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Die Einheit in der Vielfalt: Potenziale der "Generationen"

Eine Rezension von Stephanie Nickel

Wildt, Michael; Jureit, Ulrike (Hg.): Generationen. Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegriffs. Hamburg: Hamburger Edition, 2005

Die Herausgeber Ulrike Jureit und Michael Wildt reihen den 2005 erschienenen Sammelband Generationen: Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegriffs in eine Diskussion ein, die seit Karl Mannheim immer wieder geführt wird, zur Zeit aber besondere Aktualität zu haben scheint. Dies zeigen unter anderem das Göttinger DFG-Graduiertenkolleg "Generationengeschichte", das Konzept des "Mehrgenerationenhauses" der Bundesregierung, die Erfindung ständig neuer ‚Generationen’ in den Medien ... und dieser Band.
Trotz eines gemeinsamen theoretischen Kanons unterscheiden sich die Beiträge in Ansatz, Themenwahl und Fokus stark. Eine von den Herausgebern sorgfältig erstellte Strukturierung und Benennung der Kapitel sorgt für erste Orientierung, die allerdings schnell durch die Diversität der Beiträge zerstreut wird. Ausgehend von der Geschichtswissenschaft wird der Horizont zu anderen Fächern geöffnet.
Der Sammelband ist durch seinen Facettenreichtum an Zugängen und Themen anregend, jedoch für Leser, die nach klaren Definitionen und fächerübergreifenden Einschätzungen suchen, ungeeignet. 


Der Begriff der ‚Generation’ hat Konjunktur. Als wissenschaftlicher Terminus wird er spätestens seit Karl Mannheims Aufsatz zum "Problem der Generationen" (1928) als Kategorie, besonders in den Geschichtswissenschaften, immer wieder neu entdeckt und jüngst auch als disziplinenverbindender Begriff gehandelt. Doch auch in den deutschen Feuilletons macht der Begriff der ‚Generation’ als Schlüssel zum Gemeinsamen Karriere, erinnern wir uns nur an die Generation Golf von Romanautor Florian Illies, die zum Jahrtausendwechsel ihre schriftliche Dokumentation erfuhr. An diesem Punkt setzt der Sammelband Generationen. Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegriffes von Ulrike Jureit und Michael Wildt an.

"Generativität [...] ist eine Alltagserfahrung" und eine "biologische Tatsache" (S. 7) und betrifft damit jedermann, so die Historiker Jureit und Wildt in ihrer Einleitung. Dreizehn Vertreter aus insgesamt fünf verschiedenen Disziplinen besprechen hier in ihren Beiträgen die Relevanz oder den Einsatz des Begriffes der Generation aus ihren speziellen Themen- oder Forschungsperspektiven.
Die Beiträge des Bandes sind auf vier Kapitel verteilt, die zunächst auf den "Begriff der 'Generation'" (1.) fokussieren, folgend die Trias "Generation - Genealogie - Geschlecht" (2.) füllen, alsdann "heroische und postheroische Generationen" (3.) thematisieren und letztlich mit "Generation und kollektive Verständigung" (4.) den Abschluss des Bandes bilden. Während im gesamten Band die disziplinäre Perspektive der Historiker durch die Beiträge von Christina Benninghaus, Christina von Hodenberg, Ulrike Jureit, Heinz Dieter Kittsteiner, Habbo Knoch, Mark Roseman und Michael Wildt überwiegt, sind es indes Soziologen, die die Begriffsdiskussionen zu Beginn des Bandes übernehmen: Dabei liegt bei Heinz Bude der Akzent auf der Differenz zwischen den Generationen. "Die Geschichte der Generationen ist von ideologischen Kehrtwendungen, kulturellen Neuansätzen und sozialen Verschiebungen gekennzeichnet. Und daher identifiziert sich eine Generation zuerst in Abgrenzung von einer anderen." (S. 34) Dies geschieht im Spektrum von Mikro- zu Makrosoziologie: Bude führt hier die Familie (als mikrosoziologisches Analyseobjekt) als Austragungsort der 'von-Generation-zu-Generation-Problematik' an, die Bismarck und die Erfindung des Wohlfahrtsstaates (nun auf makrosoziologischer Ebene) in die politisch-gesellschaftliche Dimension übersetzt und anonymisiert haben. Aus persönlicher Verpflichtung wurde ein Generationenvertrag, so Bude. Damit bezieht der Vertreter der Makrosoziologie die Funktion des Generationenbegriffes nicht auf die angesprochene Gruppe selbst, sondern auf den Zwischenraum, den Wechsel von der einen Kohorte zu der folgenden und konstatiert: "Generation historisch gesehen [ist] ein Unterbrechungsbegriff, der an der Erfahrung eines Einschnitts hängt." (S. 34)

Rainer Lepsius greift Budes Begriff der Generation auf, verschlankt ihn auf seine Funktion als Kategorie und schlägt eine Instrumentalisierung vor: Generationenforschung solle ein "Mittel zur Kulturanalyse" (S. 49) sein, die der Sozialisations-, Lebensverlaufs- und Biographieforschung dienlich sein kann.

