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Populäre Kalender aus kulturwissenschaftlicher Perspektive

Eine Rezension von Susann Trabert

Mix, York-Gothart; Greilich, Susanne (Hg.): Populäre Kalender im vorindustriellen Europa: Der >Hinkende Bote< / >Messager boiteux<. Frankfurt/M., New York: de Gruyter, 2006.

Das von Susanne Greilich und York-Gothardt Mix herausgegebene Handbuch Populärer Kalender im vorindustriellen Europa: Der ‚Hinkende Bote’/ ‚Messager boiteux’ ist hervorgegangen aus dem vierjährigen deutsch-französischen Forschungsprojekt der Volkswagen-Stiftung ‚Populäre Druckmedien im alten und frühmodernen Europa’. Der Band behandelt die Charakteristika sowie die Stellung des populärsten Almanachgenre ‚Hinkender Bote’ innerhalb der Presse- und Buchlandschaft der europäischen Frühmoderne aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive. Darüber hinaus beinhaltet er eine vollständige Bibliografie sämtlicher unter der Bezeichnung ‚Hinkender Bote’ bzw. ‚Messager boiteux’ firmierender Almanache einschließlich der Standortnachweise.  


In den acht Aufsätzen des Kompendiums werden verschiedene genrespezifische Facetten des unter der Bezeichnung ‚Hinkender Bote’ firmierenden Kalendertypes unter kulturwissenschaftlicher Perspektive von deutschen und französischen Forschern herausgearbeitet. Ein erster Beitrag der Mitherausgeberin und Kulturwissenschaftlerin Susanne Greilich untersucht generelle Strukturen, Spezifika und Entwicklungen der ‚Hinkenden Boten’. Dabei stehen im Zentrum ihrer Analyse Adressatenkreis, Informationsaufbereitung und -vermittlung, inhaltliche Gliederung, Inhalte und Struktur der Berichterstattung. Als Ergebnisse hält sie fest, dass diese Kalender sich an ein breites, wenig alphabetisiertes Publikum richteten, ein breites Spektrum an verschiedenen Textensorten beinhalteten, weniger starr in ihrer inhaltlichen Gliederung waren, indem sie sich durchaus empfänglich für gesellschaftliche, publizistische und literarische Strömungen zeigten und eine besondere Art der Informationsvermittlung, nämlich die integrierende Erzählerfigur, in Form des ‚Hinkenden Boten’, besaßen. In einem weiteren Beitrag arbeitet sie die intertextuellen Bezüge der Almanache heraus und zeigt dabei auf, dass die Kalender-Macher vorrangig schon veröffentlichte Texte aus Zeitungen, moralischen Wochenschriften, Märchen- und Sagensammlungen sowie Almanache kopierten und anpassten. Der Aufsatz von den Kulturhistorikern Rolf Reichardt und Christine Vogel widmet sich, unter Berücksichtigung der Kategorien Ikonität, Diversität und Thematik, der Bilderwelt der ‚Hinkenden Boten’. Dieser Beitrag präsentiert u.a. die Ergebnisse einer seriellen Auswertung von rund 4.000 Kalenderbildern aus einem Zeitraum von 1700 bis 1850. Mit populäreren Erzählerfiguren in Volkskalendern beschäftigen sich Hans-Jürgen Lüsebrink und York-Gothart Mix. Dabei analysieren sie die als literarische Fiktion präsenten Figuren des ‚Hinkenden Boten’ sowie die Inszenierung des Rollenspiels zwischen Kalender-Macher und Publikum. Der Beitrag von Lüsebrink untersucht Übersetzungen in populären Printmedien des 18. Jahrhunderts. Herausgearbeitet wird dabei die doppelte Übersetzungsstruktur im Bereich der populären Kultur. Sie manifestiert sich gleichermaßen in soziokulturellen und interkulturellen Übersetzungen. In seiner Arbeit weist er auf fünf verschiedene Übersetzungstypologien des Mediums Volksalmanach hin: 1. vollständige und teilweise Übersetzungen eines Almanachs in andere Sprachen, 2. selektive Teilübersetzungen aus anderen Almanachen, 3. fremdsprachige Texte, 4. Adaption von Gattungsstrukturen sowie 5. die Übersetzung und Adaption anderer schon veröffentlichter Texte. Jean-Yves Mollier analysiert dagegen Kalenderverleger aus einer buchwissenschaftlichen Perspektive. Er zeigt dabei auf, dass die kultursoziologische Herangehensweise mit dem Modell des literarischen Feldes von Pierre Bordieu weniger dazu geeignet ist, um die kulturhistorische Bedeutung und den Erfolg der Kalender erfassen zu können. Andere Autoren, wie Patricia Sorel, untersuchen die Verbreitung und Popularisierung von naturwissenschaftlichem und technologischem Wissen oder erforschen die Stereotypisierung nationaler Selbst- und Fremdbilder, wie z.B. Susanne Greilich und York-Gothart Mix.

