-Sanktionen 262
4.2.1. Das `gemeinsame Andere´ der `Wertegemeinschaft EU´ 266
4.2.2. Resonanz über Emotionalisierung: Frankreich und `Nazi Haider´ 270
4.2.3. Frankreich, Haider und das ?`Problem Deutschland´ 285
4.2.4. Das Ende der Krise - die Wahrnehmung muss angepasst werden 299
4.2.5. Fazit: eine europäische Selbstverständigung zwischen nationaler und politischer Wahrnehmung 302
4.3. Gemeinsame Grenzkonstruktionen: Fischer, Chirac, die `Zukunft Europas´ 306
4.3.1. Joschka Fischer: Vom Staatenbund zum Bundesstaat? 307
4.3.2. Jacques Chirac: Eine Verfassung für Europa? 321
4.3.3. Die europäische politische Debatte: "Gralshüter der Staatstheorie" gegen europäische Konstitutionalisten 341
4.3.4. Die Zukunft Europas: Zusammenfassung 353
4.4. Europas Selbstverständnis im Jahr 2000: Europäisierte Vergangenheits-, europäische Zukunftsdebatten? 356

Kapitel 5 - 1952 - 2000: Transformation von Identitätsdiskursen? 359
5.1. Selbstbilder 1952 - 2000 359
5.1.1. Frankreich 360
5.1.2. Deutschland 362
5.1.3. Europäische Selbstbilder? 364
5.2. Fremdbilder 1952 - 2000 364
5.2.1. Begegnungen 365
5.2.2. Abgrenzungen 366
5.3. Grenzkonstruktion Europa 1952 - 2000 369
5.3.1. Grenzkonstruktionen 1952 370
5.3.2. Grenzkonstruktionen 2000 371

Fazit der Arbeit: Auf dem Weg zum europäischen Demos? 373

Literaturverzeichnis und Anhang 376
Literaturverzeichnis 376
Aufsätze und Monographien 376
Internetquellen 388
Anhang 389

Europeanisation of National-Identity Discourses?

In this political studies dissertation completed in 2006 at the University of Mannheim, Stefan Seidendorf investigates the extent to which discourses on national identity in the two original EU countries – Germany and France – became Europeanised in the course of EU membership. Using four prominent German and French newspapers as sources, Seidendorf critically examines popular debates that took place in 1952 and in 2000. The work is discourse analytical, whereby the explications of theory and methodology are a bit on the short side and vague in places, and the sheer number of debates hampers clearly stated results.

© bei der Autorin und bei KULT_online