Benutzerspezifische Werkzeuge

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Brotkrumen-Navigation | Direkt zur Navigation | vertikale linke Navigationsleiste | Website durchsuchen | Direkt zum Inhalt | vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen | Aktionen/Tools: Drucken, Permanent Link, to the English version, zur deutschen Version | Fussbereich: Sitemap, Barrierefreiheit, Hilfe und Login fuer Redakteure

Artikelaktionen
  • Permanent Link

Tristram Shandys Vermächtnis

Eine Rezension von Melina Gehring (Hamburg)

Nadj, Jilijana: Die fiktionale Metabiographie: Gattungsgedächtnis und Gattungskritik in einem neuen Genre der englischsprachigen Erzählliterat. Trier: WVT, 2006.

Julijana Nadj entwickelt in der vorliegenden Studie eine Theorie und Poetik der fiktionalen Metabiographie. Nadj untersucht diese Gattung mit Konzepten der Kulturwissenschaften und der kognitiven Narratologie und bewegt sich somit sowohl im Kontext des cultural turn als auch des cognitive turn. Auf Grund ihrer Funktion von Gattungsgedächtnis und -kritik leistet die fiktionale Metabiographie einen selbstreflexiven Beitrag zu postmodernen Literatur- und Kulturtheorien, weshalb Nadj mit ihr einen generic turn postuliert. 


Julijana Nadjs 2006 publizierte Dissertation Die fiktionale Metabiographie entstand im Rahmen des ersten Jahrgangs des Internationalen Promotionsprogramms für Literatur- und Kulturwissenschaft Gießen (IPP) und wurde von dem Anglisten Prof. Dr. Ansgar Nünning betreut. Die Arbeit schließt an mehrere Publikationen Nünnings zu Metafiktion im Allgemeinen und der fiktionalen Metabiographie im Besonderen an. Eingangs konstatiert Nadj das Fehlen einer differenzierten Beschreibung der Gattung ‚fiktionale Metabiographie’, die von Linda Hutcheons weitverbreitetem Begriff der historiographischen Metafiktion abzugrenzen sei. Die Beschreibung der Gattung will Nadj mit Blick auf ihre Formen, Themenschwerpunkte und mögliche Funktionen leisten. Da die fiktionale Metabiographie immer vor der Folie der nicht-fiktionalen Biographieschreibung zu denken ist, thematisiert Nadj im zweiten Kapitel die Gattungskonventionen und das Funktionspotential dieses für die Meta-Auseinandersetzung unverzichtbaren Bezugspunktes.

Das dritte Kapitel - der ausführliche Theorie- und Methodenteil - beginnt mit einer Operationalisierung kulturwissenschaftlicher Konzepte für die Analyse der fiktionalen Metabiographie (III.1). Anhand der Denkfigur der Naturalisierung, welche den Versuch beschreibt, neue Inhalte in bereits etablierte Schemata einzuordnen, wird die Bedeutung dieses Rezeptionsrasters für eine selbstreflexive Gattung deutlich. Der Dialog der fiktionalen Metabiographie mit dem stark konventionalisierten Genre der nicht-fiktionalen Biographie kann als Thematisierung eines Naturalisierungsprozesses verstanden werden. Für die Analyse dieser Gedächtnisgattung, welche Prozesse des Erinnerns vielfältig inszeniert, will Nadj die Überlegungen der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung fruchtbar machen. Dabei beschäftigt sie sich unter anderem mit Jan und Aleida Assmanns epochalem Begriff des kulturellen Gedächtnisses sowie Astrid Erlls und Ansgar Nünnings Konzeptionierungen der Mimesis des Gedächtnisses und der Gattungen als Orte literarischen Gedächtnisses. Während für Aby Warburg das Gedächtnis der Literatur auf einer Resemiotisierung von Zeichen basiert, sieht Nadj durch die kritische Reflexion der standardisierten Darstellungsprozesse der Biographie und den Anspruch, biographische Wahrheit erzählen zu wollen, in der fiktionalen Metabiographie eine Kontra-Semiotisierung gegeben.