Nachdenklich stimmt die Botschaft von Christina Benninghaus, die auch andere Autoren implizit transportieren, dass Geschichtsschreibung überwiegend auf die Aktivitäten der männlichen Hälfte der Generationen fokussiert.

Einen anwendungsorientierten Gegenpol zu den sonst eher theorielastigen Beiträgen, die hauptsächlich auf Wilhelm Dilthey oder Karl Mannheim rekurrieren, bilden die Aufsätze von Sigrid Weigel "Familienbande, Phantome und die Vergangenheitspolitik des Generationsdiskurses. Abwehr von und Sehnsucht nach Herkunft", Kaspar Maase "Farbige Bescheidenheit. Anmerkungen zum postheroischen Generationsverständnis" und Ulrike Jureit "Generationen als Erinnerungsgemeinschaften. Das ‚Denkmal für die ermordeten Juden Europas’".
Weigel als Literaturwissenschaftlerin und Maase als Kulturwissenschaftler erwirken an strategisch sinnvollen Stellen im Gesamtband (nämlich nach je einem Drittel) einen Perspektivenwechsel, der zunächst einmal von einem aktuellen, eher populärwissenschaftlich verwendeten Generationenbegriff ausgeht. Weigel und Maase erinnern uns - fast der eine als Echo der anderen - an den inflationären Gebrauch des Wortes ‚Generation’ im alltäglichen Generationenk(r)ampf: ‚Generation arbeitslos’, ‚Generation Schrott’, ‚Generation X’, ‚Generation Golf’, ‚Generation Ost’, ‚Generation Berlin’, ‚Generation@com’ (vgl. Weigel, S. 114) würden zu nicht aufgelösten Bezeichnungen für Eigenes und Fremdes, das über den Begriff das Gemeinsame - im Nachhinein - erwirke. Zudem legt Weigel zu Recht typisches von Generationalität frei, das in der Erklärung zwar wie selbstverständlich scheint, jedoch nachwirkende und weitreichende Bedeutung in der Arbeit mit dem Generationenbegriff entfalten kann. So gibt sie zu bedenken, dass das Zählen der Generation erst bei zwei beginnt. "Erst über die zweite und dritte Generation, erst nachträglich also wird eine erste Generation gesetzt, zumeist implizit und ohne ausdrücklich diesen Namen zu tragen." (S. 124)
Jureit leistet mit ihrem Beispiel zudem unter der Perspektive der ‚Generation’ eine sehr gelungene Bündelung an Informationen zu den Entwicklungen und Diskussionen über das 'Denkmal für die ermordeten Juden Europas'. Insbesondere (museums-)politische Schriften lesen sich, nach Jureits feinfühligem Beispiel, mit Fokus auf der Selbstdefinition von Wir-Gruppen - also Generationen - nochmals anders. Dies wird bei der Analyse der "Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Kultur und Medien vom 23. Juni 1999" besonders deutlich: "Das deutsche Parlament formulierte ein ‚Wir’, das sich in diesem Fall nicht national, sondern generationell definiert, indem es ‚alle künftigen Generationen’ zur demokratischen Wachsamkeit mahnt. Es handelt sich um einen Appell an die jüngeren Jahrgänge, was das eigene Selbstverständnis als generationelle Gemeinschaft voraussetzt. Das Parlament äußerte sich hier als ‚zweite Generation’. Darin läßt sich zugleich die Sorge erkennen, daß die nachfolgenden Generationen einer solchen Ermahnung bedürfen, da sie - im Unterschied zu den Kriegs- und Nachkriegsgeborenen - als moralisch weniger gefestigt wahrgenommen werden." (Jureit, S. 265) Bedenken um die Handlungsfähigkeit von Folgegenerationen eint so die Skeptiker zu einer eigenen Generation.