Der Zusammenstellung der unterschiedlichen Beiträge gelingt es, die verschiedenen Charakteristika der Kalender wie spezifische inhaltliche Strukturen, das Text-Bild-Spektrum, den Texttransfer, intermediale Bezüge, medienökonomische Voraussetzungen, Wissensvermittlung und Wirklichkeitskonstruktion, Erzählstrategien, das Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit sowie Aspekte der Wissenspopularisierung und des Kulturtransfers aufzuzeigen. Damit geht der besprochene Band über ein einfaches Sammelwerk hinaus und erlangt Handbuch-Charakter - nicht zuletzt deshalb, weil der Band neben den inhaltlich sehr fundierten Aufsätzen, denen es gelungen ist, wichtige und neue Erkenntnisse zu dem Verbreitungsmedium ‚Hinkender Bote’ der Frühmoderne zu gewinnen, eine Sekundärbibliografie zum Thema anbietet, die sich in Überblicksdarstellungen, Kolportage und Populäre Almanache gliedert. Der besondere Wert des Buches ergibt sich aber aus dem anschließenden Repertorium. Es umfasst eine vollständige Bibliografie dieser Almanachtypen, deren Standortnachweise, Bildbeigaben, sowie ein Personen- und Sachregister. Damit bietet der Band ein in dieser Art einzigartiges und nützliches Instrumentarium für die weitere Erforschung der ‚Hinkenden Boten’ an. Als eher marginaler Kritikpunkt sei das Fehlen von Abstracts in der Einleitung anzuführen. Des Weiteren wäre eine stärkere Berücksichtigung auch anderer Kalendertypen sinnvoll gewesen, um in Abgrenzung von diesen, das Spezifische der ‚Hinkenden Boten’ benennen zu können. Für Forscher, die sich mit frühneuzeitlicher Medien- oder Kulturgeschichte befassen, ist der Band insgesamt als sehr empfehlenswert einzustufen.


Susanne Greilich und York-Gothart Mix (Hgg.): Populäre Kalender im vorindustriellen Europa: Der ‚Hinkende Bote'/ ‚Messager boiteux'. Kulturwissenschaftliche Analysen und bibliographisches Repertorium. Ein Handbuch. Berlin: Walter de Gruyter, 2006. 508 S., Hardcover, 148 Euro. ISBN: 3-11-018632-2


Inhaltsverzeichnis


Teil I: Forschungsbeiträge

Einleitung 1

Susanne Greilich
Der Hinkende Bote/Messager boiteux: Strukturen, Spezifika
und Entwicklungen eines populären Almanachtyps 9

Rolf Reichardt / Christine Vogel
Die Bildwelt der Hinkenden Boten 43

Jean-Yves Mollier
Zwischen Tradition und Modernität. Die Kalenderverleger
im 19. Jahrhundert 138

Susanne Greilich
Intertextuelle Bezüge der Hinkenden Boten/
Messagers boiteux zur Presse- und Buchlandschaft des
18. und 19. Jahrhunderts 157

Hans-Jürgen Lüsebrink / York-Gothart Mix
Vom ,Messager boiteux' zum ,Poor Richard':
Populäre Erzählerfiguren in Volkskalendern des 18. und
19. Jahrhunderts 178

Patricia Sorel
Die Verbreitung und Popularisierung naturwissenschaftlichen
und technologischen Wissens durch die Messager
boiteux in der Zeit von 1789 bis 1848 202

Susanne Greilich / York-Gothart Mix
Die Stereotypisierung nationaler Selbst- und Fremdbilder
in populären Almanachen und Kalendern 228

Hans-Jürgen Lüsebrink
Übersetzungen in populären Printmedien des 18. Jahrhunderts -
am Beispiel von Einblattdrucken und von
Volksalmanachen des Gattungstyps Messager boiteux 262

Nina Birkner / Carolina Kapraun
Sekundärliteratur zum Thema 278

Geographisches Register 289


Teil II: Repertoire der Hinkenden Boten/Messagers boiteux 295

Personen- und Sachregister 485

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