In den darauffolgenden Ausführungen zum rezeptionsorientierten Gattungsbegriff wendet sich Nadj insbesondere kognitionspsychologischen Aspekten zu, aus denen in Kapitel III. 2 die Aufbereitung des Analyseinstrumentariums der kognitiven Narratologie folgen wird. Die Erfassung des Gattungsbewusstseins sowohl auf der Produktions- als auch der Rezeptionsseite beschreibt Nadj mit Paul Ricoeurs drei Phasen der Mimesis und Paul Rabinowitz’ vierstufigem Modell des Lesens. Sie projiziert Rabinowitz’ Konzept der Kohärenzbildung als Rezeptionsstrategie auf die metafiktionale Gattungskritik: Die pessimistische Sicht des Anspruchs auf retrospektive Kohärenzstiftung wird in der fiktionalen Metabiographie am Scheitern der Biographenfigur sowie der biographischen Darstellungsmittel deutlich. Aus der Konzeptionalisierung der fiktionalen Metabiographie als ‚Ort literarischen Gedächtnisses’ ergibt sich für Nadj die Hinzuziehung von Intertextualitätskonzepten, wobei sie erneut auf die rezeptionslenkenden und sinnstiftenden Potentiale hinweist. Hier beruft sich Nadj auf Gérard Genettes Intertextualitätskonzept als Teil einer Typologie transtextueller Beziehungen, aus denen sie zudem die Paratextualität und die Architextualität herausgreift. Schematheoretische Ansätze sollen schließlich beschreiben helfen, wie fiktionale Metabiographien den Konstruktionsprozess von Wissen und Bedeutung darstellen sowie das Erzählen an sich als menschliches Grundbedürfnis thematisieren.

Auf diesem Wege elegant bei der kognitiven Narratologie angekommen, wendet sich Nadj zunächst den kognitiven Neukonzeptionen des unzuverlässigen Erzählers und des multiperspektivischen Erzählens zu, da diese beiden narrativen Strategien in einer Gattung, die die Schwierigkeit des Erzählens und die Subjektivität von Wissensinterpretation thematisiert, eine zentrale Rolle spielen. Bei der Frage, wie fiktionale Metabiographien biographische plot-Strukturen konstruieren, dienen Nadj Seymour Chatmans Dichotomie kernel - satellite und Hayden Whites emplotment. Das erstgenannte Konzept vermag die Gewichtung von Ereignissen durch die fiktive Biographenfigur zu beschreiben, letzteres den Prozess der Sinngebung durch die Einbettung in Erzählmuster. Mit Bezug auf Herbert Grabes’ und Ralf Schneiders Figurenkonzeptionen schildert Nadj, wie fiktionale Metabiographien vor dem Hintergrund postmoderner Fragmentierungstendenzen eine kohärente Figurendarstellung zur Unmöglichkeit erklären. Im Folgenden fragt sie, wie fiktionale Metabiographien die Darstellung von Raum und Zeit als Mittel der Gattungskritik umsetzen. Hierzu entwirft sie, auf Gerhard Hoffmanns Konzept des gestimmten Raumes verweisend, die Begriffstrias "biographischer Erfahrungsraum", "biographischer Begegnungsraum" und "biographischer Verlustraum". Mit Blick auf die beiden potentiellen metabiographischen Angriffspunkte - die chronologische Darstellung von Biographien und deren Anspruch auf Vollständigkeit - wendet Nadj sich Genettes Kategorien Ordnung, Dauer und Frequenz zu. Mit der Beschreibung der Formen und Funktionen selbstreflexiver Elemente in fiktionalen Metabiographien schließt sie die Funktionalisierung der kognitiven Narratologie für die Untersuchung metabiographischer Erzähltexte ab.

In einem zum Analyseteil überleitenden Kapitel, das die Themenschwerpunkte und Funktionspotentiale der fiktionalen Metabiographie zum Inhalt hat, bereitet Nadj die thematische Gruppierung der zu untersuchenden metabiographischen Romane vor: die Problematisierung biographischer Selektions- und Schematisierungsstrategien, das Spannungsfeld zwischen Identitätskonstruktion(en) und Identitätsdekonstruktion(en) sowie Selbstreflexivität als Unterminierung biographischer Faktizität. In den drei derart konzeptionalisierten Analysekapiteln untersucht Nadj im Detail sechs Romane aus Großbritannien, Kanada und den USA, die den Zeitraum 1972-2000 abdecken. In den Resümeekapiteln, die jedem Analyseteil folgen, geht sie kursorisch auf sechzehn weitere Romane ein und legt somit ein beeindruckendes Korpus der englischsprachigen fiktionalen Metabiographie vor.