Wer von diesem Sammelband begriffliche Schärfe und wissenschaftliche Pointierung in Hinblick auf den Begriff ‚Generation’ erwartet, wird enttäuscht sein. In den Ideen und Ansätzen, die zwischen Karl Mannheims Diskussion der Generation, der Relevanz in öffentlichen Auseinandersetzungen mit dem Ich im gesellschaftlichen Wir und Wilhelm Diltheys Überlegungen oszillieren, mag dieser Band als Zeugnis einer sich vorsichtig öffnenden Disziplin dienen. Für den Leser mit nur peripherem Interesse an ‚Generationen’, der den Terminus als Analyseinstrument begreifen möchte, wird dieser Sammelband nur bedingt von Interesse sein. Anders für jenen, der sich inspirieren lassen will.
Auf den zweiten Blick lässt sich aus der Gesamtheit der Beiträge zudem ein erfrischend kritischer Ton herauslesen, mit dem die Autoren sich gegenseitig begegnen und untereinander abgrenzen. Dadurch entsteht eine anregende Diskussion, die trotz der offensichtlich sehr unterschiedlichen thematischen Interessen, die Beiträge eint und auf den Leser übergeht. Auch das gemeinsame Literaturverzeichnis zeigt: Die Einheit steckt in der Vielfalt.


Ulrike Jureit und Michael Wildt (Hgg.): Generationen: Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegriffs. Hamburg: Hamburger Edition, 2005. 354 S., gebunden, 35 Euro. ISBN: 3-936096-58-9


Inhaltsverzeichnis

ULRIKE JUREIT/MICHAEL WILDT Generationen

I. Der Begriff »Generation«
HEINZ BUDE
»Generation« im Kontext. Von den Kriegs- zu den
Wohlfahrtsstaatsgenerationen 28
M. RAINER LEPSIUS
Kritische Anmerkungen zur Generationenforschung     45
KURT LÜSCHER
Ambivalenz - Eine Annäherung an das Problem der Generationen    53

II. Generation - Genealogie - Geschlecht
ERIKA KREJCI
Innere Objekte. Über Generationenfolge und Subjektwerdung.
Ein psychoanalytischer Beitrag    80
SIGRID WEIGEL
Familienbande, Phantome und die Vergangenheitspolitik des
Generationsdiskurses. Abwehr von und Sehnsucht nach Herkunft    108
CHRISTINA BENNINGHAUS
Das Geschlecht der Generation. Zum Zusammenhang von
Generationalität und Männlichkeit um 1930 127

III. Heroische und postheroische Generationen
MICHAEL WILDT
Generation als Anfang und Beschleunigung 160
MARK ROSEMAN
Generationen als »Imagined Communities«. Mythen,
generationelle Identitäten und Generationenkonflikte in
Deutschland vom 18. bis zum 20. Jahrhundert    180
HEINZ D. KITTSTEINER
Die Generationen der »Heroischen Moderne«. Zur kollektiven
Verständigung über eine Grundaufgabe    200
KASPAR MAASE
Farbige Bescheidenheit. Anmerkungen zum postheroischen
Generationsverständnis    220

IV. Generation und kollektive Verständigung
ULRIKE JUREIT
Generationen als Erinnerungsgemeinschaften. Das »Denkmal
für die ermordeten Juden Europas« als Generationsobjekt     244
CHRISTINA VON HODENBERG
Politische Generationen und massenmediale Öffentlichkeit. Die
»45er« in der Bundesrepublik 266
HABBO KNOCH
Gefühlte Gemeinschaften Bild und Generation in der Moderne 295

Literaturverzeichnis    320

Zu den Autorinnen und Autoren    353

Unity in Variety: The Potential of "Generations"

With the essay collection Generationen: Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegriffs (Generations: The Relevance of a Basic Scientific Concept), editors Ulrike Jureit and Michael Wildt revisit a discussion that has been active since Karl Mannheim's time and has become particularly relevant today. The discussion has served as the basis for the Göttinger post-graduate programme "generation histories", multi-family public housing units, the media's continual creation of new "generations" ... and for this very volume. Despite a common theoretical canon, the contributions differ markedly in approach, theme, and focus. The chapters are painstakingly structured and named, but this initial orientation is quickly undermined by the essays' great diversity. Beginning with an historical perspective before branching out into other academic fields, the volume encompasses a depth of themes and research approaches that is inspiring, but unsuited to readers who are seeking cut-and-dried definitions or an interdisciplinary gloss.

© bei der Autorin und bei KULT_online