Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Artikelaktionen

Das Sebald-Phänomen. Ein neuer Sammelband zur kritischen Historiographie W. G. Sebalds

Eine Rezension von Heide Reinhäckel

McCulloh, Mark; Denham, Scott (Hg.): W. G. Sebald : History - Memory - Trauma. Berlin, New York: de Gruyter, 2006.

Der englischsprachige Sammelband W. G. Sebald. History - Memory - Trauma, der die Beiträge einer internationalen Konferenz am Davidson College vom 13. - 16. März 2003 enthält, vertieft die literaturwissenschaftlichen Forschungen zum Werk W. G. Sebalds unter einer historiographischen Perspektive. Der Band eröffnet zugleich die neue Reihe "Interdisciplinary German Cultural Studies" im De Gruyter Verlag, die von Scott Denham, Irene Kacandes und Jonathan Petropoulos herausgegeben wird und zukünftig in interdisziplinären Ansätzen Themen der German Studies untersucht. 


Wenn der Herausgeber Scott Denham in seiner Einleitung vom "Sebald Phenomenon" (S. 1) spricht, umfasst diese Bezeichnung sowohl die rasante internationale Rezeptionskarriere und akademische Kanonisierung des literarischen Werkes W. G. Sebalds (1944-2001) als auch die kontinuierlich wachsenden Kommentierungen der Sekundärliteratur. Letzter Meilenstein des literaturwissenschaftlichen Marktwertes war 2005 die Archivierung des Sebald'schen Nachlasses im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Nachdem die literaturwissenschaftliche Forschung der vergangenen Jahre verstärkt Aspekte der Intertextualität und Intermedialität untersuchte, stellt der vorliegende Sammelband Sebalds literarisches Projekt der kritischen Historiographien in den Mittelpunkt - und beleuchtet bei dieser Gelegenheit Sebalds Geschichtsverständnis bisweilen auch kritisch.

Bekanntermaßen umfasst der historische Parcour der literarischen Texte Sebalds die traumatischen Geschichtserfahrungen des 20. Jahrhunderts und die (Un)Möglichkeit ihrer individuellen und kollektiven Repräsentation. Von besonderer Brisanz ist dabei immer der Moment des historischen Umbruchs, an dem ein Generationswechsel die an subjektive Geschichtserfahrungen gebundenen Erlebnisse vom individuellen und kommunikativen in das kulturelle Gedächtnis übergehen lässt. An diesem Transformationspunkt historischer Erfahrungen setzen die Texte Sebalds ein. Sebald kann somit als einer der ersten Autoren einer globalisierten Erinnerungskultur gelten, für die Daniel Levy und Natan Sznaider in Erinnerung im globalen Zeitalter. Der Holocaust (2007) als ein wesentliches Merkmal die Dynamik medialer Vermittlung beschreiben. Um diese literarische Erinnerungsarbeit Sebalds versammeln sich die Beiträge des Bandes.


Mit den US-amerikanischen Literaturwissenschaftlern Scott Denham und Mark McCulloh besitzt der Sammelband zwei ausgewiesene Sebald-Kenner als Herausgeber. Mark McCulloh gab bereits den Sammelband Understanding W. G. Sebald (2003) heraus. Scott Denham war an dem deutschen Sammelband W. G. Sebald. Politische Archäologie und melancholische Bastelei (2006), herausgegeben von Michael Niehaus und Claudia Öhlschläger, mit dem Beitrag "Die englischsprachige Sebald-Rezeption" beteiligt, dessen englische Version hier den Auftakt bildet. So versprechen bereits die beiden eröffnenden Beiträge, die den bemerkenswerten literarischen Erfolg Sebalds unter den Blickwinkeln von Buchmarkt- und Übersetzungsmechanismen beleuchten, Literaturwissenschaft auf höchstem Niveau und der Band kann dieses Versprechen auch durchgehend in den drei Sektionen Contexts and Influences, Narrative and Style und History and Trauma halten.