Bei der Strukturierung ihrer Arbeit entscheidet sich Nadj für das Prinzip der variierten Redundanz: Sowohl auf der Mikro- als auch auf der Makroebene fasst sie regelmäßig das gerade Gesagte zusammen und verweist auf das Folgende. Dabei gelingt es ihr, dass der Leser sich nicht durch Wiederholungen gelangweilt, sondern vielmehr hilfreich an die Hand genommen fühlt. Dass der Analyseteil gegenüber dem Rest der Arbeit nur knapp die Hälfte des Textes einnimmt, mag durch den theoriefokussierten Anspruch, eine neue Gattung zu etablieren, gerechtfertigt sein - jedenfalls ist hier die Gießener Provenienz zu erkennen. Indem Julijana Nadj klar strukturiert, durchweg stringent argumentiert und eine breite Palette kulturwissenschaftlicher wie narratologischer Konzepte erläutert und schlüssig in der Analyse zur Anwendung bringt, ist ihre Arbeit literaturwissenschaftlichen Doktoranden theoriebildender Schulen als Modelldissertation zu empfehlen.


Nadj, Julijana: Die fiktionale Metabiographie: Gattungsgedächtnis und Gattungskritik in einem neuen Genre der englischsprachigen Erzählliteratur; Theorie - Analysemodell - Modellinterpretationen. Trier: WVT, 2006 (ELCH 18). 372 S., kart., 34,50 €. ISBN: 978-3-88476-811-2


Inhaltsverzeichnis

VORWORT xiii

I. Einleitung 1
1. Problemstellung: Fiktionale Reflexion und Kritik an biographischen
Gattungskonventionen in fiktionalen Metabiographien 1
2. Zum Stand der Forschung 6
3. Zielsetzung, Methode und Vorgehensweise 12

II. Die nicht-fiktionale Biographie 19
1. Positionierung der nicht-fiktionalen Biographie im Literatursystem 20
2. Selektionskriterien, Bauformen und Gattungskonventionen
der nicht-fiktionalen Biographie 32
3. Erleben, Erinnern und Erzählen: Zum Funktionspotential nicht-fiktionaler
Biographien 37

III. Entwicklung eines Beschreibungs- und Analysemodells für die fiktionale
Metabiographie 39

1. Zur kulturwissenschaftlichen Perspektivierung literarischer Konzepte:
Gedächtnis, Gattung, Intertextualität und Schema als kohärenzerzeugende
und sinnstiftende Faktoren im Dienste metabiographischer Gattungskritik 39
1.1 Gedächtnis - Erinnerung - Literatur: Literaturwissenschaftliche
Gedächtniskonzepte 45
1.2 Die fiktionale Metabiographie als Gedächtnisgattung: Mimesis des
Gedächtnisses 49
1.3 Konstruktivistische Gedächtnis-und Erinnerungskonzepte 50
1.4 Die fiktionale Metabiographie als Gattungsgedächtnis und
Gattungskritik: Gattungen als Orte des literarischen Gedächtnisses 56
1.4.1 Gattungen als Strukturierungsmuster und Sinnstifter: Zur
Konzeptualisierung eines rezeptionsorientierten Gattungsbegriffs 59
1.4.2 Intertextualitätskonzepte als Instrument zur Untersuchung
metabiographischer Funktionsweisen 70
1.4.3 Schemata als "building blocks of cognition" und ihre Relevanz
für die Analyse fiktionaler Metabiographien 76
1.5 Fazit: Gedächtnisgattung - Gattungsgedächtnis: Gattung,
Intertextualität, Schema als kognitive Naturalisierungsstrategien 84
2. Fiktionale Metabiographien aus narratologischer Perspektive:
Bausteine für ein kognitiv-narratologisches Analyseraster 88
2.1 Gattungsspezifische Merkmale der erzählerischen Vermittlung: Zur
metabiographischen Semantisierung unzuverlässiger Erzähler sowie
multiperspektivischer Erzählstrukturen 92
2.2 Metabiographische Instrumentalisierung biographischer
plot-Strukturen 103
2.3 Metabiographische Strategien der Figurendarstellung 111
2.4 Metabiographische Semantisierung von Raum- und Zeitdarstellung 117
2.5 Typen selbstreflexiver Darstellung: Metahistorische,
metabiographische, metanarrative und metafiktionale Elemente 132
3. Die Verhandlung poetologischer, ontologischer und epistemologischer
Fragestellungen: Themenschwerpunkte und Funktionspotentiale
fiktionaler Metabiographien 140
3.1 Dominante Ansatzpunkte metabiographischer Gattungskritik 140
3.2 Literatur- und kulturwissenschaftliche Funktionspotentiale
fiktionaler Metabiographien 160