Mark McCulloh leistet eine genaue Analyse der deutsch-englischen Doppelrezeption, die sich durch professionelles Übersetzungs- und Veröffentlichungsmanagement auszeichnete. Er betont, dass gerade die englischsprachige Übersetzung den typischen emotional-raunenden Sebaldsound geprägt habe, während das deutsche Original sich durch einen höheren Grad an Sachlichkeit und mehr Anspielungsreichtum auszeichne. Erst die englische Übersetzungsleistung von Michael Hulse produziere das Label des melancholischen Autors, so das Fazit McCullohs.
Scott Denham beschreibt die Dynamiken der rasanten akademischen Kanonisierung, die vom US-amerikanischen System der Literaturkritik ausgingen und bisweilen hagiographische Tendenzen besaßen. Dabei fungierte Sebald auch als Projektionsfläche US-amerikanischer Vorstellungen von ‚alteuropäischer’ Literatur. Weiterhin macht Denham zwei Rezeptionswellen aus: zum einen die ‚Entdeckung’ Sebalds im englischsprachigen Raum und seinen Re-Import zu den deutschsprachigen Lesern. Zum anderen die Rezeption der literarischen Werke mit Austerlitz als opus magnum im Literatursystem, der dann die Wahrnehmung vor allem des Essays Luftkrieg und Literatur (1999) in den gesellschaftlichen Diskursen um Bombardierung und Vertreibung folgte. Sebald formulierte darin die These der mangelnden Repräsentation des Luftkriegs in der Nachkriegsliteratur, die er als Indiz einer verdrängenden Sozialpathologie der Deutschen wertete, die ihren Ausdruck in der Umleitung der kollektiven sozialpsychologischen Energien in das Aufbau- und Wirtschaftwunder fand.

Die Beiträge von Wilfried Wilms und Susanne Vees-Gulani gehen explizit auf diese Thesen aus Sebalds Züricher Poetikvorlesung 1997, reformuliert im erwähnten Essay zwei Jahre später, ein.
Wilfried Wilms zeichnet in seinem Beitrag "Speak no Evil, Write no Evil: In Search of a Usable Language of Destruction" historische Sprechsituationen der frühen Nachkriegszeit nach. Eine Analyse der Vergeltungsrhetorik der alliierten Kriegsberichterstattung einerseits und der Mythologisierung der Zerstörung auf deutscher Seite andererseits zeigen, dass das von Sebald konstatierte deutsche interne Tabu der Thematisierung des Luftkrieges die externen kulturpolitischen Schweigemechanismen außer Acht lässt. Nach Wilms ist dies der blinde Fleck Sebalds, der als Angehöriger der ersten Nachkriegsgeneration keine Debatte über die Legitimität des Luftkrieges, über die in den USA und Großbritannien bereits in der Zwischenkriegszeit diskutiert wurde, führen kann.
Susanne Vees-Gulani verfolgt in "The Experience of Destruction: W. G. Sebald, the Airwar, and Literature" eine andere Argumentationslinie. Sie kritisiert die Unterkomplexität der allgemeinen Verdrängungsthese und favorisiert einen autobiographische Kontexte berücksichtigenden Erklärungsansatz der Textproduktion. Mit Marianne Hirschs postmemory- Konzept, das Dynamiken transgenerationeller Traumatisierung beschreibt, plädiert sie jenseits eines vereinfachenden Autobiographismus für eine kritische Auseinandersetzung, die Widersprüchlichkeiten integriert.

Auf das Verhältnis von Literatur und Trauma nehmen vor allem die Beiträge von Jan Ceuppens und Stefan Günther explizit Bezug. Dabei untersucht Jan Ceuppens in "Transcripts: An Ethics of Representation in The Emigrants" die Funktion von Schriftlichkeit und Schreibszenen als identitätsstiftendes Moment. Stefan Günther verortet in "The Holocaust as the Still Point of the World in W. G. Sebald’s The Emigrants" die Erinnerungsarbeit der literarischen Texte in einer Hermeneutik der Geschichte, die sich gegen das in der Postmoderne konstatierte Ende der Geschichte immer wieder auf eine Geschichte, die des Holocausts, bezieht.