IV. Modellinterpretationen ausgewählter englischsprachiger fiktionaler
Metabiographien 167

1. Zur metabiographischen Problematisierung biographischer Selektions- und
Schematisierungsstrategien 168
1.1 ‚Leben und Werk’: Zur ironischen Unterminierung der Schriftsteller-
Biographie in Steven Millhausers Edwin Mullhouse: The Life and
Death of an American Writer 1943-1954. By Jeffrey Cartwright 168
1.1.1 Zur metabiographischen Semantisierung biographischer
Darstellungsschemata: Leben und Werk des Schriftstellers
als typische Versatzstücke 171
1.1.2 ‚Biographische Gleichzeitigkeit': Aushandlung biographischer
Gattungskonventionen zwischen Biograph und biographierter Figur 180
1.1.3 Unzuverlässiges Erzählen als implizites Verfahren biographischer
Schematisierungsstrategien 183
1.2 Versatzstücke ‚weiblicher' Biographien in Alison Luries
The TruthAbout Lorin Jones 189
1.2.1 Polly-Lolly: Zur Bedeutung der Parallelen weiblicher Lebensläufe 193
1.2.2 Inszenierung geschlechtsspezifischer biographischer Selektions- und
Schematisierungsstrategien 198
1.2.3 Fazit: Metabiographisches Spiel mit einem
feministisch-revisionistischen Funktionspotential 206
1.3 Metabiographische Inszenierungen biographischer
Darstellungsmechanismen: Carol Shields, Kingsley Amis, William
Somerset Maugham, Jonathan Buckley, Penelope Lively 210

2. Von I, you und we: Fiktionale Metabiographien im Spannungsfeld
zwischen Identitätskonstruktion(en) und -dekonstruktion(en) 221
2.1 William Goldings The Paper Men: Von erzählerischer und
biographischer Autorität 221
2.1.1 Die Inszenierung von Autoritätsansprüchen auf der Handlungsebene 223
2.1.2 Erzählerische Autorität: Unterminierung traditioneller biographischer
Besitzansprüche auf der discourse-Ebene durch
unzuverlässiges Erzählen 228
2.1.3 Aushandlung biographischer Autorität zwischen Fakt und Fiktion:
Die verschiedenen Aspekte der Papiermetaphorik 232
2.1.4 Fazit: Die Autoritäten der papiernen Männer 239
2.2 Doppelgängerei und Identitätsauflösung in Barry Unsworths
Losing Nelson 242
2.2.1 Zur Relevanz des Heldenmythos als Identifizierungsmuster:
Die Beziehung Cleasby - Nelson als ,The Making of a Hero' 244
2.2.2 Das Doppelgängermotiv als Inszenierung biographischer
Identitätsverschmelzung 248
2.2.3 Bedrohung und Scheitern der Identitätskonstruktionen:
Inszenierung einer Identitätsauflösung 256
2.3 Metabiographische Inszenierungen von Identitätskonstruktion(en)
und Identitätsafekonstruktion(en): Bernard Malamud, Alan Wall,
John Updike, Alain De Botton, Vladimir Nabokov 261

3. "First find your facts." Metabiographische Selbstreflexivität als
Unterminierung biographischer Faktizität 274
3.1 Vom whodunit zum "who-wrote-it": Carol Shields' Swann als
metabiographischer Detektivroman 274
3.1.1 Die Besonderheiten der erzählerischen Vermittlung in Swann
als formale Inszenierung der Unterminierung von Fakten
und Authentizität 276
3.1.2 Swann: A Mystery? - Die Referenzfolie Detektivroman
als implizite Parodie der Biographie 289
3.1.3 Die Funktionalisierung metafiktionaler Elemente in Swann als
Unterminierung biographischer Faktizität 292
3.2 Eine Biographie des Biographen: Antonia S. Byatts
The Biographer 's Tale als Paradigma metabiographischer
Selbstreflexivität 297
3.2.1 Metabiographische mise en abyme: Zur Semantisierung von
Doppelungsstrukturen 298
3.2.2 Inszenierte Spannungsfelder: The Biographer's Tale zwischen
Biographie, postmoderner Literaturtheorie und märchenhaften
Darstellungselementen 305
3.2.3 Formen expliziter und impliziter metanarrativer und
metabiographischer Darstellungselemente 311
3.3 Metabiographische Selbstreflexivität zwischen Fakten und Fiktionen:
Isabel Colegate, Mordecai Richler, Peter Ackroyd, Julian Barnes,
Michael Ondaatje 318

V. Zur literatur- und kulturwissenschaftlichen Relevanz fiktionaler
Metabiographien: Resümee und Ausblick 333


VI. Literaturverzeichnis 343
1. Primärliteratur 343
2. Sekundärliteratur 344


© bei der Autorin und bei KULT_online