Mit seiner Fokussierung auf den Nexus von Literatur und Geschichte sowie von Erinnerung und Trauma bewegt sich der Sammelband auf dem aktuellen Forschungsstand. In überzeugender Weise wird das Verhältnis von Historiographie und Literatur, das in Sebalds Werk auf komplexe Weise immer wieder durchgespielt wird, analysiert. Seit dem narrativ turn der Geschichtswissenschaften in der Nachfolge Hayden Whites wurde das Verhältnis von Klio und Kalliope, des historiographischen und des epischen Erzählens, immer wieder thematisiert. Mit zunehmender Verbreitung des kulturellen Deutungsmusters des Traumas tritt zu den beiden Musen ein Drittes, Verstörendes. Die Anrufung dieser Triade ist in Sebalds Werk omnipräsent und erhellender Forschungsschwerpunkt des Bandes. Von großem Gewinn ist zudem die Differenzierungsleistung, mit der Sebalds pessimistisches Geschichtsbild kritisiert und der Autor als historisches Subjekt verortet wird. Insgesamt ergeben die Beiträge des Bandes ein Spektrum, das Fragestellungen der Erinnerungskultur, Geschichtsrepräsentation und der literarischen Fiktion synthetisiert und an präzisen Textanalysen erprobt und somit bei der Beschäftigung mit Sebald unverzichtbar ist.


Denham, Scott und Mark McCulloh (Hgg.): W. G. Sebald. History - Memory - Trauma. Berlin/New York: de Gruyter, 2006. 382 S., kart., 88,00 €. ISBN- 978-3-11-018274-3 (Interdisciplinary German Cultural Studies, hrsg. v. Scott Denham, Irene Kacandes und Jonathan Petropoulos, Bd. 1)


Inhaltsverzeichnis

Scott Denham: Foreword: The Sebald Phenomenon 1
Mark McCulloh: Introduction: Two Languages, Two Audiences: The Tandem Literary Œuvres of W. G. Sebald 7
W. G. Sebald and Gordon Turner: Introduction and Transcript of an Interview given by Max Sebald (Interviewer: Michaël Zeeman) 21

Section 1: Contexts and Influences

R. J. A. Kilbourn: Kafka, Nabokov... Sebald: Intertextuality and Narratives of Redemption in Vertigo and The Emigrants 33
Martin Klebes: Sebald’s Pathographies 65
Sara Friedrichsmeyer: Sebald’s Elective and Other Affinities 77
Patrick Lennon: In the Weavers’ Web: An Intertextual Approach to W. G. Sebald and Laurence Sterne 91
Brad Prager: Sebald’s Kafka 105
Ruth Franklin: Sebald’s Amateurs 127

Section 2: Narrative and Style

Ana-Isabel Aliaga-Buchenau: "A Time He Could Not Bear to Say Any More About": Presence and Absence of the Narrator in W. G. Sebald’s The Emigrants 141
Katja Garloff: The Task of the Narrator: Moments of Symbolic Investiture in
W. G. Sebald’s Austerlitz 157
Ben Hutchinson: "Egg boxes stacked in a crate": Narrative Status and its Implications 171
Wilfried Wilms: Speak no Evil, Write no Evil: In Search of a Usable Language of Destruction 183
Maya Barzilai: On Exposure: Photography and Uncanny Memory in W. G. Sebald’s Die Ausgewanderten and Austerlitz 205
Lilian R. Furst: Realism, Photography, and Degrees of Uncertainty 219

Section 3: History and Trauma

Karin Bauer: The Dystopian Entwinement of Histories and Identities in W. G. Sebald’s Austerlitz 233
Jan Ceuppens: Transcripts: An Ethics of Representation in The Emigrants 251
David Darby: Landscape and Memory: Sebald’s Redemption of History 265
Stefan Günther: The Holocaust as the Still Point of the World in W. G. Sebald’s The Emigrants 279
Peter Fritzsche: W. G. Sebald’s Twentieth-Century Histories 291
Mark Ilsemann: Going Astray: Melancholy, Natural History, and the Image of Exile in W. G. Sebald’s Austerlitz 301
Michael Niehaus: No Foothold: Institutions and Buildings in W. G. Sebald’s Prose 315
Susanne Vees-Gulani: The Experience of Destruction: W. G. Sebald, the Airwar, and Literature 335
Christina M. E. Szentivanyi: W. G. Sebald and Structures of Testimony andTrauma: There are Spots of Mist That No Eye can Dispel 351

Short Titles and Abbreviations used in this Volume 365
Works Cited 367

The Sebald Phenomenon: A New Volume of Essays on the Critical Historiography of W.G. Sebald

W.G. Sebald. History - Memory - Trauma contains selected findings from an international conference held at Davidson College from 13-16 March, 2003 that explore critical interpretations of Sebald's work from an historiographic perspective. The volume is the first in the new series "Interdisciplinary German Cultural Studies" released by De Gruyter Verlag and edited by Scott Denham, Irene Kacandes, and Jonathan Petropoulos.

© bei der Autorin und bei KULT_online